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topthema: DIE REISE ZUM ICH


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 16.01.2019

In den Jahren bis zur Pubertät wird der Grundstein für einein sich ruhende Persönlichkeit gelegt. Das Verhalten der Erwachsenen spielt dabei eine entscheidende Rolle


Artikelbild für den Artikel "topthema: DIE REISE ZUM ICH" aus der Ausgabe 1/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 1/2019

Fühlt sich ein Kind mit seinen Eigenheiten voll und ganz angenommen, ist das eine gute Basis für seine weitere Entwicklung


M it Marmelade im Gesicht oder Matsch in den Haaren schaut ein kleines Kind gebannt in einen Spiegel, um dann mit seinen Händchen erstmals nicht auf sein Ebenbild zu zeigen, sondern auf sich selbst. Eine rührende Szene, hinter der sich eine gewaltige Erkenntnis verbirgt: Der Schmutzfink da, das bin ich!

Für den Rest ...

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... seines Lebens wird dieses Menschenkind nun mehr oder weniger erfolgreich versuchen, sich selbst immer besser kennenzulernen: Wer bin ich? Was ist meine Geschichte? Was unterscheidet mich von anderen? Welche Gemeinsamkeiten verbinden uns? Antworten auf diese Fragen zu finden, ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben, die sich uns Menschen stellt. Dass wir sie überhaupt suchen, markiert den größten Unterschied zwischen uns und den Tieren. Denn während die von Geburt an von ihren ausgefeilten Instinkten geleitet werden, haben wir die einmalige Fähigkeit, eine immer konkretere Vorstellung von uns selbst, eine Identität zu entwickeln.

PRÄGEND: DIE FRÜHE KINDHEIT

Je nachdem, wie sehr wir im Reinen mit unseren Eigenheiten, Talenten, familiären oder körperlichen Voraussetzungen sind, ist es uns möglich, zufrieden und in Harmonie mit anderen Menschen zu leben – oder eben nicht. Vor allem frühkindliche Erfahrungen sind für das spätere Selbstbild prägend, das zeigt das Stufenmodell von Erik Erikson, Pionier der Identitätsforschung. Seine bis heute anerkannte Theorie: Jeder Lebensabschnitt stellt uns vor eine bestimmte Aufgabe, die beizeiten gelöst werden muss, um die nächste Aufgabe angehen zu können. Wird eine solche Herausforderung nicht richtig bewältigt, etwa wenn ein Baby kein ausreichendes Urvertrauen entwickelt, kann dies die weitere Identitätsentwicklung behindern.

Zuversichtlich und mutig oder voller Zweifel: In welche Richtung sich das Selbstbild eines Kindes entwickelt, liegt dabei in erster Linie in den Händen jener Menschen, die es umgeben, so der Schweizer Entwicklungspsychologe Professor August Flammer: „Die Identität eines Kindes entwickelt sich sehr in Abhängigkeit davon, was die Erwachsenen von ihm erwarten, ihm zumuten und natürlich auch an ihm schätzen. Verbal und nonverbal wird da viel zur Selbstdefinition des Kindes beigetragen.“

BUCHTIPP

Anke Winkler: Erna und die ganz besonderen Schafe. DeBehr, 74 Seiten, 9,95 Euro

Eigentlich ist Schaf Erna glücklich. Doch eines Tages fragt es sich, worin es sich von anderen unterscheidet. Eine Suche beginnt …

„Ich fühl mich wohl bei Mama. Und wie geht es ihr mit mir?“ Das elterliche Verhalten wirkt auf ein Baby wie ein Spiegel, der ihm zeigt, ob seine eigenen Emotionen angemessen sind


BUCHTIPP

Mira Lobe: Das kleine Ich bin ich. Jungbrunnen, 32 Seiten, 15 Euro

Bilderbuchklassiker für Kinder ab drei Jahren: Ein kleines, rot-weiß kariertes Tier macht sich auf den Weg, seine Identität zu suchen – und zu finden!

IDENTITÄT AB DEM ERSTEN TAG

Die spannende Reise zum Ich beginnt schon sehr früh, so die aktuelle Theorie. Der amerikanische Wissenschaftler Daniel Stern kam zu dem Ergebnis, dass sich Identität in einem lebenslangen Prozess entwickelt, der vom ersten Tag an aktiv vom Säugling gesteuert wird. Er senkt und hebt seine Ärmchen. Er schreit und hört sich selbst dabei zu. Mit der Zeit versteht er: Ich bin der alleinige Verursacher all dieser Aktionen, also bin ich nicht eins mit Mama und Papa. Interaktionen mit seinen Eltern helfen dem Säugling außerdem, erstmals ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Und schon in diesem frühen Stadium spielen dabei seine Emotionen und die Reaktionen der Umwelt eine große Rolle: Ein liebevolles Lächeln oder die beruhigenden Gesten seiner Eltern wirken auf das Baby wie ein Spiegel, der sein eigenes Empfinden optimalerweise bestätigt. „Wenn aber die Reaktionen der Erwachsenen grundsätzlich in ihrer Intensität unter jenen des Kindes bleiben, wird ihm sein eigenes Verhalten nicht richtig gespiegelt. Das macht es ihm schwer, ein positives Selbstbild aufzubauen“, warnt die rennomierte Frühpädagogin Prof. Susanne Viernickel.

DAS BEWUSSTSEIN ERWACHT

Die Reise geht weiter. Das Kind lernt laufen und sprechen und erkundet mehr und mehr seine kleine Welt. „Meins“ und „Nein“ sind bald fester Bestandteil seines Wortschatzes – es nimmt sich nun immer stärker als eigenständige Person wahr und lernt, sich von anderen Menschen abzugrenzen. Dass Kleinkinder ein Bewusstsein von sich selbst erlangt haben, stellen sie vor allem in der Trotzphase eindrucksvoll unter Beweis. Ob sie nun partout aus einem Glas trinken oder die Treppe ohne Mamas helfende Hand erklimmen wollen: Der Wunsch nach Selbstständigkeit um jeden Preis nimmt deutlich zu. Gut so! Denn nach Erikson ist es für die Identitätsentwicklung eines kleinen Kindes vor allem wichtig, Autonomie zu spüren.

Trotz seines wachsenden Selbstbewusstseins liest das Kind auch weiterhin aufmerksam in den Gesichtern von Mama und Papa: Ist es wohl eine gute Idee, die Katze zu streicheln? Je nachdem, wie sich seine Eltern verhalten, wird es eine Situation als angenehm, bedrohlich oder herausfordernd empfinden. Die Expertin Susanne Viernickel ermutigt Eltern, die Eigenständigkeit ihrer Spröss linge aktiv zu unterstützen: „Natürlich müssen die Erwachsenen Gefahren von Kindern abwenden, die diese selbst noch nicht erkennen können. Doch wann immer möglich, sollte man den Kleinen signalisieren:, Du kannst es! Ich glaube an dich!‘ Gibt man Kindern Zeit, Dinge selbst auszuprobieren, mag das die elterliche Geduld strapazieren – Kinder entwickeln auf diesem Weg aber das Bewusstsein von Handlungsfähigkeit und das Gefühl, wahrgenommen und geachtet zu werden. Und das beeinflusst, wie sie über sich selbst denken.“

SELBSTBILD AUF DEM PRÜFSTAND

„Wenn ich groß bin, heirate ich meinen Papa!“ Ab dem vierten Lebensjahr kommt es vor, dass Kinder mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil um die Gunst des anderen Elternteils rivalisieren. Sie setzen sich auf diesem Weg mit ihrer Rolle als Junge oder Mädchen auseinander und integrieren diese immer besser in ihre Identität. Zu dieser Zeit beginnt auch der Aufbau ihres autobiografischen Gedächtnisses: Vorschulkinder können sich sich an zurückliegende Erlebnisse wie das letzte Weihnachtsfest oder den Familienurlaub am Meer erinnern. So wird auch ihre Lebensgeschichte mehr und mehr Teil ihres Bildes von sich selbst.

Mit Beginn der Kindergartenzeit führt die Reise zum Ich in die weite Welt hinaus – ein großer Einschnitt im Leben eines Kindes! Während es sich bislang ausschließlich mit seiner Familie identifizierte, ist es jetzt auch noch stolzes Mitglied der Igel- oder Bärengruppe. Für sein wachsendes Gefühl, einzigartig zu sein, ist dies ein wichtiger Schritt. Denn das Selbstbild eines Menschen wird nicht nur durch seine Abgrenzung von anderen geschärft, sondern vor allem auch durch die Gewissheit, bestimmten sozialen Gruppen anzugehören – ob hineingeboren oder selbst gewählt. Im Kindergarten sammelt das Kind nicht mehr ausschließlich Informationen über sich selbst, sondern auch über seine Familie. „Bei uns zu Hause kocht mein Papa. Meine Mama sitzt im Büro.“ Vorstellungen von richtig und falsch, die Kinder in den ersten Jahren ganz selbstverständlich von ihren Eltern übernommen haben, werden erstmals einer manchmal gnadenlosen Überprüfung durch Erzieherinnen und Kinder unterzogen. Auch der Kindergarten wirkt also wieder wie ein Spiegel auf die kindliche Selbstfindung, erklärt Susanne- Viernickel: „Wenn Erzieherinnen die häuslichen Erfahrungen eines Kindes mit Interesse und Wohlwollen aufnehmen, festigt das seinen Eindruck: Meine Familie und ich sind in Ordnung. Ich kann die Welt, da draußen‘ und unser Leben zu Hause gut unter einen Hut bringen. Für sein Selbstwertgefühl ist das Gold wert.“


Mit dem Beginn der Kita führt die Reise zum Ich in die weite Welt hinaus


Freundschaften werden in diesem Alter immer wichtiger, auch wenn ihre meist noch kurze Lebensdauer Erwachsene oft schwindlig macht. „Anna ist meine beste Freundin“ – solche Aussagen gelten manchmal nur für einen Sommer. Und doch stehen sie für Erfahrungen, die ein Kind in seiner Identitätsentwicklung weit nach vorne bringen. Denn Freunde zu haben stärkt das Selbstbewusstsein. Sie helfen uns, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und anderen zuliebe auch mal zurückzustecken. Selbst die schmerzhaften Seiten einer Freundschaft, z. B. Streit und Eifersucht, festigen kleine Persönlichkeiten – auch wenn Eltern ihren Sprösslingen solche Erfahrungen natürlich gerne ersparen würden.

„Das bist du!“ – Tipps für Eltern

• Achten Sie darauf, bei Kritik sachlich zu bleiben und Vorwürfe auf konkrete Situationen zu beziehen. Niemals sollte die gesamte Persönlichkeit Ihres Kindes infrage gestellt werden.
• Helfen Sie Ihrem Kind, Hobbys zu finden, die ihm Spaß machen und seine Talente fördern. Bedenken Sie, dass ihm nicht unbedingt jene Aktivitäten entsprechen, die Sie selbst attraktiv finden.
• Um Bindungsfähigkeit zu entwickeln, müssen Kinder lernen, Kompromisse zu schließen und sich zu versöhnen. Aber auch, sich dominanten Freunden gegenüber zu behaupten. Hier können Eltern mit gutem Beispiel vorangehen.
• Stellen Sie Ihr Kind nicht auf einen Sockel. Es fördert nicht unbedingt sein Selbstbewusstsein, wenn es immerzu nur hört, wie außergewöhnlich es ist. Eher werden unrealistische Erwartungen geweckt, und Enttäuschungen sind programmiert.

DIE STUNDE DER WAHRHEIT

Mit Beginn der Grundschulzeit gewinnt die Reise zu sich selbst deutlich an Fahrt. Die eigene Persönlichkeit bekommt immer feinere Konturen. Während sich kleinere Kinder in der Regel anhand körperlicher Merkmale oder beobachtbarer Fähigkeiten und Vorlieben beschreiben, ist ein Achtjähriger meist schon in der Lage, seine inneren Stärken und zwischenmenschlichen Beziehungen ins Spiel zu bringen: „Ich bin hilfsbereit, und meistens bin ich auch höflich. Deswegen mögen mich viele Menschen, besonders Omas.“

Kleinere Kinder strotzen oft noch vor Selbstbewusstsein, was ihre eigenen Fähigkeiten betrifft. Kein Wunder: Es fällt ihnen leicht, sich Illusionen zu machen, da sie ihre Leistungen nicht mit anderen vergleichen müssen. Anders im Grundschulalter. Sozialen Vergleichen bezüglich Schlagfertigkeit oder coolen Markenklamotten müssen sie sich nun genauso stellen wie schulischen Leistungstests. In der Schule geht es nicht mehr in erster Linie um die individuellen Fortschritte, sondern um den Vergleich mit anderen – das kann die bislang positive Selbstwahrnehmung eines Kindes ganz schön ins Wanken bringen. Darauf sollten sich Erwachsene unbedingt einstellen, rät August Flammer, einer der wenigen Wissenschaftler, die sich intensiv mit der Identitätsentwicklung in der Grundschulzeit beschäftigt haben. „Vor allem Lehrer sind nun gefordert, die weitere Identitätsentwicklung ihrer Schüler in eine gute Richtung zu lenken. Das heißt: ihnen herausfordernde, aber bewältigbare Aufgaben geben, Erfolge als das Ergebnis ihrer Kompetenzen und ihrer Bemühungen interpretieren und bei Misserfolg zeigen, wie sie es das nächste Mal besser machen können.“

„Selbstwirksamkeitsüberzeugung“ – für Flammer ist sie der Schlüssel zu einer positiven Identitätsentwicklung: „Kinder brauchen das Gefühl, selber Wirkungen hervorrufen oder verhindern zu können.“ Vor allem in der Grundschulzeit bestehe eine große Chance, solch eine Überzeugung auszubilden, so der Schweizer Psychologe, denn „gerade in den ersten Klassen spielt eine konkrete Rückmeldung im Sinne von, Diese schwere Aufgabe hast du aber schnell gelöst!‘ eine große Rolle. Solche Reaktionen der Lehrer sind prägend für das Selbstbild der Kinder.“

Die Selbstwahrnehmung von Grundschülern basiert bereits stark auf Bewertungen durch andere – ein Vorbote der nahenden Pubertät. Neben den Beurteilungen durch ihre Lehrer sind somit auch verschiedenen Rollen, die sie in Kindergruppen einnehmen, von großer Bedeutung. Hier können Kinder die stärkende Erfahrung von gegenseitiger Akzeptanz machen. Immer öfter erleben sie aber auch, was es heißt, gemieden oder gedemütigt zu werden. „Auch hier haben die Erwachsenen eine große Verantwortung“, so Professor Flammer, „denn systematisch gemobbt zu werden, hat schwerwiegende Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes. Lehrer und Eltern dürfen hier auf keinen Fall die Augen verschließen.“

Gute Freunde sind für eine positive Entwicklung der kindlichen Identität von besonderer Wichtigkeit


Das Feedback seiner Grundschullehrer prägt das Selbstbild eines Kindes nachhaltig


Selbst wenn sich der Radius eines Kindes kontinuierlich erweitert und äußere Einflüsse immer mehr sein Selbstbild bestimmen: Die Erfahrungen in seiner Familie sind weiterhin besonders prägend. Bestenfalls empfindet ein Kind sein Zuhause als Refugium, in dem es nicht nach seinen Fähigkeiten und äußeren Merkmalen beurteilt, sondern einfach geliebt wird, wie es ist. „Fühlt sich ein Kind mit seinen Eigenarten nicht voll und ganz angenommen, kann das schlimme Folgen haben“, so die Erfahrung von Susanne Viernickel: „Es stülpt sich eine Identität über, die eher den Ansprüchen anderer als den eigenen entspricht. Es kann sein, dass es sich dann als Erwachsener auch eher fremden Vorstellungen anpasst, anstatt sich selbst zu vertrauen.“

DIE SUCHE NACH SICH SELBST HÖRT NIEMALS AUF

Konnte ein Mensch als Säugling Urvertrauen ausbilden, als Kleinkind Autonomie spüren, zu Kindergartenzeiten seine Bewegungsfreiheit ausbauen und als Grundschüler positives Leistungsbewusstsein entwickeln, wird er als junger Erwachsener zu einer stabilen Persönlichkeit reifen, die für die Stürme des Lebens gewappnet ist. So zumindest die Annahme des berühmten Identitätsforschers Erikson.

Die aktuelle Forschung ergänzt seine Stufentheorie. So macht der englische Psychologe Michael Rutter darauf aufmerksam, dass individuelle Erfahrungen wie Adoption oder Migration für das Selbstbild eines Menschen prägender sein können als die von Erikson beschriebenen Entwicklungsaufgaben. Ebenso glauben die Experten nicht mehr, dass es eindeutig gute oder schlechte Einflüsse gibt, die das Selbstbild vorhersehbar beeinflussen. Viel wichtiger scheint die individuelle Kombination aller Einflüsse, die auf ein Kind einwirken. So fällt zum Beispiel der nie d rige sozioökonomische Status einer Familie weniger ins Gewicht, wenn das Kind auch in Belastungssituationen blind auf seine Eltern vertrauen kann.

Die Welt wird schneller, komplexer und schwerer durchschaubar. Gleichzeitig haben wir zahllose Möglichkeiten, unserem Leben eine individuelle Richtung zu geben. Auch wenn wir den Kinderschuhen längst entwachsen sind, erfinden wir uns immer wieder neu und fühlen uns anderen Gruppen zugehörig, zum Beispiel, wenn wir Eltern werden oder den Job wechseln. Die Reise zum Ich hört nie auf! Und auch im Erwachsenenalter kann sich ein Mensch auf dem Weg zu sich selbst noch verirren. Umso wichtiger, Kinder dabei zu unterstützen, einen inneren Kompass zu entwickeln. Dazu gehört auch, sich frühzeitig kennen- und schätzen zu lernen.


Urvertrauen, Autonomie und Freiheit sind Voraussetzung für eine stabile Persönlichkeit


FOTOS: AFRICA STUDIO - STOCK.ADOBE.COM; FANCY; GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO/SIDEKICK; CREATAS