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Top Thema: Traurige Wirklichkeit: Es gibt in Deutschland zu wenig Pflegefamilien: Eltern gesucht! Viele Kinder brauchen dringend ein liebevolles Zuhause


Lisa - epaper ⋅ Ausgabe 24/2019 vom 05.06.2019

Immer mehr Mädchen und Jungen können nicht bei ihren Eltern bleiben. Sie brauchen ein neues, sicheres Umfeld – sei es bei Pflegeeltern, in Wohngruppen oder in einer Erziehungsstelle


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Bildquelle: Lisa, Ausgabe 24/2019

Das Band zwischen der Pflegemutter und ihrem Schützling ist stark – die Beziehung zur leiblichen Mutter oft zum Glück auch


Lisa Schley (38) ist pädagogische Einrichtungsleiterin bei „Pegasus“ – einer Einrichtung der Jugend hilfe im süddeutschen Schutterwald

Aktuellen Zahlen zufolge leben in Deutschland so viele Kinder und Jugendliche in einer Pflegefamilie wie nie zuvor: 81 000 im Jahr 2017 – das ist ein Drittel mehr als 2008. ...

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... Dagegen steht eine immer geringere Anzahl an Pflegefamilien. Warum ist das so? Und wie ist es, einem fremden Kind ein neues Zuhause zu schenken? Zusammen mit Lisa Schley (38), der pädagogischen Leiterin einer Jugendhilfeeinrichtung, haben wir für Sie alles Wichtige zusammengefasst.

Wann kommt ein Kind in eine Pflegefamilie?

Zum einen, wenn die Eltern das Jugendamt um Hilfe bitten, weil sie merken, dass sie ihren Kindern nicht mehr gerecht werden können. Häufig geschieht die Unterbringung in einer Pflegefamilie aber auf Initiative des Jugendamtes. Die Gründe erläutert Lisa Schley: „Wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder offensichtlich ist, dass die Eltern nicht in der Lage sind, ihr Kind angemessen zu fördern oder zu versorgen, wird das Jugendamt aktiv.“ Dann kommt das Kind auf Anordnung in eine Pflegefamilie. Häufig sind die Eltern kooperativ, oft sogar erleichtert.

Welche Modelle gibt es?

Wenn das Verhältnis zur erziehungsberechtigten Person gut ist, kann eine Wochenpflege die beste Lösung sein. Dabei lebt das Kind unter der Woche in der Pflegefamilie und verbringt das Wochenende bei seiner Herkunftsfamilie. Die Kurzzeitpflege, also zeitlich befristete Vollzeitpflege, kommt dann infrage, wenn sich die Familie in einer vorübergehenden Krise befindet, also etwa bei Krankheit. „Hier liegt kein Erziehungsnotstand, sondern eher ein Versorgungsnotstand vor“, erklärt Lisa Schley.

Bei der Dauerpflege bleibt der Schützling bis zu seinem 18. Lebensjahr in der Familie. In Bereitschaftspflege kommen Kinder, die in Obhut genommen wurden. Lisa Schley: „Das bedeutet, dass das Jugendamt das Kind oder den Jugendlichen wegen einer akuten Gefährdung aus seiner Familie genommen hat – und sehr kurzfristig unterbringt.“

Wie ist das Verhältnis zur Herkunftsfamilie?

„Bis auf wenige Ausnahmen ist das Ziel der Hilfe die Rückführung in die Herkunftsfamilie“, stellt Lisa Schley klar und erläutert weiter: „Je nach Situation und Ziel wird sehr eng mit der Familie zusammengearbeitet. Abhängig ist das zum Beispiel davon, ob die Eltern noch das Sorgerecht haben, was der Grund der Unterbringung war, wie gravierend die Kindeswohlgefährdung war und natürlich auch wie kooperativ und einsichtig die Eltern sind“, so die Expertin.

Kindern und Jugendlichen in Not Wurzeln schenken – keine einfache, aber eine sehr erfüllende Aufgabe


Wer kann überhaupt Pflegeeltern werden?

Generell kann jeder Erwachsene ein Pflegekind aufnehmen: Verheiratete, Einzelpersonen oder gleichgeschlechtliche Paare. Auch Verwandte kommen als Pflegeeltern infrage. Lisa Schley über die sachliche Lage: „Es muss beim Jugendamt ein Antrag gestellt werden auf Genehmigung einer Pflegeerlaubnis nach § 33 SGB VIII. Das Jugendamt prüft die Eignung und trifft die Entscheidung.“

Warum fehlen so viele Plätze?

Einige Experten sehen im angespannten Wohnungsmarkt einen Grund für den Engpass. Lisa Schley ist der Meinung, „dass die Entlohnung in keiner angemessenen Relation zu den Anforderungen an eine Pflegefamilie steht“. Zudem haben ihrer Ansicht nach Pflegefamilien zu wenig Begleitung und Ansprechpartner, um mit den Problemen umzugehen, die ihre Pflegekinder mitbringen können.

Wann kommen Kinder in eine Einrichtung?

„Bei Kindern und Familien mit besonderen Bedürfnissen kann eine stationäre Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung das Beste sein, da die Fachkräfte den Bedürfnissen und Anforderungen besser gerecht werden können“, erläutert Lisa Schley. Oft sind es Jugendliche, die schon in mehreren Pflegefamilien waren. Über die Unterbringungsform entscheiden dann Jugendamt und Sorgeberechtigte.

„Wir sind froh, für sie da sein zu können“

Auf dem Weg in die Zukunft braucht es eine Hand, die Halt geben kann


Maya malt sehr gern. Ihre Pflegefamilie ist ein häufiges Motiv


Hast du alles?“, fragt Katja* (44) und geht mit Maya* (6) in deren Kinderzimmer. „Wie sieht es denn hier aus?“, will die Verkäuferin wissen. „Wir hatten doch ausgemacht, dass du aufräumst.“

Eine normale Szene , wie sie in jeder normalen Familie vorkommt. Doch Katja, ihr Mann Hubert* (47) und Maya sind keine normale Familie.

Maya verbringt das Wochenende mit ihrer leiblichen Mutter bei deren Eltern. Katja und Hubert sind ihre Pflegefamilie. Bei ihnen lebt sie seit einem Jahr von Sonntagabend bis Freitagnachmittag. Hier hat sie, was ihre Mama Chantal* (23) ihr nicht bieten kann: eine klare Struktur, einen geregelten Tagesablauf. Es ist jemand da, der sie dazu anhält, ihr Zimmer aufzuräumen oder die Zähne zu putzen.

„Das bekommt ihre Mutter für sich selbst kaum auf die Reihe. Sie war erst 17, als sie ihr Kind bekam. Und sie ist kognitiv eingeschränkt, aber ein sehr lieber Mensch“, erläutert Katja.

Ein großer Vorteil. Denn Maya hat keine Probleme, Beziehungen aufzubauen. Dass das nicht immer so ist, weiß Katja aus den Gesprächen mit der Pflegestelle vom Jugendamt. „Wir wurden sehr gut vorbereitet, auch auf die möglichen Probleme. Unsere Eignung wurde ebenfalls geprüft“, erzählt sie.

Vor etwa fünf Jahren hat sie einen Aufruf gelesen, mit dem Pflegefamilien gesucht wurden. Da sie und ihr Mann nur ein Kind bekommen hatten, eine Tochter, die damals gerade ausgezogen war, meldeten sie sich.

Vier Jahre geschah nichts.

„Als dann endlich der Anruf kam, waren das sehr gemischte Gefühle: ein Schock. Und gleichzeitig eine riesige Freude.“

Man gab ihnen allen genug Zeit, um sich emotional vorzubereiten. Zunächst gab es ein Treffen mit der leiblichen Mutter. Dann auch mit Maya. Es folgten Ausflüge zum Spielplatz, gemeinsame Nachmittag bei Katja und Hubert. Irgendwann die erste Übernachtung. „Es lief super. Maya ist wirklich ein Sonnenschein. Sie hat unser Herz im Sturm erobert.“

Doch dann gab es Tränen.

„Als die erste ganze Woche anstand, waren wir alle ziemlich überfordert. Chantal hat wahnsinnig geweint, Maya wollte nicht gehen. Hubert und ich waren unglaublich nervös …“ Die ersten zwei, drei Wochen waren dann auch heftig. Maya hatte Heimweh. Sie sagte, es sei doch egal, ob die Mama ihr im Winter Socken anziehe oder nicht. Und das mit dem Aufräumen und Zähneputzen fand sie auch nicht gut.

„Ich habe in der Zeit manchmal überlegt, das Ganze abzubrechen. Ich hatte Zweifel, ob wir das Richtige tun.“

Davon sind sie und ihr Mann heute überzeugt. „Wir sind froh, für sie da sein zu können“, sagt sie mit einem liebevollen Lächeln. Chantal ist auch zufrieden. Und Maya? Sie liebt es, bei Katja und Hubert zu sein. Sie liebt „ihre“ Katzen. Hat viele Freunde in der Nachbarschaft gefunden. Und sie freut sich jedes Wochenende auf ihre Mama.

Kurz-Infos

Pflegeeltern werden Unter www.kinderwohl.de oder www.netzwerk-pflegefamilien.de können sich Interessierte über die Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren.

Unterstützung finden Hilfe für Eltern in Notsituationen bieten die jeweiligen Jugendämter der Landkreise bzw.kreisfreien Städte.


Fotos: iStockphoto, privat, Shutterstock (3); * Namen von der Redaktion geändert