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Tough ist das neue Yoga


myself - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 11.12.2019

„Om Shanti“ im Lotussitz summen? Vielen Frauen reicht das nicht. Sie suchen das Risiko und extreme Herausforderungen


Artikelbild für den Artikel "Tough ist das neue Yoga" aus der Ausgabe 1/2020 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 1/2020

Daumen hoch: Laura Hilgers beim Hindernis „Rotten River“ der Xletix Challenge. Gerade mal zehn Zentimeter Luft befinden sich zwischen Gitter und Schlammwasser.


Sie robben unter Stacheldrahtzäunen durch den Matsch, sie hangeln sich über Wassergräben und stemmen zwischen Meeting und Mittagessen superschwere Gewichte. Und beim Gedanken an Bauch-Beine-Po-Kurse oder Yoga- und Atemübungen huscht ihnen nur ein müdes Lächeln übers Gesicht. Nicht etwa weil sie achtsames Ein- und Ausatmen langweilig ...

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... finden, auch nicht weil sie unbedingt abnehmen oder straffere Haut möchten. Nein, der Grund dafür, dass immer mehr Frauen sich für extreme Sportarten begeistern, liegt darin, dass sich das Denken geändert hat, sagt die Kulturwissenschaftlerin und Zeitgeist- Expertin Kirstine Fratz. Niemand wolle sich mehr in Rollenmuster drängen lassen, die mit der eigenen Identität nicht vereinbar sind. Anpassung ist out, Selbstfindung der Schlüssel für ein gelungenes Leben. Erfüllung in extremen Sportarten zu suchen sei ein Schritt, um sich selbst und sein Potenzial zu entdecken, sagt Fratz. Es geht darum, Grenzen neu abzustecken und Erfolg in einem Bereich zu haben, der aufgrund tradierter Geschlechterrollen für Frauen lange Zeit als nicht ge- eignet galt. „In eine Domäne wie Extremsport vorzudringen, die bislang Männern zugeschrieben war, steht für ein Selbstverständnis, das auch mit Erfolgen in anderen Lebensbereichen wie Bildung und Job einhergeht“, erklärt Sportsoziologin Ulrike Burrmann. Frauen ziehen nicht nur in die Chefetagen von Wirtschaft und Politik ein, sondern stehen auch auf den Siegertreppchen bei Power-Sportarten – und werden selbst zu Vorbildern. „Lange Zeit konnten sich nur Männer beweisen, wie tough, durchsetzungsstark und entschlossen sie sind. Diese Hegemonie beginnt zu bröckeln“, erklärt Thomas Alkemeyer, Sportsoziologe an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Körper und Wille aus Stahl: Anna Quost beim Training in einer Crossfit-Box.


Beim Gedanken an Bauch-Beine- Po-Kurse huscht diesen Frauen nur ein müdes Lächeln übers Gesicht


Extremer Sport ist aber immer auch eine extreme Erfahrung – am eigenen Körper. Krafttraining erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance. Kulturwissenschaftler und Soziologen sind sich einig: Je schnelllebiger und digitaler die Zeit ist, in der man lebt, umso mehr wird der trainierte Körper zum Statussymbol. Jeder möchte sich spüren – egal ob Mann oder Frau. Beim Robben durch eine kalte Schlammgrube funktioniert das ziemlich gut.

Matsch-Match: Franziska Schubert auf ihrem Viertakter-Dirtbike, einer KTM SXF 250.

Hindernislauf

Laura Hilgers (l.), 32, absolviert regelmäßig Extrem- Hindernisläufe

Warum? An Balken hangeln, durch Schlammgruben robben und über Holzwände klettern fasziniert mich. Bei jedem Lauf gehe ich an meine Leistungsgrenzen – und lote sie neu aus. Bei Events wie dem Tough Mudder ist man nie auf sich allein gestellt, jeder hilft jedem, das mag ich. Klar, 16 Kilometer und 25 Hindernisse sind nicht ohne. Doch das Gefühl, Hürden zu überwinden und über den eigenen Schweinehund zu siegen ist grandios. Einmal war ich sogar so gut, dass ich den Run zweimal nacheinander gemeistert habe.

Die Motivation Ich mache täglich 30 Minuten Krafttraining und gehe dreimal die Woche laufen. Wenn ich keine Lust habe, denke ich daran, wie selbstsicher ich mich bei den Events fühle und welche Hürden ich beim nächsten Mal locker schaffen werde. Das hilft.

Das nächste Ziel Im Juli wartet ein Extrem-Hindernislauf auf mich, die Xletix Challenge in Tirol. Da werde ich über 18 Kilometer laufen, 1500 Höhenmeter und einzigartige Hürden überwinden. Durch Hindernisläufe habe ich gelernt, dass ich immer einen Weg finden kann – egal, wie unüberwindbar ein Problem scheint.

Crossfit

Karriere, Kinder und knallhartes Training: für Anna Quost, 44, eine Frage der Leidenschaft

Das erste Mal Nicht mal fünf Klimmzüge am Stück habe ich geschafft, das war sehr ernüchternd. Als Marathonläuferin war Krafttraining für mich unwichtig. Ein Jahr nach meinem Klimmzugdesaster habe ich meinen Bürojob an den Nagel gehängt und bin Crossfit- Trainerin geworden – das ist meine Leidenschaft. Seit mittlerweile sieben Jahren zeige ich anderen, was alles in ihnen steckt. Viele wissen gar nicht, was sie erreichen können.

Das Training Crossfit ist ein Mix aus Gewichtheben, Sprints, Turnen und trainiert Ausdauer ebenso wie Kraft, Koordination und Balance. Ich lerne dabei fürs Leben: Ich beiße mich durch, wenn andere längst aufgeben.

Mein Alltag ist extrem, aber meine Teenager-Zwillinge und mein Mann stehen hinter mir. Mein Wecker klingelt um 3 Uhr, dann schmiere ich Brote für die Kinder und stehe um 4.40 Uhr zum ersten Mal in der Box bis 6 Uhr. Bis mittags arbeite ich als Crossfit-Trainerin, dann trainiere ich noch mal. Ich esse alle drei Stunden, um meinen Körper mit Nährstoffen zu versorgen. Danach habe ich Zeit für meine Familie. Um 20 Uhr gehe ich schlafen. Sonntags widme ich mich nur meiner Familie – da gibt’s Pizza und Burger.

Die größte Herausforderung Die Weltmeisterschaft der Crossfit Games in den USA. Da starte ich als eine der Jüngsten meiner Altersklasse. Mein Ziel? Nicht Letzte werden.

Motocross

Geländerennen verlangen von Franziska Schubert, 23, Konzentration, Mut und Kraft

Die erste Erfahrung Motorrad fahre ich schon seit ein paar Jahren. Über Freunde kam ich zu Motocross und wollte das unbedingt ausprobieren. Also habe ich mir eine gebrauchte Ausrüstung gekauft, mich aufs Bike gesetzt und bin losgefahren. Kuppeln, Gas geben und bremsen konnte ich schon. Trotzdem fühlte ich mich nach Runde eins wie der erste Mensch, wollte sofort absteigen und alles wieder verkaufen. Es ist unfassbar anstrengend, denn man fährt dauernd im Stehen, braucht extrem viel Kraft in den Beinen, um das Gleichgewicht zu halten, und jede Menge Mut, um mit Vollgas in die Kurven zu fahren. Sonst kann man stürzen. Am nächsten Tag konnte ich mich kaum bewegen vor lauter Muskelkater. Mit der Zeit wurde ich besser, die Strecken anspruchsvoller, meine Zeiten schneller.

Das Besondere Motocrossfahren wird nie langweilig. Die Strecke verändert sich von Runde zu Runde. Mal ist der Untergrund fester, mal weicher oder wurzeliger. Dadurch bin ich superkonzentriert. Stress, schlechte Laune, emotionalen Ballast blende ich aus. Was zählt, ist, was hinter der nächsten Kurve auf mich wartet. Motocrossfahren fordert mich körperlich, aber vor allem mental.

Das schönste Erlebnis Mein erster Sprung. Ich dachte, dass ich meterweit durch die Luft fliege, dabei haben zwischen Reifen und Boden maximal drei Telefonbücher gepasst. Egal, für mich war es eine einzigartige Erfahrung.


FOTO: SPORTOGRAPH.COM

FOTOS: ROBERT PORSCHA (1)