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Totes Pferd nach Fünfkampf-DM


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 100/2021 vom 13.09.2021

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Über die Vorkommnisse in Tokio beim Modernen Fünfkampf ist viel geschrieben worden. Besonders viel und emotional bis unqualifiziert in den Sozialen Medien. Das Scheitern der deutschen Medaillen hoffnung Annika Schleu, 31, in der Disziplin Springreiten ging um die Welt. Sie lag auf Goldkurs. Sie startete auf Saint Boy als zweite Reiterin. Saint Boy hatte bereits beim ersten Einsatz mit einer Russin dreimal verweigert. Ein Ausschluss erfolgt beim Fünfkampf erst nach der vierten Verweigerung. Das hätte dann auch bedeutet, dass das Pferd aus dem Wettbewerb genommen worden wäre und Annika Schleu ein Ersatzpferd bekommen hätte. Die Russin schaffte es nach drei Verweigerungen mit Saint Boy aber nicht mehr aus einer Ecke heraus– Disqualifikation wegen Zeitüberschreitung. Dem Wunsch der deutschen Delegation, das Pferd zu tauschen, wurde nicht entsprochen, es sei gesund und einsatzbereit, so der Tierarzt. ...

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... Auf dem Abreiteplatz lief noch alles gut. Schon beim Einreiten in den Parcours aber blockierte Saint Boy.

Bundestrainerin Kim Raisner fordert Annika Schleu auf, die Gerte einzusetzen und drückte ihn mit der Faust von der Bande weg. Annika Schleu folgte der Aufforderung tränen überströmt und reagierte hysterisch. Schließlich kam das Paar doch noch in Gang, ein paar unschöne Sprünge aus unpassender

Distanz waren noch möglich. Schließlich verweigerte Saint Boy erneut, viermaliges Verweigern, disqualifiziert. Pferd und Reiterin komplett überfordert. Eine Tierschutzdiskussion entbrannte, Schleu und Raisner wurden als Pferdequäler in den sozialen Medien hingerichtet.

Geschichte wiederholt sich

Bereits 2016 in Rio waren für die Fünfkampflegende und Olympiasiegerin von 2008, Lena Schöneborn, alle Medaillenträume nach dem Reiten ausgeträumt. Auch sie kam mit dem ihr zugelosten Pferd nicht durch den Parcours. Dieses Desaster hat sich nun wiederholt. Bundestrainerin Kim Raisner, wurde erst vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) von weiteren Aufgaben entbunden und danach vom Weltverband für Modernen Fünfkampf von Olympia ausgeschlossen. Später folgt eine Anzeige des Deutschen Tierschutzbundes wegen Tierquälerei gegen die Trainerin und die Reiterin.

Der deutsche Reittrainer Gerhard Schröter war in Tokio nicht vor Ort, weil die Fünfkampf-Delegation aufgrund einer Beschränkung der Zahl der Mitreisenden zwischen einem Physiotherapeuten und dem Reittrainer wählen musste. Verantwortlich gemacht für das Desaster wurden in der Folge das Pferd, der Tierarzt, die Trainerin, die Reiterin und die Regularien im Modernen Fünfkampf.

Die Idee des Modernen Fünf kampfs

DER MODERNE FÜNFKAMPFbesteht aus Schwimmen, Fechten, Reiten, Schießen und Laufen. Er wurde von Pierre de Coubertin, dem Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit, ins Leben gerufen. Er wollte so den perfekten Athleten finden. Der Moderne Fünfkampf gilt als die vielseitigste olympische Sportart.

Die moderne Form des antiken Pentathlon (in der Antike waren das Speer, Diskus, Sprung, Laufen und Ringen) gab es erstmals bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm – damals bestehend aus Pistolenschießen, Degenfechten, Schwimmen, Geländeritt und Querfeld einlaufen. Diese fünf Disziplinen spiegelten die damaligen militärischen Anforderungen wider.

REITEN IM FÜNFKAMPF Von 1912 bis 1984 wurde deshalb ein Geländeritt veranstaltet, dessen Länge bis 1968 eine Strecke von fünf Kilometern mit Hindernissen betrug.

1972 wurde die Entfernung auf einen Kilometer verkürzt.

Ab 1988 findet der pferdesportliche Wettkampf als Springreiten statt. Die Hindernisse haben eine Höhe von etwa 1,20 Meter. Der Parcours besteht aus 12 Hindernissen mit 15 Sprüngen. Laufen und Pistolenschießen wurden zu einer Art Biathlon zusammengezogen, bei dem mit Laserwaffen geschossen wird.

In Tokio fanden alle fünf Disziplinen an einer einzigen Wettkampfstätte statt, und bei den nächsten Spielen 2024 in Paris soll das Fünferpack innerhalb von 90 Minuten ausgetragen werden.

Der Fünfkampf hat einen eigenen Dachverband, der mit der deutschen FN und dem Weltreiterverband (FEI) nichts zu tun hat. Deshalb gibt es beim Fünfkampf Regeln, die von denen im internationalen Springsport abweichen.

Überforderte Pferde

Für Fünfkampf-Veranstalter wird es immer schwieriger, Springpferde zu finden, die auch mit schwächeren Reitern einen Parcours mit 1,20 Meter hohen Hindernissen absolvieren. Kaum ein privater Pferdebesitzer will sein Pferd leihweise zur Verfügung stellen.

Für Veranstaltungen in Deutschland werden deshalb z. B. Pferde aus Polen gemietet und her transportiert – zuletzt zu den „Finals“, den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Modernen Fünfkampf Anfang Juni in Berlin. Zumindest ein Teil der Pferde war klapperdürr. Eines hatte Blut im Urin und wurde später angeblich aufgrund eines Tumors in einer Brandenburger Pferdeklinik eingeschläfert. Es war also nach üblichen Maßstäben nicht "fit to compete", wurde aber dennoch eingesetzt. Gesundheitsdokumente fehlten den polnischen Pferden, weswegen sie vom zuständigen Veterinäramt zunächst sichergestellt, im Wettkampf aber dann eingesetzt wurden. Die Pferde seien fit und von der zuständigen Amtsveterinärin vorher begutachtet worden, so Berlins Fünfkampf Landestrainer Robert Trapp. Das bestätigt das zuständige Veterinäramt, die Amtsveterinärin hat sich dazu bis jetzt nicht geäußert.

Immerhin schreibt das Veterinäramt, dass man bereits in der Vergangenheit vorsorglich u. a. über die Notwendigkeit der ausreichenden Bewegungsmöglichkeit unter Bezugnahme auf § 2 Tierschutzgesetz und die „Leitlinie zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ hingewiesen habe. Das bedeutet, dass die Berliner Fünfkampf-Pferde die Möglich keit zur freien Bewegung auf dem Paddock bekommen sollen.

Plötzlich reagiert die FN

NACH DEM AUFSCHREI IN TOKIO, reagierte die FN schnell mit einem Statement. Der Druck der Medien, die eigentlich primär über den Reitsport berichten, war so groß, dass sich Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) genötigt sah, zu reagieren:

„Als Fachverband für den Pferdesport sehen wir die Reiterei im Modernen Fünfkampf kritisch. Unser Verständnis der Reiterei liegt in der Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd und nicht darin, das Pferd als Sportgerät zu betrachten. Die Bilder, die wir gesehen haben, haben eine klare Überforderung von mehreren Reiterinnen und Pferden gezeigt. Aus unserer Sicht muss das Regelwerk dieser Sportart so gestaltet sein und angewendet werden, dass Reiter und Pferd geschützt werden. Hier besteht beim Modernen Fünfkampf offensichtlich dringender Handlungsbedarf.“

Es folgt der Verweis, man sei nicht zuständig. Immerhin eine Aussage. Denn als St.GEORG im Juni 2021 anfragte, ob sich die FN nicht zu den Vorkommnissen im Modernen Fünfkampf – ein totes Pferd, mutmaßlich tierschutzrelevante Umstände rund um die DM – äußern wolle, wurde das abgelehnt: „… muss ich Sie leider um Verständnis bitten, dass wir Ihnen nicht für ein Interview zu diesem Thema zur Verfügung stehen können. Das ist damit begründet, (…) dass der Moderne Fünfkampf keine Disziplin unter dem Dach des DOKR ist.“ Das war bevor die negativen Bilder vom Modernen Fünfkampf in Warendorf als Thema erkannt und Handeln notwendig wurde.

Zweifel über Zustand der Pferde

Die Tierärztin Jana Kirsten aus Leipzig bezweifelt die Einschätzung des Veterinäramtes, dass die polnischen Pferde fit gewesen seien. Sie hat Pferde von eben jenem polnischen Anbieter bereits 2018 bei den Weltmeisterschaften der Masters (ab 35 Jahre bei den Frauen und 40 bei den Männern) in Sachsen-Anhalt betreut. Die Pferdehalterin und aktive Turnierreiterin war entsetzt über den Stellenwert der Reiterei im Fünfkampf: mangelhafte Ausrüstung der Reiter und der Pferde, die teilweise weder körperlich, noch ausbildungsmäßig den Anforderungen gewachsen waren. Noch schlimmer sei aber: „der sehr mangelhafte Ernährungszustand, Verletzungen vom Transport an der Hüfte und an den Beinen, da waren mindestens zwei dabei, wo der Rücken nicht mehr heil war, eins haben wir während der Veranstal- tung dann rausgenommen, weil sich das gar nicht mehr besteigen ließ vor lauter Schmerzen, mir war kotzübel. Das reiterliche Können war – ja, da fehlen einem die Worte, unbeschreiblich.“

„ Alles war genial, alles war super.“

Klaus Schormann, Päsident des Weltverbandes Moderner Fünfkampf (UIPM).

Pferdewechsel

WETTKAMPFMÄSSIGES REITEN auf fremden Pferden gibt es immer seltener. In der Einzelentscheidung bei der WM der Springreiter gab es den Pferdewechsel von 1953 bis 2014 – dann wurde er zum Wohle der Pferde abgeschafft. In der Dressur, etwa beim Derby in Hamburg, und auch beim Berufsreiterchampionat Springen gibt es ihn auch heute noch. Hier sind aber Profis am Werk, die um die Sensibilität der Pferde wissen und entsprechend vorgehen.

Unter dem Dach der FN gibt es den Pferdewechsel außerdem beim Vierkampf (Laufen, Schwimmen, Dressur, Springen) und bei Bundesnachwuchschampionaten. Auch auf Studententurnieren werden Pferde zugelost. Ohne Reitabzeichen darf hier allerdings niemand starten, Fairness gegenüber dem Tier hat oberste Priorität. Die Pferde für den Modernen Fünfkampf werden vom Veranstalter organisiert. 1000 Dollar erhielten die japanischen Besitzer der Pferde in Tokio. Die Tiere werden vom Fünfkampf-Verband ausgewählt und den Athleten zugelost. Jedes Pferd muss mit je zwei Reitern durch den Parcours. Jeder hat jeweils 20 Minuten Zeit und fünf Probesprünge, um das Pferd kennenzulernen.

FEHLER IM SYSTEM

Ausbildung deutscher Fünfkämpfer

Großbritannien stellte die Olympiasieger. Dort wird Fünfkampf-Nachwuchs vielfach unter Reitern rekrutiert, in Deutschland eher bei Schwimmern. Hier reitet der Nachwuchs erst mit 12, 13 Jahren, einmal pro Woche. Kaderathleten reiten zweimal pro Woche auf verbandseigenen Schulpferden. Reiten gilt als aufwendig und teuer. Bei Wettkämpfen finden häufig erst die anderen Disziplinen statt, es reiten nur noch die Besten. Also werden die anderen Disziplinen eher trainiert. Für viele sei Reiten eher notwendiges Übel und Glückssache, so ein ehemaliger Fünfkämpfer: Sie „stürzen sich mit viel Mut und sehr wenig Können in den Parcours und hoffen auf ein Pferd, das sämtlichem reiterlichem Unvermögen zum Trotz doch noch springt“.

Jana Kirsten hatte sich bereits 2018 hilfesuchend an die Tierschutzbeauftragte der FN gewandt, sie hatte das Ereignis detailliert geschildert. Der Brief liegt St.GEORG vor. Zunächst wurde ihr Hilfe und Unterstützung versprochen, danach hat sie nie mehr etwas gehört. Später erklärte man sich für nicht zuständig. Die Frage, ob zumindest der Versuch einer Kontaktaufnahme mit dem Fünfkampf-Verband unternommen wurde, blieb von der FN unbeantwortet.

Der Fünfkampf-Verband kämpft

Schon vor einigen Jahren wurde diskutiert, ob die Disziplin Reiten innerhalb des Modernen Fünfkampfs noch zeitgemäß ist, ob man sie nicht z. B. durch Mountainbiken ersetzen oder gleich ganz streichen könnte. Auf keinen Fall, so der Vizepräsident des Deutschen Verbands für Modernen Fünfkampf (DVMF). Man fürchte, dann aus dem olympischen Programm zu fliegen. Das scheint jetzt allerdings ohnehin zu drohen.

VERNICHTENDE QUOTE

Nur fünf „Nuller“

Lediglich zwei von 36 Teilnehmerinnen und drei Männer blieben in Olaf Petersens Parcours ohne Fehler, zehn schieden aus. Es gab gefährlich aus ­ sehende Stürze von Reiter und/oder Pferd bei Abmessungen zwischen L und M. Die Zeit war knapp bemessen, entsprechend hohes Tempo führte auch zu unschönen Bildern. Der deutsche Fünfkampf-Reittrainer Gerd Schröter weist seit Jahren auf das Problem hin: „Die müssen auf Championaten den gleichen Parcours von den Abmessungen und vom Schwierigkeitsgrad her reiten, wie die Vielseitigkeitsreiter – da ist doch ein Fehler im System. Das sind nun mal Mehrkämpfer und das muss man verstehen.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mahnt offen Reformen an. Die Regeln „gefährden sowohl das Tierwohl und schaden damit auch eindeutig dem Ansehen von Sportart, Sportler und Sportlerin“, erklärt DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Die Gesamtquote der Abwürfe, Verweigerungen und Stürze zeige, dass das nicht die Perspektive für den Modernen Fünfkampf in der Zukunft sein kann. Dieser Anklage entgegnet der Präsident Klaus Schormann auf der Homepage des Weltverbandes UIPM. Er fand: „Alles war genial.“ Und: „Vielleicht gab es ein paar Momente, von denen man sagen kann, dass sie nicht so schön waren, aber ich kann Ihnen sagen: Die Pferde sind absolut ausgezeichnet.“ Am Ende, so der Verbandschef, „liege es an den Sportlern selber, wenn sie in einigen Teilen des Wettkampfs keinen Erfolg haben“. Dies wiederum konterte Michael Scharf, Chef der deutschen Fünfkämpfer, im Deutschlandfunk mit den Worten, wenn an jenem Abend alles genial gewesen sei, „dann bin ich der falsche Zuschauer gewesen“. Konkrete Reformvorschläge kommen vom DVMF allerdings auch nicht. Man strebe „effektive Änderungen“ an und wolle sich vorerst nicht äußern. Die deutsche Olympia siegerin von 2008, Lena Schöneborn, regte in der ARD an, den Athleten mehr Vorbereitungszeit mit dem fremden Pferd einzuräumen.

„Der Reitsport lebt von der Partnerschaft Reiter-Pferd. Diese ent wickelt sich über Jahre. Das ist eine Freundschaft, das ist ein Hand in Hand gehen, das ist ein wirklich individuelles, intimes Verhältnis.

Mannschaftsolympiasiegerin Dorothee Schneider

Der österreichische Fünfkämpfer, Gustav Gustenau, der drei eigene Pferde auch auf normalen Springturnieren reitet und in Tokio für einen der wenigen Nullfehler-Ritte sorgte, schlug auf dem Internetportal Pferderevue.at eine Reitlizenz als Voraussetzung für die Fünfkämpfer vor und Zusatzpunkte für guten Stil. Künftig eigene Pferde zu reiten, sei aber keine Lösung, weil es den Fünfkampf zu elitär mache, so Annika Schleu in einem Interview.

Die meisten deutschen Reiter lehnen einen Modus mit Pferdewechsel generell ab. Isabell Werth: „Fünfkampf hat gar nichts mit Reiten zu tun. Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben.“ Auch Fachverbände wie die Bundes vereinigung der Berufsreiter (BBR) haben sich gegen die aktuelle Praxis positioniert. Ein Online Petition wurde gestartet. Zwei Tage nach dem Tokio-Desaster kündigte die UIPM eine „Überprüfung“ an. Man werde „die Bedeutung des Wohlergehens der Pferde und der Sicherheit der Athleten in der gesamten globalen Wettkampfstruktur“ berücksichtigen, so Präsident Schormann. „Wir haben das Regelwerk schon die letzten drei Jahre überarbeitet und haben all das, was jetzt kritisiert wird, schon längst zu Papier gebracht.“

ONLINE PETITION

Moderner Fünfkampf ohne Reiten

Forderungen nach einer alternativen Disziplin weist er zurück. Einige Hindernisse weniger und niedriger, erscheinen wahrscheinlich. Das Losprinzip soll bleiben. Es sei als „Teil des dramatischen Spektakels“ unerlässlich. Exakt das sei es, was „den Modernen Fünfkampf so einzigartig und fesselnd macht“. Das klingt nicht so, als ob die Disziplin Reiten infrage gestellt wird. Mit FEI Präsident Ingmar de Vos will Schormann sich zwecks Austausch treffen. Vorschläge und Empfehlungen sollen dann Ende November beim UIPM-Kongress verabschiedet werden.

Bauernopfer oder Täterin?

ANNIKA SCHLEU ist Deutschlands derzeit beste moderne Fünfkämpferin. Sie hat bereits an den Olympischen Spielen von Peking (Platz 26) und Rio (Platz vier) teilgenommen, ist mehrfache Weltmeisterin im Team und in der Staffel. Eine Medaille in Tokio war eingeplant. Das Debakel im Parcours sorgte für einen Absturz auf Rang 31.

Dass es bei einem wichtigen Event einfach gar nicht klappt, kennt sicher jeder. Eine größere Bühne als die Olympischen Spiele kann es für einen Misserfolg allerdings nicht geben. Besonnen und überlegt handeln kann da nur, wer für jede Situation einen Plan B in der Tasche hat.

Einen Plan B, der mit einem Mentalcoach, Sportpsychologen oder guten Trainern erarbeitet wird. Annika Schleu ist diesbezüglich allein gelassen worden und hat deshalb auch nach jahrzehntelanger Wettkampferfahrung nicht besonnen, sondern hysterisch reagiert. Und ist dann nach dem Debakel auch noch vom Weltverband bezichtigt worden, ganz alleine an allem Schuld zu sein.

Diesen Plan B scheint es nicht gegeben zu haben. Stattdessen eine Trainerin, die „Hau drauf!“ schreit, also mit der Situation offenbar auch komplett überfordert war. Sie soll sich ebenfalls wegen Tierquälerei verantworten. Eine ziemlich durchsichtige PR-Aktion des Tierschutzbundes. „Ich habe das Pferd nicht extrem hart behandelt. Ich hatte eine Gerte dabei, die vorher kontrolliert wurde. Genauso wie die Sporen“, so Schleu in einem Interview mit der

Wochenzeitung Die Zeit. „Ein Reiter, der sich nur auf diese Disziplin konzentriert, hätte es sicher hinbekommen, allerdings auch nicht nur mit gutem Zureden.“ Freimütig gibt sie zu, eventuell früher hätte sagen können: „Okay, es hat einfach keinen Wert.“

Frustrierend für eine Athletin, die Gold vor Augen hat, sich jahrelang vorbereitet, um dann am Reiten zu scheitern, das immer mit Losglück zu tun hat. Jedes Pferd ist anders, jeder Reiter auch. Und ein sensibles Pferd, das im ersten Durchgang auch nur einmal unpassend zum Sprung geritten wurde, wird es Reiter Nummer zwei sicherlich nicht leichter machen. Annika Schleu wird lange brauchen, um über den Vorfall hinwegzukommen. Nach der Rückkehr nach Berlin saß sie bereits wieder auf dem Pferd, fuhr anschließend in den Urlaub. Ob sie weitermacht, steht noch nicht fest.

KOMMENTAR

Unser aller Problem!

Dies ist kein Fünfkampf-, sondern ein Reitsport-Problem. Die öffentliche Meinung zum Umgang mit Tieren hat sich geändert, millionenfach zu sehen über die sozialen Medien. Menschen ohne Bezug zu Pferden machen keinen Unterschied zwischen Springen im Fünfkampf und FN-Turniersport.

Deshalb ist Raushalten und sich für nicht zuständig erklären keine Lösung. Hinter Verbänden stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen könnten und müssten, statt seit Jahren über Regeln zu jammern, die sie dann doch schlucken. Der Fünfkampf ist da nicht besser als blutende Pferde, die nicht abgeklingelt werden.

Der Fünfkampf-Verband ist mit der komplexen Sportart Reiten offenbar rettungslos überfordert. Konsequent wäre dann, sich davon zu trennen. Die Diskussion unter „richtigen“ Reitern rund um die Causa Annika Schleu ist scheinheilig. Szenen wie diese gibt es jedes Wochenende auf ländlichen Turnieren in zahlreichen A und L Springen. Übrigens auch mit ähnlich lautenden „Trainerratschlägen“ wie „Hau drauf!“ Beim Umgang mit einem Pferd muss klar sein, wer Chef ist. Die turniersportaffine Öffentlichkeit postet in den sozialen Medien jetzt Kuschelbildchen: „Wir für den Pferdesport“. Aber die diversen unreiterlichen Auswüchse (und ab wann etwas unreiterlich ist, bedarf hier wohl nicht der Diskussion) auf Vereinsanlagen und hinter Hallentüren werden im Regelfall registriert, aber nicht gestoppt. Man will es sich ja mit niemandem verderben. Nun ist es vor den Augen der Weltöffentlichkeit passiert – und war verglichen mit dem, was sonst so in der Reiterei läuft, ja eher noch harmlos. Wäre doch schön, wenn jetzt mal etwas mehr passiert als hoffentlich eine Reform des Modernen Fünfkampfs und ein paar nette Instagram-Bildchen. Wie wäre es mit ein bisschen Zivilcourage im eigenen Lager? Das gilt für jeden Einzelnen und für den Verband. Ein Lieblingsspruch von IOC-Präsident Thomas Bach lautet: Ändere dich – oder du wirst geändert. Schneller als uns lieb ist, könnten wir sonst daran erinnert werden.

Anja Nehls

Autorin

Anja Nehls ist Redakteurin beim Deutschlandfunk, wurde mit dem Silbernen Pferd ausgezeichnet und ist bis Klasse S erfolgreich Dressur geritten.