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Tonträger


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 28.04.2022

Ann Wilson

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 5/2022

Fierce Bliss

★★☆☆

Die Stimme von Heart weiß immer noch, was Drama ist

Selbst in Nashville gilt schon länger:Anything goes. Weshalb auf den zweiten Blick kaum noch verwundert, dass auch Ann Wilson gern mal ein lokales Gast-Goldkehlchen engagiert, hier den supernetten, keinen Anruf ignorierenden Vince Gill, zuletzt mit den Eagles eher so semiglücklich. Als hätten sie die Eingangsthese vernommen, geht’s ran an einen Queen-Klassiker. Was dann aber doch keine so gute Idee war. Nicht weil Wilson und Gill an „Love Of My Life“ gesanglich scheitern würden – nein, das Stück eignet sich per se schlecht für ein Duett, weil ein imaginiertes Gegenüber die Abwesenheit einer Liebe halt besser darstellt als ein reales. Wobei: „When I grow older, I will be there at your side to remind you how I still love you.“ Vielleicht haben sie nur die Zukunft von einst zur Gegenwart gemacht. Altersmäßig haut das ja ...

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... inzwischen hin.

„Love Of My Life“ bleibt nicht das einzige Cover auf Ann Wilsons erst drittem Soloalbum. Ein umstandsloser Hardrock-Verschnitt von „Missionary Man“ (Eurythmics) etwa funktioniert ziemlich passabel. Aber anders als die beiden Vorgänger – leidlich geglückte Wilson-singt-allerlei-Veranstaltungen – rückt „Fierce Bliss“ auch die Songschreiberin Ann Wilson wieder ins Rampenlicht. Wobei zumal ihre Zusammenarbeit mit Warren Haynes (Gov’t Mule) Früchte trägt.

Warum? Weil diese Stimme immer noch Drama kann und auch mit fast 72 Jahren immer noch am besten ist, wenn sich das Drama langsam und machtvoll entfaltet. Sieht man nicht fast Russell Crowe aus den Katakomben kommen, wenn sich ihr „Gladiator“ auf die letzte Reise macht? „Angel’s Blues“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, während der Rest, angeführt vom bissigen Opener, „Greed“, als solide Classic-Rock-Kiste durchgeht und damit näher an Heart ist als ihre Cover-Stilübungen danach.

Dazu passt, dass Sie sich nicht verguckt haben: Dies ist wirklich ein neues Albumcover von Roger Dean. Vielleicht der richtige Moment, um mal wieder in diesem großformatigen Buch irgendwo da hinten im Regal zu schmökern. (Silver Lining)

JÖRG FEYER

The Black Keys

Dropout Boogie

★★★☆☆

Mit prominenten Gästen weiter im Traditionszug

Hohe Schlagzahl bei Dan Auerbach und Patrick Carney. Kaum zwölf Monate nach „Delta Kream“, ihrer erfolgreichen Selbsttherapie mit Blues-und Country-Coversongs, folgt bereits das nächste Werk. Und wieder gründeln die beiden mit prominenter Unterstützung tief im amerikanischen Mutterboden. „Wir haben in den letzten drei, vier Jahren versucht, unsere inneren ZZ Top zu kanalisieren“, scherzte Trommler Carney im amerikanischen ROLLING STONE. Er beschreibt damit den Verbleib des Duos im traditionellen Milieu und verweist gleichzeitig auf Sessiongast Billy F.Gibbons, der neben Greg Cartwright (Reigning Sound) und Angelo Petraglia (Kings Of Leon) im heimischen Easy Eye Sound Studio in Nashville dabei war. Die kernige Herrenrunde rührt Ursuppe an.

Man sollte sich von der Vorabsingle „Wild Child“ nicht täuschen lassen: Der hämmernde und durchaus partytaugliche Rock-&-Rhythmus-Track, der an ihre 2019er-Schelmenstücke auf „Let’s Rock“ erinnert, ist keineswegs repräsentativ – eher ein clever platzierter Reinzieher in die Sphären, die die Black Keys im 21. Jahr ihres Bestehens besetzen wollen.

Der aufreizend zähflüssige Blues- Jam „Happiness“ trifft es da weit eher. So sind von den zehn Songs des Albums neben „Wild Child“ bestenfalls noch zwei weitere im Rock-Segment angesiedelt: die transparente Midtempo-Nummer „How Long“, bei der selbst der Gesang ein wenig höher gestimmt erscheint, sowie das mit feinem Gespür angespielte „Your Team Is Looking Good“, das beim frühen Buddy Holly andockt. Der Rest geht weiter zurück in der Musiktradition. Man umkreist die pentatonische Tonleiter, durchaus variantenreich wie die JJ-Cale-mäßige Technik bei Gesang und Fingerpicking in „For The Love Of Money“, aber stets mit Tiefe. Und dennoch: ohne Risiko auf der sicheren Seite.

Die Black Keys sind zu versierte Musiker und auch zu ausgebuffte Typen, um hier Fehler zu machen. Sie bewegen sich auf bewährtem Terrain. Das machen sie gut, und das muss reichen. (Warner)

RALF NIEMCZYK

Machine Gun Kelly

Mainstream Sellout

★★☆☆

Viel Punkrock und etwas Rap als Hollywoodrevue

Als volltätowierter Spargeltarzan hat es Machine Gun Kelly in Hollywood zu erstaunlicher Popularität gebracht. Er ist Schauspieler, Rapper und Schrägorocker mit bipolaren Tendenzen. Und seit seiner Liaison mit Femme-fatale-Actrice Megan Fox auch Liebling des Klatschkosmos. Der Titel seines fünften Albums spielt selbstironisch darauf an. Musikalisch haut er weiterhin auf die Kacke, die meisten der 16 Songs sind Punk-Schoten. Riff und Chorus wie 1977, zum Mitgrölen auf der Poolparty. Gäste wie Lil Wayne begleiten ihn beim HipHop-Crossover. „Sid & Nancy“ gemahnt an das Ende des Sex-Pistols-Pärchens und verarbeitet auch die Liebeskriege mit seiner Megan. Ein Knallbonbon. (Universal)

RALF NIEMCZYK

Bloc Party

Alpha Games

★★★☆

Ein Comeback wie ein Triumphmarsch

Kele Okereke ist ein Chamäleon. Eben noch machte der Sänger Technopartys unsicher, einen Moment später präsentiert er sich als Musicalstar. Nun forciert er ein furioses Comeback seiner Band. Das sechste Album der Indie-Disco-Lieblinge mutet im ersten Augenblick wie ein nervöses Durcheinander an – dann entpuppt sich die Wandlungsfähigkeit jedoch als bis ins Detail ausgeklügelt.

So viele Breaks wie in „Callum Is A Snake“ haben Bloc Party noch nie in einem Song unterbringen können.Das folkige „You Should Know The Truth“ könnte von Kevin Rowland stammen, während „The Girls Are Fighting“ Glamrock mit Marschmusik kreuzt und Adam Ant herbeibeschwört. (BMG)

FRANK LÄHNEMANN

Willie Nelson

A Beautiful Time

★★★☆

Zum 89. Geburtstag: Rustikal und sentimental

Wohl dem, der sich zum 89. noch so ein Album schenken kann! Samt Präsent des Autorenteams Rodney Crowell/Chris Stapleton: „I’ll Love You Till The Day I Die“ oder Warum 20 Minuten manchmal 20 Jahre überdauern. Etwas Reue darf’s schon sein nach dieser Vita. Und es ist bewegend, wie Willie Nelson hier mit leicht angeschlagener Stimme in „A Beautiful Time“ oder „Dusty Bottles“ seine Vergänglichkeit zelebriert und dabei den Tao-Willie („Energy Follows Thought“) nicht vergisst. Er schreibt auch noch selbst und mit ungebrochenem Humor, mal rustikal („I Don’t Go To Funerals“), mal sentimental: „I just wanna leave you with a smile, even though that hasn’t always been my style.“ (Legacy/Sony)

JÖRG FEYER

Soft Cell

Happiness Not Included

★★☆☆

Elektro-Pop mit der Ahnung einstiger Klasse

„I remember a future“, lautet die erste Zeile, die Marc Almond singt. Doch es geht nicht um die Zukunft, die Soft Cell vor 40 Jahren mit ihrem sehnsüchtigen Elektro-Pop betraten, bloß um die üblichen Sci-Fi-Bilder. Schade, aber mit „Nostalgia Machine“ geht es wenigstens in den Club. Dave Balls Synth-Sounds sind etwas eckiger heute, die sleazy Weichheit ging schon in den Achtzigern verloren, als das Duo Lackleder und Psychic TV entdeckte.

In „Polaroid“ und „Nighthawks“ groovt Balls Minimalismus vortrefflich, im tuckernden Titeltrack wird eine Querflöte gesampelt, und „I’m Not A Friend Of God“ erinnert daran, wie umwerfend Soft Cells Balladen („Bedsitter“!) waren. Davon bleibt hier eine Ahnung. (BMG)

SEBASTIAN ZABEL

Chris Imler Operation Schönheit

Der fränkische Dandy erreicht seine Mission

★★★★☆

Ohne Chris Imler würde in Berlin vieles nicht funktionieren, Bands wie Die Türen oder Oum Shatt zum Beispiel, für die der fränkische Dandy die Trommeln rührt. Auch Peaches,

Patric Catani oder Jim Avignon verlassen sich praktisch blind auf die vielen Talente des Mannes mit dem schönsten Menjoubärtchen der Stadt. Nun veröffentlicht Imler mit „Operation Schönheit“ sein bisher bestes Soloalbum. „Dissapoint Me“ zieht Hörer mit frostigen Klangmaschinen unerbittlich in einen Tricky-Disco-Beat. Das rhythmisch und melodisch raffinierte „Movies“ entstand, wie weitere Stücke auch, mithilfe von Benedikt Frey und Jens Friebe. Eine Reise in ein etwas anderes Land of the Good Groove. Und eines Tages werden wir dazu auch wieder tanzen. (Fun In TheChurch)

JÜRGEN ZIEMER

The Head And The Heart Every Shade Of Blue

Vom Indie-Folk zu generalüberholtem Synthie-Pop

★★★☆☆

The Head And The Heart, das ist die Band, die 2011 mit überseekoffergroßen Arpeggien und wüsten Harmoniegesängen durch den Gehörgang die Scheiben zu unseren Herzen einwarf. „Every Shade Of Blue“, das fünfte Album der sechsköpfigen Band aus Seattle, reist bloß noch mit Handgepäck. Darin: massig Mainstream-Eifer und Auto-Tune-Politur. Beinahe jeder der 16 opulent produzierten Songs könnte Untermalung einer nächtlichen Freibad-Einbruch-Szene in einem Coming-of-Age-Film sein. Russell singt von sad girls, wrong girls und wrong years für sad girls wie ein alter Freund, dessen Umarmung auch mal wohltuender war. Retter: „Love We Make“ und „Love Me Still“, denn die klingen nicht nur nach Vanlife-Pop, sondern wie – The Head And The Heart. (Warner)

ANNE FLORACK

High South Peace, Love & Harmony Revisited

Zweite Lesung des dritten Albums der US-Harmonists

★★★☆☆

Frühjahr 2020: Mit dem dritten Album wollten High South jetzt aber so richtig abheben – und mussten am Boden bleiben. Zwei Jahre später ist das Trio nach dem Ausstieg von Phoenix Mendoza nicht mehr ganz dasselbe. Die noch mit ihm aufgenommene Musik freilich schon: Harmonieseliger Westcoast-Country-Pop der großen Sechziger-/Siebziger-Schule. „Revisited“ versammelt Highlights des Originalalbums („Leaving California“, „Make It Better“) in einem Live-Mitschnitt aus Woodstock. Dazu gesellen sich Alternativversionen (Titelsong, „Joshua Tree“), naheliegende Covers (Americas „Ventura Highway“) sowie eine Handvoll neuer Songs. „Slow Burn“ hat von denen nicht nur die schönsten Harmonies, es komprimiert auch gut die Bandhistorie. (SoulShine)

JÖRG FEYER

Kat Frankie Shiny Things

Glänzendes Protestalbum der Wahlberlinerin

★★★☆☆

Kat Frankie nannte ihr noch recht spartanisch instrumentiertes Debüt „Pocketknife“ (2007). Mit ihrer vierten Platte, „Bad Behaviour“ (2018), zelebrierte sie indes den cleveren Pop-Appeal. Diese charmant alarmierenden Albumtitel lassen es erahnen:Das neueste Werk der 1978 in Sydney geborenen Wahlberlinerin heißt zwar „Shiny Things“, widmet sich aber dem exakten Gegenteil. Frankie beklagt die Dekadenz weißer Privilegien („Spoiled Children“), inhumane Politikerarroganz („The Sea“) und die kapitalistische Ausbeutung der „Natural Resources“. Ein vielschichtiges, beherztes Protestalbum, das im Titeltrack barocken Pop à la Florence Welch kredenzt, mit „Wrong“ Radiohead huldigt und Fama M’Boup und Kenichi & The Sun zum Duett bittet.(Grönland)

INA SIMONE MAUTZ

Jon Spencer & The HITmakers

Spencer Gets It Lit

★★★☆

Erleuchtung durch Garagenrock-Explosion

War ja klar: Gegen den Todesstrahl haben nicht mal Superkräfte eine Chance! „All my brainpower, willpower, f lower power and mind-overmatter power“, setzt Jon Spencer ein, um zu konstatieren: „Hit me with your death ray! Suck it to me!“ Und überhaupt – will man sich wirklich gegen ihn wehren, gegen Garagenenergie, Freakbeats, Farfisa-Punk, und den an ferne Blues-Explosion-Zeiten Anfang des Jahrtausends erinnernden sexy Elan, den er heuer (zum zweiten Mal mit den teilweise aus Portland stammenden HITmakers) aufruft? Wieso sollte man das tun! Jon Spencer orientiert sich auf „Spencer Gets It Lit“ nonchalant an sich selbst und Captain Beefheart, und das reicht dicke. (Bronze Rat)

JENNI ZYLKA

Kurt Vile (Watch My Moves)

★★★☆

Wohltuende 75-minütige Massage für Kopf und Seele

Ein leicht bekifftes Anzählen, ein Synthesizer, der klingt wie ein abhebendes Raumschiff, eine verspulte Gitarre, ein Sänger, der wirkt, als wäre er noch nicht so ganz wach und vom Schmerz deliriert, der von seinem Hirn abprallt wie explodierende Steine, von den Gedanken, die Flipper spielen in seinem vom Gitarrenfeedback massierten Schädel. Kurt Vile präsentierte auf der ersten Single seines neuen Albums das reine Kopftheater. Denn er war viel unterwegs – in Gedanken. Während er am Fenster saß, Kaffee trank, las und Sun-Ra-Platten hörte. Diese Gelassenheit ist beneidenswert. Der Buddha des Indie-Rock und „(Watch My Moves)“: die entspannteste Abhängmusik, die sich denken lässt. Eine 75-minütige Massage für die geschundene Seele.(Verve/Virgin)

MAIK BRÜGGEMEYER

Die Andere Seite Epithymia

★★☆☆

„Metropolis“ für die Ohren von Tom Schilling

Nun auch noch Singen? Nein, bei Tom Schilling finden Musik und Theatralik fugenlos zusammen. Der Schauspielstar führt nicht sein Ego spazieren, verschwindet beim zweiten Album hinter dem Projektnamen mit morbidem Glanz. Ihm sei es 2019 beim Schreiben der Lieder nicht gut gegangen, bestätigt Schilling. Und so geht es um Tod, Verzweif lung, Angst, Lieblosigkeit. Seine sprachlichen Bilder wirken oft wie um ein Jahrhundert aus der Zeit gefallen, sehr expressiv. Der Sound dazu ist dröhnend, treibend, labyrinthisch, desperat. Ein wenig 16 Horsepower ohne Irrer-Prediger-Attitüde, etwas Element Of Crime (gerade gesanglich) und ein bisschen Rammstein-Drama ohne Geschnarre. Konsistent, steampunkig – wie Langs „Metropolis“ für die Ohren. (Virgin)

RÜDIGER KNOPF

Jesse Mac Cormack Solo

★★☆☆

Der nächste James Blake kommt aus Montreal

Es dauert nur Sekunden, bis man sich in der verschatteten Folktronica-Welt des zu Recht gehypten Kanadiers verliert. Der Musiker und Produzent wandelt auf den Spuren von James Blake, allerdings ohne dessen geniale Vertracktheit erreichen zu wollen (oder zu können). Mit wabernden Synthie-Teppichen, die manchmal Caribou sehr nahe kommen, unterlegt er auf seiner zweiten Platte sehr persönliche Erzählungen, die einem Therapiegespräch gleichen und davon künden, wie man sich selbst lieben lernen kann. Höhepunkte dieses zittrigen, hochspannenden Reigens von benommenen Tanznummern mit klagend-kehligem Gesang sind das psychedelisch angehauchte „L.A. Sky“ und die pulsierende Einführungsnummer „Blue World“. (Secret City/Cargo)

MARC VETTER

Taj Mahal & Ry Cooder Get On Board

Lebhafte Verbeugung vor einem wichtigen Blues-Duo

★★★☆☆

Der blinde Harpist Sonny Terry war just verstorben, als 1986 der Film „Crossroads“ anlief, mit seiner Version von „Crossroad Blues“ und dem Score von Ry Cooder. Wer sich in den 60er-, 70er-Jahren für Blues zu interessieren begann, kam nicht vorbei an Terry, Gitarrenpartner Brownie Mc-Ghee und ihrem Piedmont-Style. Wie leicht Blues klingen kann, ohne dabei nur leichtgewichtig zu sein, scheint in dieser lebhaften Feels-like-Wohnzimmer-Hommage auf, die Cooder und Taj Mahal nach einer Ewigkeit wieder zusammengeführt hat, subtil assistiert von Cooder-Filius Joachim (Bass/Drums). Okay, noch ein „Midnight Special“ hätt’s nicht gebraucht, aber bei Tracks wie „Deep Sea Diver“ oder „Packing Up Getting Ready To Go“ ist man schnell mit an Bord. (Nonesuch/ Warner)

JÖRG FEYER

Die Wände Die Wände

Post-Punk-Trio im Krautrock-Strudel

★★★☆☆

In Sachen Klangästhetik und Kompromisslosigkeit war „Im Flausch“ (2019), das Debütalbum des Berliner Trios, schon recht einnehmend. Auf dieser zweiten Platte werfen sich Die Wände noch leidenschaftlicher in die großen Krautrock-Strudel, beladen ihren Post-Punk mit Psych-Rock und verlieren sich in uferlos mäandernden Gitarrenepen. Allein der erste Track, „Die ewige Baustelle“, ein knapp viertelstündiger Sog, steht auf den Schultern von Giganten wie Neu! und Sonic Youth. Im angejazzten Instrumental „#191970“ offenbart sich allerdings ein Manko der Band: Ihre Lyrics wirken mitunter überflüssig, weil der Flickenteppich aus NDW-Versatzstücken und Hamburger-Schule- Slogans dem Rausch der Musik kaum etwas hinzufügt. (Glitterhouse)

MAX GÖSCHE

Kevin Morby This Is A Photograph

Mächtige Momentaufnahmen eines Memphis-Trips

★★★★☆

„If you go down to Memphis/ Please don’t go swimming in the Mississippi River“: Kevin Morby besuchte auf seiner Inspirations-Exkursion den Ort, an dem Jeff Buckley ertrank („A Coat Of Butterf lies“). Er pilgerte ebenso nach Graceland, einer weiteren prominenten Schnittstelle zur Vergänglichkeit, über die der Amerikaner so viel sinnierte, dass sein siebtes Album dabei entstand. „This Is A Photograph“ ist viel mehr als sepiafarbene Melancholie und begreift das Bewahren der kraftvollen Momentaufnahme als Keimzelle der Resilienz. Morby beschreitet die idyllischen Pfade zwischen Americana, etwa im Banjoumrankten Duett „Bittersweet, TN“,Singer-Songwriter-Nostalgie und Indie-Rock, garniert mit Field Recordings seiner Reise. Bildschön! (SecretlyCanadian)

INA SIMONE MAUTZ

Die Arbeit Wandel

Düsterer Post-Punk mit Botschaft aus Dresden

★★★☆☆

Das Coronavirus plagte auch diese erstaunliche Post-Punk-Band aus Dresden. Immer wieder verhinderte die Pandemie, dass die Songs ihres kühnen Debüts, „Material“, zur Aufführung kamen. „Dinge passieren“, wie Sänger Maik Wieden in einem der neuen Stücke lakonisch und im Gestus von Dirk von Lowtzow festhält. Nachschub musste her. Zwischen den bereits auf dem Vorgänger etablierten kühlen Wave-Gitarrensalven und einem aufs Wesentliche skelettierten Sound gibt es auch einen musikalischen Wandel; das einführende „Kaugummi im Haar“ hat einen schönen Bilderbuch-Touch. Schließlich geht es in diesen Songs aber um Neuland, oder wie es im Auftakt heißt: „Heute werden Ideen gemacht, wir bauen uns ein Haus daraus.“ (Undressed/Edel)

MARC VETTER

The Waterboys All Souls Hill

Neue Rhapsodien von Songschreiber Mike Scott

★★★☆☆

Mit immer noch größerer Geschwindigkeit bringt Mike Scott seine Platten heraus: Beinahe jedes Jahr erscheint ein Album der Waterboys. Niemand kann so viele gute Songs schreiben. Scott gibt manchmal den Hendrix und hat den elektronischen Loop als rhythmisches Transportmittel seiner Rhapsodien entdeckt. Deshalb klingen seine Anrufungen im charakteristischen Sprechgesang nun wie Van Morrison, der Schiller (nicht Friedrich) interpretiert, oder wie New Model Army, die Yeats deklamieren.

Es rauscht, es braust, es rumst. In der torkelnden Philippika „The Liar“ ruft Scott empört durch eine Flüstertüte und wird von „Breaking News“ unterbrochen: Zivilisationskritik von Roger Waters’ Grabbeltisch.

Es ist also manchmal recht eigentlich schauderhaft. Mike Scott flüstert, er barmt, er schwelgt wie seit vierzig Jahren. Seine bloße Stimme mit egal welcher Musik lässt Steine weinen. In „In My Dreams“ beschwört er Sly Stone, King Crimson und Amy Winehouse, so wie er früher Patti Smith und Lou Reed beschworen hat. „The Southern Moon“ und ein „Blackberry Girl“ taugen ihm für beredte Oden. „Hollywood Blues“ ist das eine sentimentale Stück dieser Platte, das man in eine erweiterte Mike-Scott-Sammlung aufnehmen würde, gäbe es nicht 124 Songs aus der „Fisherman’s Blues“-Periode. Scott ist nie verlegen um Kitsch. „When Dixie is playing, we all come marching in“, singt er in „Once Were Brothers“. Sehnsuchtschöre, schlotziges Gitarrensolo. In einem überkandidelten Kirmeslied verkündet er die Whitesnake-Parole „Here We Go Again“.

Acht Songs bereiten das eine Sück vor, das Scott eigentlich schreiben wollte: „Passing Through“, eine gemütliche neunminütige Talking-Blues-Meditation samt Mitsingchor aus dem Irish Pub, erkennbar von Leonard Cohen inspiriert. Scott singt über den Topos, um den es ihm immer geht: die Transzendenz der Existenz. „Sometimes happy, sometimes blue/ We’re only passing through.“ So sieht’s aus. (Cooking Vinyl/ The Orchard)

ARNE WILLANDER

Porridge Radio Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky

Fröhliche Klagelieder der gefeierten Indie-Rock-Briten

★★★★☆

Als im Frühjahr 2020 „Every Bad“ erschien, war die Euphorie beim britischen Hype-Organ „NME“ (und beim ROLLING STONE) berechtigt. Das Album der Band aus Brighton, die schon einiges im DIY-Modus veröffentlicht hatte, gehört zum Interessantesten, was die Musiklandschaft der Insel derzeit zu bieten hat. Doch es spülte den kreiselnden Punk-Pop des Quartetts um Sängerin und Songschreiberin Dana Margolin auch in Gefilde, an die sich Menschen mit Indie-Rock-Sozialisierung erst gewöhnen müssen. „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ verwandelt die Angst, einer breiteren Öffentlichkeit gegenüberzustehen, in einen kreativen Mahlstrom. Margolins Statement, die Songs sollten „stadium-epic like Coldplay“ klingen, ist natürlich Koketterie. Das Resultat klingt eher stadium-epic like Arcade Fire. Oder stadium-epic like Bright Eyes, wenn Conor Oberst je in die Nähe eines Stadions kommen würde.

„Back To The Radio“ schwingt sich zu einem verstörend fröhlichen Klagegesang auf. Porridge Radio wirken in überschwänglichen Momenten wie eine Selbsthilfegruppe von Suizidgefährdeten, die allen Frust herausschreien und danach ein Kinderlied anstimmen. Sie sind wie Apfelkuchen und Antidepressiva: Man weiß nie genau, was man bekommt und ob sich das eine mit dem anderen verträgt. „Trying“ und „Birthday Party“ lachen der Orientierungslosigkeit in die hässliche Fratze, stemmen sich mit hymnischen Harmonien und Jahrmarktsorgel gegen den freien Fall in die Paranoia. Die Art, wie Margolin noch die trübsten Emotionen in melodieverliebte Songs ummünzt, erinnert an The Cure. „End Of Last Year“ beschwört die anmutige Zerrissenheit von Marianne Faithfull herauf.

Überhaupt sind es die Balladen, die einem den Atem rauben, allen voran das todtraurige „Flowers“. Und trotzdem enthält diese Platte keinen Ton Selbstmitleid. Vielleicht weil Porridge Radio, egal durch welche Krise sie gerade schlingern, nie die Freude am Leben verlieren. (Secretly Canadian/Cargo)

MAX GÖSCHE

S. Carey Break Me Open

Persönlicher Ambient-Folk des Bon-Iver-Drummers

★★★☆☆

Dankbar sein, wenn die Ehe zerfällt, der geliebte Vater stirbt und die Kinder jeden Tag ein Stück entwachsen?Betrübliche Vertonungen der Midlife- Crisis gibt es viele, S. Carey wagt einen anderen Ansatz. Mit gezupften Geigen, Hörnern („Crestfallen“) und bei allem Pathos nie gespreizten Lyrics („Paralyzed“, über das immer erkenntnisgesättigte, aber rätselhaft bleibende Leben als Papa) singt er mit süßlichem Timbre so etwas wie Erlösung herbei und findet Trost in der Öffnung seiner negativen Gefühle („Waking Up“). Musikalisch ist das nicht weit von seiner Arbeit für Bon Iver entfernt, einem von Akustikgitarren angetriebenen und elektronisch verfeinerten Ambient-Folk. (Jagjaguwar/Cargo)

MARC VETTER

OK Kid Drei

Bedeutungsschwangere Crossover-Botschaften

★★★☆☆

Das Kölner Trio gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten Verdichtern von Rap und Rock. Nach Kunstpause nebst Labelwechsel bekommt nun die eigene Generation Mitte dreißig ihr Fett weg. Der Song „Hausboot am See“ beschreibt zu handgemachten Beats einen Junggesellenabschied, bei dem die Ansichten der alten Kumpels untragbar geworden sind. In „Kein Mensch“ wünscht man einem fiesen Querdenkertyp alles Schlechte an den Hals. Auch sonst ist der Woke-Faktor hoch. Das Korrektsein wirkt allzu bemüht, besonders in der düster schmachtenden Soundkombination. „Drei“ mag ein aufrichtiges Stimmungsbild der Band sein, die frühere Beweglichkeit im Kopf fehlt dennoch. (Music Is Okay)

RALF NIEMCZYK

Nichtseattle Kommunistenlibido

Intim-intensive Selbstunsicherheits-Poesie

★★★★☆

Eben noch ein Raubtier, ist sie plötzlich ein Fadenschein, klein und kalt wie ein Stein. Sie ist die mit den rutschigen Schultern und der schlechten Verkaufe, die, die im Streit mit der Welt ist und endlich so lange in den Arm genommen werden will, bis sie es nicht mehr braucht. Während draußen die Sprachverrohung wütet, erzählt Katharina Kollmann als Nichtseattle in Stücken wie „Ein Freund“, „Kommunistenlibido“ oder „Nachtvater“ erschütternd präzise und poetisch vom Sich-selbst-Infragestellen, beschert einem 50 betörend intensivintime Minuten. Mal spielt Sebastian Albin Schlagzeug, mal Frieda Gawenda Flügelhorn, meist aber stellt diese großartige Singer-Songwriterin ganz allein mit ihrer Baritongitarre ihre Selbstunsicherheit aus. (Staatsakt)

GUNTHER REINHARDT

Seratones Love & Algorhythms

Soul mit analogen Synths und Disco-Rhythmus

★★★☆☆

Auf „Power“ (2019) wendeten Seratones ihren Sixties-Garage-Rock in Richtung Soul. Man vermisste den Fuzz, freute sich aber an der edlen Produktion und dem fabelhaften Gesang von Frontfrau AJ Haynes. Auf diesem dritten Werk ist es der Soul, der einen Schritt zurücktritt. Stattdessen entwickeln Seratones ihre Musik mit Elektronik und analogen Synthesizern. Aber war die unbändige Kraft nicht der Trumpf? Man muss sich gewöhnen, entdeckt dann tolle Songs wie das dunkel-samtige „Dark Matter“, die erhabene Disco „Two Of A Kind“, den schweren Groove von „Get Free“ und den Gospel von „Power Of Your Light“. Haynes singt von Black Feminism und entschiedenem Glücklichsein als wirkungsvollstem Widerstand gegen eine aggressive Welt. (New West)

JÖRN SCHLÜTER

Kathryn Joseph For You Who Are The Wronged

Fragil und wuchtig: Die Schottin wagt einiges

★★★☆☆

Den sprechenden Titeln bleibt die Schottin aus Inverness auf ihrem dritten Album treu – und dringt gleich mal ins Herz der Finsternis vor: „What Is Keeping You Alive Makes Me Want To Kill Them For“ kreist mantragleich gut fünf Minuten um circa fünf Zeilen Text. Missbrauch aller Art begegnet Joseph auch in den folgenden zehn Songs ebenso klar wie empathisch. „And I will lick you clean, my love“, verspricht sie in „Bring To Me Your Open Wounds“. Die Fragilität der Darbietung – leiernder Kopfkissengesang, zart angetupfte Keyboardtasten – kontrastiert dabei verstörend mit der Wucht ihrer Sprachbilder. Wovon man nicht sprechen kann, darüber kann man singen? Vielleicht. Oder: „You can’t keep silent a mouth like yours“ („The Harmed“). (Rock Action/PIAS)

JÖRG FEYER

Knarf Rellöm Arkestra Kritik der Leistungsgesellschaft

Immer noch Hamburgs originellstes Allroundgenie

★★★★☆

Im Unterschied zu den vielen Diskursdichtern und -poppern, die über die Jahre aus den Partykellern der Hamburger Schule in die Berliner Ichbin-wichtiger-als-du-Szene wechselten, ist Knarf Rellöm noch dasselbe Allroundgenie. Einer, der im Team mit DJ Patex und Mittekill auch diesmal wieder die perfekte Balance findet zwischen lustvoll-sperrig (Arkestra!) und dem Talent, jede Party zu rocken. „Ich war ein Student, der Studenten hasste“, heißt es im wundervollen „Mein Leben, ein Roman namens Soul-Punk“. Im Anti-AfD-Hit „Say It Loud!“ fragt Knarf: „Was ist eigentlich mit den Spießern los, wieso wollen die alternativ sein?“ „Keine Diskussion, Percussion“ punktet mit feinstem Elektro-Dub – wie gemacht für den wiedereröffneten Golden Pudel Club. (Misitunes)

JÜRGEN ZIEMER

Lizzy McAlpine Five Seconds Flat

Berückender Indie-Folk, der traurig tanzen lernt

★★★☆☆

„Pull the plug in September/ I don’t wanna die in June/ I’d like to start planning my funeral/ I’ve got work to do!“ Mit bittersüßem Sarkasmus bereitet sich Lizzy McAlpine in der morbiden Folkballade „Doomsday“ auf das Ende einer toxischen Beziehung vor, macht einen langsamen Walzer zum Soundtrack ihrer Ernüchterung.

Auch sonst liebt es die US-Singer-Songwriterin auf „Five Seconds Flat“ düster, erzählt davon, dass sich Ehrlichkeit nicht lohnt („An Ego Thing“), oder träumt von ihrem Verschwinden („Erase Me“). In intim-detailreich produzierten Songs treffen dezente Dance-Grooves auf Indie-Folk, mal wird McAlpine zur Olivia-Rodrigo-Konkurrentin („Reckless Driving“), mal singt sie mit Finneas ein Vielleicht-Liebesduett („Hate To Be Lame“). (AWAL)

GUNTHER REINHARDT

Toro Y Moi Mahal

Psych-Rock mit Space-Funk vom Alleskönner Chaz Bear

★★★★☆

Ein Jahrzehnt, alle Musik: Seit Chaz Bundick alias Chaz Bear alias Toro Y Moi 2009 das Genre Chillwave erfand, hat er sich einmal durch die Stile gespielt. Sixties-Rock, Psychedelia, Elektro, House und hochmoderner R&B: Bears musikalische Begabung ist so elastisch, dass sie überall hineinpasst. Das neue Werk nimmt den psychedelischen Rock von „What For?“ (2015) und mischt ihn mit einem HipHop-informierten Space-Funk und einer Art Post-Rock. „The Medium“ hat die trippigen Sounds von King Gizzard, „Magazine“ könnte eine Single von Beck sein, der ultracoole – und lustige – Funk von „Postman“ und „The Loop“ erinnert an Sly & The Family Stone. Die Grundlage dieser Musik sind der Funk und ein tiefenentspannter Groove. Fabelhaft! (Dead Oceans/Cargo)

JÖRN SCHLÜTER

King Gizzard & The Lizard Wizard

Omnium Gatherum

Die Australier wie üblich überkandidelt

★★★☆☆

Das „Omnium Gatherum“ („Mischmasch“), das uns die australische Combo auf ihrem 20. Album in zehn Jahren serviert, ist so beeindruckend wie bekannt. „The Dripping Tap“ demonstriert das womöglich am besten:Ein über 18-minütiger, zappaesker Parforceritt durch Soul-und Neo-Prog-,Psychedelic-Pop-und Acid-Rock-Landschaften. „Gaia“ erweitert das Spektrum um Heavy Metal, in „Sadie Sorceress“ rappt es manierlich. „Evilest Man“ groovt fantastisch zu wummernden Synths. King Gizzard & The Lizard Wizard sind vor allem Klangmagier, die jeden populärmusikalischen Stil aus dem Hut zaubern können. Ihre Welt ist ein Panoptikum aus Röhrenverstärkern, Hammondorgeln, alten Mikrofonen und Vinylknistern.(Virgin)

MAX GÖSCHE

Cold Years Goodbye To Misery

Eine Rockband mit Tiefgang und etwas zu viel Pathos

★★★☆☆

Dieses schottische Trio, unterstützt vom Static-Dress-Drummer, teilt sicherlich mehr Gemeinsamkeiten mit My Chemical Romance als mit Wet Wet Wet. Obwohl die Band um Sänger Ross Gordon aus dem beschaulichen Aberdeen stammt, atmet jeder Ton ihres zweiten Werks den Duft der großen, weiten Welt. Das etwas überschüssige Pathos wird durch den unermüdlichen Einsatz von Schotten-Charme abgefedert. Dazu gesellt sich jede Menge Punk-Wut, die tiefer geht als beispielsweise bei Green Day und in den besten Momenten an Hüsker Dü erinnert. Cold Years schütteln so alles Belastende ab und schließen dabei den Hörer mit ein. Spätestens bei „Headstone“ und „Jane“ erwischt man sich beim Mitgrölen. Wunderbarer Eskapismus. (Inside Job/MNRK)

FRANK LÄHNEMANN

Belle And Sebastian A Bit Of Previous

Souveräner Stilmix der Meister des Indie-Pop

★★★★☆

Das schottische Langzeitprojekt für edle Gitarrensongs ist wieder da. 2015 erschien das letzte Album, und fast 20 Jahre sind vergangen seit dem fantastischen Symphonie-Pop von „Dear Catastrophe Waitress“. Bei den aktuellen Aufnahmen in Glasgow hatte die siebenköpfige Crew offenbar genug Zeit, um allerlei Rezepturen ihrer Kunst auszutesten. „Come On Home“ etwa ragt als fingerschnippendes Steely-Dan-Arrangement heraus, eine Zier für jede Yachtrock-Playlist. „Deathbed Of My Dreams“ ist ein niedliches Country-Wiegenlied, und „Reclaim The Night“ hat gar eine clubbige Elektro-Anmutung.

Stuart Murdoch und seine Crew frönen dem Stilmix, ohne die Orientierung zu verlieren. Ein souveräner Flow hält das Ganze zusammen, beim Gesang wechselt sich Murdoch mit Geigerin Sarah Martin ab. Wenn schließlich die finale Ballade „Working Boy In New York City“ anklingt, haben B&S ihren Parcours mit Eleganz und leichter Hand gemeistert.Ob die Hinwendung des Bandchefs zum Buddhismus etwas damit zu tun, lässt sich von hier aus schwer einschätzen. Souveräne Wiedergeburt jedenfalls. (Matador)

RALF NIEMCZYK

Red Hot Chili Peppers Unlimited Love

Friede, Freude, Frusciante: Die große Rückkehr

★★★★☆

John Frusciante ist zurück! Und Rick Rubin durfte auch wieder ran, jetzt wird alles besser respektive wie früher. Man fragt sich natürlich, was die RHCP einem nach 39 Jahren erzählen wollen. Aber die Botschaft in a nutshell steht im Titel: „Unlimited Love“, und ihr zwölftes Werk führt ihre Bad-Boy-Attitude ad absurdum.Liebevoll, harmonisch und beatlesk klingen sie – die Antennen, sagen sie, sind „attuned to the divine cosmos“, alle sind dankbar.

Der Refrain vom wunderbar synkopischen „The Great Apes“ setzt sich ohrwurmig fest: „All my love and half my kisses/ Superstars don’t do the dishes“, dichtet Kiedis, bevor Frusciante zeigt, dass er das Gretschoder Fender-förmige Herz der Peppers ist, zartbesaitet (ha!), soundlich opulent. Auf „These Are The Ways“ spielt er weiter auf Hendrix’ Grab, „Veronica“ jongliert aus (weiblicher!) Ich-Perspektive mit „She’s So Heavy“. Zugegeben, mindestens fünf Songs sind überflüssig, und es müsste den Mittfünfzigern mal einer sagen, dass das ewige „Girls“-Besinge beknackt rüberkommt – reden sie von ihren Töchtern? Aber das sind Marginalien. (Warner)

JENNI ZYLKA

Warpaint Radiate Like This

Wohltemperierter Dream-Pop, der immer besser wird

★★★☆☆

Es fühlt sich an wie ein Eintauchen in warmes Wasser. „Champion“, „Hard To Tell You“ und „Trouble“ umspülen einen mit wohltemperierten Harmonien, verschwimmen mit elektronischen Loops, tunken einen behutsam in ein Bad aus Indie-, Synthie-und Elektro-Pop, durch das sirenenhaft, ätherisch sanft die Stimmen von Emily Kokal, Jenny Lee Lindberg, Stella Mozgawa und Theresa Wayman hervortönen. Spätestens nach dem dritten Song hat das Quartett aus Los Angeles einen auf „Radiate Like This“ mit den meditativen Grooves eingelullt und in Trance versetzt.

Was gegen das Warpaint-Comeback (der Vorgänger, „Heads Up“, erschien vor sechs Jahren) dann doch vorgebracht werden könnte, ist, dass der Dream-Pop manchmal sehr nach Day-Spa und Entspannungsübung klingt („I’m an ocean/ Breathing in and out“, geht das „Champion“-Mantra), kaum den Tonfall wechselt und sich die besten Stücke am Ende verstecken: das mit Schrammelgitarre und Casio-Beat-Reminiszenz verzierte „Melting“ und das nüchterne „Send Nudes“, mit dem einen die Band aus der Badewanne rauszerrt. (Virgin)

GUNTHER REINHARDT

Emeli Sandé Let’s Say For Instance

Die R&B-Hitmaschine leichtfüßiger denn je

★★★★☆

Die Liste der Künstler, denen die Wahlschottin unkaputtbare Chart- Hits bescherte, ist fast noch länger als die ihrer eigenen Erfolge. So oder so – die britische R&B-Königin muss niemandem mehr etwas beweisen, und sich selbst schon gar nicht. Auf diese Weise begegnet man auf ihrem vierten Album einer Emeli Sandé, die sich von allen Erwartungen frei gemacht hat und eine neue Leichtigkeit verbreitet, an Gabrielle und Des’ree erinnernd, gepaart mit einer musterhaften Gospel-Eleganz. Noch mehr aber fällt bei den 16 neuen Songs ein ungewohnter Minimalismus auf.

Emeli Sandés Präsenz wird umso spürbarer, je mehr Instrumentierung und Arrangements skelettiert werden. Beispielsweise auf „Oxygen“, das von ihrer Stimme und den Beats des Producers Fallen lebt. Gesang fällt auf „July 25th“ gänzlich weg – und dennoch zerreißt diese Piano-Einlage einem das Herz. Sogar Britrapper Jaykae fügt sich auf „Look What You’ve Done“ organisch in Emeli Sandés neues Konzept ein. Die Konkurrenz wird sich sehr schwertun, dieses Jahr höhere Maßstäbe beim klassischen R&B zu setzen. (Chrysalis/PIAS)

FRANK LÄHNEMANN

Lydia Persaud Moody31

Der coole Folk-Soul der Kanadierin evoziert Großes

★★★★☆

Gibt’s das noch: ein Minialbum? Die Künstlerin aus Toronto hat hier eines gemacht, mit acht Stücken, die gerade mal rund 20 Minuten laufen, aber dabei maximale Wirkung entfalten.Persaud ist eine tolle Sängerin, cool, calm and collected, doch stets bereit, auch die Nuancen einer Melodie, einer Wendung, eines Wortes auszukosten. Dazu spielt sie eine Bariton-Ukulele, die etwa in „Think Of Me“ auch mal prominenter platziert wird, und lässt sich umspielen von einer vierköpfigen Band samt dezent gesetzten Backing-Vocals, derweil Songs wie „I Got You“ oder „Words For Her“ unbefangen im Lexikon der Liebe blättern. „Roberta Flack sitting in with Bill Withers’ band at a folk festival“, meint Produzent Scott Mc-Cannell. Kann man genau so sagen. (Next Door)

JÖRG FEYER

Hatchie Giving The World Away

Die Australierin verblüfft mit Neunziger-Soundmix

★★★☆☆

Neulich in der wunderbaren Hamburger Kleinraumdisco: Der blutjunge DJ überrascht mit vergessenen Perlen aus den späten 70er-und frühen 80er-Jahren – von The Normal bis zu Psychic TV. Alles Gute kommt nun doch wieder zurück, und das verbindet sein Handwerk mit Harriette Pilbeam alias Hatchie. Die wiederum wildert in den Neunzigern und mixt Slowdive, die Cocteau Twins und Curve mit Dubstar. Im Gegensatz zum Debüt von 2019 legt die Australierin mittlerweile eine Robin-mäßige Souveränität an den Tag, mit der sie sich auf eine höhere Ebene katapultiert. „This Enchanted“ schwebt daher wie der große Hit, den Dubstar nie hatten. Die Brücke zurück zum Lieblings-DJ? Eine gemeinsame Vorliebe für Garbage. (Secretly Canadian)

FRANK LÄHNEMANN

!!! Let It Be Blue

Neuer Schlaumeier-Dance-Pop aus Kalifornien

★★★☆☆

Dieses schrille Kollektiv führt einen weiterhin gern in die Irre. Zum Beispiel indem es „Let It Be Blue“ mit einer sanften Hippie-Folk-Ballade („Normal People“) beginnen lässt, dann aber für den Rest der Platte in den Nonstop-Dancing-Modus wechselt und Indie-Rock, Disco und Funk durcheinanderbringt. Und selbst am Ende des Albums lügen !!! einem noch frech ins Gesicht: „This is pop and it goes in your ears/ All that matters is you like it there“, heißt es in „This Is Pop 2“. Einfach nur Pop? Von wegen! Stets kommentieren, zitieren, dekonstruieren die Songs den Popdiskurs. „Panama Canal“ etwa will Outkasts „Shake it like a Polaroid picture“-Slogan überbieten, und der R.E.M.-Klassiker „Man On The Moon“ wird zu einer verdrehten Funk-Nummer. (Warp)

GUNTHER REINHARDT

Lucius Second Nature

Müder Allerweltspop über Alltagssorgen

★★☆☆☆

Sechs Jahre hat die New Yorker Band um die beiden Songschreiberinnen Jess Wolfe und Holly Laessig für ein neues Album gebraucht. „Second Nature“ handelt vom Heiraten und Kinderkriegen, von Scheidungen und Karriereunterbrechungen. Es geht also um die Nöte des gehobenen Mittelstands, wenn die Party vorbei ist. Und anscheinend hatten Lucius Mühe, aus dem emotionalen Ballast kreativ Profit zu schlagen. Ein paar funky Licks und Seventies-Hochglanzstreicher verstärken eher das Gefühl der Schwermut. „Heartbursts“ und „LSD“ schleppen sich wie Zombies durch die Ruinen dessen, was man einst Indie-Pop nannte. Die Disco-Hymne „Dance Around It“ wirkt trotz Unterstützung durch Brandi Carlile und Sheryl Crow kaum lebendiger. (Second Nature/Cargo)

MAX GÖSCHE

Fontaines D.C.

Skinty Fia

Die Iren zwischen Tradition und Punk-Avantgarde

★★★☆☆

Die Band gibt sich heimatverbunden.Das steht in schönem Kontrast zur Internationale der Globalisierung, die auch im Kulturbetrieb gern gesungen wird. Während „Dogrel“ (2019), das Debüt des Quintetts, von lauter tragikomischen Irlandfiguren bevölkert war, zog sich durch „A Hero’s Death“ (2020) ein Gefühl der Entfremdung: Was so passiert, wenn ein paar junge Menschen viel Zeit in Tourbussen, Hotelzimmern und Konzertsälen verbringen.

Mit „Skinty Fia“ feiern Fontaines D.C. nun ihre Heimkehr nach Dublin.Und sie erzählen Geschichten von Iren in der britischen Diaspora. Die irisch-gälische Sprache spielt eine zentrale Rolle. Das erste Stück heißt „In ár gCroíthe go deo“. Ein Bass pumpt. Ein Choral erhebt sich. Das Schlagzeug treibt alles einem furiosen Finale entgegen. Radiohead-Pathos scheint zum Greifen nah. Grian Chatten mahnt mit bebender Stimme: „Gone is the day, gone is the night, gone is the day.“ Der Song basiert auf dem realen Fall einer irischstämmigen Frau, die vor ein paar Jahren im englischen Coventry beerdigt wurde. Ihr letzter Wunsch, dass auf ihrem Grabstein „In ár gCroíthe go deo“ („Für immer in unseren Herzen“) stehen möge, wurde von der dortigen Kirche vereitelt. „Skinty Fia“ wiederum ist eine alte irische Redewendung – oder mehr ein Fluchen für alltägliche Situationen der Überforderung. Wie etwa im Titelsong, der von einer zum Scheitern verurteilten, von Drogen und Paranoia geprägten Beziehung handelt.Dazu vibriert ein Sound zwischen Pixies, Joy Division und Björk.

Fontaines D.C. sprengen mit diesem dritten Album ihre Post-Punk-Ketten. Sie werfen Fragen auf und Moralvorstellungen über Bord. Es geht um Traditionen und Identitäten – und darum, wie sie vernichtet werden. Der Protagonist in „Nabokov“, dem letzten Stück der Platte, opfert seine Unabhängigkeit für eine vermeintlich perverse Liebe: „Pain pure sky/ I’ll be your dog in the corner.“ Auch das ein schöner Gegenentwurf zur Ideologie des Individualismus. (Partisan/PIAS)

MAX GÖSCHE

Obongjayar Some Nights I Dream Of Doors

Aufregend vielschichtiger Future-R&B aus London

★★★☆☆

Ein Albumdebüt mit langem Anlauf:Der 28-jährige in London lebende Nigerianer hat seit 2016 drei EPs veröffentlicht. Die Liste der Künstler, die den Rapper und Sänger in ihre Studios eingeladen haben, spiegeln die Anerkennung wider, die er dafür erhielt. Richard Russell, XL-Chef und -Produzent, hat ihn schon 2017 in sein Projekt Everything Is Recorded geholt, er ist auf Little Simz’ ausgezeichnetem letzten Album zu hören, und auch US-Rapstar Danny Brown hat sich seines prägnanten Tons bedient.

Dabei ist Steven Umoh, wie er bürgerlich heißt, nicht leicht zu fassen.Seine Musik – hier wie zuletzt unterstützt von Produzent Barney Lister – mischt afrikanische Beats mit einem fein ziselierten elektronischen R&B und britischen Clubsounds, seine Stimmperformance bewegt sich mühelos von einem dunkel raspelnden nigerianischen Britisch zu luftleichtem Falsett, mal singend, mal in Spoken Words, mal eher rappend.

Mit tiefem Soul und opak beschwört er melancholische und zweifelnde Gedanken zu Identität und Männlichkeit, zu rassistischer Ausgrenzung und Kolonialismus. Aber er scheut sich auch nicht, die „Message In A Hammer“ zu packen und mit dem Selbstbewusstsein von Fela Kuti zu stampfenden Drums und einem wütenden Hummelbass die Schnauze voll zu haben. Meist jedoch hüllen sich die Sounds federleicht und komplex rhythmisiert um die Ohren wie Wolkenformationen.

Das eröffnende „Try“ wogt als herrlich schwelgerischer, clubbiger Afropop, „Wind Sailor“ wiegt sich in schwereloser, warmer Süße, und im Titelstück zerstäubt der Sound auf rätselhafte Weise unter einem dunkel bebenden Sub-Bass. Es gibt Momente, die wattig an James Blakes Post-Step-

Songwritertum erinnern, sacht rockfusioneske Motive und schimmernd gedämpfte Afrobeat-Buckel, und in die rasselnde Percussion fügt sich einmal auch sehnsüchtig Nubya Garcias Jazzsaxofon. Obongjayar ändert ständig die Richtung seines Prog-Souls, trügerisch sanft, fantasievoll und, ja, doch: sehr bezaubernd. (September/The Orchard)

MARKUS SCHNEIDER

Pink Mountaintops Peacock Pools

Strapaziöse Psychedelic-Rock-Variationen

★★☆☆☆

„I’m about to have a nervous breakdown/ My head really hurts/ If I don’t find my way out of here/ I’m gonna go berserk“, behauptet Stephen McBean in „Nervous Breakdown“, der „Peacock Pools“ eröffnet – und fasst damit nicht nur die Gemütslage seines hyperaktiven Ich-Erzählers zusammen, sondern auch die Hör-Erfahrung, die diese zwölf Songs hinterlassen. Denn das fünfte Album, das der Chef von Black Mountain unter dem Namen Pink Mountaintops macht, ist eine ziemlich anstrengende Angelegenheit. Die selbstgefälligen Psychedelic-Rock-Variationen strapazieren mit ihrer Übermotiviertheit die Nerven, der Eklektizismus ist in seiner Aufdringlichkeit kaum auszuhalten – da helfen auch keine Hommagen an Nikki Sudden oder John Carpenter. (PIAS)

GUNTHER REINHARDT

Patrick Watson Better In The Shade

Minialbum zwischen Kitsch und Kammerpop

★★★☆☆

Inspiriert von Schriftsteller*innen wie Virginia Woolf und Denis Johnson hat sich der kanadische Songschreiber in einen idiosynkratischen, von modularen Synthesizern umgarnten Kammerpop-Kokon eingesponnen. Der Titelsong evoziert die verstörend schöne Intimität von Antony And The Johnsons. In „Height Of The Feeling“, einem Duett mit der Sängerin Ariel Engle (La Force, Broken Social Scene), erkundet Watson den Zustand außerkörperlicher Erfahrungen; dazu sirren Elektroklänge, die sich ständig nähern und verf lüchtigen. Noch traumverlorener gerät „Blue“, ein liebestrunkenes Märchen für Menschen, die Kitsch nicht scheuen. Apropos Kitsch: „Ode To Vivian“, eine Hommage an die Fotografin Vivian Maier, ist kaum mehr als das. (Secret City/Cargo)

MAX GÖSCHE

Sharon Van Etten

We’ve Been Going About This All Wrong

Musikalisch souveräner Blick in die Dunkelheit

★★★☆☆

Den Unterschied zwischen „dark“ und „darkish“ zu kennen oder sich seiner überhaupt erst mal bewusst zu werden kann in tendenziell dunklen Zeiten schon helfen. Wir haben’s versaut. Und jetzt? Einfach mal genauer in die Dunkelheit schauen, empfiehlt Sharon Van Etten, die sich auf ihrem sechsten Album musikalisch souverän präsentiert. Die Palette reicht vom reinen Stimme-Gitarre-Zwiegespräch („Darkish“) über satten Elektro-Pop („Mistakes“, „I’ll Try“) bis zu ein paar orchestralen Manövern mit wohldosierten Industrial-Sounds. „Baby, don’t turn your back to me!“, fleht sie da in „Headspace“, lässt sich von Sehnsucht fluten („Come Back“) oder von der Verlustangst einer Mutter („Home To Me“). Letzter Fluchtpunkt? Existenzialismus: „Born“. (Jagjaguwar/Cargo)

JÖRG FEYER

Sigrid

How To Let Go

Etwa zu gefälliger Pop mit einer Dosis R&B

★★☆☆☆

Mit „Don’t Kill My Vibe“ eroberte die junge Norwegerin Sigrid Solbakk Raabe 2017 eine Menge Herzen. Die gleichnamige EP war Pop auf der Höhe der Zeit, gewürzt mit der richtigen Dosis R&B und einem smarten Sounddesign. Dazu die tolle Stimme der damals erst 21-Jährigen und eine Performance, die frisch war und Großes versprach. Das erst zwei Jahre später erschienene Debütalbum, „Sucker Punch“, bot dann leider doch nur Dutzendware. Auch „How To Let Go“ zeigt das unverkennbare Talent von Sigrid, doch die Songs bewegen sich allzu brav im Kanon des gefälligen Pop-Mainstreams. „Burning Bridges“, die musikalische Abrechnung mit einem Ex, sticht angenehm druckvoll hervor. Am Autoradio würde man jedenfalls nicht gleich den Sender wechseln. (Universal)

JÜRGEN ZIEMER

Baby Of The Bunch

Pretty But It Has No Use

Gelungenes Debüt der „Riot Wave“-Band

★★★☆☆

Die Band aus Dresden, Leipzig und Berlin positioniert sich auf ihrem Debütalbum als feministischer Riot-Grrrl-Act. Dass die vier Musikerinnen mehr im Magazin haben als ein paar anderthalbminütige Punkrock-Salven („Make Out“), wird spätestens mit dem unwiderstehlichen, an Sleater-Kinney und Le Tigre gemahnenden „Don’t“ deutlich. Sie verstehen es nicht nur hervorragend, ein Image zu kreieren, das so nonkonformistisch und kühn daherstolziert wie einst Liz Phair und Iggy Pop („I’m In A Band“) – sie schreiben auch Songs, die aus dem eintönigen Post-Punk-Einheitsbrei der männlichen Konkurrenz herausragen. Das schwärmerische „The Call“ und das gallige „Piss“ sind nur zwei Beweise für die Klasse von Baby Of The Bunch. (Revolver/Cargo)

MAX GÖSCHE

Wallows

Tell Me That It’s Over

Ungenierter Rock-Spaß vom Trio aus Los Angeles

★★★☆☆

Angetrieben von dem immensen Erfolg der Single „Are You Bored Yet?“ haben Wallows 2019 daheim in den USA einen erstaunlichen Lauf hingelegt, landeten weit oben in den Charts und freuten sich über Goldene Schallplatten. Nonchalanter Indie-Pop und Rock-Aplomb setzen auch auf diesem zweiten Album den Rahmen, in dem das Trio aus L.A. Stile ausprobiert und mit Zitaten spielt. Die von Ariel Rechtshaid (Vampire Weekend,Haim, Adele) üppig produzierten Songs haben jetzt mehr gleißend helle Synthesizer, fügen hier und da eine Eighties-Erinnerung hinzu und wirken weniger niedlich, dafür voluminöser und präsenter. Es ist fruchtige, ungenierte und achselzuckende Jungsmusik, die Schmetterlinge fliegen lässt. Vielleicht wird der Sommer ja schön. (Warner)

JÖRN SCHLÜTER