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Tomás SARACENO


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 20.09.2018

LIEST DIE SPRACHE DER SPINNEN, MACHT JETSTREAMS ZU KOMPLIZEN UND VERBINDET SCHÖNHEIT, SPASS UND INTELLIGENZ IN DER KUNST. EIN BESUCH VOR SEINER SHOW IN PARIS


Interview.TOMÁS SARACENO

Artikelbild für den Artikel "Tomás SARACENO" aus der Ausgabe 10/2018 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 10/2018

TOMÁS SARACENO, INSTALLATIONSANSICHT „HOW TO ENTANGLE THE UNIVERSE IN A SPIDER WEB“, MUSEO DE ARTE MODERNO DE BUENOS AIRES, 2017


Kann man die Luftfahrt revolutionieren und zugleich Künstler sein? Tomás Saraceno hat keine Zeit, sich mit solchen Fragen aufzuhalten, er muss weitermachen an seinem Projekt. Konkret heißt das: den Palais de Tokyo, das Pariser Ausstellungshaus für Gegenwartskunst mit enormen Ausmaßen, allein zu ...

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... bespielen. Zur Vorbereitung seiner bislang größten und wichtigsten Ausstellung sind gerade 60 Mitarbeiter in seinem Atelier beschäftigt – und viele Dutzend Spinnen, die zwischen schlanken Stahlrahmen ihre filigranen Netze weben.

Im größeren Rahmen betrachtet, ist sein Lebensprojekt das Leben in der Luft. Schon als er noch an der Städelschule bei Peter Cook und Thomas Bayrle studierte, sprach der 1973 in Argentinien geborene Saraceno von fliegenden Städten und machte in seinen Ausstellungen konkrete Vorschläge dazu. Doch im Unterschied zu Theoretikern wie Archigram oder Buckminster Fuller hob Saraceno tatsächlich ab. Seine Utopie ist realisierbar. Die bemannte Luftfahrt ohne Verbrauch von fossilen Brennstoffen ist ihm erstmals 2015 in White Sands gelungen, wo 70 Jahre zuvor die erste Atombombe gezündet wurde. Dort begann das Anthropozän, jenes Zeitalter, in dem der Mensch geologisch und biologisch in die Erde eingreift und ihre Sphäre zerstört. Saraceno startete in White Sands das „Aerozän“, eine neue Ära, die mit der Verfeuerung fossiler Brennstoffe Schluss macht.


Die bemannte Luftfahrt ohne Verbrauch von fossilen Brennstoffen ist ihm 2015 in WHITE SANDS gelungen


Inzwischen gibt es einen „Aerocene Explorer“, ein Starterkit für das Fliegen mit Solarenergie, Saraceno spricht weltweit auf Umweltkonferenzen und entwickelte mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Programm, das die Windvorhersagen als mögliche Reiserouten nutzbar machen könnte.

Immer geleitet von den Fragen, wie man das Leben in der Luft organisieren könnte, stieß er vor rund zehn Jahren auf Spinnen, die sich vom Wind forttragen ließen. Saraceno steigt in jedes Thema tief ein, er besitzt inzwischen eine Sammlung von Spinnennetzen, auf die renommierte Universitäten zurückgreifen. Auf die Frage, ob man diese hauchzarten Gebilde wirklich nach Paris transportieren könne, heißt es: Man habe anfangs versucht, sie beim Transport durch Glas zu schützen. Das Glas ging kaputt, die Netze blieben stabil, also keine Sorge. Die Schönheit der dreidimensionalen Werke, die er in Paris fein ausgeleuchtet vor schwarzem Hintergrund zeigen wird, ist atemberaubend. Die spektakulärste Installation wird ein raumfüllendes, aus Seilen konstruiertes Netz werden, zwischen dessen Fäden man herumgehen darf. Die Schwingungen werden in Sound übertragen, so wird das Gewebe zu einem gigantischen, kollektiv zu spielenden Saiteninstrument.

„AEROCENE EXPLORER PERFORMANCE“, 2017 IN ARGENTINIEN


Foundation 4.0, Courtesy the Aerocene Foundation and CCK Agency

Partizipation ist ihm wichtig, das verbindet Saraceno mit der Relational Aesthetics seiner Kollegen Carsten Höller, Rirkrit Tiravanija oder Philippe Parreno. Doch auch der kühle, wissenschaftliche Ästhetizismus eines Olafur Eliasson findet sich bei ihm. Den Weitwinkel auf die Welt hat er von seinem Lehrer Thomas Bayrle, gleichzeitig besitzt er Antennen für die atemberaubend schönen Details in den Readymades von Tieren. Dazu hat er eine Mission und ein Programm, von dem er weiß, dass es sich nur durchsetzt, wenn er Schönheit und Spaß auf seiner Seite hat. Natürlich gehört Tomás Saraceno damit in die Kunst, auch wenn sie vielleicht ein bisschen zu klein für ihn ist.

„STILLNESS IN MOTION – CLOUD CITIES“, 2016. Hintergrund: DETAILS VERSCHIEDENER NETZE, 2016


„A THERMODYNAMIC IMAGINARY“, 2018


Herr Saraceno, ich habe gerade in einem riesigen Netz gestanden und auf ihm gespielt wie auf einem raumfüllenden Kontrabass. Der Boden hat vibriert!

Ich hatte mal ein Erlebnis mit einem Schamanen, bei dem ich plötzlich alle möglichen Stimmen und Töne hörte. Alle Stimmen waren zugleich da und kamen auf eine Art zusammen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Das hatte etwas Erleuchtendes, dieses Verbundensein aller existierenden Wesen über das Menschliche hinaus. Die Vibration des Bodens ist wie eine Sprache unter den Füßen. Wir haben uns einfach vorgestellt, wie Spinnen die Welt erleben – sie empfangen Botschaften aus ihrer Umwelt über Vibration.

Sie haben auch den Sound der Erde aus dem Weltall aufgenommen, was ist das für ein Geräusch?

Ich wollte wissen, was der Klang des Anthropozäns sein könnte.

Ein Begriff, der vorgeschlagen wurde, um jenes Erdzeitalter zu definieren, in dem wir gerade leben.

Eine Epoche, in der menschliche Handlungen so gravierende Spuren auf dem Planeten Erde hinterlassen, dass sie die geologischen Schichten und seine Entwicklung verändern. Von der Erde geht Vibration aus, die außerhalb der menschlichen Wahrnehmung liegt. Normalerweise unter zehn Hertz. Ich stellte mir die Erde als Lautsprecher vor, der Signale ins All sendet. Die Atmosphäre kann eine Echokammer sein, um diese Vibrationen aufzunehmen. Wie würde sich das von der Atmosphäre aus anhören? Und wäre das ein Sound, der uns überzeugen könnte, in eine neue Ära einzutreten?


»Von der Erde geht Vibration aus, die außer halb der MENSCHLICHEN WAHRNEHMUNG liegt« – Tomás SARACENO


Sich den Planeten Erde als etwas vorzustellen, das eigenständig kommuniziert, ist interessant, aber wir würden wir seine Stimme wohl nicht gerne hören .

Im Moment hören wir den Widerhall der Ökonomie der fossilen Brennstoffe. Wir wissen, dass diese Ökonomie genau jene Lebensformen zerstört, die wissen, wie man stattdessen leben könnte, die besserattuned sind, mehr auf Empfang mit dem Planeten und mit anderen Spezies. Zum Beispiel gibt es Bewohner von PapuaNeuguinea, die anhand des Verhaltens von Ameisen ablesen können, wann es ein Erdbeben gibt. So bringen sie sich in den Bergen in Sicherheit vor Überflutung. Wir dagegen spalten uns immer mehr von unserem Wissen über solche Zusammen hänge ab. Wir stehen aber nun mal in Verbindung mit einem natürlichen Erdkreislauf, der Widerhall findet in den kleinsten Mikroorganismen in unseren Körpern bis zur großen Vibration im All. Es ist ein kosmisches Gewebe. Wir im Anthropozän stecken alles in Schubladen. Wir sind eine Gesellschaft, die alle Fähigkeiten dazu hätte zu verstehen, wo wir leben, aber wir ziehen es vor, das zu vergessen. Dabei sollten wir uns wieder eingliedern und verstehen, mit wem wir zusammenleben.

Spinnen zum Beispiel – was macht sie zu so einem guten Gegenüber für Ihre Überlegungen und Ihre Kunst?

Verglichen mit unseren eigenen Sinnen sind Spinnen taub und blind. Trotzdem wissen sie genau, wie sie ihre Netze an den Flug von Fliegen anpassen müssen. Sie gleichen kontinuierlich die Beschaffenheit ihres Netzes an die Körper und Flugbahnen der Insekten an, die sie fangen wollen. Das heißt, dass sie über einen sensorischen Apparat kommunizieren, den wir noch nicht verstehen. Sie empfangen die Welt auf einem uns noch unbekannten Weg. Diese Kommunikationsdrähte stehen viel zu sehr im Schatten unserer eigenen beschränkten Wahrnehmung.

Oktopusse haben denkende Arme, Schmetterlinge vererben ihre Reiseziele, die Welt der Tiere bietet viele Beweise dafür, dass unser Verständnis sehr limitiert ist.

Ich hoffe, dass die Besucher der Ausstellung in Paris anfangen werden, neue Verbindungen aufzubauen, indem sie von ihren visuellen Sinnen zu anderen Empfindungen geleitet werden. In dem Raum mit dem Werk, über das wir gesprochen haben, wird es allmählich dunkler, irgendwann ist das Licht ganz weg, und man kommuniziert nur noch über Taktiles und Akustisches. Man konzentriert sich auf eine andere Form der Sprache. Und dann wird man vielleicht auch empfänglich für die Schwingungen, die von ganz woanders herkommen, und versucht, auf sie zu reagieren.

Welche Erfahrungsräume gibt es noch?

Resonanz ist sehr wichtig. Donna Haraway benutzt den Begriff „ResponseAbility“, was mit der Fähigkeit zu antworten nur unzureichend übersetzt wäre. Es ist ein ethischer Imperativ, der mir gefällt. Es wird in der Ausstellung weitere dunkle Räume mit Kissen geben, und ich hoffe, dass Menschen wirklich einschlafen oder sich in diesen Zustand zwischen Realität und Traum, Science und Fiction begeben. Eine Art des entspannten Gewahrseins, eine neue Wahrnehmungsweise.

Obwohl Ihr Anliegen utopisch genannt werden kann, vermeiden Sie das Heraufbeschwören verlorener Paradiese. Stattdessen arbeiten Sie mit dem, was ist: Sonnenlicht, Luft, Wind.

Das Erste, was wir im Palais de Tokyo gemacht haben: all die Spinnen suchen, die dort leben. Wir fanden mehr als 500 Exemplare! Eine haben wir mitgebracht, sie webt da drüben ihr Netz. Es geht darum, Dingen und Wesen eine Stimme zu geben, die um uns herum sind. Ich arbeite auch mit Staub. Wir haben all diese Phobien, Spinnenphobie, Schmutzphobie … Ich würde gerne diesen Bestrebungen der Moderne, die Welt steril zu machen, etwas entgegensetzen. Wir wollen Keime und Bakterien loswerden, dabei müssen wir erkennen, dass wir aus ihnen bestehen. Unsere Körper sind Hybride, sie enthalten eine große Artenvielfalt.

Wir haben keine Übung darin, uns über Dinge jenseits unseres rationalen Horizonts zu äußern. Ist das nicht auch ein Sprachproblem? Spirituelles Vokabular ist im Besitz bestimmter Gruppen mit bestimmten Interessen. Brauchen wir neue Begriffe?

Das Aerozän wäre mein Vorschlag für das Zeitalter nach dem Anthropozän.

Sie haben es 2015 ausgerufen, als Ihnen und Ihrem Team der erste bemannte Flug mit einem Ihrer Ballons gelang – 70 Jahre nachdem die erste Atombombe gezündet wurde.

Wir sind dazu auch an genau denselben Ort gegangen, nach White Sands, New Mexico. Dort ließen wir eine Person in die Luft aufsteigen, und zwar nur durch von der Sonne erwärmte Luft im Innern der Skulptur. Als Nächstes planen wir einen freien Flug. Wir haben auch mit dem MIT zusammen ein Programm entwickelt, das wie ein Reiseplaner funktioniert: Man gibt Startpunkt und gewünschtes Ziel ein, und das Programm zeigt dann verschiedene Windrouten auf verschiedenen Höhen in den nächsten Tagen an. So könnte man per Jetstream in der Atmosphäre reisen. Aerocene ist eine Stiftung mit einer wachsenden Gemeinschaft, ein interdisziplinäres künstlerisches Projekt. Es soll neue Sensibilitäten schaffen und ein gemeinsames Vorstellungsvermögen für ein ethisches Mit einander mit der Atmosphäre und der Umwelt aktivieren. Auf praktischer Ebene geht es vor allem um die Verbreitung unserer LeichteralsLuftSkulpturen, die nur durch die Sonnenwärme und die Infrarot strahlung von der Erdoberfläche aufsteigen.

ABBILDUNGEN AUS DEM „COSMIC DUST CATALOG“ DER NASA, 1982


Ich habe das Computerprogramm gestern ausprobiert. In sechs Tagen von Berlin nach Davos, entlang des Himalaja und quer durch Nordamerika!

Es kommt sehr auf die Höhe und auf den Reisetag an, in den meisten Lagen geht der Wind nach Osten, aber auf geringerer Höhe kann man Winde mit ganz anderen Mustern erwischen. Man kann all diese Parameter in dem Programm einstellen. Es ist dazu da, den Leuten klarzumachen, welche Kräfte existieren und genutzt werden könnten. Außerdem soll es Spaß machen. Wir haben damit mal Al Gore von Davos aus nach Hause geflogen. Wir trafen ihn auf einer Konferenz und machten dann dieses Fallbeispiel mit ihm. Innerhalb von drei Tagen wäre er nur 150 Kilometer von seiner Heimat in Tennessee entfernt ge landet, ohne fossile Brennstoffe, nur auf der WindAutobahn.

Jeder weiß, dass man vermeiden sollte, zu fliegen. Sammeln Sie Meilen?

Jeder macht es, ich auch. Wir diskutieren gerade viel über alternative Belohnungsmodelle. Warum werden Leute nicht belohnt, wenn sie die Luft sauber halten? Können wir da ein anderes Wertesystem entwickeln, vielleicht eins, das nicht geldbasiert ist? Im Augenblick gibt es nur die Ökonomie auf Geldbasis, aber was wäre stattdessen mit Vertrauen, Fröhlichkeit, Solidarität? Dinge, die wir alle benötigen, für die es aber keine Währung gibt.

Sie sprechen oft auf Konferenzen außerhalb des Kunstbetriebs. Wie balancieren Sie Ihr künstlerisches Werk und Ihre Rolle als ökologischer Vordenker?

Ich war immer neugierig auf andere Disziplinen, aber ich finde es besonders faszinierend in der Ära von Trump, der aus dem Pariser Abkommen aussteigt. Irgendwie müssen wir anerkennen, dass ein großer Teil der Gesellschaft versagt hat, ebenso alle Disziplinen, von der Wissenschaft über die Kunst bis hin zur Politik. Wie wenig tun wir, nur um unsere Komfortzone nicht verlassen zu müssen! Meine Fragestellung ist: Wie können wir helfen? Wie ein bisschen freundlich und fürsorglich sein und der Politik helfen, etwas zu verstehen? Nur indem wir zusammen Erkenntnisse gewinnen, können wir eine neue gemeinsame Erzählung finden. Durch Storytelling verstehen, wo wir leben. In welchen neuen Konstellationen ließe sich dieses Versagen vermeiden? Es ist Zeit, gemeinsam an einer neuen Erzählung zu arbeiten.

Ja, aber ist es Kunst?

Kunst wird immer instrumentalisiert, um zu vermitteln, was die Wissenschaft herausgefunden hat. Als Übersetzer dieser einen Wahrheit. Aber wenn wir zusammenarbeiten wollen, ist es wichtig zu verstehen, dass wir keine Wahrheit haben. Keiner von uns, weder Kunst, Wissenschaft noch Politik. Wenn wir zusammenarbeiten, ist das, was wir uns gemeinsam vorstellen können, viel reicher. Zum Beispiel die Diskussion über künst liche Intelligenz: Es liegt nur in den Händen von sehr wenigen Leuten, diese Algorithmen zu entwickeln, die später niemand mehr versteht. Am Ende verstehen sie sie auch nicht mehr. Es ist wirklich schwierig, einen Diskurs zwischen den Disziplinen zu finden. Es braucht Zeit, um die Realität zu verstehen, anstatt die Entscheidungen einfach auszubaden, die einige wenige getroffen haben.

Ist das Museum der beste denkbare Ort für Ihre Arbeit?

Ja, das denke ich schon. Der Palais de Tokyo ist eine großartige Institution. Wir machen von dort aus auch viele Dinge, die nicht im Museum passieren. Am Tag der Eröffnung der Ausstellung in Paris macht in Argentinien eine Community ein paar Aktionen. Dort arbeiten wir mit Villa Inflamable und Aerocene zusammen und treffen konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität dort.


» Im Augenblick gibt es nur die ÖKONOMIE auf Geldbasis, aber was wäre stattdessen mit Vertrauen, Fröhlichkeit, Solidarität?« – Tomás SARACENO


Worauf ich hinauswill: Geht Ihre Mission über die Kunstwelt hinaus?

Lassen Sie mich das so sagen: Künstler müssen immer wieder darüber nachdenken, was Kunst sein könnte. Wir haben alle Grenzen verschoben, von Duchamp bis Pollock. Und ich versuche, Kunst als einen Ort zu sehen, an dem verschiedene Begegnungen stattfinden können. Einen Ort der Gedankenfreiheit. Sonst würde ich den Glauben an die Kunst verlieren. Ich widerspreche, wenn Leute sagen, meine Arbeit gehöre nicht in die Kunst. Man muss sich doch gar nicht festlegen darauf, was Kunst ist. Kunst ist immer ziemlich lebendig gewesen, abhängig davon, wer was zu einem Diskurs beiträgt. Ich sehe es als Aktualisierung dessen, was Kunst sein könnte.

„AEROCENE 10.4 & 15.3“, 2015, INSTALLATIONSANSICHT GRAND PALAIS WÄHREND DES KLIMAGIPFELS IN PARIS. Hintergrund: DETAILS VERSCHIEDENER NETZE, 2016


Sie haben zur Wissenschaft viele neue Erkenntnisse beigetragen. Den Spinnenexperten vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main haben Sie beigebracht, wie man ein Netz vermisst.

Ich arbeite schon lange mit Peter Jäger am Senckenberg zusammen, und diese produktiven wissenschaftlichen Dialoge wachsen weiter. Wir hatten einen PostdocStipendiaten des MaxPlanckInstituts, der uns ein Jahr im Studio begleitet hat, um die von mir mit der Technischen Universität Darmstadt entwickelte SpinnennetzScanningund Digitalisierungs technik zu erlernen. Diese SpiderScanningTechnik war ganz wichtig – es war das erste Mal, dass ein digitaler Scan von diesen komplexen und sehr empfindlichen Spinnennetzen gemacht werden konnte. Erst so konnten wir präzise 3DModelle bauen, um die Architektur zu studieren. Das Ver fahren ist auch Teil unserer Zusammenarbeit mit dem MIT, mit dem wir die Technik in einer neuen wissenschaftlichen Arbeit erweitert haben, die demnächst veröffentlicht wird. Diese Kooperationen haben viel Aufmerksamkeit sowohl von wissenschaftlichen Publikationen als auch aus der Kunst bekommen. Zum Beispiel hat das „Nature“Magazin, wahrscheinlich eine der wichtigsten wissenschaftlichen Zeit schriften, über meine Arbeit geschrieben.


»Wir wollen KEIME und BAKTERIEN loswerden, dabei müssen wir erkennen, dass wir aus ihnen bestehen« – Tomás SARACENO


Stimmt es, dass Sie die größte Sammlung von Spinnweben überhaupt haben?

Alle sammelten ja immer nur das Tier! Wie wichtig das Netz ist, geriet in Vergessenheit. Spinnen ohne Netz können nichts fangen oder essen, einige von ihnen würden selbst dann ver hungern, wenn man ihnen Insekten vorsetzte. Sie könnten sie außerhalb des Kontexts ihres Netzes nicht mehr verstehen. Wenn sie ein Netz bauen, konstruieren sie also quasi ihren eigenen Mund. Mich interessiert die Idee der erweiterten Körperwahrnehmung, das Netz als Erweiterung der Sinne, des Körpers und des Geistes der Spinne. Genau wie Menschen auch ohne Planeten nicht leben können. Und dennoch denken wir, dass wir uns vom Rest der Welt ab koppeln können. Das Netz ist eine Art Analogie oder Metapher für diese tiefe Verstrickung. Es zeichnet nach, wie wir alle voneinander abhängen.

TOMÁS SARACENO „ON AIR“, Palais de Tokyo, Paris, 17. Oktober bis 6. Januar 2019


Fotos: © Studio Tomás Saraceno, 2017, Courtesy the artist; Ruth Benzacar, Buenos Aires; Esther Schipper, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Andersen’s Contemporary, Copenhagen; Pinksummer contemporary art, Genoa. © Christoph Neumann

Foto: © Joaquin Ezcurra, 2017, licensed under CC by Aerocene

Fotos: © Studio Tomás Saraceno, 2016, Courtesy the artist, Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen’s Contemporary, Copenhagen, Esther Schipper, Berlin (vorherige Seite links). © Andrea Rossetti, 2016, Courtesy of the artist, Aerocene Foundation, Andersen’s Contemporary, Copenhagen, Ruth Benzakar, Buenos Aires, Tanya Bonakdar Gallery, New York, Pinksummer contemporary art, Genoa, Esther Schipper, Berlin, EDP (vorherige Seite rechts). © Andrea Rossetti, 2016, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin (vorherige Seite rechts, Hintergrund)

Fotos: Images from the Cosmic Dust Catalogue 1982, Vol 1, n. 2, NASA Johnson Space Center

Fotos: © Studio Tomás Saraceno, 2015, Licensed under CC by Aerocene Foundation 4.0, Made possible due to the generous support of Aerocene Foundation and Caroline and Eric Freymond, Courtesy Aerocene Foundation. Hintergrund: © Andrea Rossetti, 2016, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin.