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Top Thema: Fehlendes Personal, falsche Notfälle und gewalttätige Patienten: Deutschlands Notaufnahmen vor dem Kollaps


Lisa - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 27.03.2019

Wann darf man in die Ambulanz gehen und wann ist es besser, auf die Sprechstunde beim Hausarzt zu warten? Immer weniger Menschen scheinen das zu wissen. Aber nicht nur deshalb sind Ärzte, Schwestern und Pfleger am Limit


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Bildquelle: Lisa, Ausgabe 14/2019

Patienten, die mit dem Krankenwagen nach Unfällen oder aufgrund akuter Probleme eingeliefert werden, kommen zuerst dran!


Die Notaufnahmen in Deutschland platzen aus allen Nähten – nicht selten muss man mehrere Stunden auf die Behandlung warten


Es ist gerade noch einmal gut gegangen: Krankenschwester Mareike wurde von einem gewalttätigen Patienten bedrängt


Zitternd lehnt sich Krankenschwester ...

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Zitternd lehnt sich Krankenschwester Mareike* (37) an die in Beige getünchte Wand. Gerade hat der Sicherheitsdienst einen Mann des Krankenhauses verwiesen. Eindringlich. Er hatte Mareike laut beschimpft, sie angespuckt und war ihr so bedrohlich nahe gekommen, dass der Begleiter einer Patientin und die diensthabende Ärztin dazwischen gehen mussten. ZuLISA sagt die Krankenschwester: „Wir sind Stress gewohnt, dass das Personal knapp ist und die Menschen auch mit Kleinigkeiten zu uns in die Notaufnahme kommen. Aber in letzter Zeit nehmen Pöbeleien und Gewalt zu. Manchmal habe ich richtig Angst!“

Da es gleichzeitig auch immer mehr Vandalismus und Diebstähle gibt, rüsten die Krankenhäuser auf. Das Klinikum in Nürnberg gab zuletzt bekannt, den Sicherheitsetat von jährlich 600000 Euro auf eine Million erhöht zu haben. Allein 2018 gab es hier 380 gewalttätige Angriffe auf das Pflegepersonal!

Wer ist ein Notfall? Ein weiteres Problem: Viele Menschen halten sich für Notfälle – und sind es nicht. 25 Millionen Menschen kommen jährlich in deutsche Notaufnahmen. Ein Drittel davon zu Unrecht, rechnet der Verband der Ersatzkassen. „Manchmal hat man den Eindruck, die Leute hatten einfach keine Lust, beim Hausarzt einen Termin zu machen und diesen dann abzuwarten. Und: Im Alltag merke ich immer wieder, dass die Leute nicht wissen, dass es den ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt. Der soll eigentlich helfen, wenn die Praxen zu sind und jemand krank, aber nicht lebensbedrohlich gefährdet ist …“, beschreibt Mareike die Situation. Eine aktuelle FORSA-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse bestätigt ihr Gefühl unterdessen: Jeder dritte Patient geht auch bei einer nicht lebensbedrohlichen Erkrankung lieber in die Notaufnahme als zu seinem Hausarzt, selbst wenn der gerade Sprechstunde hat! Männer übrigens häufiger als Frauen.

Das RKH Klinikum Ludwigsburg bildet ehrenamtliche Helfer aus, die Patienten Abläufe erklären und Begleitpersonen betreuen


„Ob ein Notfall vorliegt oder nicht, können viele Menschen nur schwer einschätzen. Bei unklaren Beschwerden kann es natürlich sehr sinnvoll sein, einen Arzt aufzusuchen – aber es muss nicht immer direkt die Not aufnahme sein“, sagt Dr. Jens Baas. Er ist Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), die eine Studie zum Thema veröffentlicht hat. Ergebnis: 37 % der Menschen in Deutschland waren innerhalb der letzten drei Jahre mindestens einmal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Nur 22 % gingen in eine ambulante Notfallpraxis, 13 % wählten den Notruf 112 und 11% wandten sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Nur sechs von zehn Patienten wurden von den Krankenhäusern selbst als Notfall mit akutem medizinischen Handlungsbedarf eingeschätzt …


116 117Unter dieser Nummer und in 600 Praxen deutschlandweit bekommt man außerhalb von Sprechzeiten Hilfe!


Neue Wege Die TK fand zudem heraus, dass 59 % der „freiwilligen“ Notaufnahmebesucher Menschen sind, die regelmäßig im Internet nach Gesundheitsinformationen, Symptomen und Heilmethoden suchten. Patienten, die „Dr. Google“ weniger Relevanz beimessen, kämen häufiger durch einen Rettungswageneinsatz oder eine Überweisung – also nicht auf Eigeninitiative – in die Ambulanz!

Immer mehr Krankenhäuser versuchen neue Wege zu gehen, um der kritischen Situation Herr zu werden. An rund 650 Kliniken in Deutschland gibt es darum sogenannte Bereitschaftsdienst-Zentralen niedergelassener Ärzte. Kommen Patienten, wird geschaut, wer ein echter Notfall ist – beispielsweise Verunfallte, Menschen mit Herzinfarkt-Symptomen oder Vergiftungen. Wer sich den Magen verdorben oder den Finger eingeklemmt hat, wird konsequent an den Bereitschaftsdienst verwiesen. Im städtischen Klinikum Frankfurt-Höchst erfolgt das an einem gemeinsamen Empfangstresen. Echte Notfälle in die Notaufnahme, alle anderen in die sich ebenfalls im Haus befindende Arztpraxis.

Und dennoch bleiben auch hier Pöbeleien nicht aus. Immer häufiger geschehe es, dass Patienten darauf beharren, ein Notfall zu sein und ausfällig werden. Inzwischen haben alle Mitarbeiter im Klinikum – in dem 2017 über 45000 Patienten in die Notaufnahme gekommen sind – eine Ausbildung in Deeskalation! Aber das neue Konzept zeigt Wirkung. Auf den Fluren ist es ruhiger. Und am Wichtigsten: Die Menschen warten deutlich kürzer auf eine Behandlung. Das schont die Nerven aller Beteiligter.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte die Notaufnahmen entlasten. Sein Entwurf zum „Terminserviceund Versorgungsgesetz“ soll u.a. dabei helfen, dass Patienten einfacher einen Termin beim Facharzt ausmachen können – und so eben auch nicht direkt in die Notaufnahme gehen. Wo natürlich niemand abgewiesen wird. „Sind die Patienten da, hören sich die Ärzte hier natürlich deren Probleme an – und erst dann entscheiden sie, was passiert“, erklärt Mareike den Alltag im Krankenhaus.

Kaum Zeit zum Durchatmen Da wird es schon wieder hektisch, denn für Mareike ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Nach einem Gespräch mit ihrer Vorgesetzten und einem heißen Kaffee geht es direkt weiter. Keine Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was der pöbelnde Patient ihr hätte antun können. Die Sirene des Krankenwagens erklingt schon ganz nah. An Bord eine Zehnjährige, die beim Spielen vom Schäferhund gebissen wurde. „Es ist eine tiefe Fleischwunde am Arm gemeldet und auch eine Verletzung im Gesicht. Alles, was ich jetzt machen möchte, ist, diesem kleinen Mädchen helfen. Denn dafür stehe ich jeden Morgen auf: Menschen helfen!“, ruft Mareike bevor sie mit ihren Kollegen Richtung Tür eilt.

Infos und Fakten

Was ist ein Notfall? Und wer hilft mir?

Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie sie im Krankheitsfall richtig reagieren. Denn nicht jeder gehört direkt in die Notaufnahme

Neues Gesetz Eine Umfrage zeigt, dass zwar 78 % der Deutschen schon vom ärztlichen Bereitschaftsdienst gehört haben, aber nur 15 % die korrekte Nummer kennen: 116117. Im sogenannten Terminservice- und Versorgungsgesetz will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine neuen Servicestellen mit diesem Bereitschaftsdienst verschmelzen. Die Rufnummer soll dann 24 Stunden erreichbar sein. Auch online. Zudem sollen über sie nicht nur Termine bei Haus- und Kinderärzten, sondern in Akutfällen auch eine Versorgung in einer Arztpraxis oder der Notfall ambulanz vermittelt werden.

Was ist akut? Unter der116117 hilft man Ihnen außerhalb der Sprechstunden des Hausarztes u. a. bei Erkältungen mit Fieber über 39 °C, bei Brechdurchfall, akuten Rücken- oder Bauchschmerzen. Alle Infos gibt es auch unterwww.116117.de .

Die Notrufnummer112 rufen Sie für sich oder andere bei u. a. Bewusstlosigkeit, schwerer Atemnot, Vergiftungen, starken Brustschmerzen, nicht stillbaren Blutungen, Stromunfällen, Verbrennungen oder auch Komplikationen in der Schwangerschaft an.

Gewalt, Vandalismus und Diebstähle in Krankenhäusern


Gegen Gewalt Mit Plakaten macht das Klinikum Nürnberg auf ein Problem aufmerksam: Gewalt im Krankenhaus. Immer häufiger kommt es zu Rangeleien oder Beschimpfungen. Eine Oberärztin wurde hier 2014 brutal zusammengeschlagen! Seit einem Jahr leitet ein ehemaliger Polizist die Sicherheitsabteilung des Klinikums. Sein Budget wurde gerade auf eine Million Euro erhöht. Ziel ist es, einen Sicherheitsdienst einzurichten, der rund um die Uhr da ist, um aufgebrachte und auch durch Drogenkonsum enthemmte Patienten zur Raison zu bringen.


Fotos: dpa (3), Istockphoto (2)