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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 25.05.2022
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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 6/2022

Husten Aus allen Nähten

★★★★☆

Grandioses Debüt der Band um Gisbert zu Knyphausen

Wer schon einmal versucht hat, nicht in die Konzertsaalstille hineinzuhusten, weiß: das Unterdrücken der Dringlichkeit ist um ein Vielfaches anstrengender als das Husten selbst. Bei der gleichnamigen Band geht es genau darum: das Dringliche, aber auch das Unabwendbare zu beleuchten – mit Nebelscheinwerfern, Grubenlampen und Wunderkerzen. Gisbert zu Knyphausen, Bassist und Produzent Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks, Fehlfarben) und Gitarrist Tobias Friedrich (man beachte auch seinen im März erschienenen Roman „Der Flussregenpfeifer“) haben ihr Debüt „Aus allen Nähten“ genannt. Im Titeltrack heißt es: „Hier ist jemand/ Dessen Liebe für dich/ Platzt aus allen Nähten.“ Die Option auf Erfüllung verwelkt nur allzu oft im Korsett banger Zurückhaltung.

Die zehn Songs halten nichts zurück und sogar noch mehr, als die ...

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... seit 2017 veröffentlichten vier Husten-EPs versprochen hatten. Es geht um die Wucht des Angestauten, wie im polternden Hamsterrad-Punk von „Ja im Sinne von Nein“, um den plötzlichen Aufprall im Schicksalsgebirge („Der hier wird weh tun“) und um die Sehnsucht nach dem Silberstreif am Horizont. Erhabene Streicher eröffnen das Album und inszenieren ein monumentales Nahtoderlebnis („Weit leuchten die Felder“). Hingabe ist Erlösung, und Gisbert zu Knyphausens Stimme trägt diese Hingabe in jeder Silbe. „Manchmal träum ich von Träumen“ heißt der ergreifendste Beweis – Indie-Rock mit Panorama-Melodiebögen.

In „Maria“ besingt der Protagonist zu einem kathartischen Kirchenglockenbeat seine bislang nur gedanklich gezeugte Tochter. Der zukunftsversüßende Lichtblick muss im eigenen Kopf zur Welt kommen! So schön wie ausgedacht ist das Duett mit Sophie Hunger („Dasein“), im sanften Sixties-Gewand mit Motown-Applikation. Das Finale, „Am Ende der Stadt steht ein gelbes Haus“, führt in ein idyllisches Aussteigerparadies, das man ganz ohne Nahtodnavigation erreicht. Man muss sich nur trauen, seinem alten Leben was zu husten. (Kapitän Platte)

INA SIMONE MAUTZ

KICKS

FAVORITEN AUF 33 – VON WOLFGANG DOEBELING

Freakons Freakons

★★★★☆

Die bewegenden Szenen der Gemälde, die das LP-Cover zieren, berichten vom schweren Los der Bergarbeiter, von Leid und Elend, Ausbeutung und Widerstand, in kühnen Farben, erstarrt in kämpferischen Posen. Es sind Illustrationen von Liedern, die ihren Ursprung beiderseits des Atlantiks haben, in Kentucky oder Yorkshire, in West Virginia oder Wales, mit Empathie aufgeladen vom musikalisch symbiotischen Bündnis aus Freakwater und den Mekons, aus den herzzerreißenden Old-Timey-Harmonies von Catherine Irwin und Janet Beveridge Bean einerseits und der im Britfolk verwurzelten Stimmgebung von Jon Langford und Sally Timms. Auf einigen Tracks durchdringen die Traditionen einander, andere stehen ungebrochen in einer Überlieferung. „Dreadful Memories“ etwa sind Freakwater pur mit Janet & Catherine als Hazel & Alice: „How we lived down in Kentucky/ Died from hunger and from cold.“ Auch um Arbeitsbedingungen geht es, um politische Machenschaften, schwarze Lungen, Grubenunglücke, erbittert geführte Streiks und immer wieder um Naturzerstörung. Die dabei in Bild und Ton erhobenen Forderungen gegen die Stilllegung von Bergwerken kennzeichnen den Zyklus als einer Vergangenheit zugehörig, die von den Klimaschäden durch Verbrennung fossiler Brennstoffe noch wenig wusste. Was die emotionale Wirkung dieser gedankenschweren Songs natürlich nicht im geringsten schmälert. (Fluff & Gravy)

Brennen Leigh Obsessed With The West

★★★☆☆

Western Swing ist in Texas Volksmusik, Bob Wills bleibt im Lone Star State bekanntermaßen über den Tod hinaus König, und Asleep At The Wheel gelten als ehrbare Verwalter seines Erbes. Nun hat sich Brennen Leigh aus North Carolina, derzeit wohnhaft in Nashville und bislang eher dem Bluegrass verbunden, im Jazz-affinen Genre betätigt. Etwas Neues, beteuert sie, sei das für sie aber keineswegs, schon seit früher Kindheit habe sie ein Faible für Western Swing. Man möchte ihr die Obsession abnehmen, wenn sie so gekonnt übers Parkett schiebt mit einem so ingeniösen Vierzeiler: „I been sober fifteen years/ I walk a real straight line/ But if Tommy Duncan’s voice was booze/ I’d stay drunk all the time.“ Da fliegen die Ten-Gallon-Hats, zumal auch Asleep At The Wheel mit von der Two-Step-Partie sind. (Signature Sounds)

Zachary Mills Waltz On W Street

★★★☆☆

Der Fiddler aus Vermont nimmt sich auf seiner Debüt-LP vierzehn mitreißender Jigs, Reels und Breakdowns an, zumeist irischen oder bretonischen Ursprungs. Oder so selbst komponiert, dass man schwören könnte, es würde sich auch hierbei um keltische Traditionals handeln. Gesungen wird nur ausnahmsweise, dafür schön getragen von Kirstie Lynn, die das epische „Shenandoah“ mit schwermütiger Stimmlage interpretiert. Zu den herausragenden Tracks gehören auch das mit 1:34 nicht eben überlange „The Chopper“, dessen Fiddle-Riffs aus dem Bogen schnellen wie Pfeile, und das melodisch hübsche, harmonisch untröstliche „Baby’s A Leavin’“. (Bandcamp)

Everything Everything Raw Data Feel

★★★☆☆

Indie-Elektropop aus den Gehirnen der KI

Das Art-Pop-Quartett aus Manchester legt auf seinem sechsten Album einen erstaunlichen Zurück-in-die-Zukunft-Stunt hin. In den 80er-Jahren wären sie mit ihren Elektro-Pop-Disco-Tracks – mal melancholisch, mal überdreht – kaum aufgefallen zwischen Alphaville, Howard Jones oder Thompson Twins. So aber knallt ihr angeblich unter Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz zustande gekommener Sound-Entwurf deutlich heraus. Jonathan Higgs kann standesgemäß im Falsett singen, ansonsten schmachtet er mit Midtempo-Tremolo durch ein retrofuturisches Universum. „Metroland Is Burning“ oder „My Computer“ sind digitale Märchen mit analogen Tränen. Merkwürdig weichlich und dabei eine radikale Anti-Machismo-Interpretation des Roboterwesens. (AWAL)

RALF NIEMCZYK

Wallis Bird Hands

★★★☆☆

Perkussive 80er-Beats und emotionale Unmittelbarkeit

Für ihr neues Album vertraute Wallis Bird erstmals einem Produzenten, statt allein zu entscheiden. Philipp Milner (Hundreds) entwickelte für „Hands“ ein perkussives, zu gleichen Teilen an den 80er-Jahren und aktueller Indietronic geschultes Sounddesign. Es ist viel Platz in diesen sparsamen Arrangements, die Wallis Bird mit einer enormen Präsenz füllt. Kämpferisch in dem Uptempo-Eighties-Pop „I Lose Myself Completely“, sehnend in „The Power Of A Word“, funky in „F.K.K. (No Pants Dance)“, elegant und sanft in „I’ll Never Hide My Love Away“. Die konsequent umgesetzte Produktionsidee, das spannende Songwriting, die emotionale Unmittelbarkeit: man hat den Eindruck, dass diese Musik in einem einzigen, kreativ dichten Moment ent-

zigen, kreativ dichten Moment entstand. (Mount Silver)

JÖRN SCHLÜTER

The Dream Syndicate

Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions

★★★★☆

Die beste Reunion der letzten Dekade geht weiter

Man kann The Dream Syndicate kaum genug dafür loben, dass sich ihre ab 2017 auch im Studio vollzogene Reunion nicht im üblichen Aufguss alter Wärmebäder erschöpft hat. Hier war eine Band, die tatsächlich noch mal bereit war, kalt erwischt zu werden, zumal auf dem letzten Album, „The Universe Inside“, einem erstaunlichen Jazz-Prog-Psych-Klumpen, den die Band wohl schon immer in sich trug, aber erst in ihrer zweiten Inkarnation so kompromisslos vom Band lassen konnte.

Trotz flirrender Auftaktsignale ist das vierte Werk im zweiten Leben des Dream Syndicate nun wieder ein reines Song-Album geworden. Das beginnt solide mit „Where I’ll Stand“ und dem fast lasziven Understatement von „Damian“. „Beyond Control“ führt dann exemplarisch vor, wie DS 2 ein verführerisches Intro in ein von Dennis Duck souverän angetriebenes Clockwork Psychedelia überführen.

Darüber cool Steve Wynn, der sich auch da jeder billigen Emotionalisierung entzieht, wo es naheliegt. „This is what it looks like when you don’t belong anymore“, hebt er an. Nein, kein Drama, kein Big Bang, „it just finds you unlike you were before.“ Ja, unheimlich, wie schnell sich alles ändern kann, „Hard To Say Goodbye“ bringt diese Profanität des Vorhernachher seelenruhig auf den Punkt.

Dürfte kein Begräbniskandidat werden, weil Trost ohne Pathos nur bedingt konsensfähig ist – genau wie dieser geübt spöttische Unterton, den Wynn im knackigen „Trying To Get Over“ anschlägt. Allein dieses „Well“, bevor Jason Victor ein bisschen von der Leine darf. Auch die Gitarrenwand von „Every Time You Come Around“ zitiert DS 1, derweil der Kehraus „Straight Lines“ mit lustigem Farfisa-Trash von Neumitglied Chris Cacavas aufwartet. Unbedingt zu erwähnen: „My Lazy Mind“, eine leise Reise in den Schmerz und die Erinnerungen, die man nie hatte. Ein Trotzdem gegen alle Evidenz, paradox: „The stain remained, the loss is gained.“ Ein Verlust gewiss, hätten sich The Dream Syndicate nicht zur Reunion entschieden. (Fire)

JÖRG FEYER

Mavis Staples & Levon Helm

Carry Me Home

★★★☆☆

Farewell-Session für einen Großen mit einer Großen

Wäre der eine nicht schon zehn Jahre auf der anderen Seite, müsste man eine himmlische Paarung verkünden. Als Mavis Staples im Sommer 2011 nach Woodstock gereist war, um ihren Midnight Ramble mit/bei Levon Helm zu bestreiten, stand auch „This May Be The Last Time“ (Staple-Singers-Version) auf der Setlist. Dessen bittersüßer Nachklang wird unter Staples’ Präsenz und der lockeren Wucht der Hausband schnell leiser, die in „Farther Along“ (a‐cappella mit Chor!) auch mal schweigt. Dazu: „You Got To Move“, beschwingt und nicht, äh, sklavisch nah am Fred-McDowell-Original, gefolgt von Dylans „You Got To Serve Somebody“. Zu guter Letzt: „The Weight“. Zum letzten Mal auch mit dem schon angeschlagenen Sänger, der den Song längst unsterblich gemacht hatte. (Anti)

JÖRG FEYER

Horsegirl

Versions Of Modern Performance

★★★★☆

Als kämen Sonic Youth frisch von der Highschool

Es poltert, brummt und pfeift – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, Sonic Youth sind zurück. Penelope Lowenstein, Nora Cheng und Gigi Reece füllen ihr Debüt, „Versions Of Modern Performance“, so cool mit Feedbackgitarren und störrischen Song-Ungetümen, mit No Wave, Post-Punk und Noise-Rock, als würden sie das schon seit Ewigkeiten machen – dabei kommen sie frisch von der Highschool. Zwar ist es offenbar dem guten Musikgeschmack von Lowensteins Vater zu verdanken, dass Horsegirl Sonic Youth entdeckt haben.

Wer das Trio aus Chicago aber für eine niedliche Mädchenband hält, die Musik für ihre Eltern macht, liegt falsch. Dazu sind Songs wie „Anti-Glory“, „Live And Ski“ oder „Billy“ viel zu gut. Ein sensationelles Debüt! (Matador/Beggars)

GUNTHER REINHARDT

Hercules & Love Affair

In Amber

★★★☆☆

Die dunkel-experimentelle Seite des Disco-Meisters

Lange Zeit stand das Soundprojekt des New Yorker DJs Andrew Butler im Zeichen lebenspraller Retro-Disco. Kaum ein Konzert endete ohne Party-Polonaise, knallbunt und queer.

Doch Butler kann auch anders. Seit „Poisonous Storytelling“, einer ersten Zusammenarbeit mit Transgenderwesen Anohni, fächert sich eine neue Schattenwelt auf. Fordernd intensive Songs, ein Titel heißt „Killing His Family“. Die Sequenzer und das Schlagwerk von Siouxsie-Drummer Budgie kommen gebrochen daher.

Die sakrale Atmo („Christian Prayers“) erinnert an die Aura von Dead Can Dance. Schweben statt Tanzen heißt die Botschaft. Einzig „One“ steigt mit einem Club-Boogie ein, doch auch der bleibt zickig. Hercules und seine dunkel-abgründige Seite. (Skint/BMG)

RALF NIEMCZYK

Jimi Tenor

Multiversum

★★★★☆

Opulenter Funk-Jazz-Elektro-Mix vom Exzentriker

Mit genial primitiven Elektro-Tracks wie „Take Me Baby“ feierte der exzentrische Finne auf der Love Parade und in den Techno-Clubs der Neunziger seine ersten Erfolge. Heute spielt Jimi Tenor mit Big Band in der Elbphilharmonie. Ohne Anbiederung oder Kompromiss – denn von Anfang an gab es in seiner Musik eine starke Affinität zum Jazz, vor allem zur spirituell kosmischen Variante von Sun Ra, dessen „We Travel The Space Ways“ er bereits 1994 coverte. „Multiversum“ klingt opulent und komplex – wurde aber im Alleingang im Homestudio in Helsinki eingespielt. Hier werden Genres wie Funk, Jazz, Afrobeat und Electronica virtuos, sinnlich und melodisch miteinander verquirlt. Das Ergebnis ist ein spritziges Mixtape, dem man stundenlang zuhören möchte. (Bureau B)

JÜRGEN ZIEMER

Steve Earle & The Dukes

Jerry Jeff

★★★☆☆

Mehr als Mr. Bojangles: Earle interpretiert Walker

Nach „Townes“ und „Guy“ schließt Steve Earle seine Ahnengalerie mit „Jerry Jeff“. Walker, einziger Wahltexaner im Trio, ging vorletzten Oktober zuletzt, kam aber zuerst, damals mit vierzehn, als sein Theaterlehrer Earle „Mr. Bojangles“ reichte. Der viel gecoverte Klassiker hat oft den Blick darauf verstellt, wie prächtig der New Yorker auch jenseits davon zarte Poesie und handfeste Lebensphilosophie vereinte. Sein Interpret konzentriert sich mit „Gypsy Songman“, „Charlie Dunn“, „My Old Man“ etc. auf das Frühwerk bis „¡Viva Terlingua!“ (1973), was naheliegt, da Walker zunehmend interpretierte, statt selbst zu schreiben. Aber seine räudige Seite ist etwas unterrepräsentiert. An „Hairy Ass Hillbillies“ oder „Pissin’ In The Wind“ wäre Earle kaum gescheitert. (New West)

JÖRG FEYER

Mallrat

Butterfly Blue

★★★★☆

Die Australierin bringt Pop auf den neuesten Stand

Das ist Pop 2022! Noch vor Kurzem hockte Grace Shaw alias Mallrat in ihrem australischen Kinderzimmer und verarbeitete ihre Teenagerträume musikalisch. Nun zaubert sie ein Debüt aus dem Ärmel, das sich „larger than life“ ins Pop-Universum beamt.

Wie selbstverständlich verbindet sie einander eigentlich beißende Einflüsse zu organischem Wohlklang. Mallrat frischt die Modernität einer Marina Diamandis auf, zeigt selbst Lana Del Rey deren altersbedingte Grenzen, präsentiert sich als vielschichtigere Lily Allen sowie als reife Version von Benee. Klassische Folk- und Country-Elemente, auch bekannt in der Form von Florence Welch, treffen auf verspielte HipHop-Beats und Kinderchöre, die Azealia Banks so beeindruckten, dass sie dabei sein wollte. Groß! (Nettwerk)

FRANK LÄHNEMANN

SHORT CUTS

KURZKRITIKEN – VON MARC VETTER

Das Paradies Transit

★★★★☆

Die Songs von Florian Sievers sind, das zeigt seine zweite Platte noch eindrucksvoller als der Haken schlagende Anführungszeichen-Pop des Debüts, „Goldene Zukunft“, begehbare Klangräume, in denen einem mehr entgegenrauscht, als zunächst aufgesogen werden kann. „Rosa Luft“ etwa, Sven Regener an der Trompete und Traurigkeit, die wie Coca-Cola perlt. Sprachspielereien natürlich auch, weil Sievers es mit großer Leichtigkeit beherrscht, Wörter und Sinneinheiten zu collagieren. Dabei dient das Studio in Leipzig als Experimentierlabor, irrlichternde Elektro-Rhythmen und softes Geplucker umrahmen diese Reise ins Unbekannte. Es ist fast eine deutsche Pop-Utopie. (Grönland/Rough Trade)

PM Warson Dig Deep Repeat

★★★☆☆

Der tänzelnde Northern Soul des britischen Songwriters tendierte schon auf dem Debüt zu viel Freimütigkeit und war bei aller Exzentrizität erstaunlich abgeklärt. Nun gibt’s weitere Blues-Schattierungen und kapriziösen Vintage-Sixties-Rock – mit Stil! (Légère)

Rolling Blackouts Coastal Fever Endless Rooms

★★★☆☆

Die dritte Nummer der Australier kommt dem großen Wurf schon recht nah: Zwischen wirklich sehr selbstbewusstem Gitarrengeschnacksel („Tidal River“) platzieren die Musiker empyreische Jams („Dive Deep“) und eine sanfte Prise Weltangst. (Sub Pop/Cargo)

t Pareidoliving

★★★☆☆

Thomas Thielen trägt für sein neues Werk dick auf: Zwischen gleißenden Prog-Pop-Polituren thront das ziemlich massige „The Scars Of The Sky“. Neben natürlich betont epischen Songs gibt es aber zum Glück auch Versonnenes („The Idiot’s Prayer“). (GEP)

Leyla McCalla Breaking The Thermometer

★★★★☆

Im Lichte afrokaribischer Klangkunst setzt die haitianisch-amerikanische Sängerin ihrem Heimatland ein historisch-musikalisch anspruchsvolles Denkmal mit Archivschnipseln des ersten unabhängigen Radiosenders Haitis in kreolischer Sprache. (Anti)

Dekker I Won’t Be Your Foe

★★☆☆☆

Mit einem Hut schützt sich der zurückhaltende Sänger vor falschen Blicken, seine etwas trieblose Musik lebt von emotionaler Durchlässigkeit. Hauptimpuls für seinen ruhigen Folk-Pop ist Freundlichkeit, die hier auch (Selbst-)Fürsorge meint. (Wagram Stories)

Andi Fins Don’t Call Me, I’ll Call You Soon

★★★☆☆

Wer so elegant die Sonne scheinen lassen kann wie der Bayer-Berliner in „Lichtblick“, der findet auch für die Widersprüche im Leben die richtigen Metaphern („Nie mehr“, Ikea). Der Keyboardkünstler ist ein zartfühlend-gewitzter Pop-Songwriter. (From A Mountain)

Stars From Capelton Hill

★★★☆☆

Nach einem halben Jahrzehnt Pause bauscht sich der immer schon wendungsreiche Indie-Pop der Kanadier mit Wohligkeit auf. Einmal mehr wird bei den Stars kräftig ins Britpop-Regal gegriffen, wobei der warme Klang eine gehörige Portion Wehmut entblättert. (Last Gang)

Automatic Excess

★★★☆☆

Der zuweilen eisige Retrofuturismus-Sound der Band aus Los Angeles gibt sich auf Platte Nummer zwei als mal düsterer, mal sexy-verspielter Garagen-Pop aus dem Computer, der wie ein Soundtrack für einen Postapokalypsen-Anime daherkommt. (Stones Throw/PIAS)

Craig Finn

A Legacy Of Rentals

Delikate Songs und Storytelling mit Streichern

★★★★☆

Ach, dieser Mann könnte das Blaue vom Himmel erzählen oder nur schwer Danteskes aus der Hölle – ich würde Craig Finn trotzdem zuhören wollen! Es ist dieser Ton: empathisch, ohne gefühlig überwältigen zu wollen. Es ist seine Fähigkeit, mit zwei Zeilen eine ganze Welt aufscheinen zu lassen. „I was born down in the ’handle, I was brought up by the strap.“ Mehr muss man über „The Amarillo Kid“ fast nicht wissen. Und will dann erst recht mehr wissen.

„A Legacy Of Rentals“ beschwört in zehn Szenarien die Kraft und Macht der Erinnerung. Weil sie denn doch das Einzige ist, was bleibt von unserem gemieteten Dasein, egal wie verzerrt, verdreht, geschönt auch immer. Ja, vielleicht gerade dann, wenn sie besonders trügerisch daherkommt. „I swore we rode some horses. (…) She said I mostly sweat the bed, dripping wet with doom and death.“ Mit „Never Any Horses“ findet das Album seinen Spannungsbogen wieder. Statt der R&B-Kulisse des Vorgängers, „I Need A New War“, stattet der Hold-Steady-Chef sein Werk nun mit Sängerinnen und einem 14-köpfigen Streicherensemble aus, was seine Geschichten noch delikater über der Linie zwischen Song und Storytelling balancieren lässt, aber nicht durchweg so konsequent schön wie in „A Break From The Barrage“.

Dem Moment, da plötzlich morgens im Bett der Schnitter ins Leben schneit („Due To Depart“), und anderen Verlusten setzt Finn gern eine kaum schale Kopfnote leisen Trostes entgegen. Bezeichnend, wie er in „Birthdays“ eine Entfremdung zwischen Freunden resümiert: „Anthony, it’s nice to know there’s someone in this world who’s always known me.“ Und die abschließende kleine Odysee eines frisch füreinander entbrannten Paares mündet in die fast erschrockene Feststellung: „This is what it looks like when we’re joyful.“ Wohl notwendig, sich gerade davon ein Bild zu machen, da in diesen Zeiten gewiss nicht nur Finn in „Messing With The Settings“ das Gefühl hat, in einem Zug zu fahren, in dem man gar nicht sitzen will. (Positive Jams/Thirty Tigers/Membran)

JÖRG FEYER

Die Kerzen

Pferde & Flammen

★★★☆☆

New Romantics: Synthie-Kitsch ohne Ironiereflex

Der Drang zu einer flatterhaften Romantik, die ihre Ironierüstung als schnell abzustreifendes Glitzerhemdchen trägt, hat den Deutschpop schon seit Jahren fest im Griff. Die Kerzen aus Ludwigslust, inzwischen im Hipstertümpel Berlin, aber immer noch mit geradezu provinziellem Hang, alten Helden des Achtzigerhedonismus nachzujagen, geben sich als Zirkustiere dieser Bewegung. Hier eine Prise Duran Duran, dort ein Spritzer Cocteau Twins, etwas China Crisis. Die Themen sind klar: Schönheit will genutzt werden, Leuchtraketen fliegen mitten ins Herz, das Cabriolet bleibt Sehnsuchtsvehikel – wie ein Kuss von damals. Den New Romantics warf man Ausverkauf des New Wave vor. Diese neue Schmalzwelle hat dennoch etwas rätselhaft Unverbrauchtes. (Staatsakt)

MARC VETTER

Coheed And Cambria

Vaxis II: A Window Of The Walking Mind

★★★☆☆

Hochmoderner Prog-Metal mit sehr viel Stilwillen

Seit mehr als zwei Dekaden entwickeln Coheed And Cambria die Sci-Fi-Saga „The Amory Wars“, die in Songs erzählt wird, aber auch in Graphic Novels und Romanform. Wie konsequent die Prog-Metal-Band aus New York ihr Narrativ entwickelt, hat sie selbst mit einer Aura des Besonderen, Verschworenen umgeben. Dieses Werk ist der zweite Teil der „Varsis“-Erzählung, die insgesamt fünf Alben bekommen soll. Hochmodern produzierter Metal trifft auf melodischen Gesang, eine Ahnung von Hardrock und klassischem Metal, Post-Hardcore schwingt mit. Riesige Riffs, riesige Gefühle: Man applaudiert dem Stilwillen. Hören sie mal das Riff von „Shoulder“! Nicht auszudenken, wenn Ronnie James Dio diese Sounds gehabt hätte. (Roadrunner)

JÖRN SCHLÜTER

Delbert McClinton

Outdated Emotion

★★★☆☆

Kleine Musiklektion des 81-Jährigen für Jüngere

Ums mit Udo L. anno ’74 zu sagen: Im Nostalgieclub ist heute Jubiläumsprogramm. Auf „Outdated Emotion“ gibt sich viel von dem die Ehre, was US-Musik zwischen R&B, Country, Rock- ’n’Roll den Weg ebnete, angefangen bei Jimmy Reed („Ain’t That Lovin’ You“), den McClinton noch selbst begleitet hatte, damals in Fort Worth. Mit 81 ist der Texaner noch gut bei Stimme, aber „Long Tall Sally“ zu bringen ist doch, nun ja, mutig. Damit es nicht zu nostalgisch wird, steuert er auch ein paar Songs aus eigener Feder bei. Es gebe inzwischen, so seine Motivationslage, „vielleicht zwei Generationen, die diese Musik nicht kennen“. Ob sie diese überhaupt noch kennenlernen wollen, ist die Frage. Wenn ja, ist „Outdated Emotion“ kein schlechter Einstieg. (Hot Shot/Thirty Tigers/Membran)

JÖRG FEYER

Brezel Göring

Psychoanalyse (Volume 2)

★★★★☆

Berührender Seelenstrip vom Stereo-Total-Mann

Die Songs von Stereo Total zeichneten sich dadurch aus, dass sie das Leben leichtnahmen – trotz gelegentlichem Gegenwind. Nach dem Tod von Françoise Cactus hat Brezel Göring nun ein Soloalbum aufgenommen, bei dem Traurigkeit und Dunkelheit überwiegen – und das dennoch einige der schönsten Songs enthält, die in diesem Jahr in deutscher Sprache erschienen sind. Mit ein paar musikalischen Skizzen und einem Kofferraum voller Instrumente reiste Brezel nach Frankreich. Das Album war ganz offensichtlich Therapie gegen den Schmerz. Die kaputten, aber enorm berührenden Songs sind getragen von Lakonie und einem warmherzigen Galgenhumor. Beim Titelsong hören wir noch ein letztes mal die Stimme von Françoise Cactus. (Stereo Total)

JÜRGEN ZIEMER

SOUNDS

RÄUSCHE UND GERÄUSCHE – VON JENS BALZER

Zola Jesus Arkhon

★★★★☆

Auch schon wieder über zehn Jahre her, dass Nika Roza Danilova alias Zola Jesus als tollste Gothic-Sängerin ihrer Generation reüssierte, mit dramatisch wandlungsreichem Gesang und Stehpauker und Metallschrottgedengel als musikalischer Begleitung. Nach „Conatus“ (2011) verlor sie allerdings bald den Faden und verirrte sich in mediokren Industrial-Popund Country-Versuchen. Ihr neues Album, „Arkhon“, ist nun aber wieder toll: opulent orchestriert, gelegentlich mit weihnachtlichem Soundglitzer und Little-Drummer-Paröm-pöm-pöm angedickt, immer emphatisch gesungen, mit einer mal sich überschlagenden, mal hymnisch strahlenden Stimme, die abwechselnd an Siouxsie Sioux und an – kein Witz – Agnetha und Anni-Frid erinnert. (Sacred Bones/Cargo)

Somali Yacht Club The Space

★★★★☆

Klanglich vorzüglich verschlammten Stoner Rock bietet das ebenfalls seit zehn Jahren tätige Trio Somali Yacht Club, das sich nach einer vor dem Horn von Afrika tätigen Piratengilde benannt hat. Auch auf „The Space“ gibt es schlichte, aber sich in unerhörter psychedelischer Wirksamkeit um sich selbst drehende Riffs zu hören – nach dem Vorbild von Sleep und Om –, aus denen dann aber immer wieder gewaltige farbige Soli erblühen und spirituell erhebende Satzgesänge. Far out! Wobei diese Musik nicht aus dem Weltall oder aus Somalia kommt, sondern aus dem ukrainischen Lwiw. „Nicht einmal eine Armee vor den Toren wird uns daran hindern, unser Album herauszubringen“, schrieben sie am 22. Februar auf Facebook. Seither sitzen sie in ihrer Heimatstadt fest. Alle Einnahmen aus „The Space“ gehen an ukrainische Hilfsverbände. (Season Of Mist)

Meshuggah Immutable

★★★★☆

Meshuggah sind ein Quintett akademisch ausgebildeter Hochgeschwindigkeitswitzbolde aus Umeå. Mitte der 80er-Jahre gründeten sie sich unter dem gleichberechtigten Einfluss von Slayer und Steely Dan. Diese musikalische Konstellation führen sie unverändert fort, weswegen ihr neues Album auch „Immutable“ heißt. Von Steely Dan übernehmen sie die kalte Glattheit, vom Thrash Metal das rasende Tempo, vom Death Metal das knallende Zusammenspiel von Gitarre und Schlagzeug. (Atomic Fire)

Guido Möbius A Million Magnets

★★★★☆

Der Berliner Improvklang-Tausendsassa Guido Möbius wurde an dieser Stelle schon oft gelobt, als Solokünstler wie zuletzt im Trio Gordan. Sein neues Album hat er mit dem Schlagzeuger Andrea Belfi und einigen anderen Gästen aufgenommen: Großartig, wie Möbius als Meister des Pedaleffekts hier wieder die Feedbacks schwellen und pulsieren lässt! Manchmal fräsen sie sich auch tief in die Hirnlappen hinein, während Belfi mal stoisch, mal rasend, mal hektisch stolpernd, aber immer kurzweilig an allen rhythmischen Erwartungen vorbeitrommelt. (Emphase)

Jenny Berkel

These Are The Sounds Left From Leaving

★★★☆☆

Kammerpop-Kostbarkeiten aus der Stille der Pandemie

Einsamkeit versteckt sich zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden. „I wish you wouldn’t be sad“, singt Jenny Berkel im Folkpop-Song „You Think You’re Like The Rain“, der im Zentrum dieser von einer tiefen Traurigkeit durchdrungenen Platte steht. Berkel hat die Songs von „These Are The Sounds Left From Leaving“ in ihrer kleinen Wohnung in London geschrieben und all ihre Ängste vor großer Nähe, aber auch vor der Welt da draußen hineingepackt. Dabei sind berückende Kammerpop-Kostbarkeiten entstanden: Trennungslieder wie „Lavender City“, stille Folkwalzer wie „Under A Sky“, aber auch die Ballade „Here Comes The Morning“, die auf bessere Zeiten hofft. (Outside)

GUNTHER REINHARDT

Charlie Hickey

Nervous At Night

★★★☆☆

Schöner Songwriter-Indie-Pop aus Kalifornien

„Born into a family of neurotic musicians/ So good at thinking, so bad at listening“: Auf seinem Debüt verarbeitet der 21-jährige Charlie Hickey Kindheitserinnerungen, eine Angststörung und das offenbar nicht ganz unbeschwerte Verhältnis zu seinen Eltern – sein Vater ist der Songwriter Chris Hickey. Hickey jun. ist ein Jugendfreund von Phoebe Bridgers, die dieses Album auf ihrem Label veröffentlicht. Hickey präsentiert einen vorsichtig groovenden, mit Lo‐Fi-Elektronik und sanft geschlagenen E‐Gitarren gespielten Indie-Songwriter-Pop, der an den fellow Californian Dan Croll erinnert. Die Performance ist emotional dicht, die Songs sind auf eine stille Weise souverän geschrieben. Toll ist etwa das im Stil der Dawes entworfene „Every Time I Think“. (Saddest Factory)

JÖRN SCHLÜTER

Grant-Lee Phillips

All That You Can Dream

★★★☆☆

Eine introspektive Platte über eine umgekippte Welt

Grant-Lee Phillips, der Barde, der Crooner, der Hofsänger: Der Songwriter aus Nashville ist mit seinen Liedern bei den Leuten, auf der Straße, in den Clubs – er braucht die Bühne. Doch dieses neue Album entstand wegen der Pandemie in der Zurückgezogenheit seines Zuhauses, ohne Tourbus und Hotelzimmer, in denen er sonst seine Lieder schreibt.

Man meint die anderen Umstände zu hören. „All That You Can Dream“ klingt eingekehrter, als wir es von Phillips gewohnt sind. Etwa bei dem langsamen Shuffle „Cruel Trick“, in dem es um eine umgekippte Welt geht. Die Läden sind zu, die Gitarre bleibt im Koffer – nur ein Familienausflug aufs Land hält die Nerven des Sängers zusammen. Die Stimme ist unverkennbar – Phillips hebt sie und lässt sie fallen und hat dabei jenen ungewaschenen Charme, für man ihn seit fast 30 Jahren schätzt. Nur das Glückstrunkene fehlt.

Die elf neuen, in kleiner Besetzung aufgenommenen Songs reflektieren über die Welt, wie sie sich ihm in den vergangenen zwei Jahren gezeigt hat.

Neben der Pandemie geht es um amerikanische Themen wie den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 – das Lied „Rats In A Barrel“ singt Phillips mit fast zarter Stimme, die seinen Ekel noch spürbarer macht. Ein paar Lieder vorher behandelt „Peace Is A Delicate Thing“ denselben Vorfall. Die Musik dazu evoziert die Klänge des Amerikanischen Bürgerkriegs. Der Titelsong scheint zunächst hoffnungsvoller, Phillips barmt und bebt zu einem Klavier, das Lied ist fast Chamber-Pop. Doch hier wird eine Welt beschrieben, die auf den Untergang zusteuert, weil sie den größten Teil der Menschheit auf dem Altar des Fortschritts opfert. Ein kollektiver Traum muss her, sagt Phillips, sonst geht das alles nicht gut aus.

Die Songs auf „All That You Can Dream“ eröffnen eine sorgenvolle Perspektive. Phillips selbst nennt es eine „Meditation über das, was wir gerade alle gemeinsam erleben“. Und so ist unser Lieblingsbarde doch wieder ganz bei den Menschen. (Yep Roc)

JÖRN SCHLÜTER

HAAi

Baby, We’re Ascending

★★★☆☆

Die Australierin verschmilzt verschiedenste Clubsounds

Big Beat is back! Gleich auf dem zweiten Track, „Pigeon Barron“, lässt Teneil Throssell alias HAAi die Hi-Hats Richtung Peak-Time kesseln – der von Genregrenzen befreite Wille zur Euphorie erinnert an Gruppen wie The Chemical Brothers, die in den 90er-Jahren Kellerclub-Raves für den Mainstream adaptierten. Obwohl die in London lebende Australierin bereits Remixe für ebenjenes britische DJ-Duo angefertigt hat, ist sie von Retroseligkeit weit entfernt. Auf ihrem Debüt verschmilzt die ehemalige Indie-Rockerin (Dark Bells) Techno, House, Drum’n’Bass, TripHop und Elektropop zu einem überraschend zeitgenössischen Mix, der dank Gästen wie Jon Hopkins, Alexis Taylor oder Björk-Produzentin Marta Salogni im Club wie auch unter Kopf hörern funktioniert. (Mute)

FABIAN PELTSCH

Bruce Hornsby

’Flicted

★★★☆☆

Filmmusik-„Abfall“ mit prominenten Gästen

Erstaunlich, wie lange man passabel von Rohmaterial aus anderem Kontext zehren kann. „Film Cues“-Abfall aus seiner Arbeit für Spike Lee ermöglicht Bruce Hornsby nun schon das dritte Soloalbum in drei Jahren und flinke Elektro-Shuffles wie „Bucket List“. Doch „’Flicted“ wartet auch mal mit einem Cover auf: „Too Much Monkey Business“ als cooler R&B-Rapper-Stepper. Da würde Chuck B. bestimmt grinsend den Tantiemenscheck checken. Hornsbys sonstige Mitstreiter weilen noch unter uns, neben Ezra Koenig auch Danielle Haim, die in „Days Ahead“ ein Feuerzeug über die Pandemiegeplagten hält. Ein Optimismus, der angesichts fortlaufender Weltlage fast frivol wirkt. Schönste Zeile: „Remember when we tried to learn German?“ (Zappo/Thirty Tigers)

JÖRG FEYER

Fantastic Negrito

White Jesus Black Problems

★★★☆☆

Ein wilder Ritt durch Blues, Soul und Freak-Hardrock

Xavier Amin Dphrepaulezz alias Fantastic Negrito aus Oakland/CA hat mit seinem Blues schon drei Grammys gewonnen und mit Sting gespielt. Auf diesem neuen Album zieht der Sänger eine Verbindung zwischen der Geschichte der Sklaverei und den Unbilden des Kapitalismus der Gegenwart. Er tut das mit einem ungestümen Mix aus Blues, R&B, Funk-Gelenkigkeit und psychedelischer Weite.

Das sind klassische Genres, aber die wilde Energie des Sängers rückt ihn in die Nähe von Blues-Verwesern wie Jack White. Fantastic Negrito transzendiert in 40 Minuten die Wut in einen Appell zur universellen Liebe, etwa im großartigen „Venomous Dogma“, einem durchgedrehten Stampfer aus Blues, Sci-Fi-Orgeln und Freak-Hardrock. (Storefront/The Orchard)

JÖRN SCHLÜTER

Daniel Johns

FutureNever

★★★☆☆

Solide Rückkehr der Silverchair-Stimme

Er ist uns dann doch nicht verloren gegangen, der ehemalige Sänger von Silverchair und Ex-Gatte von Natalia Imbruglia. Jahrelang litt er unter den Schattenseiten des Ruhms, und erst mithilfe eines Podcasts kämpfte er sich zurück ans Tageslicht. Sein zweites Soloalbum nach dem Debüt von 2015 gefällt mit einem die Grenzen zwischen Rock und R&B aufweichenden, eklektischen Mix. Johns’ verletzlicher Falsettgesang sucht mal die Nähe zu Thom Yorke, mal zu Ausnahmesänger Sampha. „Stand ’Em Up“, seine Zusammenarbeit mit dem australischen Electronic-Pionier What So Not, wiederum gewittert wie Kasabian zu besten Zeiten. Und Van Dyke Parks verhalf ihm zu einer kleinen Surf-Symphonie. Ein paar Schulterklopfer hat sich Johns allemal verdient. (BMG Rights)

FRANK LÄHNEMANN

Bobby Oroza

Get On The Otherside

★★★☆☆

Der finnische Gitarrist beherrscht nahezu alle Genres

Die Erfolgsformel von Bobby Oroza ist nicht einfacher Natur. Man nehme eine Tango-affine Mutter bolivianischer Herkunft, einen finnischen Vater, eine Jugend im Einwandererviertel von Helsinki – sowie eine väterliche Plattensammlung, die Afro-, Motownund Blue-Note-Highlights umfasst.

Dazu kommt sein feines Gitarrenspiel, das Surf-Sounds, Flamenco und brasilianischen Bossa nova vereint. Mit seinem sanften Laid-back-Gesang und einer kongenialen Begleitband in Cold Diamond & Mink hat Bobby die wenigen Schwächen seines Debüts ausgemerzt und präsentiert Songs, die wie Soul-Klassiker aus einer anderen Zeit erscheinen, mit einer feinen Vintage-Schicht aus Goldstaub. Er selbst tritt dabei als multipler Gegenpart zu Nick Waterhouse an. (Rough Trade/Beggars)

FRANK LÄHNEMANN

Dehd

Blue Skies

★★★☆☆

Wiedergeburt der 60er- aus dem Geist der 80er-Jahre

„I was a bad love/ Now I can get some!“ Emily Kempf, die eine kleine Schwester der Ronettes sein könnte, feiert in „Bad Love“ ihre Selbstbefreiung. Durch „Memories“ sickern Erinnerungen an bessere Zeiten und die schwermütige Dramatik aus Lesley Gores „It’s My Party“. Auch sonst zelebrieren Dehd auf „Blue Skies“ die Wiedergeburt des Pops der 60er- aus dem Geist der 80er-Jahre. Auf dem Nachfolger von „Flower Of Devotion“, das dem Trio aus Chicago 2020 den Durchbruch bescherte, gibt es in exaltiert-sentimentalen Hits wie „Stars“, „Window“ oder „Empty In My Mind“ Platz für Phil Spectors Wall of Sound, Chubby-Checker-Twists, Post-Punk-Minimalismus, Indie-Pop-Gitarren, Drum-Computer – und ein bisschen Kindergeburtstag. (Fat Possum)

GUNTHER REINHARDT

45s

VON WOLFGANG DOEBELING

Laura-Mary Carter Town Called Nothing

★★★★☆

Allem Overdrive der Blood Red Shoes, ihres Rock-Duos mit Steven Ansell, hat Laura-Mary Carter auf „Town Called Nothing“ entsagt, die sechs Midtempo-Cuts der 12inch-EP überdrehen nirgendwo, die Sängerin singt eher versonnen im Americana-Ambiente, an ihrer Seite die treue Akustische. Zwar hübschte Produzent Ed Harcourt das Klangbild mit Piano, Cello und Xylofon ein wenig auf, doch lenkt nichts von Carters wunderbar weicher Stimme ab, nichts vom beträchtlichen Charme ihrer opaken Tunes, die zuweilen Ashley Shadow evozieren. (Jazzlife)

Bored At My Grandmas House Detox

★★★☆☆

Die bei Großmama Gelangweilte heißt eigentlich Amber Strawbridge, kommt aus Cumbria und ist für ihr zartes Alter schon recht fatalistisch. „Detox“ ist eine Art minimalistisch pochender Shoegaze-Synthpop, der unter Entfremdung leidet, indes einen praktischen Ausweg aus dem irdischen Jammertal kennt: „I think we need to detox.“ Auch auf der Flipside, „Isolation Dreaming“, gibt sich Amber solipsistisch und selbstversunken. Go back to grandma, baby. (Clue)

Deadletter Pop Culture Connoisseur

★★★☆☆

Mächtige Akkorde, aufständischer Text aus vielen Worten, wütenden Worten. Worte seien wichtig, so das Post-Punk-Sextett aus London. Am besten seien aggressive Worte, wenn sie ein Ziel haben. Oder wenn sie verunsichern. „Wie ‚connoisseur’, das ist kein Allerweltswort, das können viele nicht einmal buchstabieren, deshalb haben wir es verwendet“. Aha. Die Musik? Ergötzlicher Lärm. (Nice Swan)

George Ezra

Gold Rush Kid

★★★☆☆

Der Superstar tobt sich auf der Überholspur aus

Irgendwie kommt man ja nie im Leben ganz an. George Ezra, der Singer-Songwriter aus Hertfordshire, der auszog, um dann wieder nach Hause zurückzukehren, scheint jedoch auf seinem dritten Album ein wenig bei sich gelandet zu sein – und mit seinem Alter Ego „Gold Rush Kid“ Seelenfrieden geschlossen zu haben. Das ermöglicht ihm, hier gleich diverse Grenzwanderungen zu unternehmen, wobei ihn sein Produzent Joel Pott tatkräftig unterstützt.

Als britischer Superstar ist er der nette Junge von nebenan geblieben, der den goldenen Mittelweg zwischen Spaßhaben und Ernsthaftigkeit verfolgt. Das Kernstück von „Gold Rush Kid“ bildet „Green Green Grass“, das genau dies thematisiert und nach einer Straßenparty in St. Lucia entstand, die sich im Nachhinein als Beerdigung herausstellte. Und Ezra textete: „You better throw a party on the day that I die …“

Als Kind der Generation Spotify besitzt unser Mann ein ausgesprochen ausgeprägtes Gespür für mitreißende Melodien, das vielen seiner Kollegen, wie Ed Sheeran und James Morrison, in dieser Deutlichkeit fehlt. Er selbst nennt seine Songs „indie dance tunes“. Es ist ein weiterer Spagat, jener zwischen Romantik und Fun, der „Gold Rush Kid“ auszeichnet. Da darf es auch mal ein Eurobeat wie auf „Dance All Over Me“ sein. Derweil versprüht „Anyone For You (Tiger Lily)“ eine von Afropop inspirierte Vampire-Weekend-ähnliche Fröhlichkeit, der man einfach nicht widerstehen kann. Der Gegensatz hierzu? Auf der eleganten Klavier-Powerballade „Sweetest Human Being“ mutet Ezra wie eine Art moderner Elton John an – mit dem feinen Unterschied, dass er mit seinem vom Blues geprägten Bariton mehr Tiefe verkörpern kann. Das wäre es vielleicht noch: ein Ezra-Album mit einem Orchester!

Ein bisschen Trivia zum Schluss: Wen „Gold Rush Kid“ an die grandiose Post-Britpop-Band Athlete und ihren Hit „Wires“ erinnert, der liegt völlig richtig: Produzent Joel Pott diente dort als Sänger und Gitarrist. (Sony)

FRANK LÄHNEMANN

ROCKS

HÄRTERES UND HARTES – VON FRANK SCHÄFER

Kreator Hate Über Alles

★★★★☆

Mit einer weihevollen Italowestern-Hommage weckt Mille Petrozza ein paar große Kinogefühle, aber dann kommt der Alltag und die Band fährt ein in den Pütt, um scharfkantige Thrash-Brocken aus dem Berg zu schlagen. Mille knurrt wieder eingängige, schön defätistische Botschaften nach oben, die vielleicht etwas zu direkt sind, um als Poesie durchzugehen, aber doch nicht so simpel und blutleer wie die der üblichen Moraltrompeter. Immer wieder erstaunlich ist die Effizienz der Truppe. Der ehemalige Rumpelfuß Ventor macht aus der Maloche eine beinahe filigrane Kunstform, Leadgitarrist Sami Yli-Sirniö findet bei aller Fingerverknoterei stets harmonische Lösungen, und Mille gesellt sich gern dazu, um die Zwillingsgitarren singen zu lassen. Ihre melodische Verspieltheit erhebt die Brachialität ins Artifizielle. Immer öfter. (Nuclear Blast)

Wucan Heretic Tongues

★★★☆☆

Mit ihrer unberechenbaren Mischung aus Ost-, Progund Siebziger-Hardrock hat sich das Dresdener Quartett um Multiinstrumentalistin Francis Tobolsky ein eigenes Fach in der Retro-Abteilung erspielt. Ein agiles Cover des Protometal-Klassikers der Klaus Renft Combo „Zwischen Liebe und Zorn“ ist hier genauso drin wie eine ganz unpeinliche Disco-Adaption („Far And Beyond“). Und Tobolsky kann nicht nur viele Instrumente spielen, sie singt sich auch mit einiger Intensität durch alle Lebenslagen. (Sonic Attack)

Michael Monroe I Live Too Fast To Die Young

★★★☆☆

Zum Sechzigsten gibt es ein neues Soloalbum, auf dem diese Sleaze-Gründungsfigur mal wieder mit geradezu langweiliger Zuverlässigkeit die Stärken des Genres ausagiert. Monroes frühe Stones-Präferenz bleibt stets hörbar, aber eben auch der Hang zur Vergröberung und Vergrößerung. Punk-Ungestüm und Hollywood-Großkotzigkeit gehen hier einmal mehr diese in ihren besten Momenten unschlagbare Liaison ein. Dreckiger, mutwillig in den roten Bereich geprügelter oder auch schon mal vor Pathos zerfließender Rock’n’Roll nutzt sich offenbar nicht ab.

Der ehemalige Hanoi-Rocks-Lautsprecher schafft es aber auch im fünften Karrierejahrzehnt, den eigenen Spaß zu vermitteln. (Silver Lining)

Kardashev Liminal Rite

★★★☆☆

Was die vier aus Arizona zusammendübeln, ist eine klassische Contradictio in adiecto. Death-Gebolze mit viel Grollgesang geht hier eine keinesfalls immer organische Verbindung zu verträumtem Shoegaze ein. Fragiles trifft auf Brutalismus, Melodisches auf stumpfe Monotonie. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Die rigiden Brüche und Stimmungswechsel sind erwartbar und wirken bisweilen fast zu kalkuliert. In den Momenten des partiellen Gleichgewichts der Gegensätze klingen Kardashev am überzeugendsten. (Metal Blade)

Erdmöbel

Guten Morgen, Ragazzi

★★★★☆

Die Kölner Poesie-Päpste mit ikonischem Physik-Pop

Wenn Zugvögel entkräftet vom Himmel fallen, haben sie sicher nicht oft genug „Guten Morgen, Ragazzi“, die neue Platte von Erdmöbel, gehört.

Denn die bef lügelt. Zehn Songs sind auf dem zehnten Studioalbum der vier Kölner gelandet. Nach fast 30 Jahren Band-Existenz pflanzen sie in knapp 30 Minuten zwischen Lakonie und luftige Enjambements Antworten in den Garten gegenwärtiger Befindlichkeiten. Antworten auf Fragen, die man sich vorher nicht stellte.

Zum Beispiel: Kann man Mückenschwärme lieb gewinnen? Wie geht politisch korrekte Konjugation? Ist Retsinakanister etwa das beste aller singbaren Palindrome? Und was hat der Mond mit Asthmaspray zu tun?

Es ist gewiss das einzige Werk im gesamten Universum, auf dem ein Quasar, das Vakuum, der Bernoulli-Effekt und der Optik-Trick neben Frankfurt am Main, Schneeblindheit, Spaghetti-Tops und der Society für deutsche Sprache auftauchen. Ist das jetzt poetische Prosa, prosaische Poetik oder Physiklehrer-Pop? Möglicherweise geht es um spielerische Bildungsvermittlung. Vor allem aber bleiben Erdmöbel Bildervermittler.

Man nimmt beim Hören von „Guten Morgen, Ragazzi“ neben dem lachenden, singenden, anorektischen „Mädchen auf den Stufen“ Platz, der Applaus aus dem Krankenhaus in „Palindrom“ übertönt das Stottern der mattschwarzen Vespa, und die Streicher in „Das Vakuum“ schubsen Tränen die Wangenrutsche runter, während bei einer Umfrage der Schülerzeitung rauskommt, dass Frau Einstein ihrem Sohn Albert ein Erbe hinterließ, das kostbarer ist als Gold und Geschmeide, nämlich: ein warmes Gefühl.

Hier könnten Referenzen folgen, aber Erdmöbel klingen eben wie, nun ja … Erdmöbel. Eine fein arrangierte und mit zärtlicher Störrigkeit geölte Hoffnungsmaschine. To do: Eine Nummer nach der anderen laufen lassen, dabei pfeifend Rad fahren und am Ende in den Gesang der „Rosa Plastiktüte“ einstimmen. Dieses Album in Dauerschleife zu hören ist das Gegenteil von Zeitverschwendung. (Jippie!/Rough Trade)

ANNE FLORACK

Arcade Fire

WE

★★☆☆☆

Eine blasse Dystropie, die etwas an Coldplay erinnert

Es gab einmal eine Zeit, da waren Arcade Fire erfüllt von Pathos. Heiligem Pathos. Irgendwann ist dieses Pathos verschwunden, und an seine Stelle trat der Versuch, Avantgarde und Massentauglichkeit zu verschmelzen. Aber solche Versuche führen nie zu großer Kunst. Sie enden im Zeitgeist. Fünf Jahre haben die Kanadier für ihr sechstes Studioalbum gebraucht. Es klingt erschreckend leer und ausgelaugt, fast so, als wären Trump, Pandemie und Ukrainekrieg selbst einem Win Butler zu viel, um das alles in Songs zu verarbeiten.

„Age Of Anxiety I“ und „Age Of Anxiety II (Rabbit Hole)“ feiern die Dystopie nach dem Motto: Wenn schon die Welt im Arsch ist, lasst uns wenigstens tanzen. Problem nur: Die Kompositionen wirken wie auf unfruchtbarer Euro-Disco-Erde gezüchtete Coldplay-Flatschen für die Mehrzweckarena. Vor dem inneren Auge erscheint ein selbstgerechtes Meer aus Smartphone-Taschenlampen. „End Of The Empire I–IV“, ein Abgesang auf US-amerikanische Hegemonie, erinnert an Balladen von Father John Misty … Dann folgt wieder der müde, stark verblichene Arcade-Fire-Bombast. (Sony)

MAX GÖSCHE

Liam Gallagher

C’mon You Know

★★★☆☆

Der Ex-Rebell gibt sich fit und konziliant

Ob das ein Fazit ist?! „You won’t get the girl you want/ But you get the girl you need.“ Wenn Liam Gallagher damit seine Altersweisheit beweisen wollte, dann kann man nur hoffen, dass seine momentane Ehefrau nicht auf Texte achtet. Aber in „More Power“, dem Eingangsstück seines dritten Solowerks, wird die Attitude schnell mithilfe des Kinderchors klar, der sich ins Thema singt: Hier spricht ein Erwachsener über Fehler, die er als junger Mann, als Sohn, vielleicht als Bruder gemacht hat. Und die er jetzt, mutmaßlich therapiert, anders sieht: „Mother, I admit that I was angry for too long“, singt Gallagher und bezieht sogar den absenten Vater ein: „Father, I can see so many things now that you’re gone.“

Auf „C’mon You Know“ zeigt ein überaus konzilianter Ex-Rebell, was musikalisch von den wilden Zeiten übrig bleibt. Das ist nicht wenig: Wie üblich ruft aus stimmungsvollen Balladen die allgegenwärtige Suche nach „Wonderwall“ 3.0, „I’m Free“ kombiniert Dub-Ryhthmen mit dreckigen Gitarren. Und über allem schweben Lennon/McCartney, denn die haben Liam Gallaghers Handbuch geschrieben. (Warner) JENNI ZYLKA

Marius Müller-Westernhagen

Das eine Leben

★★★☆☆

Trotziges, von Bluesrock beseeltes Alterswek

„Gottverdammte Pandemie!“, flucht Westernhagen, der das Reisen und die Solidarität vermisst. „Ich will raus hier“ ist ein störrisches Stubenkoller-Protokoll – und die passende Eröffnung eines mit Trotz aufgeladenen Spätwerks, bei dem der 73-Jährige zwar viel übers Älterwerden nachdenkt, aber dennoch im Hier und Jetzt ist, sich über Botoxfressen, die Kardashians, die Gier der Welt echauffiert.

Musikalisch ist „Das eine Leben“ dagegen eine wertkonservative, von Bluesrock beseelte Platte. Und Westernhagen ist dann am besten, wenn er das „Mit 18“-Versprechen einlöst und „nicht schön, sondern geil und laut“ singt. In „Ich will raus hier“, „Zeitgeist“ oder „Schnee von gestern“ gelingt ihm das ganz gut. Wenn er dagegen Balladen wie „Die Wahrheit“ oder „Abschiedslied“ mit pathetischem Tremolo intoniert, ist das schwer zu ertragen. Zum Glück versöhnt einen das eigentliche Abschiedslied am Ende doch noch: Mit „Wenn wir wieder über den Berg sehen“, einem Honkytonk-Singalong in Dreivierteltakt, verpasst Westernhagen der Pandemie einen Tritt in den Hintern. (Sony)

GUNTHER REINHARDT

Perfume Genius

Ugly Season

★★★★☆

Mike Hadreas’ infernalische Klangkunst-Kabinettstücke

Vielleicht erschließt sich die volle abstrakte Schönheit von „Ugly Season“ erst, wenn man diese Musik so hört, wie sie gemeint ist: als Soundtrack zu einem Kurzfilm des bildenden Künstlers Jacolby Satterwhite. Zudem hat Mike Hadreas alias Perfume Genius das Album bereits als Theatermusik aufgeführt. Mit diesem Wissen im Hinterkopf lässt sich „Ugly Season“ als Konzept über die Entwicklung von Utopien hören. „Just A Room“ oszilliert zwischen Orgeltoccata und Spieluhrmelodie, „Herem“ ist eine verwunschene Gottesanbetung, ein Raum, in dem die Zeit auf magische Weise stillsteht.

Im „Scherzo“ zieht Hadreas alle expressionistischen Register. Sein Genie besteht darin, dass seine künstlerischen Ambitionen zu unterhaltsam sind, um als Toninstallationen in Museen zu verkümmern. Der Titelsong klingt, als hätten Prince und Leonard Cohen ein Dancehall-Stück von Shabba Ranks aufgenommen. Das hypnotische „Eye In The Wall“, das von einem Dampfpressen-Beat gestützte „Photograph“ und das infernalische „Hellbent“ bilden die Höhepunkte des grandios sperrigen Reigens. (Matador)

MAX GÖSCHE

SOAK

If I Never Know You Like This Again

★★★☆☆

Gefühlvoller Gesang und verzerrte Gitarren

Bridie Monds-Watson wurde bereits im Teenager-Alter mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Mit ihrem dritten Album allerdings, gestählt durch Pandemie-Probleme, schwimmt sich die queere nordirische Songwriterin endgültig frei und zeigt uns, dass sie gekommen ist, um zu bleiben. Auf „If I Never Know You Like This Again“, das in Zusammenarbeit mit Tommy Mc-Laughlin (Villagers) entstand, legt Bridie überall eine Schippe drauf und kuschelt eher mit Grunge als mit Dream-Pop. Alldieweil Pavement Beifall klatschen. Die neuen Songs gebärden sich zielstrebiger und robuster, die Gitarren verzerrter, Bridies Gesang dabei gefühlvoller. Wenn’s sein soll, kann sie auch poppiger: „Get Well Soon“ – ein funkelnder Höhepunkt. (Rough Trade/Beggars)

FRANK LÄHNEMANN

Mandy Moore

In Real Life

★★★☆☆

Der letzte große Sprung in einen offeneren Sound

Die Frau hat ein paar Sprünge hinter sich. Vom Teen-Herzchen zum Adult Pop, aus der Schauspielkarriere zurück in den Musikbetrieb, nicht zuletzt den von Ryan Adams zu Taylor Goldsmith, mit dem es wohl einfacher war, ihr Comeback, „Silver Landings“, hinzubringen. Dessen dezidierter Seventies-Westcoast-Vibe degradierte Mandy Moore nicht gleich zur Dawes-Gastsängerin. Aber „In Real Life“ gebiert trotz fast identischem Studioteam um Produzent Mike Viola und die Goldsmith-Brüder einen deutlich offeneren Sound, auch für streichergebetteten Synth-Pop („Little Dreams“) oder verspielte Frage-Antwort-Gesänge („Living In Between“). Wobei Moore nicht nur im Jingle-Jangle von „In Other Words“ ihren letzten Sprung thematisiert: Mutterschaft. (Verve/Universal)

JÖRG FEYER

Avi Kaplan

Floating On A Dream

★★★☆☆

Die Pentatonix-Stimme glänzt solo mit Erhabenheit

Avi Kaplans mächtige Bass-Stimme gehörte zu den Attraktionen bei Pentatonix. Der Sänger suchte im Kampf mit der Depression, ausgelöst auch durch exzessives Touren und die Entfernung zu seiner Familie, einen künstlerischen Neuanfang. Das prägt auch sein Studioalbum-Debüt (nach der beeindruckenden EP „I’ll Get By“), das zwar auch Folk- und Roots-Elemente, Lee Hazlewood und Bill Withers streift, aber sich eher Entrückungsmomenten nähert, in der Kaplans Stimme mühelos zwischen Zartheit und grummeligem Brodeln hin- und herschwingt. Der Trauer-Gospel von „He Don’t Love You Right“ trifft einen wie ein Blitzschlag, die einfachen Songwriting-Skizzen werden durch cineastische Sound-Tableaus elektrisch aufgeladen. (Fantasy/Concord)

MARC VETTER

Alex Izenberg

I’m Not Here

★★★☆☆

Neue verquere Art-Pop-Selbsterfahrungstrips

Mit einer wabbeligen Wurlitzer als Wegweiser beginnt Alex Izenberg seine Reise ins Ich. Und weil bei diesem kauzigen Songwriter aus Los Angeles vor einiger Zeit paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde, gerät der Selbsterfahrungstrip auf „I’m Not Here“ genauso bizarr wie der vor zwei Jahren auf „Caravan Château“. Bevor die Traumreise in einem Meer aus Wein endet, erkundet Izenberg, geprägt von der spirituellen Philosophie von Alan Watts und dem psychedelischen Pop der 70er-Jahre, zusammen mit Holzbläsern und Streichquartetten in Songs wie „Gemini Underwater“, „Egyptian Cadillac“, „Breathless Darkness“ oder „Ladies Of Rodeo“ all die verschiedenen Ichs, die in ihm stecken, und verpackt das Ganze in verquer-barocke Art-Pop-Kammerspiele. (Domino)

GUNTHER REINHARDT

JAZZ

COOL AND FREE – VON MARKUS SCHNEIDER

Miles Okazaki Thisness

★★★★☆

„Thisness“ schließt eine Trilogie ab, die Okazaki 2017 mit „Trickster“ begann, wie dort spielen Drummer Sean Rickman und Bassist Anthony Tidd, Matt Mitchell sitzt am Klavier. „Thisness“ entfaltet sich aus gruppenimprovisatorischen Teilen zu irren, harmonisch „offen“ und rhythmisch „poly“ gebauten Organismen. Im Hintergrund ahnt man Pionierwerke wie Davis’ „Bitches Brew“, aber die Tracks und auch Okazakis schlanke Gitarre leben von einem hypermodernen Begriff von Freiheit. Okazaki spricht von einem surrealistischen „Cadavre Exquis“ – die Künstler setzen nach bestimmten Regeln die Arbeit der jeweils anderen fort, ohne diese zu kennen. Sicher auch befördert durch Okazakis monumentale Gitarrenübersetzung von Monks Gesamt-„Work“ (2018), entsteht so eine unberechenbare, lebendig bewegte Räumlichkeit oder, wie er im ersten Titel mit Sun Ra vorschlägt, ein aufregender und rätselhafter „Far-Off Place“. (Pi/Harmonia Mundi)

Beady Belle Nothing But The Truth

★★★☆☆

Die norwegische Sängerin und Produzentin begeht hier, nur unterstützt vom Bass ihres Mannes, Marius Reksjø, den 20. Geburtstag ihres Projekts Beady Belle. Dahinter steht sie seit Längerem ohnehin allein, wenn auch oft mit illustren Gästen wie ihrem Mentor Bugge Wesseltoft oder Joshua Redman. Wo sie zuletzt eher auf klassische Soul- und Jazz-Besetzungen baute, hört man sie hier als warm-elektronische, Jazz-infizierte Neo-Soul-Künstlerin. Soundmäßig bespielt sie also ein weites Feld aus 90er- und Nullerjahre-R&B, mit schwappend akzentreichen D’Angelo-Grooves, TLC-artigen HipPop-Beats und krisp minimalen Quiet-Storm-Updates. Sehr elegant, mit viel Jazz in den Harmonien, coolem Funk und einer überaus soulvollen Stimme. (Jazzland/Edel)

Tigran Hamasyan StandArt

★★★★☆

Der US-armenische Pianist hat sich bisher vor allem durch eine virtuos widerstrebende Fusion aus abstraktem Jazz, Neuer Musik, Metal-Ideen und dem Folk seiner Heimat profiliert, breakreich dynamisch, aber auch mit Ambient-Anflügen. Logisch, dass er diese US-Standards, derer er sich hier erstmals annimmt, nicht gradlinig ausführt. Das Thema von David Raksins Film-noir-Thema „Laura“ erscheint nur mehr gestisch, im Broadway-Klassiker „Softly As In A Morning Sunrise“ schiebt er die melodische Verantwortung in den Bass. Den boppig fließenden Bounce von „De-Dah“, einem Stück des leider öfter nicht wiederentdeckten Elmo Hope, verdunkelt und verkantet er harmonisch, während er „All The Things That You Are“ als zärtliches Duett mit dem Saxofon von Mark Turner interpretiert – neben Ambrose Akinmusire und Joshua Redman einer der Gäste, die Hamasyans kluge, sprung- und hakenreiche Linien einfallsreich begleiten. (Nonesuch/Warner)