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Tod und Spiele


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 12/2022

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Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani war Staatsoberhaupt von 1995 bis 2013. Er gründete den Sender Al Jazeera, führte das Frauenwahlrecht ein, finanzierte sechs Universitäten nach US-Vorbild und holte die Fußball-WM. Foto von 1987

Dass sich ausgerechnet ein winziger Wüstenstaat, in dem es den Bürgern selbst zum Spazierengehen zu heiß ist und alles Körperliche an Gastarbeiter ausgelagert wird, die Fußball-WM unter den Nagel gerissen hat, lässt nicht nur Fans empört aufschreien.

Unser Volkssport Nummer Eins bei den reichen Scheichs, die sich ganze Mannschaften wie Erdnüsse kaufen – und gleich noch das passende Klima dazu? Denn obgleich die WM extra in den Winter verlegt wurde, sollen die acht neugebauten Stadien trotzdem ordentlich heruntergekühlt werden. Stadien wohlgemerkt, bei deren Bau laut Menschenrechtsorganisationen Tausende von Arbeitern ihr Leben ließen. Und nicht, dass es ...

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... bei der Vergabe anderer WMs immer koscher zugegangen wäre – doch die Kataris scheinen im Vorfeld großzügig Villen und Yachten in der Fifa verteilt zu haben.

Dazu werden eingereiste Fans wohl kaum auf echte Einheimische treffen: 90 Prozent der 2,8 Millionen Menschen in Katar sind Gastarbeiter und Expats, also Auswärtige. Die wenigen Staatsbürger wiederum bleiben trotz ihrer SUVs und Privatjets im Herzen ein Beduinenvolk und interessieren sich privat eher für Falkenjagd und Kamelrennen.

Die Empörung mag auch daran liegen, dass wir Westler die kleine Halbinsel kaum kennen, die sich vorwitzig vom 185-mal so großen Saudi-Arabien in den Persischen Golf abseilt. Dabei ist Katar kein Mitglied der Arabischen Emirate wie Abu Dhabi oder Dubai, sondern ein eigenständiger Staat mit ganz eigenen Zielen. Schon mit 22 Jahren saß Tamim bin Hamad Al Thani, lange bevor er seinem Vater als Emir folgte, im Olympischen Komitee. Er brachte nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft ins Land, sondern bereits 2015 die Handball-WM und ein Jahr darauf die Rad-WM. Seine Begeisterung ist nicht nur ein persönlicher Spleen – obwohl er als Teenager davon geträumt hat ein Tennis-Star zu werden und ihm die Eltern Boris Becker als Trainer einflogen.

Katar zieht seit Langem seine Profite aus einem Schatz am Meeresgrund

Katars Sportoffensive gehört zu einem staatlichen Entwicklungsplan, der für eine Zeit vorsorgen will, wenn die Quelle des Wohlstands einmal versiegt. Diese liegt tief unter dem Meeresgrund: Es ist das größte Erdgasfeld des Pla-neten, das Katar und Iran seit 2003 gemeinsam ausbeuten. Mit seiner »National-Vision 2030« setzt der Wüstenstaat für die Zukunft auf Bildung, Kultur, Hightech – und Sport.

Die Fallhöhe ist gewaltig: Katar ist eines der reichsten Länder der Welt. Die Hauptstadt Doha, in deren Ballungsraum die meisten Kataris leben, bietet eine Science-Fiction-Kulisse mit fantasievoll designten Glastürmen und großzügig mäandernden Schnellstraßen. Längst weht auch draußen oft ein frisches Lüftchen aus massiven Klimaanlagen. Der gesamte Wasserverbrauch wird durch Entsalzungsanlagen an der Küste gestemmt. All das macht Katar zum Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Energieverbrauch weltweit.

Nur die hölzernen Dhaus, die im Wasser vor der stahlblauen Skyline schaukeln, erinnern die Kataris an ihre bescheidenen Anfänge – und auch daran, wie sich das Land schon einmal beinahe in Wüstensand aufgelöst hätte.

Denn mehr als Sand war hier lange nicht. Zwar belegen Ausgrabungen, dass die Halbinsel bereits in der Altsteinzeit besiedelt war, doch das Klima wurde zunehmend trockener, und bis zum 18. Jahrhundert blieb die Landzunge weitgehend verlassen. Dazu galten die Gewässer vor der kargen Küste als Piraten-Hort.

Die Menschen, die sich schließlich niederließen, waren bitterarm, zogen im Winter mit ihren Kamelen umher und fischten im Sommer von Holzbooten aus nach Austernperlen. Ei-ne Tradition, die tatsächlich sehr sportlich ist, denn die Fischer tauchten dafür mehrere Meter tief. Es sei denn, sie ließen tauchen; der Sklavenhandel wurde in Katar nämlich erst 1952 abgeschafft. Noch bis ins 20. Jahrhundert lebte die Hälfte der Bevölkerung von den Perlen, da befanden sich die saudischen Nachbarn bereits im Öl-Rausch.

Zwei Klans streiten um die Macht und schlagen Piraten zurück

Als Japan um die 1930er-Jahre begann, im großen Stil künstlich Perlen zu züchten und der Markt zusammenbrach, stand ein Großteil der Bevölkerung vor dem Nichts. Doch dann wurden auch in Katar Ölquellen gefunden, und binnen weniger Jahrzehnte stiegen die Beduinen von Kamelen auf klimatisierte Cadillacs um.

Gut ein Viertel der Kataris stammt von einem Klan ab, den Al Thani. Ihre Vorfahren wanderten aus dem heutigen Saudi-Arabien ein – gefolgt von einem zweiten Klan, der Al-Khalifa-Familie, die aus dem heutigen Kuwait stammt. Über Jahrzehnte bekriegten sich die Klans, mussten gleichzeitig noch Piraten und Perser abwehren, bis sich die Al Khalifa größtenteils im heutigen Bahrain niederließen, während es den Al Thani gelang, ihre Macht an der Ostküste auszubauen. Dabei mischten sich die Briten ein, um sich den Handel auf dem Seeweg zu sichern. Sie erzwangen Frieden zwischen den Klans und trennten Bahrain und Katar.

Die Grundlagen der Nation legte Scheich Jassim um 1878. Er vereinte die Beduinen-Stämme auf katarischem Territorium, und bis heute gilt der Tag seiner Machtübernahme als Nationalfeiertag. Allerdings hätte er das Land ohne erneutes Eingreifen der Briten wohl an die Osmanen verloren. 1916 wurde Katar mit dem Abzug der Türken schließlich zu einem der neun »Vereinten Emirate« unter britischer Kontrolle.

Die Entdeckung der Bodenschätze sicherte die Vorherrschaft der Al Thani, sie verteilten ihre Einnahmen großzügig an die Bevölkerung und beteiligten potenzielle Rivalen. Innerhalb des Klans kam es allerdings immer wieder zu Machtkämpfen. Scheich Ahmad war es schließlich, der 1971 mit der Entkolonialisierung die Unabhängigkeit ausrufen konnte. Dabei schlug er das Angebot aus, sich den Vereinten Emiraten anzuschließen. Fortan ließen sich die Herrscher »Emir« nennen. Mit dem Titel »Scheich« legten sie das traditionelle Stammessystem ab und orientierten sich an einer monarchi-schen Herrschaft nach westlichem Vorbild. 1971 war auch das Jahr, als Katar auf Erdgas stieß. Trotz allem galt Doha bis in die 1990er als langweiligster Ort im Nahen Osten.

Machtbewusst

Tamim bin Hamad Al Thani regiert seit 2013 als vierter Emir von Katar. Er liebt Fußball, hat den Club Paris Saint–Germain (PSG) gekauft und Milliarden in deutsche Firmen investiert. Um einem Putsch vorzubeugen, hat er die Verwandten mit hohen Posten bedacht

»Das einzige Wasser in der Stadt stammt aus einem Brackwasserbrunnen«

Britische Mitteilung von 1915 über das osmanisch besetzte Doha

Das änderte sich mit Kronprinz Hamad, dem Vater des heutigen Emirs. An der britischen Kaderschmiede Sandhurst ausgebildet, bekämpfte er an amerikanischer Seite die irakischen Truppen, als Saddam Hussein 1990 Kuwait überfiel. Mit viel Sympathie aus dem Volk gelang es Hamad fünf Jahre später, seinen eigenen Vater zu stürzen.

Um weltpolitisches Gewicht zu erlangen, orientiert sich Katar früh an den USA

Seine Vision für Katar war höchst ambitioniert: Der winzige Staat sollte weltpolitisch an Bedeutung gewinnen. Anstatt sich wie die anderen kleinen Golf-Monarchien nach Saudi-Arabien zu orientieren, peilte der Emir die USA und Europa an. Er wollte mit allen Mitteln raus aus dem gigantischen Schatten des Nachbarlands.

Der Emir ging ein großes Risiko ein, als er 1999 mit Hilfe von Exxon Mobil 20 Milliarden Dollar in eine riesige Verflüssigungsanlage an der Nordküste Katars investierte. Es zahlte sich aus. Drei Jahre später war Katar in der Lage, Erdgas zu verschiffen. Das kleine Land deckt bis heute ein Drittel des weltweiten Bedarfs.

Mit dem Öl hatten die Al Thanis Salzwiesen und Sandwüsten hinter sich gelassen, mit dem Gas betraten sie internationales Parkett. Der Emir arbeitete am Bild seiner Nation wie ein PR-Manager.

Sein erster Coup war die Gründung des Nachrichtenkanals Al Jazeera. Während staatliche Sender im Nahen Osten sonst eher als Hofberichterstatter fungieren, deckten Al Jazeeras Reporter in aller Welt Skandale auf und überzeugten mit gutem Journalismus. Einzig die Herrscherfamilien der Golfregion wurden ausgespart – und natürlich die eigene Regierung. Die Freiheit der Redaktion ging so weit, dass sie zeitweise sogar Al-Qaida als Sprachrohr diente. Dazu muss man sagen, dass Katar das einzige arabische Land ist, das selbst keine Extremisten hervorgebracht hat.

Als 2011 der Arabische Frühling ausbrach, gab man den lokalen Revolutionären eine Plattform, was dabei half, dass sich der Volksaufstand so schnell verbreitete. Nur die Kataris protestierten nicht – wozu auch? Ihre Regierung verwöhnt sie mit lockeren Jobs, Steuerfreiheit und dicken Renten.

Ähnlich ambivalent stellte sich das Emirat diplomatisch auf. Man zeigte sich offen für Gespräche sowohl mit Israel als auch deren Erzfeind, dem Iran; war während des Irak-Kriegs Kommandozentrale der US-Luftwaffe und pflegte gleichzeitig enge Kontakte zu islamistischen Organisationen. Die Israelis bezeichneten Doha deshalb gern als »Club Med für Terroristen«. Mit seiner Strategie, sich aller Welt als Mittler in heiklen Fragen anzubieten, galt der Emir bald als der arabische Henry Kissinger.

Dabei half es, dass die Kataris zwar – wie die Saudis – dem strengen Wahhabismus angehören, sich aber an der Oberfläche wesentlich liberaler geben. Frauen dürfen hier schon lange Autofahren, es gibt Kinos, Bars und sogar weibliche Jockeys. Neu war auch, dass der Emir sich mit einer seiner Frauen in der Öffentlichkeit zeigte. Mit ihren Auftritten in züchtiger Haute Couture schockierte Zweitfrau Moza bint Nasser al-Missned die Konservativen. Sie gilt bis heute als eine der mächtigsten Frauen am Golf.

Statt sich wie die Herrscher der Nachbarländer an den Thron zu klammern, hat Hamad 2013 freiwillig seinem viertältesten Sohn Tamim die Geschicke des Landes übergeben. Mit Altlasten allerdings. Schon seit einiger Zeit rumorte es im Al-Thani-Klan; über die rasante Modernisierung des Staates waren nicht alle glücklich. So verwundert es nicht, dass sich Emir Tamim traditionsbewusster gibt als sein Vater.

Seine Feuertaufe ließ nicht lange auf sich warten. 2017 brachen Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain sowie die Vereinigten Emirate ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar ab – und schlossen See- und Luftraum sowie die einzige Landgrenze, einen 60 Kilometer langen Wüstenstreifen. Kamele, die auf saudischem Land grasten, wurden über die Grenze getrieben und trampelten sich dabei beinahe zu Tode.

Begründet wurde der Boykott mit Katars Unterstützung islamistischer Organisationen sowie der Berichterstattung von Al Jazeera. Für den jungen Emir dagegen war klar, dass die Nachbarn einfach nur neidisch sind.

Gegen neidische Nachbarländer wehrt sich Katar mit Kühen aus Holstein

Statt einzuknicken, schufen seine Minister neue Handelswege – und machten den Winz-Staat noch autarker. Bestes Beispiel sind die Holstein-Rinder, die Katar in Windeseile einfliegen ließ. Heute steht mitten in der Wüste einer der modernsten Milchbetriebe der Welt. Statt Joghurts importieren zu müssen, kann das Land jetzt sogar mit Milchprodukten handeln.

In feuchtem Sprühregen futternd, haben es Katars Kühe weitaus besser als die Gastarbeiter, die auf den unzähligen Baustellen des Landes schuften. Menschenrechtler prangern an, dass es sich um moderne Sklaverei handelt. Die Arbeiter stünden bei ihren katarischen Bürgen in hoher Schuld für Vermittlungsgebühren, die sie kaum zurückzahlen können, weil Löhne spät oder nie gezahlt werden.

Fußball hin oder her. Um weitere Boykotte muss sich Katar nicht sorgen, noch sitzt der Mini-Staat auf genug Erdgas, und das ist knapp im Westen, seit der Ukraine-Krieg eine globale Energiekrise ausgelöst hat. Die Perlentaucher von einst haben es geschafft: Politiker und Wirtschaftsbosse stehen bettelnd Schlange vor dem Emir. Der kleine Zipfel Wüste liegt nun im Zentrum der Welt.

LESETIPP

Mathias Brüggmann: »1001 Macht. Fußball, Flüssiggas, Finanzimperium. Der märchenhafte Aufstieg des Emirats Katar vom Wüstenstaat zum Global Player«. Dietz 2022, € 22,–

Nahost-Journalistin

Agnes Fazekas arbeitet seit acht Jahren als Reporterin von Tel Aviv aus und hat für ihre Bücher und Reportagen mehrere Länder im Nahen Osten bereist. Sie schreibt für Die Zeit, Mare, Süddeutsche Zeitung und regelmäßig auch für G/GESCHICHTE