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Top-of-the-World-Gefühle


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

NEUES AUS POPKULTUR UND LEBEN

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Die Manics: Bradfield, Wire und Moore (v. l.)

Wer an abba denkt, hat auch „Fernando“ im Sinn, und wer sich für ihre Kompositionen interessiert, auch eines der schönsten Wörter in der Musik. Eines, das sich auf „Fernando“ reimt. Findet James Dean Bradfield auch: „Glissando!“ Er macht den Klang nach, jenen Piano-Swoosh, bei dem man mit den Fingerspitzen die weißen Tasten drückt und von tief bis hoch abrast – oder umgekehrt. „Das“, sagt der Sänger der Manic Street Preachers, „haben wir von ABBA gelernt.“ Er spricht von „Don’t Let The Night Divide Us“. Der Titel ist eine höfliche Umschreibung für den Wunsch nach Sex – und der herausragende Song auf dem 14. Album der Band, „The Ultra Vivid Lament“. ABBA-Remi niszenzen gibt es auf der neuen

Platte viele, am auffälligsten sind die Triolen aus „Waterloo“ bei „The Secret He Had Missed“. „Das Album soll ein typisches 70er-Jahre-Gefühl transportieren“, sagt Bradfield. „Ein Top-of-the-World- Feeling, manchmal etwas schäbig, wie auch Glam es war.“ Er nennt diese neuzeitlichen Aneignungen „featurism“ und sagt, um die schwedischen Pop-Titanen zu beschreiben, einen treffenden Satz: „They lift you up … to a strange place.“ Freudig und erregt sein, aber das Anrecht darauf infrage stellen, das konnte niemand besser als Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid.

Allzu weit von ABBA entfernt war die walisische Band nie. Zwar gründeten sich die Manic Street Preachers 1986 als Punk-Gruppe, und selten spiegeln sich in ihren Texten Freud und Leid innerhalb von Paarbeziehungen – das häufigste ABBA-Thema. Bei den Manics – wie sie sich übrigens auch selbst nennen – ging es immer um politischen Protest. Gegen die Unterdrückung der Frauen („She Is Suffering“), den Aufstand der Arbeiterklasse („Anthem For A Lost Cause“) und den Kampf gegen den Kapitalismus. Songs wie „Freedom Of Speech Won’t Feed My Children“ führten sie auch vor Fidel Castro auf: Die selbst ernannten Sozialisten gaben 2001 als erste westliche Musiker ein Konzert auf Kuba.

Aber beim Anspruch an Melodien sind sie ganz bei ABBA und einigen anderen Ikonen. „Wir wuchsen mit ihnen auf, mit den Beatles, den Rolling Stones, The Smiths und The Clash“, sagt der 52-Jährige. „Alles Ohrwurm-Bands. Viele stolze Musiker finden das unvereinbar: Melodien und lyrische Tiefe. Wir nicht.“ Es stimmt: Ihre Singles füllen Greatest-Hits-Doppelalben, und Klassiker wie „A Design For Life“, „Motorcycle Emp tiness“ und „The Everlasting“ funktionieren als Instrumentalstücke des Schönklangs (allein die Verwendung von Alliterationen, wie im neuen Song „Still Snowing In Sapporo“!) genauso wie als Textbeiträge über die Working Class oder die innere Leere von Wall- Street-Brokern. „Unsere Band“, befindet Bradfield, „ist wie Medizin für Kinder: unangenehm zu schlucken – wäre da nicht das süße Stückchen Zucker, das der Medizin beigefügt wurde.“

Die neue Single „Orwellian“ ist eine solche Medizin. Eine Reichteuch-die-Hände-und-stimmt-mitein-Melodie, deren Lyrics jedoch vom Missbrauch der Sprache handeln, dem Gift der Filterblasen, der Hetze in den sozialen Medien. In George Or wells Roman „1984“ geht es um eine Diktatur, die auch durch die Entmenschlichung von Sprache ihr Volk versklaven will. In Bradfields Song geht es um Wörter, die nicht mehr als Argument, sondern als Waffe eingesetzt werden, unter einfachen Leuten wie auch unter Politikern. „Wörter polarisieren, sie armieren politische Ränder, rechts wie links. Je mehr gebrüllt wird, desto größer werden die Gräben.“ Bradfield lyrische Tiefe sind nicht unvereinbar“ kann das schwer ertragen.

Er, der einst mit Hasskappe und Uniform in der altehrwürdigen Musiksendung „Top Of The Pops“ auftrat, trifft die bemerkenswerte Einschätzung: „Beide Seiten müssen aufeinander zugehen.“

Aber sollte diese Milde wirklich verwundern? Die Manics existieren seit 35 Jahren. In dieser Zeitspanne waren die Rolling Stones, gegründet 1962, schon bei „Bridges To Babylon“, einem Spätwerk, angelangt, mit Mitgliederwechseln und einer Musik, die ihren rebellischen Ursprüngen in Rock’n’Roll und Blues auch nicht immer ähnelt. Wie ihre Vorbilder haben es sich Bradfield, Bassist Nicky Wire und Schlagzeuger Sean Moore erarbeitet, versöhnlicher aufzutreten. Zu Beginn der 90er-Jahre galten sie noch als ungezogene Brüder der Big Four des Britpop: Oasis, Blur, Pulp und Suede – dabei wollten sie eher klingen wie alles, was Slash bei Guns N’ Roses macht. Zwei Krisen hatten sie in den 35 Jahren zu meistern: 1995 verschwand ihr Gitarrist Richey Edwards spurlos; 2008 wurde er von den Behörden für „vermutlich tot“ erklärt. Das als Trio eingespielte Album „Everything Must Go“, das sie als Supportband von Oasis live vorstellten, entwickelte sich im Britpop-Jahr 1996 zu ihrem größten Triumph. Die zweite Krise entstand nach dem Misserfolg ihrer mutigen, aber mit Schulterzucken aufgenommenen Platte „Lifeblood“ von 2004, die mit Bowie-Produzent Tony Visconti eine technoide Hommage an Bowies „Low“ war. Danach setzten die Manic Street Preachers mit „Send Away The Tigers“ sicherheitshalber auf Hardrock – und halten sich damit bis heute im Spiel. „Wir bezeichnen uns als ‚culture sluts‘“, sagt Bradfield. „Wir beschäftigen uns mit vielen Strömungen, und wir verarbeiten viele Strömungen, „be it low, middle-or highbrow culture.“

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Die Manics noch mit Richey Edwards (u. l.), 1993

„The Ultra Vivid Lament“ bewegt sich zwischen den Kulturen, ist mit seiner radikalen Hingabe an Schlager aber ihr experimentellstes und auch bestes Album seit „Journal For Plague Lovers“ von 2009. Darauf kleideten sie Textfragmente von Richey Edwards mit antikem Grunge-Rock aus, angeleitet von Nirvana-Produzent Steve Albini. Die Softness des neuen Albums liegt auch in einer für sie neuen Her angehensweise begründet. Alle Lieder entstanden am Klavier. Bradfield scheut nicht den Vergleich mit Ernest Hemingway, auch wenn dieser nicht unbedingt für überbordende Musikalität bekannt war. „Das Piano erfordert ein sparsameres Vorgehen als die Gitarre. Die Akkordfolgen sind, zumindest bei mir, auf den Tasten einfacher, und ich texte dazu auch knapper.“ So wie Hemingway, ein Meister der reduzierten, aber zielführenden Sprache, habe auch er versucht, exotische Formulierungen zu vermeiden. „Der Trick besteht darin, alle Wörter zu lieben, auch die rein funktionalen.“ Irgendwann wurde das Manics-Jucken dann aber doch zu stark: „Als die Stücke fertig waren, merkten wir, dass bei einigen etwas fehlte – also legte ich Gitarrensoli drüber.“

Wer auf einem Klavierhocker sitzt, schreibt möglicherweise andächtigere Lieder, als wenn er mit einer Gitarre vor einem Mikroständer stünde. Mit „Into The Waves Of Love“ hat die Band ein Lied aufgenommen, das die „Liebe“ im Titel trägt – erst ihr fünftes bei bald 250 veröffentlichten Stücken, aber das erste, in dem Bradfield Liebe nicht als Schwächegefühl darstellt, sondern als eines, nach dem er sich sehnt. Das erste Anti-Liebeslied der Manics war „You Love Us“ von 1991. „Unsere nihilistische Antwort auf das Establishment. Wir waren Punks“, erklärt Bradfield. „Liebe setzten wir gleich mit Nachsicht, mit Wohlstand. Jeder weiß, wie schnell man sich verlieben kann. Aber hassen? Mit Leidenschaft, Begründung und Verstand? Nur aus Hass kann Poesie entstehen – das dachten wir zumindest.“

James Dean Bradfield ist ein Multiinstrumentalist, aber auf der Bühne spielt er nur Gitarre. Kann er sich vorstellen, bei der nächsten Tournee am Klavier zu sitzen? „Vor viertausend Leuten?“, fragt er zurück. „Mir läuft gerade ein Schauer über den Rücken. Aber lassen Sie mich darüber nachdenken …“

Wie wäre denn das: die Manic Street Preachers als Vorband von ABBA, falls die je wieder ein Konzert geben? Die Schweden wollen jedenfalls ihre Hologramme auf Konzertreise schicken. Und als Support für Idole haben die Manics bereits Hartnäckigkeit bewiesen: Sie eröffneten für Guns N’ Roses 2018 die Europa-Tournee. „Also“, sagt Bradfield mit gespielter Diplomatie, „ich fürchte, es ist durchaus möglich, dass wir bei ABBA nicht in der ersten Reihe der möglichen Wunschkandidaten stehen.“

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