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Tor zur Welt


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 192/2021 vom 26.10.2021

HUMBOLDT FORUM

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 192/2021

Ritualgegenstände (Vitrine) und Skulpturen aus Ozeanien und Neuseeland,

Das Humboldt Forum hinter den rekonstruierten Fassaden des Berliner Schlosses ist eine Achterbahn der Eindrücke und der Gefühle. Vieles ist nicht sehr erbaulich, aber vieles ist eben auch gelungen, anregend oder atmosphärisch angenehm. Das Problem des Ganzen ist: Wie soll man in diesem so disparat angemischten Sauerteig die Geschmacksnerven ausrichten? Wie bringt man all die widersprüchlichen Erfahrungen zusammen in einem Gebilde, das am liebsten alles sein will: Mehrzweck-Kulturtanker und Treffpunkt für alle, Schatzhaus der außereuropäischen Kunst, Plattform des Postkolonialismus und der Wissenschaft, zudem eine Ode auf das multikulturelle Berlin?

Von einem vollständigen Scheitern zu sprechen, wie es Gegner des Großprojekts immer wieder tun, ist unfair. Gewiss, der Widerspruch zwischen der preußisch-monarchischen Außenhülle und dem modernen Innenleben eines Museums für die ...

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... außereuropäischen Kulturen als Gegenpol wird immer eine Hypothek sein. Ebenso die mediokre Architektur von Franco Stella, die zwar (wie man jetzt sieht) funktional ist und die Besuchermassen bewältigen kann, aber zu großen Teilen nichtssagend aussieht und eher an Einkaufszentren, Büro- oder Messegebäude erinnert. Doch seit das Humboldt Forum mit seinen heterogenen Inhalten am 20. Juli für das Publikum eröffnete, herrscht dort eine offene und lebendige Atmosphäre.

Mehr als 150 000 Besucher schauten sich in den ersten zwei Monaten die Wechselausstellungen an, etwa die klug konzipierte Schau über den Glanz und das Elend des Materials Elfenbein, nutzten das – ebenso beliebte wie abgelehnte – Multimediaspektakel »Berlin Global« oder die interaktive Wissenschaftspräsentation der Humboldt-Universität. In gelöster Stimmung durchwandern die Menschen das Haus, sitzen entspannt im Schlüterhof, erfreuen sich an dem exzellenten Selbstbedienungsbistro, während überall im Haus freundliche Mitarbeiter für einen geregelten Betrieb sorgen.

Seit einigen Wochen ist endlich auch das Herz und der Hauptzweck des Ganzen zugänglich: der Museumstrakt im zweiten und dritten Obergeschoss mit den afrikanischen, ozeanischen und asiatischen Sammlungen. Es ist eine Teileröffnung, in der »Westspange« um den Eosanderhof sind jetzt rund 3000 Werke auf 4000 Quadratmetern zu besichtigen. Mitte 2022 folgt der größere östliche Teil, der den Schlüterhof umrundet. Insgesamt werden dann rund 27 000 Objekte auf 20 000 Quadratmetern zu sehen sein.

Natürlich schwebt über allem die immer stürmischer werdende Debatte um das Erbe des Kolonialismus. Wie sind die Untaten der Europäer und speziell der Deutschen in Afrika und in der Südsee angemessen zu thematisieren? Welche Objekte wurden unrechtmäßig erworben oder gar mit Gewalt geraubt? Wie können die zahllosen ungeklärten Fragen zu den Provenienzen in der Präsentation dargestellt werden? Was muss zurückgegeben werden? Welche Legitimität hat ein solches Museum überhaupt? Und wie stehen wir heute zu dieser Last der Geschichte, wie kolonialistisch gesinnt ist unsere Gesellschaft eigentlich noch?

Die einleitende Ausstellung »Ansichtssache(n)« geht den Spuren des Kolonialismus in Deutschland anhand von einzelnen Schicksalen, Geschichten und Anekdoten nach. Etwa Namibier, die seit den späten Siebzigern als Kinder in der DDR lebten. Oder Klischees und Vorurteile über Afrika, die in den Schulbüchern bis heute benutzt werden. So sollen wir erst einmal darauf eingestimmt werden, dass wir alle nicht frei sind von kulturellen Überheblichkeiten. Ob uns das Humboldt Forum davon befreit, ist eine andere Sache.

Auch die nächste Präsentation, das »Schaumagazin Afrika«, stellt den Kolonialismus in den Vordergrund. Dicht an dicht drängen sich die Objekte in ihren Vitrinen, darüber stehen in dürren Zeilen die Namen und Daten von Kolonialoffizieren, Wissenschaftlern und anderen Afrikareisenden, die sich der Kultur des Kontinents bemächtigten. Es sind die interessantesten Kunstwerke und Alltagsgegenstände darunter, doch sie kommen kaum zur Geltung. Zum ursprünglichen Kontext hilft die schlecht funktionierende Medienstation ebenso wenig wie man über das Wirken der aufgeführten Kolonisatoren erfährt. Als Raum der Aufklärung ist diese Präsentation ein absoluter Flop.

Als Nächstes geht es zu den berühmten Holzbooten aus der Südsee, in ihrer banalen Riesenraumkiste viel zu eng arrangiert. Trotz allerlei Karten, einer Vitrine mit Korallen, die durch die Wasserverschmutzung erbleichten, Filmprojektionen und Fototafeln aus dem heutigen Papua-Neuguinea kommt nicht so recht zur Geltung, was die Bootsbauer, die schon vor Tausenden von Jahren den Pazifik durchquerten, geleistet haben. Auch die von Götz Aly so eindrücklich geschilderten Umstände, wie das große Boot von der Insel Luf nach Ermordung und Vertreibung der Bewohner durch die Deutschen nach Berlin gelangte, sind nur in dürren Worten dargestellt. Zwar wird hier wie bei jedem Objekt im Haus die Herkunft vermerkt, aber dass es bei den Erwerbungen in der Kolonialzeit stereotyp »gesammelt« heißt, wo sie doch so oft mit Raub, Zerstörung und kriegerischen Angriffen der Europäer zu tun hatten, stößt unangenehm auf. Sammeln, wie wir es heute verstehen, wird dadurch diskreditiert.

Es stößt unangenehm auf, dass die oft gewalttätigen Erwerbungen der Kolonialzeit als »gesammelt« bezeichnet werden. Modernes Sammeln wird dadurch diskreditiert.

Ein Wechselbad ist auch der Saal zu Kamerun unter der Kolonialherrschaft. Ausführlich werden hier die Untaten der Deutschen herausgestellt. Etwa das Schicksal von Rudolf Manga Bell, dem König der Duala, der seine Kindheit teilweise in Deutschland verbrachte und mit friedlichen Mitteln und besten Sprachkenntnissen versuchte, gegen die Unterdrückung seines Volkes zu kämpfen. 1914 ließ ihn der deutsche Gouverneur in einem Akt von Justizmord hinrichten. Dies ist sehr eindrücklich dargestellt, dafür geraten aber die wunderbaren traditionellen Holzskulpturen, höchst raffinierte Wollmützen oder aufwendig dekorierte Architekturteile ins Hintertreffen. Über die Kultur und Kunstgeschichte vor dem Eintreffen der Deutschen lernt man wenig.

Außerdem leidet der Kamerun-Saal wie die meisten anderen Kapitel des Rundgangs unter der kalten, nichtssagenden Architektur, den ewig mausgrauen Wänden und einem eisig hellen Gussboden. Auch die Vitrinenarrangements des New Yorker Museumsgestalters Ralph Appelbaum sind meist wuchtig und uninspiriert. Sinnliche Stimmung, wie sie die heutige Museologie doch eigentlich sehr gut beherrscht, kommt selten auf. Aber es gibt Höhepunkte wie die fantastischen Holzfiguren vom Flusslauf des Sepik auf Neuguinea, die zarten Rindenbastmalereien von anderen ozeanischen Inseln, die Wunderwerke aus Federn von Hawaii oder die indigene Kultur Australiens, die mit der Aboriginal Art in die Gegenwart geführt wird. Hier sind auch Appelbaums Vitrinenlandschaften gelungen.

Die gleichen Schwankungen erlebt man im Museum für Asiatische Kunst. Überwältigend in ihrem Reichtum und ihrer Qualität ist die Sammlung indischer Skulpturen. Teils strahlen sie vor einer Wand aus Blattgold, teils sind sie aber so hässlich präsentiert, dass man es kaum fassen kann. Wunderbar ist dagegen die Inszenierung der höfischen Moghul-Kunst auf dem Subkontinent. In Raumkompartimenten aus hellem Holz kommen die zarten Malereien und Luxusobjekte der islamischen Herrscher zu kostbarer Geltung. Ähnlich verfuhr Appelbaum bei der japanischen Malerei und Keramik, kulminierend in einem raffinierten und voll für eine traditionelle Zeremonie ausgestatteten Teehaus des Architekten Jun Ura. Die Keramik aus Korea und China – ein Hauptthema der asiatischen Kunstgeschichte – wird leider nur durch wenige Meisterwerke angerissen, auch nicht in ihren Stilbeziehungen erklärt. Die große Masse der Kollektion ist in hohe Vitrinenmagazine gepfercht. Solch tönerne Überfülle ist auf den ersten Blick zwar durchaus suggestiv, doch hilft auch hier die Medienstation den Wissbegierigen kaum weiter. Kein Stück wird in seiner Datierung eingegrenzt oder gar näher erklärt. So werden die exzellenten Stücke, zum Teil bis ins Neolithikum zurückreichend, zur Illustration.

Wie sich historisches Ambiente andeuten lässt und dabei trotzdem ein moderner Schauraum entsteht, demonstriert der Architekt Wang Shu im Saal zur Hofkunst Chinas. Von der Decke hängt eine gewaltige hölzerne Dachkonstruktion in Anlehnung an eine traditionelle Pagode, lehmverputzte Wände und ein edler Boden aus schwarzen Steinplatten bilden die perfekte Bühne für einen Kaiserthron samt Paravent und vielen anderen Kostbarkeiten bis hin zu Ai Weiweis Haus aus gepresstem Tee. Fantastisch, wenn das ganze Museum so aussähe. Stattdessen holt einen der letzte Saal zur chinesischen Malerei in die Realität der Tiefkühlstimmung Stellas und Appelbaums zurück.