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Tödliche Gier


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 41/2018 vom 05.10.2018

Artenschutz China hat den Handel mit Elfenbein verboten – gut für die Elefanten. Aber schon suchen Schmuggler und Schieber neue Wege, das weiße Gold zu verkaufen. Gelingt ihnen das, wird die Wilderei ungebremst weitergehen.


Seit 55 Jahren schnitzt Herr Li pausbäckige Mönche aus Elfenbein, er schält Drachen mit schuppigem Körper aus dem Material, schneeweiße Perlen und Briefbeschwerer mit feinsten Ornamenten. Der Chinese ist ein Meister der Elfenbeinschnitzerei. Doch seit Anfang des Jahres ist in seiner Welt nichts mehr, wie es einmal war.

»Wir müssen uns jetzt mit Ersatzmaterial begnügen«, sagt Li Zhang ...

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... erbost. Er öffnet einen Schrank in seiner kleinen Werkstatt in Pekings Bezirk Haidian. Mehrere Stoßzahnstücke liegen dort. Vom Elefanten stammen sie nicht.

»Mammutelfenbein«, sagt Li abschätzig und nimmt eines der Stücke in die Hand. Damit müsse er nun vorliebnehmen, obschon das Material oft Risse habe und es schwierig sei, größere Objekte daraus zu fertigen. »Wenn das Elfenbeinverbot fortbesteht, wird nicht der Elefant aussterben, wohl aber die Tradition der Elfenbeinschnitzerei «, so sieht es der 70-Jährige.

Li ist Verlierer einer Entscheidung der chinesischen Regierung, den Handel mit Elefantenelfenbein zu verbieten. Auch Hongkong und Taiwan haben beschlossen, ihre Elfenbeinmärkte bald zu schließen. Artenschützer sind erstmals vorsichtig optimistisch, dass sich das Elefantensterben in Afrika stoppen lässt.

»China ist seit Jahrzehnten das Zentrum des Elfenbeinhandels«, sagt Tom Milliken von der Artenschutzorganisation Traffic, die den Wildtierhandel weltweit bekämpft. »Die Schließung des Marktes war überfällig. Sie macht Elfenbein weniger verfügbar und drängt die Händler in die Illegalität.«

Das Schwinden der Afrikanischen Elefanten bedrückt Artenschützer seit Jahren; bei einer großen Wildereikonferenz diese Woche in London wird es auch darum gehen. Rund eine halbe Million der Dickhäuter sollen noch in 37 Ländern südlich der Sahara leben. Das klingt nach viel, doch ihr Niedergang schreitet rasant voran. Allein zwischen 2006 und 2015 soll die Popula tion um 111000 Tiere geschrumpft sein. Jeden Tag werden laut Traffic etwa 50 Elefanten in Afrika getötet, um ihnen die Stoßzähne aus den Kiefern zu brechen. Ein Hauptgrund ist die weiterhin starke Nachfrage nach Elfenbein in Asien, vor allem in China.

Das Land ist berüchtigt für seinen gedankenlosen Umgang mit Wildtieren, allein schon in der traditionellen chinesischen Medizin. Obwohl illegal und wirkungslos, gelten in dieser Lehre die absonderlichsten Tinkturen als Arznei: Nashornpulver gegen Rheuma und Fieber oder stärkender Tigerwein, ein Schnaps, in dem Fragmente von Tigerknochen flottieren.

Bis heute legal sind in China Medikamente aus den Schuppen von Schuppentieren, die routinemäßig verschrieben werden und angeblich den Milchfluss bei Stillenden anregen. Dabei sind sämtliche der acht Schuppentierarten bedroht. Schätzungen zufolge haben Wilderer im vergangenen Jahrzehnt mehr als eine Million dieser Geschöpfe in Asien und Afrika getötet.

Eine ähnliche Krise durchlebt der Elefant. Elfenbein galt früher in China als Symbol des Adels und ist bis heute beliebt als Statussymbol und Glücksbringer. Die schnell wachsende Kaufkraft der chinesischen Mittelschicht und deren Lust auf Luxus haben den Markt in den vergangenen Jahren zusätzlich belebt.

Ebenso überrascht wie beglückt waren Artenschützer deshalb, als die chinesische Regierung 2016 das Verbot des Elfenbeinhandels ankündigte. Chinas Präsident Xi Jinping hatte sich mit dem damaligen USPräsidenten Barack Obama geeinigt, die jeweiligen Elfenbeinmärkte zu schließen.

Seither sind mindestens 172 große Werkstätten und Verkaufsstellen für Elfenbeinschnitzereien dichtgemacht worden. Der Elfenbeinpreis brach zwischen 2014 und 2017 um fast zwei Drittel ein. Wer in China heute mit Elfenbein im Wert von über 200000 Yuan (etwa 25000 Euro) erwischt wird, muss mit einer Gefängnisstrafe von mehr als zehn Jahren rechnen.

»Die chinesische Regierung nimmt das Verbot sehr ernst«, sagt Erika Qu vom International Fund for Animal Welfare (IFAW). Die Organisation hilft bei der Ausbildung von Polizisten, die den Elfenbeinhandel bekämpfen sollen. Außerdem konnten die Artenschützer chinesische Promis für die Sache der Elefanten gewinnen.

Afrikanischer Elefant: Jeden Tag werden 50 Dickhäuter getötet, um ihnen die Stoßzähne aus den Kiefern zu brechen


AMI VITALE

Elfenbeinschnitzer Li, Preziosen auf dem Panjiayuan-Markt: »Kaufen = töten«


FOTOS: HILIP BETHGE / DER SPIEGEL

In Videos und auf Plakaten verdammen die Musiker und Schauspieler das Elfenbeingeschäft. »Kaufen = töten« heißt die simple Formel, die in Pekings U-Bahn großflächig plakatiert ist.

Allerdings verbrauche China immer noch mehr Elfenbein als jedes andere Land der Welt, klagt Milliken. Einer aktuellen Umfrage im Auftrag von Traffic und dem World Wildlife Fund zufolge sind 14 Prozent der Chinesen »unverbesserliche Käufer«, die nicht vom Elfenbein lassen mögen.

Gelingt es selbst der autoritären Staatsmacht nicht, den Chinesen die Gier nach dem weißen Gold auszutreiben? Ein Besuch auf Pekings Panjiayuan-Markt soll Antworten liefern.

Der Markt im Herzen der 22-Millionen-Stadt bietet alles, was den Chinesen lieb und teuer ist. An den Ständen türmen sich Schmucksteine und Armbänder aus Bernstein, Jade und Opal. Schnitzereien aus den Schädeln von Hirschen sind zu finden, Amulette aus Bärenknochen und die Hörner streng geschützter Saiga- und Tibet-Antilopen.

Ganz offen bietet ein Händler sogar die aneinandergereihten Schwanzwirbel einer »großen Katze« an, wie er sagt, zum Preis von etwa 300 Euro. »Das ist Tiger«, flüstert der Wildtierexperte Wu Han*, der über den Markt führt. Der strenge Raubtiergeruch der Gebeine verschlägt den Atem.

Dazu überall: Elfenbein. Zahllose Schmuckläden säumen den Markt, die Auslagen überbordend voll mit prachtvollen Schnitzereien, weiß schimmernden Armbändern, Ohrringen, Ketten. Ganze Stoßzähne werden angeboten, kunstvoll verziert und mehrere Zehntausend Euro teuer. Korkenzieherartig winden sie sich empor, überzogen mit einer dunklen Rinde.

Beides zeigt: Vom Elefanten stammen die Stoßzähne nicht. Wie schon die Kunstgegenstände des Schnitzers Li bestehen die Preziosen auf dem Panjiayuan-Markt aus Mammutelfenbein. So erzählen es zumindest die Händler. Eine ganze Branche ist scheinbar auf das Material aus dem Permafrost Sibiriens umgestiegen. Wer nach Elfenbein vom Elefanten fragt, wird abschlägig beschieden.

Funktioniert das chinesische Elfenbeinverbot also doch? Wildtierexperte Wu versucht es noch einmal; er spricht am Rand des Marktes eine Frau an. In einer Motorrikscha geht es dann einige Kilometer weiter zu einem Einkaufszentrum. In einem prachtvoll eingerichteten Schmuckgeschäft gibt es zunächst dieselbe Auskunft: Der Handel mit Elefantenelfenbein sei illegal. Man lande dafür im Gefängnis.

Doch viel Überredungskunst braucht es nicht. Es reicht aus, eine Vorliebe für »echtes Elfenbein« zu bekräftigen. Schon greift die Verkäuferin unter die Ladentheke. Zum Vorschein kommen Teile eines Stoßzahns und ein großer Elfenbeinanhänger. An Details der Maserung im Material sind die Preziosen eindeutig als Elefantenzahn zu erkennen. Etwa 375 Euro soll der Anhänger kosten.

Für Wu ist das Angebot keine Überraschung. Schon auf dem Panjiayuan-Markt hatte er einige der Schmuckperlen als Elefantenelfenbein erkannt.

Der Anreiz für die Händler sei derzeit hoch, Elfenbein vom Elefanten als jenes vom Mammut auszugeben, berichtet Wu. Für Elefantenelfenbein zahle man derzeit weniger. Deshalb seien auch bemalte Schnitzereien häufig aus Elefantenzahn. »Die Händler färben das Elfenbein, um die Herkunft zu vertuschen«, sagt der Experte.

Wu erklärt den Weg der Schmuggelware: Über Hongkong und die Provinzen Guangdong und Fujian im Süden Chinas gelange das Elfenbein ins Land. Die Kontrollen seien schwach, die Regierung habe nicht genug Vollzugsbeamte. Zudem hätten die Schmuggler beste Kontakte in die Herkunftsländer. »Auch in Afrika ist das Elfenbeingeschäft inzwischen fest in chinesischer Hand«, sagt Wu.

Tom Milliken bestätigt den fatalen Trend. Chinesische Kartelle kauften das Elfenbein vor Ort auf. Auch ein Teil der chinesischen Schnitzindustrie sei nach Afrika übergesiedelt.

»Die profitabelsten Elfenbeinprodukte wie Essstäbchen, Armreife oder Siegelstempel werden inzwischen direkt in Afrika hergestellt «, sagt Milliken, der in Simbabwes Hauptstadt Harare lebt. Der Vorteil für die Händler: Schnitzereien sind viel leichter zu schmuggeln als ganze Stoßzähne.

*auf Verkaufsplattformen; Quellen: ETIS, IFAW, IUCN

In eigens dafür angefertigter Kleidung könnten leicht 20 bis 30 Kilogramm Elfenbein transportiert werden, sagt Milliken. »Auf bestimmten Flugrouten ist das ein Kinderspiel.«

Sobald das Elfenbein in Asien ist, haben die Schmuggler leichtes Spiel. Die Artenschützer beobachten mit Sorge, wie sich der Elfenbeinmarkt an die Grenzen Chinas verlagert. Milliken berichtet von »Sonderwirtschaftszonen « und »Kasinos« in manchen Grenzstädten von Vietnam, Laos oder Myanmar, auch sie weitgehend in chinesischer Hand.

»Der Mobilfunk, der Strom, das Geld, alles ist dort chinesisch«, berichtet der Artenschützer. Den Elfenbeinhandel betrachte man dort als »Teil des Geschäfts mit Luxusartikeln«. Die Kunden kämen vor allem aus China, die Behörden seien machtlos.

Auch über das Internet wird Elfenbein immer noch angeboten. Zwar sei es den chinesischen Behörden gelungen, den Verkauf der Schmuggelware über E-Commerce-Portale wie jenes des Internetgiganten Alibaba einzuschränken, berichtet der IFAW. An Bedeutung gewinnen jedoch Chatdienste wie das in China weitverbreitete WeChat, das vergleichbar ist mit WhatsApp.

Die Schmuggler verabreden sich dort mit einzelnen Kunden, übergeben die Ware anschließend an kurzfristig vereinbarten Treffpunkten. WeChat-Betreiber Tencent teilt seine Daten zwar mit den Behörden. Mehr als hundert WeChat-Konten würden jeden Monat wegen Verstößen gegen chinesische Wildtierschutzgesetze gelöscht, berichtet Patrick Phang vom IFAW.

»Aber fast genauso schnell entstehen neue WeChat-Accounts«, sagt der Artenschützer. Auch sie würden häufig aus den Grenzregionen Chinas heraus betrieben.

Ist das Handelsverbot für das weiße Gold also nur Propaganda der chinesischen Regierung?

Zum Teil schon, glaubt Milliken. »Präsident Xi war es sicher leid, als Totengräber der Elefanten zu gelten.« Gleichzeitig hält der Artenschützer den Bann jedoch für einen ernsthaften Versuch Chinas, das Sterben der Elefanten endlich zu stoppen.

Milliken fordert, dass chinesische Strafverfolger das Problem direkt in Afrika anpacken. Denn der Einfluss Chinas auf dem Kontinent wächst stetig. Gerade hat Präsident Xi neue Investitionen von 60 Milliarden Dollar angekündigt. »Afrika will die Entwicklung, die Straßen, die Infrastruktur von den Chinesen«, erläutert Milliken, »aber es sollte auch verlangen, dass China seine eigenen Landsleute unter Kontrolle bringt.«

Milliken warnt die Afrikaner vor dem Ausverkauf ihrer natürlichen Ressourcen, einhergehend mit der Zerstörung des Naturerbes. »Afrika beherbergt einen Schatz, der auf der Welt einzigartig ist und den es nicht leichtfertig verspielen sollte: die Existenz großer Herden von Wildtieren wie Elefanten in freier Natur«, sagt er.

Mit Sorge beobachtet der Artenschützer, wie die Wilderer in eines der letzten großen Wildnisgebiete des Kontinents vorrücken. Die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area, ein grenzübergreifendes Schutzgebiet von Angola, Sambia, Simbabwe, Botswana und Namibia, beherbergt auf gut 520000 Quadratkilometern die größte Elefantenpopulation der Erde.

»Kriminelle Syndikate aus China finden in Afrika fruchtbaren Boden für ihre Operationen «, sagt Milliken, »das muss ein Ende haben.« Selbst die sinkenden Preise für Elfenbein ließen den Verbrechern noch eine ausreichende Gewinnmarge: »Der Preis, den die Wilderer erzielen, hat sich ohnehin seit 20 Jahren kaum verändert.«

Vor allem aber, fordern Artenschützer, müsse die Nachfrage nach Elfenbein weiter gebrochen werden. »Selbst wenn nur ein Prozent der Chinesen Elfenbein kauft, bedeutet das einen Markt von 14 Millionen Menschen«, warnt Erika Qu vom IFAW. Für Qu liegt der Schlüssel zur Elefantenrettung deshalb vor allem in der Aufklärung der Verbraucher.

Denn nicht Böswilligkeit oder gedankenloses Handeln verleitet die Chinesen zum Elfenbeinkauf. Häufig ist es einfach eine fatale Melange aus steigendem Einkommen, Traditionsbewusstsein und Unwissenheit.

Auf einem der IFAW-Plakate trotten ein Elefantenjunges und seine Mutter friedlich in den Sonnenuntergang. »Mama, ich bekomme Zähne!«, sagt das aufgekratzte Tierkind im Text. Die Mutter schweigt.

»Mama, freust du dich gar nicht, dass ich jetzt Zähne habe?« »…«

Zähnekriegen bei Elefanten, so die Botschaft, bringt den Tod. Das erscheint trivial. Doch in China ist es ein wichtiger Hinweis.

»Viele Leute hier denken immer noch, dass die Entnahme der Stoßzähne bei Elefanten kaum schlimmer ist als Zähneziehen «, sagt Qu. »Dass die Tiere dafür sterben, ist den meisten überhaupt nicht klar.«

Mail: philip.bethge@spiegel.de,
Twitter:@philipbethge

Video
Stoßzähne unter dem Ladentisch
spiegel.de/sp412018elfenbein oder in der App DER SPIEGEL


* Name geändert.