Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Tödliche Unfälle im Rennsport: Risiko: Tempo


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 18.09.2019

Pferde sterben auf den Rennbahnen. Auch in Deutschland. Was dahintersteckt und wie man dem entgegenwirkt. Ein Traditionssport im Fokus.


Artikelbild für den Artikel "Tödliche Unfälle im Rennsport: Risiko: Tempo" aus der Ausgabe 10/2019 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: DPA

Mannheim, Köln, Hamburg. Diese Renn-Standorte haben eine traurige Gemeinsamkeit. Allein in diesem Jahr starben bei dortigen Galopprenn-Veranstaltungen acht Pferde durch schwere Unfälle. Schockierend die Zahl, die aus dem US-amerikanischen Santa Anita gemeldet wird. Hier kamen seit Dezember 2018 bis jetzt 26 Pferde ums Leben. Tierschutz-Aktivisten protestieren gegen den Rennsport und bekommen durch diese Zahlen bestätigt, dass etwas nicht stimmt. Doch ist es ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reiter Revue International. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von AUFSITZEN: Was ist altersgemäß?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUFSITZEN: Was ist altersgemäß?
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Service-Tiere dürfen mit: Pony an Bord. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Service-Tiere dürfen mit: Pony an Bord
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Deutschlands beste Reitve reine!: Reit- und Fahrverein Karben e.V.: Ein Stück Heimat. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschlands beste Reitve reine!: Reit- und Fahrverein Karben e.V.: Ein Stück Heimat
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Reitpferde vor der Kutsche: Entspannt angespannt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Reitpferde vor der Kutsche: Entspannt angespannt
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Pylonen-Training mit dem „Haus vom Nikolaus“: Häuslebauer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pylonen-Training mit dem „Haus vom Nikolaus“: Häuslebauer
Vorheriger Artikel
Deutschlands beste Reitve reine!: Reit- und Fahrverein Karben e.V…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Reitpferde vor der Kutsche: Entspannt angespannt
aus dieser Ausgabe

... fair, einen kompletten Sport zu verteufeln? Ein kritischer Blick auf eine Disziplin, die sich, wie auch andere im Reitsport, die Frage gefallen lassen muss, wie pferdefreundlich sie wirklich ist.

Pferderennen sind ein lukratives Geschäft. 2018 fanden allein in Deutschland an 154 Renntagen insgesamt rund 1.200 Rennen statt, was dem Sport, der eine lange Tradition in der Pferdewette hat, einen Wettumsatz von knapp 25,5 Millionen Euro bescherte. Doch die Zeiten, in denen sich die Zuschauer nur vom Geschwindigkeitsrausch der jungen, energiegeladenen Vollblüter mitreißen ließen und über das hässliche Gesicht schwerer Unfälle hinwegsahen, sind vorbei. Genau wie sich der Vielseitigkeitssport dieser Diskussion stellen muss, steht auch der Rennsport vor der Herausforderung, einen Weg zu finden, der den Sport für die Pferde sicherer macht.

„Natürlich können wir im Sport generell Verletzungen nicht ganz ausschließen“, sagt Jan Anthony Vogel, Geschäftsführer des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen, klar. „Was im Rennsport allerdings ein Problem ist, sind die schweren Verletzungen, die aufgrund der hohen Geschwindigkeit während des Rennens zu dramatischen Stürzen führen.“ Dahinter stecken dann teils massive Sehnenschäden oder Frakturen. „Und genau da sind wir in der Pflicht zu schauen, welche Hintergründe diese Verletzungen haben und wie wir Risiken soweit wie möglich minimieren können“, macht Vogel deutlich.

Dr. Thomas Weinberger ist Rennbahntierarzt und Inhaber der Pferdeklinik Burg Müggenhausen. Er befasst sich schon lange mit der Ursachenforschung. „Unfälle gibt es in jeder Sportart, unabhängig davon, ob es Leistungssport oder Freizeitsport ist“, gibt er zu bedenken. „Ich operiere zum Beispiel deutlich mehr Verletzungen von Freizeitpferden als von Hochleistungspferden.“ Dass mehr Bundesliga-Fußballer von Verletzungen betroffen sind, als Kreisklasse-Spieler können die vollen Wartezimmer der Hausarztpraxen widerlegen. Gleiches gilt für den Reitsport. Allein die Verletzungsrate durch Herdengerangel auf der Weide oder im Offenstall ist im Vergleich zu Rennbahnverletzungen erheblich höher. Zurückzuführen natürlich auch darauf, dass es deutlich mehr Freizeitpferde als Rennpferde gibt.

Nichtsdestotrotz bleibt auch in diesen Fällen nur die Option, Ursachen herauszufiltern und so gut wie möglich abzustellen. „Generell wird weltweit immer mehr in allen Sportarten bezüglich Verletzungsrisiken geforscht“, beschreibt Weinberger. „Eine Patentlösung gibt es allerdings nicht, sonst gäbe es keine verletzten Fußballer mehr.“ Doch man bleibt dran. Auch im Rennsport.

Alle zwei Jahre findet ein Weltkongress statt, der sich ausschließlich mit den Verletzungen im Training und auf der Rennbahn befasst. „Da treffen sich alle führenden Nationen im Rennsport und diskutieren: Was haben wir für Probleme und wie können wir sie in Zukunft vermeiden?“, sagt Weinberger. „Bei einem Leistungssportler, der dieses hohe Tempo geht, kommt es beispielsweise schneller zu einem Beinbruch, dafür gibt es in der Dressur schneller Probleme mit dem Fesselträger. Springpferde bekommen häufiger Probleme mit dem Hufgelenk und der Hufrolle.“ All das bringt eine lange Zeit des Ausfalls mit sich. Ein gebrochenes Bein führt aber heutzutage nicht automatisch zur Euthanasie. „Die Therapiemöglichkeiten haben sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert“, sagt Weinberger. Viele Beinbrüche würden operiert und den Pferden tatsächlich wieder zu voller Belastbarkeit verholfen.


„Was im Rennsport ein Problem ist, sind die schweren Verletzungen, die aufgrund der hohen Geschwindigkeit während des Rennens zu dramatischen Stürzen führen.“
Jan Anthony Vogel, German Racing


Dennoch sprechen die Todesfälle auf der Rennbahn eine deutlich andere Sprache. „Es ist wie im Freizeitsport auch häufig die Ausgangslage der Verletzung. Bei schweren Verletzungen im Rennen wird vor Ort dann oft entschieden, das Pferd von den Schmerzen zu erlösen und den langen Heilungsweg nicht anzugehen, der eben derzeit auch noch nicht immer erfolgversprechend ist“, gibt Dr. Thomas Weinberger zu bedenken, betont aber, dass man genau daran weiter arbeite. „Die Frakturversorgung wird immer besser. Davon profitieren auch die Freizeitpferde. Denn die häufigste Ursache für Frakturen, die ich in meiner Klinik behandle, ist das unkontrollierte Laufenlassen.“

Ein Sturz bei einem Hindernisrennen. In Deutschland selten. 98 Prozent der Galopprennen hierzulande sind Flachrennen ohne Sprünge oder Gräben.


FOTO: DPA

Doch zurück zum Rennsport. Besser als eine gute Behandlung ist es, den Schaden zu verhindern. Schon seit etwa 15 Jahren ist für jedes zweijährige Pferd, das im Rennen laufen soll, eine tierärztliche Tauglichkeitsprüfung Pflicht. „Dabei wird nicht nur der Gesundheitszustand, sondern auch die psychische Verfassung des Tieres vom Tierarzt eingeschätzt“, sagt Weinberger. Hat er Bedenken, geht das Pferd noch nicht an den Start. „Wenn ein Pferd verletzt aus dem Rennen kommt, wird nach der Genesung oftmals eine erneute Renntauglichkeit durch einen Tierarzt durchgeführt. Dies wollen wir zukünftig vorschreiben“, erklärt Jan Anthony Vogel. Soviel zur Kontrolle.

Unbemerkte oder nicht ganz auskurierte Trainingsverletzungen fallen nicht immer auf. Im Gegenteil: Es komme vor, dass die Pferde im Training lahm seien und trotzdem zum Rennen gebracht würden, heißt es aus Rennsportkreisen. Einen Vet-Check wie im internationalen Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitssport gibt es auf der Rennbahn nicht. Und stehen die Pferde erst einmal unter dem Adrenalien des nahenden Starts, ist eine Lahmheit kaum noch auszumachen. So werden teils leichte Verletzungen zu einer tickenden Zeitbombe, die sich dann bei dem hohen Tempo im Rennen entlädt.

Zu jung für die Bahn?

Eine Verantwortung, die in den Händen der Trainer liegt. Thomas Weinberger sieht in diesem Bereich eine positive Entwicklung. Seit rund 20 Jahren schult er die Renn-Trainer in Sachen Gesundheitsmanagement. „Früher gab es den Begriff der Prophylaxe praktisch nicht. Aber immer mehr Trainer und Besitzer machen mittlerweile vorbeugende Untersuchungen in ihren Ställen.“ Es gibt ein Umdenken im Rennsport. „Früher wollten die Trainer oftmals dem Besitzer keine höheren Kosten verursachen. Aber es gibt eine neue Trainer-Generation, die ganz klar erkannt hat, dass ein Leistungssportler seine regelmäßigen Checks braucht.“

Mittlerweile würden viele Besitzer auch Röntgenaufnahmen machen lassen, um die Wachstumsfugen der jungen Pferde vom Tierarzt beurteilen zu lassen. „Ich schaue, ob der Trainingsreiz mit dem Wachstum korreliert, um das Trainingsprogramm entsprechend auf das individuelle Pferd anzupassen“, versichert Weinberger.

Dass Vollblüter bereits im Alter von zwei Jahren auf der Rennbahn laufen, ist vielen Tierschützern ein Dorn im Auge. Für Jan Anthony Vogel unverständlich. „Ich könnte die Reaktion verstehen, wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten herauskristallisiert hätte, dass das junge Alter für die Pferde eine Belastung ist, der sie nicht gewachsen sind. Das stimmt aber nicht. Untersuchungen überall auf der Welt zeigen, dass der verantwortungsbewusste Einsatz nicht tierschutzwidrig ist, sondern dass diese Pferde, wenn sie drei-, vier-, fünf- oder sechsjährig sind, fitter sind als Pferde, die erst später antrainiert werden.“ Eine neue Untersuchung soll dies noch einmal belegen. „Diese soll auswerten, was ist in den vergangenen 15 Jahren an Untersuchungen gelaufen sind. Wir beziehen die eigenen Zweijährigen-Jahrgänge mit ein, um klare wissenschaftliche Zahlen zu bekommen.“ Keiner habe ein Interesse daran, Pferde in einem Alter ins Training zu nehmen, wenn gesundheitliche Schäden zu erwarten seien, macht Vogel deutlich.

Allerdings habe man auch bezüglich dieses Themas bereits gehandelt „Wir haben unsere Kriterien verschärft. Wir fangen erst später im Jahr an als andere Länder und die tiermedizinischen Untersuchungen sind streng. Sowohl von der physischen und der psychischen Seite“, kontert Vogel den Kritikern. Thomas Weinberger entgegnet außerdem dem Vorurteil, dass Vollblüter aus gesundheitlichen Gründen nicht lange im Rennsport eingesetzt würden. „Es liegt nicht an der Gesundheit, dass ältere Pferde keine Rennen mehr laufen, sondern schlicht am Rennangebot. Es gibt deutlich mehr Rennen für Zwei-, Drei- und Vier-Jährige in Deutschland.“

Auch das Thema Peitscheneinsatz ist in Tierschutzkreisen ein Dauerbrenner. Fünf Mal ist der Einsatz der Peitsche im Rennen erlaubt. Wer sich nicht dran hält, muss mit einer hohen Strafe rechnen. Auch dieses Reglement werde weiterhin kritisch hinterfragt, versichert Vogel, sieht aber ein komplettes Verbot der Peitsche im Rennen als kaum umsetzbar an. „Die Jockeys haben in ihrer Position hoch über den Pferden ohne Peitsche kaum Einfluss“, sagt er.

Dieser Aspekt hat auch weniger mit den tödlichen Unfällen zu tun. Aber neben einer guten Prophylaxe und dem verantwortungsbewussten Einsatz der Pferde im Rennen spielt ein anderes Kriterium eine buchstäblich tragende Rolle in der Risikominimierung: der Boden. „Möglicherweise stoppt der Boden in Santa Anita zu sehr“, sucht Jan Anthony Vogel nach einer Erklärung für die Unfallserie. Der perfekte Untergrund ist entscheidend, um Sehnen und Gelenke auch bei hohen Geschwindigkeiten so gut wie möglich zu schonen. Daran wird stetig gearbeitet. „Die äußeren Gegebenheiten müssen so sein, dass Unfallursachen, die es früher gab, vermieden werden“, macht Vogel deutlich.

Grundsätzlich müsse sich der Rennsport mit der Kritik der Tierschützer auseinandersetzen, bestätigt er. „Allerdings unterscheiden wir da sehr zwischen seriösem und unseriösem Tierschutz“, sagt Vogel klar. „Wir sind im ständigen Austausch mit dem Deutschen Tierschutzbund. Bei der vorgeschriebenen Rennbahnprüfung drei bis vier Wochen vor jeder Veranstaltung ist beispielsweise immer ein Vertreter des dortigen Tierschutzvereins dabei.“ Auch Thomas Weinberger betont noch einmal, dass Tierschutz für den Rennsport wichtig sei, sagt aber klar:„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur Tierschutz aus Emotionen heraus machen, sondern aufgrund von wissenschaftlichen Fakten. Wir müssen klare Aussagen treffen und nicht einem Bauchgefühl folgen.“

Die Zahlen der Unfallstatistik der vergangenen Monate sprechen allerdings auch eine deutliche Sprache. Denn jedes tote Pferd ist definitiv für die Glaubwürdigkeit des Sports eines zu viel.