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Tom Hougaard: Die Geschichte hinter „Best Loser Wins“


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 25.08.2022

Die Geschichte hinter dem Buch reicht mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Meinen ersten Trade tätigte ich vor 22 Jahren. Der Dow Jones hatte gerade ein Allzeithoch erreicht und ich ging short. Diese Short-Position wäre brillant gewesen, wenn sie drei Monate später platziert worden wäre. Stattdessen wurde sie zu einem Margin-Call.

Ich zahlte mehr Geld ein und verdoppelte meine Short-Position. In der folgenden Woche beobachtete ich den Markt wie eine Mutter ihr neugeborenes Kind. Wenn der Markt fiel, wenn auch nur vorübergehend, war ich begeistert. Wenn er sich erholte, war ich verzweifelt.

Irgendwann konnte ich den Schmerz nicht mehr ertragen. Ich schloss meine offenen Positionen und betrauerte den Verlust in kläglichen und sinnlosen negativen Selbstgesprächen. Zu dieser Zeit arbeitete ich bei JP Morgan Chase in einem Job, der nichts mit dem Handel zu tun hatte, aber ich verdiente gutes Geld. Mein ...

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... Handelsverlust entsprach zwei Monatsgehältern, und es tat weh.

Wie trade ich heute?

Spulen wir vor zum 14. Juli 2022 – etwa zwei Jahrzehnte später. Es war drei Minuten nach Beginn der europäischen Börsensitzung und ich war im FTSE-100-Index short. Ich betreibe einen Telegram-Kanal mit 15.000 Followern, die meine Eilmeldungen innerhalb einer Nanosekunde nach dem Abschluss des Geschäfts erhalten. Ich teilte ihnen mit, dass ich soeben den britischen FTSE-100-Index bei 7.155 Punkten mit einem Einsatz von 300 Pfund pro Punkt geshortet hatte.

Tom Hougaard

Tom Hougaard studierte Wirtschaftsund Finanzwissenschaften an zwei Universitäten im Vereinigten Königreich und arbeitete anschließend für JPMorgan Chase, bevor er die nächsten zehn Jahre in der Londoner City als Chef-Marktstratege für einen CFD-Broker tätig war. Tom hat mehrere Werke über Handelspsychologie im Selbstverlag veröffentlicht. Sie können Toms Handel über Telegram und YouTube verfolgen. Sie können seine Handelsergebnisse auf www.tradertom.com einsehen.

193 Sekunden später (in Telegram wird alles auf die Sekunde genau mit einem Zeitstempel versehen) erhielten meine Follower eine weitere Nachricht, in der stand, dass ich den FTSE-Index erneut geshortet hatte (zusätzlich zu meiner erfolgreichen offenen Position), jetzt bei 7.143. Vier Minuten später erhielten sie eine weitere Nachricht, die besagte, dass ich den FTSE erneut geshortet hatte, und zwar bei 7.138,6 Punkten. 15 Minuten nach Beginn der europäischen Handelssitzung hatte ich den FTSE- 100-Index sechsmal mit einem Gesamteinsatz von 1.800 Pfund pro Punkt geshortet. Jeder Short-Handel wurde zu immer niedrigeren Kursen getätigt, so dass ich nicht gegen meine goldene Regel verstoßen hatte, niemals bei eine Verlustposition nachzukaufen. Die nächsten 20 Minuten waren ein Test unseres Willens und unserer Geduld. Der deutsche DAX erholte sich und zog auch den FTSE nach oben. Dieser hatte schwach begonnen, aber die nächsten vier Candlesticks auf meinem 5-Minuten-Chart waren relativ bullisch, der übergeordnete Chartkontext hingegen immer noch bärisch. Der Stopp-Loss meiner gesamten Position lag bei 7.160 Punkten. Der FTSE stieg sogar bis auf 7.156 Punkte an, dann begann er zu fallen – stark. Während er fiel, kaufte ich, meinem Plan entsprechend, immer wieder zu. Im Laufe der nächsten 75 Minuten fiel der FTSE-Index von 7.156 auf 7.082 Punkte. Mein offener Gewinn betrug mehr als 130.000 Pfund.

Was geschah in diesen zwei Jahrzehnten?

Wie habe ich mich von einem Händler, der alles über Technische Analyse wusste, aber trotzdem kein Geld verdiente, zu einem Händler entwickelt, der sich mutig mit hohen Einsätzen auf den Markt einlässt? Lag es daran, dass ich eine neue verborgene Wahrheit über die Technische Analyse gefunden habe? Die Antwort ist ein schallendes Nein. Man ist kein Verlierer, nur weil man nicht genug über Technische Analyse oder Geldmanagement weiß. Wenn Sie handeln wollen oder bereits handeln, dann machen Sie sich Folgendes klar: Das Haus (der Broker/der Markt) gewinnt immer! Wenn Sie lange genug spielen und die Höhe Ihres Einsatzes nie ändern, wird das Haus gewinnen, es sei denn, es kommt das perfekte Blatt und Sie setzen einen hohen Betrag und übernehmen das Haus.

Dieses „perfekte Blatt“ – diese Gelegenheit – bietet sich jeden Tag viele Male, aber im Gegensatz zu einem Pokerspiel, bei dem Sie wissen, dass Sie ein gutes Blatt haben, offenbart sich ein guter Handel beim Trading nur langsam. Wie wird man von einem Verlierer, der zu wissen glaubt, was er tut, der viel über Technische Analyse weiß, der alle „Bibeln“ der Technischen Analyse gelesen hat, der behauptet, ein System zu haben, zu einem Trader mit hohem Einsatz, der sich an den Plan hält und nicht vom Kurs abbringen lässt, weil sich der Markt gegen ihn bewegt? Wie wird man von einem „losing trader“ zu einem „winning trader“?

Schöpfen Sie Ihr Leistungspotenzial aus!

Vielleicht sollte die wichtigste Frage lauten: Wie überbrückt man die Kluft zwischen dem, was man jetzt tut, und dem, was man zu leisten imstande ist? Denn es ist eine Sache, das Wissen zu haben, und eine andere, es auch umzusetzen. Wissen ist nichts ohne den Willen zu handeln.

Denken Sie an den Trend zur Fettleibigkeit, der westliche Gesellschaften heimsucht: Liegt das daran, dass es nicht genügend Bücher übers Abnehmen oder Methoden dazu gibt? Wohl kaum. Jeden Tag tauchen neue Abnehmmethoden auf, die versprechen, dass man schnell und mühelos abnehmen kann. Erinnert Sie das an etwas? Im Zusammenhang mit dem Handel sollte es Sie an all die YouTube-Werbespots von gut aussehenden smarten Menschen erinnern, die Ihnen versprechen, Sie zu profitablen Händlern zu machen, wenn Sie nur ihren Kurs oder ihr Buch oder ihr geheimes System kaufen. Meine Reise von den ersten Dow-Trades vor 22 Jahren bis zu dem Punkt, an dem ich heute bin, ist nicht so sehr eine Geschichte über mich, sondern über Privattrader. Ich habe zehn Jahre lang als Broker gearbeitet und konnte Privattrader beim Handeln beobachten. Nachdem ich JP Morgan Chase verlassen hatte, um mich selbständig zu machen, hielt ich es nur 18 Monate aus, bevor mir das Geld ausging. Nun musste ich mir einen Job suchen. Ich hatte eine gute Beziehung zu einem Broker in London aufgebaut, also zog ich in die Hauptstadt der Finanzen und bekam einen Job als Broker. Ich dachte mir: Wenn ich schon kein Geld mit dem Handel verdienen kann, dann kann ich wenigstens Geld verdienen, indem ich anderen beim Handel zuschaue.

Im Laufe der nächsten zehn Jahre arbeitete ich für einen Broker namens City Index. Die Zeit in London war magisch: Auf die Baisse von 2000 bis 2002 folgte eine unerbittliche Hausse, die fast sechs Jahre andauerte. Ich verbrachte meine Tage damit, die Märkte zu beobachten, mit meinem eigenen Konto zu handeln, die Aufträge und Geschäfte meiner Kunden zu beobachten und zu bearbeiten. Ich war wissensdurstig und am Schreibtisch zu sitzen und den Handel der Kunden zu beobachten, war für mich das Paradies.

Geschäftsmodell des Brokers

City Index war ein florierendes CFD-Brokerunternehmen. Die Firma hatte viele sehr aktive Kunden, die sich jeden Tag auf der Handelsplattform einloggten und von Aktienindizes bis zu Einzelaktien alles handelten. Und hier wird es interessant. Makler müssen natürlich Geld verdienen, aber wie tun sie das? Wenn Sie als Makler am Schreibtisch sitzen, haben Sie bestimmte Risikoparameter, die Sie einhalten müssen. Wenn zum Beispiel alle Ihre Kunden auf einen Anstieg des Nasdaq wetten, verlieren Sie Geld, wenn der Nasdaq tatsächlich steigt. Die meisten CFD-Broker haben bestimmte Risikotoleranzparameter, die das gewünschte Risiko begrenzen. Wenn also alle Kunden auf ein bestimmtes Instrument in die gleiche Richtung wetten, geht der Broker sofort los und sichert sein Risiko bei seinem eigenen Prime-Broker ab. Das sind Makler, die für kleinere Broker als Makler fungieren. Der Grenzwert der Risikoparameter ist bei jedem Makler unterschiedlich. Jeder hat eine komplizierte Beziehung zu seinen Kunden. Einerseits möchte jeder Makler, dass der Kunde gewinnt, denn ein erfolgreicher Kunde ist einer, der weiter handelt. Andererseits erwirtschaften die Broker ihre Gewinne aus dem Geld, das die Kunden verlieren.

Neue ESMA-Regeln bringen die Wahrheit ans Licht

Die neuen ESMA-Vorschriften verpflichten Broker dazu, den Prozentsatz der Verlustkonten ihrer Kunden anzugeben. Wenn Sie auf der Startseite der Webseite eines Brokers nachsehen, wie hoch dieser Prozentsatz ist, werden Sie schnell feststellen, dass er bei den meisten mit rund 75 Prozent angegeben wird. Drei Viertel aller Kunden in den letzten drei Monaten waren also Nettoverlierer. Bevor Sie nun anfangen, die Makler zu verteufeln, halten Sie einen Moment inne, denn dieser Artikel ist kein Angriff auf die Makler. Das Problem liegt nicht beim Broker, mit dem Sie handeln (obwohl Sie sicherstellen müssen, dass Sie mit einem Broker handeln, der Ihnen enge Geld-Brief-Spannen bietet – andernfalls sabotieren Sie Ihre eigenen besten Bemühungen), sondern das Problem liegt bei Ihnen. In den zehn Jahren, in denen ich bei einem der größten CFD-Broker der Welt auf dem Parkett gearbeitet habe, ist mir klar geworden, dass die meisten Menschen schreckliche Trader sind. Unter den Kunden von City Index gab es derart wenige, die Geld verdienten, dass man sie schnell beim Namen kannte. Wann immer ihr Name auf dem Positionsmonitor erschien, der über allen Handelsschaltern hing, wurde man aufmerksam. Oft handelte es sich um Blitzmerker, die eine Glückssträhne hatten. Allerdings verloren die großen Gewinner ihr Geld meistens wieder. In den zehn Jahren, die ich auf dem Börsenparkett verbrachte, habe ich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten dabei beobachtet, wie sie Dutzende Millionen Geschäfte abschlossen. Da gab es die mit Lehrbüchern über Technische Analyse Bewaffneten, der ihr Bestes gaben, um mit dem Handel Geld zu verdienen. Es gab Wirtschaftsprofessoren, berühmte Anwälte und Augenchirurgen, die dem Markt Geld hinterherwarfen, vielleicht aus Spaß an der Freude, vielleicht weil sie dachten, dass sie klug seien und es daher leicht sein müsse, den Markt zu schlagen. Aber sie haben nie gewonnen. Niemals!

Alte Verhaltensweisen

Im Jahr 2009 hatte ich genug davon, in London zu arbeiten. Mein Timing war perfekt. Ich wurde entlassen, als City Index und viele andere Makler infolge der Finanzkrise große Verluste erlitten. Ich nahm meine Abfindung und begann selbst zu handeln. Ich fühlte mich so gut vorbereitet wie nie zuvor. Doch obwohl ich fast zehn Jahre lang professionell für ein Unternehmen gehandelt hatte, obwohl ich Hunderte von Handelsbüchern gelesen und Kurse und Vorträge über Technische Analyse gehalten hatte, verfiel ich wieder in meine alten Verhaltensweisen von vor zehn Jahren. Zuerst tat ich es als Pechsträhne ab. Ich blieb hartnäckig und meine Leistung nahm wieder zu. Im Rahmen meiner Selbstprüfung fiel mir jedoch auf, wie oft ich einen unverhältnismäßig hohen Anteil meiner Gewinne wieder an den Markt abgab. Außerdem fiel mir auf, dass ich viel häufiger Gewinne als Verluste einfuhr, aber bei den Verlustgeschäften auch mehr verlor.

Ich konnte zum Beispiel sieben Trades vorweisen, die mir jeweils 1.000 Pfund einbrachten, und drei Geschäfte, bei denen ich 1.750 Pfund verlor. Obwohl ich immer noch Gewinne erzielte, machte es mir Sorgen, dass ich bei so wenigen Geschäften so viel verlor. Was vielleicht noch wichtiger ist: Wann immer der Markt mir eine Gelegenheit bot, viel Geld zu verdienen, habe ich diese Gelegenheit nicht wahrgenommen.

„Dieser Moment“

Ich hatte nach meiner Entlassung erst ein paar Monate lang selbst gehandelt, als mir klar wurde, dass ich nicht so viel Geld verdienen würde, wie ich erwartet hatte. Ich blickte auf die letzten zehn Handelswochen zurück und erkannte, dass ich zwar geringfügig profitabel war, aber grundsätzlich etwas falsch machte. Ich erzielte nicht die Ergebnisse, von denen ich wusste, dass ich sie erzielen könnte. Es war im Sommer 2009, als ich beschloss, den Handel einzustellen und eine Auszeit vom Bildschirm zu nehmen. Ich war der Meinung, dass ich nach zwölf Jahren intensiver Bildschirmbeobachtung (zwölf Stunden oder mehr pro Tag) eine Auszeit brauchte. Ich ging wandern in den spanischen Bergen, übernachtete in billigen Herbergen zusammen mit anderen Wanderern. Eines Tages kam ich mit einem Herrn ins Gespräch, der Filmproduzent aus Hollywood war. Wir sprachen über Filme, über Drehbuchautoren, über Schauspieler, und er kannte sie alle. Er hatte seine zehn Lieblingsfilme dabei, saß abends in den Herbergen, genoss sie und lud mich und andere zu diesen improvisierten Filmabenden ein.

Das Faszinierende daran war, dass er über den jeweiligen Film sprach und Einstellungen und Besonderheiten erläuterte, die dem normalen Zuschauer nie auffallen würden. Er erklärte auch, woher einige der Filmdialoge stammten. Eines Abends sahen wir uns „Batman begins“ an. Es gab eine Kampfszene, die mich besonders ansprach, vor allem eine Dialogzeile: „Training ist nichts. Der Wille ist alles – der Wille zum Handeln.“

Am nächsten Morgen kam ich dem Hollywoodproduzenten wohl sehr ruhig vor und er fragte mich, was ich auf dem Herzen habe. Ich erklärte ihm, dass ich ein erfolgloser Händler sei, nicht in der Lage, „die Punkte zu verbinden“. Ich hatte mir immenses Wissen über die Märkte und die Technische Analyse angeeignet. Aber egal wie viel Wissen ich aufnahm, egal wie viele Bücher ich las, ich schien meinem Ziel, mit dem Handel beständige Gewinne zu erzielen, nie messbar näher zu kommen. Er hörte mir zu und sagte nichts. Ich war überrascht, denn normalerweise war er sehr gesprächig. An diesem Abend sahen wir uns „Ocean‘s Eleven“ an. Am Anfang des Films gibt es eine Szene, in der Rusty (Brad Pitt) Danny (George Clooney) fragt: „Warum tun Sie das?“ Seine Antwort ließ mich aufhorchen: „Weil das Haus immer gewinnt. Wenn du lange genug spielst, wenn du nie den Einsatz änderst, übernimmt das Haus dich. Es sei denn, man hat das perfekte Blatt und setzt viel, dann verliert das Haus.“

Ein Aha-Effekt 

Am nächsten Morgen brachen wir. Es war ungewöhnlich kalt für einen spanischen Sommer. Mein Freund aus Hollywood und ich liefen zügig durch den Morgentau, um uns warmzuhalten, während die Sonne über den Horizont schaute und unsere Gesichter wärmte. „Wahrscheinlich werde ich dich nie wieder sehen“, sagte er. „Wenn du also nichts dagegen hast, möchte ich dir etwas sagen, das dir helfen könnte. Da ich nicht mehr im aktiven Dienst bin, kann ich von meiner Zeit in der US-Armee erzählen. Ich habe das Auswahlverfahren durchlaufen und wurde ein aktiver Navy SEAL. Das Filmzitat, das du vorgestern aufgeschnappt hast, erzählt nur die Hälfte der Geschichte. Training ist wichtig und der Wille, das Training umzusetzen, ist natürlich von größter Bedeutung. Unser Verstand ist jedoch nicht von Natur aus risikofreudig. Wenn du also Risiken eingehen möchtest, dann musst du es schrittweise tun. Sobald man sich an Risiken gewöhnt hat, wird der Appetit auf mehr Risiko wachsen. Es ist ein großer Unterschied, ob man in einem Casino sitzt und einen 10-Dollar-Chip auf eine Zahl im Rouletterad wirft oder ob man sich an der aktiven Kriegsführung beteiligt.“

Eine mentale Programmierung

Der Schlüssel zum Erfolg liegt also nicht darin, weniger zu trainieren. Im Gegenteil: Sie müssen immer trainieren. Wenn Ihr tatsächliches Ergebnis und Ihr gewünschtes derzeit nicht übereinstimmen, dann müssen Sie sich gezielt Zeit nehmen, um sich Ihr gewünschtes Ergebnis vorzustellen. Auf diese Weise werden Sie Ihren Verstand gegenüber den normalen Impulsen, auf die ein normaler Verstand reagiert, unempfindlich machen. Sie werden nicht mehr das gleiche Zögern verspüren wie früher. Sie werden nicht mehr die gleiche Beklemmung spüren. Vor allem aber werden Sie nicht mit den gleichen Angstreizen konfrontiert sein wie ein normales Gehirn. Sie werden sich die übliche Angstreaktion buchstäblich abtrainieren. Ich und mein Hollywoodfreund sprachen über die Zweckmäßigkeit von Mentaltraining. Ich war verblüfft, als ich erfuhr, welche Vorbereitungen ein Elitesoldat durchläuft und wie streng das Training ist. Insbesondere erzählte er mir von einigen weit verbreiteten Missverständnissen über den Auswahlprozess: „Als ich das Auswahlverfahren durchlief, gab es einen All-Star-Sportler in der Gruppe. Wir dachten alle, er würde das intensive Training problemlos überstehen. Ich sah mir einige der dürren Bauernjungen aus Iowa an und dachte, die haben nicht die geringste Chance, es zu schaffen. Zwölf Wochen später hatte der All-Star-Athlet längst aufgegeben, aber der dürre Bauernjunge mit den Spaghettiarmen war immer noch da. Jeder denkt, dass es nur um Muskeln geht, aber in Wirklichkeit findet der wahre Kampf im Kopf statt. Es ist der Geist, der den Körper steuert. Diese Bauernjungen waren vielleicht körperlich nicht perfekt, aber ihr Geist war unempfindlich gegen das Aufgeben.

Ein neuer Anfang

Den Rest des Jahres 2009 habe ich nicht viel trainiert, sondern studiert – und zwar mich selbst. Ich erstellte Diagramme zu meinen alten Berufen. Ich stellte mir bessere Ergebnisse vor. Ich verbrachte konzentrierte Trainingsstunden damit, mir etwas vorzustellen, zu visualisieren. Der Schwerpunkt meiner Arbeit lag auf meinen Gedankengängen und nicht mehr auf den Märkten und Charts. Als ich wieder mit dem Handel begann, war der Effekt sofort spürbar. Mein Prozess der Handelsauswahl wurde deutlich besser. Meine Geduld wuchs. Die wichtigste Verbesserung betraf jedoch zwei Bereiche:

• Meine Gewinner wurden länger gehalten und ich steigerte ihre Anzahl.

• Meine Verlierer wurden ohne Gewissensbisse gestrichen.

Meiner Meinung nach hatte ich durch mein Mentaltraining so viel „imaginäres Verlieren“ erlebt, dass ich, als es um die reale Sache ging, einen Verlust nicht mehr mit Schmerzen in Verbindung brachte. Er wurde einfach ein natürlicher Teil des Handelsprozesses. Eins muss ich aber klarstellen: Der Prozess hat mein statistisches Verhältnis von Gewinn- zu Verlustgeschäften nicht verbessert, es hat sich seltsamerweise sogar leicht verschlechtert. Früher hatte ich eine Trefferquote von etwa 70 Prozent. Ich war ein produktiver Scalper und kurzfristiger Trader und bin sehr gut darin. Aber was nützt einem Trader eine Trefferquote von 70 Prozent, wenn er bei den restlichen 30 Prozent sehr hohe Verluste hinnehmen muss? Während meine Trefferquote also auf etwa 60 Prozent sank, ging meine Rentabilität durch die Decke und damit auch meine Freude am Handel. Eigentlich hätte an dieser Stelle die Geschichte enden können.

Dänische Kunden sind besser

Dann aber geschah etwas, was sich als neuer Wendepunkt erwies. Ich wurde von einem Broker namens ETX Capital um einen Vortrag gebeten. Der damalige CEO war ein echter Gentleman namens Andrew Edwards. Ich sollte vor einigen größeren Kunden über Technische Analyse sprechen und kam in aller Frühe in der Geschäftsstelle an. Edwards lud mich zu einem freundlichen Gespräch in sein Büro ein und während wir uns unterhielten, bemerkte ich einige Diagramme an seiner Pinnwand. Sie zeigten aber keine Finanzprodukte, sondern Kundenverhalten. Er erzählte mir, dass praktisch jeder Makler auf der Welt damit begonnen habe, Handelsprofile seiner Kunden zu erstellen und sie in Kategorien wie Alter, Geschlecht, Einkommen und Kontogröße einzuteilen. Dies geschah, um die Kunden und ihr Verhalten besser einschätzen zu können. Ich wollte keine Kontroverse anzetteln, also hielt ich den Mund, aber offensichtlich wurde dieses Profil erstellt, um die Kunden in „wahrscheinlich gewinnbringend“ oder „wahrscheinlich nicht gewinnbringend“ einzuteilen. Auf dem Heimflug überlegte ich, wie viele derjenigen, die meinem Vortrag über Technische Analyse beigewohnt hatten, daraufhin tatsächlich bessere Ergebnisse erzielen würden. Ich begann zu begreifen, warum so wenige der Kunden, die ich während meiner Zeit auf dem Börsenparkett beobachten konnte, beständige Gewinne erzielt hatten. Es lag nicht daran, dass sie die Finanzmärkte nicht verstanden hatten. Es lag daran, dass sie nicht verstanden hatten, warum sie so handelten, wie sie handelten. In der folgenden Woche erhielt ich erneut einen Anruf von ETX Capital. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg gewesen und sie wollten, dass ich sie in meinem Heimatland Dänemark wiederholte – und sie boten mir an, ihr interner Ausbilder in Kopenhagen zu werden.

Veränderung der Ausbildung

Also begann ich den dänischen Kundenstamm regelmäßig zu unterrichten. Ich änderte meinen Schwerpunkt von der reinen Technischen Analyse hin zu einer Mischung aus Technischer Analyse und emotionalem Management. Ich lehrte die dänischen Kunden, wie sie mit emotionalen Rückschlägen umgehen konnten. Dabei hielt ich lange Vorträge darüber, wie unsere emotionalen Reaktionen trainiert werden können, ähnlich wie Elitesoldaten trainiert werden. Alle Elitesoldaten müssen mit stressigen Kampfsituationen umgehen können, immer und immer wieder, bis ihre individuelle sensorische Reaktion nicht mehr abläuft. Stattdessen verhalten sie sich so, wie es nur sehr wenige Menschen von Natur aus tun würden. Das Training konzentrierte sich darauf, genau das zu tun, was ihnen nicht natürlich vorkam. Es ging darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie sie wahrscheinlich auf Stress (Handelsverluste) reagieren würden und wie sie in ihrem Kopf Schaltkreise einrichten konnten, um die angemessene Reaktion zu erleichtern. Zwei Jahre später saß ich wieder in Andrew Edwards’ Büro. Er wollte mir einige Neuigkeiten mitteilen und wies auf eine A4-Seite an seinem schwarzen Brett. Sie zeigte die dänischen ETX-Capital-Kunden im Vergleich zu allen anderen, die die Firma hatte. Er erklärte, dass sie alle möglichen Erklärungen untersucht hätten, warum die dänischen Kunden so anders seien als alle anderen weltweit. Sie handelten selektiver, sie blieben länger an Bord, und ihr Einsatz war um 400 Prozent höher als der eines durchschnittlichen Kunden weltweit. Die dänische Matrix unterschied sich in jeder Hinsicht von der aller anderen Kunden, die das Brokerunternehmen betreute. Die dänischen Kunden hatten dieselben Charts, dieselben Indikatoren, denselben Nachrichtenfluss, dieselben Instrumente, dieselben Geld-Brief-Preise. Selbst die persönliche Demografie war gleich. „Zunächst haben wir geglaubt“, sagte Edwards, „dass die Menschen in Skandinavien wohlhabender seien als der Rest der Welt. Wir haben uns die schwedischen und norwegischen Kunden angeschaut, doch ihr Profil entsprach nicht dem dänischen. Das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen den dänischen und den Kunden aus dem Rest der Welt ist die Tatsache, dass Sie einmal im Monat nach Dänemark reisen und Vorträge über Trading halten. Ich weiß nicht, was Sie ihnen erzählen, aber machen Sie bitte weiter. Sie sollten ein Buch darüber schreiben.“

Und in dieser Nacht begann ich über Handelspsychologie zu schreiben. Das erste Buch war ein 200.000 Wörter umfassendes Ungetüm, das ich selbst auf meinem Telegram-Kanal veröffentlichte, eine einzige verbale Diarrhö. Mithilfe des Verlags Harriman House schrieb ich das Buch um, erstellte ein Trainingsprogramm zum Selbststudium und zur Anwendung zu Hause.

Das Ergebnis wurde „Best Loser Wins“.