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TOM SCHILLING GIBT ALLES. ODER NICHTS.


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 12.02.2019

Der Filmstar erklärt, warum er sich auf jeden Film jahrelang vorbereiten möchte, wie er Versagensangst mit Hingabe bezwingt und weshalb er nicht reich werden will.


Artikelbild für den Artikel "TOM SCHILLING GIBT ALLES. ODER NICHTS." aus der Ausgabe 3/2019 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 3/2019

Fotos NORMAN KONRAD


Alles muss sitzen: Perfektionist Schilling trägt am liebsten Dreiteiler mit Krawatte.


Nicht so viel nachdenken, einfach mal machen – lautet ein beliebtes Motto unserer Tage. Und Tom Schilling kann nichts damit anfangen. In Zeiten, in denen Start-ups innerhalb von Stunden erste Prototypen ihrer Ideen entwickeln und Business-Coaches propagieren, achtzig Prozent Einsatz seien genug, übt der 36-Jährige ein halbes Jahr lang jeden ...

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... Tag Klavier – für fünf Drehtage in einer kleinen Rolle als Pianist. Während andere Schauspieler bis zu fünf Filme pro Jahr drehen, beschränkt sich Schilling auf zwei. Und der Unterschied ist spürbar.

Als draufgängerischer Internatsschüler in „Crazy“, als melancholisch durch Berlin streifender Uni-Abbrecher in „Oh Boy“ oder als verrohender Wehrmachtssoldat in „Unsere Mütter, unsere Väter“: Tom Schilling gelingt, was nur wenige schaffen – er spielt sich nicht selbst. So versunken scheint er in seinen Rollen, dass der Zuschauer den Menschen Tom Schilling nicht mehr wahrnimmt, sondern nur noch die Figur.

Zum Cover-Shooting für The Red Bulletin in einem Studio nahe der Sonnenallee in Berlin-Neukölln kommt Tom Schilling in seinem Standard-Look: maßgeschneiderter Dreiteiler (in diesem Fall dunkelblau mit rötlichen Nadelstreifen von Rooks & Rocks aus Hamburg) mit Krawatte. Nein, mit Nachlässigkeit kann dieser Mann wirklich nichts anfangen.

the red bulletin: Tom, für eine kleine Nebenrolle als Pianist mit nur fünf Drehtagen hast du ein halbes Jahr täglich Klavier geübt. Hätte es nicht jeder zweite Tag auch getan?
TOM SCHILLING: Ich frage mich eher: Wäre ich besser gewesen, wenn ich einen Monat länger jeden Tag geübt hätte? Und die Antwort ist: Ja, natürlich! Man kann sich gar nicht genug vorbereiten.

Hätten die Zuschauer den Unterschied zwischen sechs und sieben Monaten Vorbereitung bemerkt?
Ich glaube schon. Aber um die geht es mir erst mal weniger. Zunächst muss ich mir die Rolle selbst abnehmen. Und da hilft tatsächlich jede Stunde Vorbereitung. Je mehr Facetten einer Figur ich kenne, desto größer mein Selbstbewusstsein. Wenn es nach mir geht, hätte ich für die Pianistenrolle ein Jahr lang jeden Tag geübt. Ich bin in diesem Perfektionismus gefangen, gleichzeitig ist er mein größter Antrieb.

Woher kommt dieser Drang?
Aus dem Grundgefühl, nicht zu genügen. Meine größte Angst besteht darin, dass jemand erkennt, dass ich eigentlich kein guter Schauspieler bin.

Jetzt kokettierst du.
Überhaupt nicht. Beim Schauspielen geht es um die perfekte Illusion, und da reicht eine Unsicherheit, und du siehst hinter die Fassade und merkst: Der ist das gar nicht.


„Ich bin in meinem Perfektionismus gefangen. Zugleich ist er mein größter Antrieb.“


So was von bereit: Dank exzessiver Vorbereitung reagiert Schilling selbst auf Unfälle gelassen.


Blick fürs Detail: Beim Drehbuch-Check achtet Schilling besonders auf die Szenenbeschreibungen.


Strecken aus Überzeugung: Nach gelungenen Filmen das Niveau halten – dieses Ziel treibt Schilling an.


„Mein wichtigstes Ziel ist es, Filme zu drehen, für die ich mich nicht schämen muss.“


Mit Filmen wie „Oh Boy“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ hast du Millionen Zuschauer erreicht und Auszeichnungen wie den Deutschen Filmpreis gewonnen. Hilft das deinem Selbstbewusstsein nicht?
Einerseits schon, andererseits bedeutet es auch großen Druck, solche Erfolge zu wiederholen. Am schlimmsten war die Zeit nach „Crazy“ …

… deinem ersten großen Kino -Hit, da warst du gerade 18 Jahre alt.
Auf einmal dachten alle: „Der ist ja voll gut, ein super Typ.“ Die Sache ist nur: Jeder findet eine Neuentdeckung toll. Als Mario Götze seine ersten Tore geschossen hat, waren auch alle Fußballfans euphorisch. Aber nach einem großen Erfolg die neuen Erwartungen zu erfüllen ist viel schwerer. Du kannst dich ja nicht noch mal derartig steigern. Auf einmal bekommst du Angst, deinen Status wieder zu verlieren. Und dieser Angst begegne ich eben mit meinem Perfektionismus.

Wie gehst du vor, um das Niveau nach großen Erfolgen zu halten?
Strategisch. Du solltest genau wissen, was du kannst, und Bedingungen suchen, die dir erlauben, das auch zu leisten.

Konkret, bitte.
Das geht bei der Auswahl der Rolle los. Ich nehme eine Rolle nur an, wenn ich glaube, dass niemand besser für sie geeignet ist als ich.

Und wie beurteilst du das?
Es muss etwas Einzigartiges geben, das ich der Rolle geben kann – eine besonderePerspektive oder einen persönlichen Bezug. In „Werk ohne Autor“ spiele ich einen Maler. Als Kind habe ich selbst viel gezeichnet und lange von einer Karriere als Maler geträumt – das konnte ich einfließen lassen. Wenn mich ein Regisseur für eine Rolle als Actionheld verpflichtenwollte, weil ich vielleicht gerade angesagt bin, würde ich immer sagen: Der und der kann das doch viel besser.

… und auf viel Geld verzichten.
Das ist mir egal. Ich habe das große Privileg, genug Geld zu verdienen, um alle wichtigen Entscheidungen meines Lebens finanziell unabhängig treffen zu können. Abgesehen davon will ich bewusst nicht reich werden, dazu fehlt mir auch der Drive. Wenn mir jemand 200.000 Euro für einen Werbespot bietet, werde ich nicht schwach, nur weil ich mir dann ein Boot kaufen könnte.

Andere Schauspieler drehen vier bis fünf Filme pro Jahr, du im Schnitt zwei. Schränkst du dich nicht auch künstlerisch ein?
Nein, je weniger ich drehe, desto mehr Zeit habe ich ja, die Filme bewusst auszusuchen und mich auf sie vorzubereiten. Für mich ist das schönste Kompliment, wenn jemand sagt, ich gehe blind in deine Filme, denn wenn du mitspielst, müssen sie gut sein. Das ist eine Verpflichtung, nicht wahllos durch die Gegend zu drehen, sondern meine Vita sauber zu halten.

Worauf achtest du noch bei der Auswahl deiner Jobs?
Damit ich das Beste aus mir herausholen kann, brauche ich einen Regisseur und ein Team, die jeweils hohe Ansprüche an sich stellen. Deswegen achte ich bei Drehbüchern besonders auf vermeintliche Nebensachen wie Szenenbeschreibungen. Wenn da viel Liebe zum Detail drinsteckt, ist das ein gutes Zeichen.

Und wie gewinnst du dann den Regisseur für dich? Castings sollen ja nicht gerade deine Stärke sein.
Wenn ich eine Rolle unbedingt spielen will, ist es besonders schlimm. Dann spüre ich ja etwas in der Geschichte, habe ein Verständnis für ihre Welt entwickelt – aber das kann ich in dieser Prüfungssituation nicht abrufen, weil ich dafür das hundertprozentige Vertrauen und die Unterstützung des Regisseurs brauche. Aber hier ist ja das Gegenteil der Fall: Der Regisseur beurteilt, ob ich gut genug bin – da verkrampfe ich sofort, bin komplett in mich gekehrt. Ich bin darauf angewiesen, dass Regisseure unabhängig von meiner Performance etwas in mir entdecken. Ehrlich gesagt glaube ich aber auch, dass Castings der falsche Ansatz sind.

WENN DAS LEBEN DIE SPUR WECHSELT

In „Die Goldfische“ spielt Tom Schilling einen Banker, der im Rollstuhl landet.

Schnelle Autos, steile Karriere, sehr viel Geld: Oliver führt das Bilderbuchleben eines Bankers, doch dann rast er in eine Leitplanke und trägt eine Querschnittslähmung davon. Eine WG mit behinderten Menschen soll ihn auf seinen neuen Alltag vorbereiten, doch Oliver hat andere Pläne: Mit seinen Betreuern (Jella Haase und Kida Khodr Ramadan) und Mitbewohnern (u. a. Birgit Minichmayr, Axel Stein) plant er eine Reise in die Schweiz – zur Rettung seines Schwarzgelds. Filmstart: 21. März


„Mein Körper merkt sich alles, was er erlebt hat – das gibt mir beim Drehen Sicherheit.“


Was schlägst du vor?
Als sich der Schauspieler Tim Roth aus Nervosität weigerte, bei Quentin Tarantino für „Reservoir Dogs“ vorzusprechen, ging Tarantino mit ihm in einer Bar etwas trinken. Dort verstanden sich die beiden so gut, dass Roth nach ein paar Drinks alle Szenen vorspielte und die Rolle bekam.

Drinks statt Casting?
Gemeinsam etwas essen und trinken zu gehen und herauszufinden, ob man auf der gleichen Wellenlänge liegt, halte ich auf jeden Fall für eine sinnvolle Alternative, ja.

Nachdem du das Drehbuch zu „Oh Boy“ gelesen hattest, hast du dem Regisseur Jan-Ole Gerster mit der Hand einen fünfseitigen Brief geschrieben.
Darin habe ich ihm genau erklärt, warum mich das Drehbuch fasziniert und ich unbedingt mitspielen will. Für mich gibt es nichts, was eine Dringlichkeit besser verkörpert als ein handgeschriebener Brief. Und am Ende hat’s dann ja auch geklappt.

Du bereitest dich auf jeden Film mindestens vier Monate vor. Wie genau gehst du dabei vor?
Zuerst lerne ich den kompletten Text auswendig. Bei schnellen Dialogen auch die Texte meines Gegenübers. Dann ergründe ich das Leben meiner Figur. In meinem neuen Film „Die Goldfische“ spiele ich einen karrieregeilen Banker, der nach einem Unfall im Rollstuhl landet. Also bin ich wochenlang mit dem Rollstuhl durch Berlin gefahren. Um die Handgriffe zu beherrschen, vor allem aber um zu erfahren, wie sich das Leben anfühlt, wenn dein Kopf im Alltag auf Hüfthöhe deiner Mitmenschen ist oder wenn du beim Aussteigen aus dem Bus auf den Fahrer angewiesen bist. Auch mit dem Abführen von Urin durch den Katheter habe ich mich beschäftigt. Das kommt im Film gar nicht vor, aber im Alltag von Querschnittsgelähmten ist es ein besonders belastendes Detail, also gehört es für mich zum Verständnis der Rolle, zu wissen, wie viel Anstrengung und Scham dieses Thema bedeutet.

Du hast mal gesagt, dass du vieles von dem Gelernten direkt wieder vergisst.
Ja, aber mein Körper merkt sich alles, was er erlebt hat. Und dieser Unterbau bietet mir eine große Sicherheit und trägt mich durch den Film.

In einem Podcast hast du mal gesagt: „Tolle Kunst entsteht, wenn es um Leben und Tod geht.“
Das war natürlich überspitzt. Aber ich glaube fest daran, dass man Hingabe spüren kann. Und wenn eine Rolle existenzielle Bedeutung für dich hat, zieht das die Zuschauer in den Bann.

Als Perfektionist stellst du selbst die höchsten Erwartungen an dich. Spielen die Erwartungen der Zuschauer da überhaupt eine Rolle für dich?
Zunächst ist es tatsächlich wichtiger, dass ich den Film selbst mag. Wenn das so ist, kommt er aber meistens auch beim Publikum gut an – das ist natürlich der Idealzustand.

Und wenn dich jemand für einen Film lobt, mit dem du selbst unzufrieden bist?
Dann ist mir das total peinlich, und ich möchte das nicht hören. Bei allem Perfektionismus: Mein wichtigstes Ziel ist es, in Filmen zu spielen, für die ich mich nicht schäme – und das ist auf Dauer schwierig genug.

Mitunter abwesend: Auch bewusste Auszeiten zum Nachdenken zählen für Schilling zur Vorbereitung eines Films.


STYLING: SOO-HI SONG/SHOTVIEW, MAKE-UP & HAARE: CHRISTA RAQUÉ