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TOURSTORY: Die nach den Sternen gre ifen


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.02.2019
Artikelbild für den Artikel "TOURSTORY: Die nach den Sternen gre ifen" aus der Ausgabe 3/2019 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 3/2019

Vermummte Helfer: Parkway Drives C rew


Snack gefällig? Arzneikörbchen im Backstage


Nicht viele Metal-Bands schaffen es, auf Tour bis zu 10.000 Wahnsinnige an einen Ort zu bannen. Parkway Drive sind solch eine Seltenheit. Ob sie das begreifen und wie, das darf METAL HAMMER hautnah miterleben: Die von einer Virusgrippe angeschlagenen Australier schenken uns drei Tage in einer Koje ihres Nightliners.

25.1.2019: HAMBURG, SPORTHALLE

Oh, du schön graues Hamburg. Heute darfst du Einstand feiern: Die Metalcore-Instanz Parkway Drive eröffnet ihre „Reverence“-Tour 2019 in wenigen Stunden zusammen mit den ...

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... Deathcore-Jüngern Thy Art Is Murder und dem Metalcore-Urgestein Killswitch Engage. Ein paar vereinzelte trübe Schneefl ocken fallen auf den gewaltigen Tross vor der ausufernden Sporthalle. Fünf Trucks (ein weiterer wird in der Nacht noch nachgeliefert) und vier Nightliner stehen vor dem 7.000 Leute fassenden Gebäude. Noch ein kurzes Bibbern und Naseschnauben, da begrüßt uns Tanner Brooke, Assistenz vom Tourmanagement, schon mit nüchternen Fakten: „Alle sind hier kotzkrank.“ Ups. Und, ja, das ist wörtlich gemeint. Well done. Fleißig Hände waschen steht also an der Tagesordnung, genau wie Ellenbogen-Checks statt Händedruck. Im Nu stehen wir in der leeren Halle, wo Parkway Drive gerade penibel am Soundcheck feilen. Ein wenig Nervosität macht sich breit, immerhin haben die sonnigen Gemüter bei ihren letzten Festivalshows mit Achterbahnadrenalin aufgetrumpft. Ein von Flammenmeeren umrissenes, in der Luft rotierendes Drumset nahm den Massen neben all den Feuerfontänen den Atem. Ist ihr Pulver verschossen? Beileibe nicht: Sozialmedial haben sie vorab derbe aufs Gas getreten. Gitarrist und Songwriter Jeff Ling holte bei Instagram groß aus: „Bringt eure Marshmallows und eine Bratwurst mit, oder ihr wollt vielleicht auch nur eure Augenbrauen abgesengt bekommen. So oder so: Wir werden uns auf unserer kommenden Europa-REVERENCE-Tour selbst grillen, so wie jeden anderen in der Menge.“ Später beschwor Sänger Winston McCall auf dem Band-Account als Warnung: „Wenn ihr denkt, ihr wisst, was Parkway Drive können, dann glaubt mir, wir fangen gerade erst an.“

Staunen lässt jetzt allein schon die spektakuläre wie detailreiche Licht-Show, die im Soundcheck eingestellt wird. Ein Sternenhimmel aus Strahlen ergießt sich über ihre obligatorischen Pyroschüsse. Mit feuerlöscherartigem Nebel schleicht sich dann plötzlich ein Streichquartett auf die Bühnenbretter. Die vom Charme sinnlicher Klassikharmonien lebenden ‘Writings On The Wall’ und ‘Shadow Boxing’ werden jetzt zusammen mit vier tschechischen Instrumentalistinnen perfektioniert. Ein erstes Highlight, bevor die Luft ein weiteres Mal wegbleibt. Winston wankt oberkörperfrei mit einer gefährlichen Glasfl asche übers Parkett. Das macht er nicht, oder? Oh doch, er zündet den Molotowcocktail an, dreht sich energisch um und schmeißt ihn in ein riesiges PWD-Logo über der Bühne. Alles steht in Flammen. Als Jeff dann noch für Solozwecke fünf Meter in die Luft gehievt wird, ist endgültig klar: Das hier ist größer und gewaltiger als alles in ihrer Geschichte. „Ein Teil von mir wollte einen Backfl ip runter machen“, lässt der Gitarrist später beim veganen Burger mit seinem trockenen australischen Humor wissen. Nicht ganz so witzig, schluckt Winston. Er hat sich einige Wochen vor der Tour das Bein gebrochen. Flammenmeere, wackelige Hebebühnen, Kotzkrankheiten und ein gebrochenes Bein – die Sterne stehen nicht besonders günstig, aber das ist ja ein gutes Zeichen bei Generalproben.

WENN DIE WORTE FEHLEN

Zwölf Jahre nach ihrer ersten Europatournee in bunten Zwölf Jahre nach ihrer ersten Europatournee in bunten Bermudashorts sieht Parkway Drives Welt um Universen überwältigender aus. Zweieinhalb Stunden Soundcheck, eine Woche Vorproduktion und eine Crew, die mehr als 30 Menschen umfasst. Schwierig, da noch den Überblick zu behalten. Als Killswitch Engage-Sänger Jesse Leach verschlafen ins Catering pirscht, stellt sich Jeff nicht nur sich vor, sondern auch alle anderen auf der Tour: „In Australien sagen wir ‘mate’ zu allen.“ Namen braucht sich hier keiner zu merken, jeder heißt „Mate“. Na gut, Jesse sagt lieber „Dude“. Während die meisten Musiker auf der Couch ihren Jetlag verarbeiten, lässt die Snaredrum von Thy Art Is Murder zwei Stockwerke hoch den Boden vibrieren.

Grunzgewitter CJ McMahon begrüßt Hamburg vor dem mächtigen ‘Holy War’ mit: „Wir sind vielleicht musikalisch nicht so gut wie Parkway Drive, dafür haben wir die größeren Pimmels.“ Breites Gelächter mündet in eine riesige Wall Of Death zum neu getauften ‘Reign Of Schmetterfotz’. Spätestens, als Killswitch Engage mit endloser Energie auf die Bühne preschen, gibt es in der mittlerweile ausverkauften Sporthalle kein Durchkommen mehr. Jesse springt ohne zu zögern bei ‘The End Of Heartache’ über die ersten Reihen. Als er wieder auf der Bühne auftaucht, lässt er demütig wissen: „Ihr seid unsere Medizin.“ Die Rechnung hat er aber ohne den Schelm von Gitarristen Adam Dutkiewicz gemacht: „Nein, seid ihr nicht. Deutsches Bier ist die Medizin unserer Seelen“, erhebt er Einspruch. Mit absoluter Finesse an allen Instrumenten geht es in das sinnliche ‘The Curse’. Massenweise Stagedives und herzbetäubende Chöre begleiten Jesses wahnsinnig emotionales Organ. Durchgehende Circle Pits erweisen der Sporthalle alle Ehre. „Der nächste Song steht dafür, sich gegenseitig zu lieben“, kündigt Leach ‘Hate By Design’ an. Eine fette Wall Of Death dankt es ihm. Mit der Verkündung des zwanzigsten Band-Geburtstags fragt der Sänger in die Runde, wer alles zwanzig Jahre alt ist. Unzählige Hände gleiten in die Höhe – nachwachsende Generationen, die Parkway Drive immer größer werden lassen. Während das lauthals mitgesungene ‘My Last Serenade’ betört, macht auch McCall seine Singstimme auf dem Flur warm. Als er sich einen fl auschigen Fellmantel überwirft und zwischen vermummte Securitys tritt, gehen ein paar Augenbrauen hoch. Was hier passiert, wird erst klar, als die gesamte Band von Fackeln begleitet das letzte Ende der Halle betritt. Wie vorm Boxkampf laufen sie mitten durch die überraschte Menge – was für ein Aufmarsch! Mit ‘Wishing Wells’ zerbirst die aufgeheizte Stimmung. Druckentladung, die ersten Reihen stöhnen auf vor der Gewalt, die hinter ihnen ihre Bahnen zieht.

Winston verschluckt sich direkt und verdrückt ein paar Tränen. Hemmungslos geht es rein in anderthalb Stunden Ekstase. Mit ‘Absolute Hell’ beginnt dann das Blendspektakel der immensen Licht-Show. Und schon tritt im Nebel das Streichquartett auf eigene Emporen. Nicht nur die Menge ist sprachlos. Nach ‘Vice Grip’ hält der Sänger inne: „Mir fehlen die Worte, das ist wundervoll.“ Und wie es das ist!

Luke verrät später selig grinsend: „Das war unsere größte Headlinershow außerhalb Australiens.“ Derweil streiten sich die tschechischen Geister, was besser ist: Metal oder Klassik. Die Streicherinnen bleiben lachend bei Letzterem. Aber: Fehler sind dort nicht erlaubt! Luke ist nachsichtiger, zwinkert den Damen zu, greift sich vorsorglich eine Mülltüte und verzieht sich in die Backlounge des Tourbusses. Er schläft hier, um all den kranken Gestalten in den Kojen des Nightliners zu entgehen. Minuten später kommt der kreidebleiche Jeff in den Bus, setzt sich auf den Boden und gibt zu, gerade gespien zu haben. Es hat ihn voll erwischt. Wie Luke schnappt er sich eine Mülltüte und versucht sein Glück im Bett. Gute Nacht.

26.1.2019: LEIPZIG, ARENA

Bis zum Soundcheck sind Parkway Drive heute nicht zu sehen. Die Crew erkundigt sich derweil nach dem Fortschritt der Krankheit. Es sind mehr betroffen als gedacht: Selbst die Lkw-Fahrer erwischte es, ein Busfahrer musste sogar ausgetauscht werden. Darum stehen heute neben den süßen und salzigen Snacks in jedem Backstage kleine Arzneikörbchen. Winston schleicht samt Inhalator durch die Arena. Aus Angst vor einem Infekt weicht er jeder Menschenseele meterweit aus. Aus der Ferne hallt es: „Ich gehe ins Hotel, weit weg von allen anderen“, lacht er mit seinem ansteckenden australischen Charme. „Kein Soundcheck für mich heute!“ Aber für einen Testwurf mit dem Molotowcocktail hinter der Halle reicht es noch. Nachdem sich Thy Art Is Murder mit einem eigenen Chemielabor milligrammgenau ihren Kaffee zubereitet haben und sich CJ mit einem Fußball warmgebolzt hat, geht es in die Vollen: „Wir sind als Waffe angeheuert“, erklärt McMahon den Leipzigern ihre Rolle. „Jetzt müsst ihr alle springen!“, ruft er vor ‘The Purest Strain Of Hate’, um dem gerecht zu werden. Es klappt. Zu ‘Holy War’ hängt er sich an die erste Reihe, gestützt von der vielbeschäftigten Security. „Danke an all die Helfer, die um sechs Uhr aufstehen, um den Tross zehn Meter in die Höhe zu hieven und uns aussehen zu lassen wie Rock-Stars“, dankt er allen Händen. Killswitchs Jesse widmet ‘The Curse’ allen Mädels. Nach endlosen Stagedives und Circle Pits eine Überraschung: Ihr Gitarrentechniker Josh Mihlek feiert 40. Geburtstag. „Happy birthday, Scheiße Eichhühnchen“, lässt Gitarrenguru Adam D. die gesamte Arena schreien. Alle in der Band tragen ihm zu Ehren ein quietschbuntes Shirt. Nicht nur Josh denkt sich, was Winston nach den ersten zwei Parkway Drive-Songs keucht: „What the fuck?“ Ein Meer aus Stagedivern prallt bei ‘Vice Grip’ auf die hart schuftenden Securitys. Vor dem Klassiker ‘Idols And Anchors’ wird die erste Person dehydriert hinausgetragen und das Fell der Snaredrum ist durch. „Ihr seid zu hart, Leipzig!“ Immer wieder illuminieren Knallbomben gigantische Circle Pits wie in ‘Absolute Power’. Immer wieder muss der angeschlagene Winston seine Hand vors Gesicht halten und ungläubig den Kopf schütteln. Ja, auch ihn hat es trotz seiner Vorsicht erwischt. Im Set ist davon nichts zu merken. Auch nicht, als das große Finale ansteht. Während die Band das brutale ‘Chronos’ instrumental ausklingen lässt, wird Winston – heute im Rollstuhl – zu einer versteckten Bühne mitten im Publikum gefahren. Mit der Cellistin Viola Saláková singt er in klarer Stimme das hochemotionale ‘The Colour Of Leaving’. In zitternder Stimme spricht er die letzten Worte von REVERENCE, mit dem sie ergreifend den Tod und seine Schrecken verarbeiten. „We’re left in reverence of the frailty of it all.“
METAL HAMMER

Stille: Frankfurter Ruhe vor dem großen Fan-Ansturm


Flauschig verpackt: Winston McCall


Headbangender Einheizer: Thy Art Is Murder fordern das Publikum


Vorab-Test: Der Vorhang fällt


Schwebezustand: Crowdsurfer bei Killswitch Engage


Emotionales Organ: Killswitch Engage-Fronter Jesse Leach


Location-Wechsel: Im Rollstuhl zur versteckten Bühne


Probewurf: Molotow- Cocktail als Requisite


27.1.2019: FRANKFURT, JAHRHUNDERTHALLE

Während Jesse Leach auch zugibt, sich den ganzen Tag vor den Krankheiten auf ausgedehnten Wanderschaften zu verstecken, nimmt es CJ McMahon gelassen: „Selbst wenn ich fünf Stunden ins Hotel gehe, braucht mich nur einer im Catering anzuhusten, und ich habe es. Wenn ich es kriege, ist es nun mal so. Ich werde aber lieber krank, als dass ich mehr Geld für Hotels ausgebe. Ich brauche das Geld“, freut er sich ansteckend. Jeff Ling ist mittlerweile wieder fi t: „Es war ein Ein-Tages-Infekt“, weiß er jetzt erleichtert. Winston liegt zum Abend zwar noch in der Koje, aber nur aus Vorsicht. Auch er hat das Gröbste überstanden. Bandmanager Luke freut sich nicht nur darüber, sondern auch über die nächste ausverkaufte Show der Tour. „Deutschland ist für uns das wichtigste Land. Hier können wir zehn Städte mit über 5.000 Leuten spielen, in Australien vielleicht drei.“ Deswegen planen sie die deutschen Dates auch an den Wochenenden. Trotz der Heerscharen von Fans, die sich Parkway Drive in über 16 Jahren erspielt haben, gehen die Australier fi nanziell auf dieser Tour leer aus. Vorab schrieb Luke auf Instagram: „Wir können von Glück reden, wenn wir danach nicht Bankrott anmelden müssen.“ Die extraordinäre Produktion frisst alle Einnahmen – ein Nullsummenspiel, quasi. Drummer Ben Gordon beschwört seine Mannen noch mal, den Fackeleinlauf frenetischer zu gestalten, was ihm CJ parallel gleichtut. Auf der Bühne raunt Thy Art Is Murders Tier: „Ihr müsst jetzt alle springen, sonst werde ich ganz wütend.“ Ein wohlverdientes „shit yeah“ geht nach ‘The Purest Strain Of Hate’ raus. Zu ‘Reign Of Darkness’ gibt es noch eine Wall Of Death gegen Rassismus und Vorurteile, bevor Killswitch Engage wieder ihr rastloses Feuer loslassen. Diese Melodien, diese Chöre – Gänsehaut in ‘The End Of Heartache’. Die nächste folgt, als er ‘The Arms Of Sorrow’ all jenen widmet, die, wie er selbst, an Depressionen leiden. „Killswitch Engage!“-Rufe überwältigen. Jesses Faustwürfe dürfen kontinuierlich auf Stagediver treffen. Beim berührenden ‘Always’ klatscht der ganze Saal, und sogar die Securitys nicken andächtig mit.

Der Stagedive-Salat bleibt ihnen aber auch bei Parkway Drive erhalten. Mit „oh fuck dankeschön fuck yes“ begreift Winston, was gerade in ‘Prey’ passiert ist. Auch sie werden mit ohrenbetäubenden „Parkway Drive!“-Schreien geehrt. „Ich bin ein wenig wackelig wegen meinem Bein“, gesteht der Löwe. „Helft mir!“, bittet er vor ‘Vice Grip’, und feuert die Chöre erneut an. Die Dramaturgie ihrer unglaublich ausgetüftelten Show erfährt ihren Luftholmoment, als das epische ‘Cemetery Bloom’ wie der Soundtrack zu einer Schlacht ertönt. Mit „world of pain“ von ‘The Void’ springt der gesamte Mob. Als sich die Bühne nach ‘The Colour Of Leaving’ verdunkelt, schwankt Winston ganz allein wieder hoch. Er atmet tief durch, kniet nieder und taucht mit dem besagten Molotowcocktail wieder auf. Die Zeit steht einige Sekunden still – dann fl iegt das Geschoss in das übergroße Band-Logo, das heftige ‘Crushed’ fackelt durch die Boxen, und die komplette Bühne brennt – vorne wie hinter den Drums, an allen Seiten und sogar über den Köpfen der Band. Purer Wahnsinn! Das brennt sich in die Netzhaut ein. Zum Abschluss folgt das farbenfrohe Feuerwerk im brutalen Banger ‘Bottom Feeder’. Zustände wie im Krieg, überall explodiert etwas. Völlig benommen taumeln die Fan-Massen ins Dunkel der Nacht.

Dutzende Crew-Mitglieder sind jetzt wieder die halbe Nacht mit dem Abbau beschäftigt, während Winston bestätigt, was Luke angedeutet hat. Hier holen Parkway Drive nichts außer Liebe raus: „Wir wollen den Fans immer mehr bieten, Entertainment.“ Darum der ganze Aufwand und die Tour als Investition in die Zukunft. Mit großen Augen und einem breiten Lachen erinnert er sich an ihre erste Europatournee 2006. Er schüttelt den Kopf, wenn er überlegt, dass sie heute vor mehr als zwanzigmal so vielen Leuten spielen. „Das hätte keiner von uns gedacht. Deswegen wollen wir etwas zurückgeben.“ Jetzt aber ab in die Koje! „Die ersten drei Tage sind immer die härtesten“, atmet der Sänger im Hinblick auf seine Stimme durch. Aber diese wurden mit Bravour gemeistert! Und weil Winston wieder gesund ist, trennen sich die Wege von METAL HAMMER und einer der größten Metal-Bands der neuen Generation mit einer Umarmung. Auf bald!
VINCENT GRUNDKE

Behemoth

Behemoth


Wolves In The Throne Room


At The Gates


+ At The Gates

+ Wolves In The

Throne Room

Berlin: Huxleys Neue Welt

Das Konzertjahr beginnt gerade erst – und die Metalheads sind hungrig! Kein Wunder also, dass eine der zurzeit denkbar stärksten extremen Metal- Tourneen für zahlreiche ausverkaufte Hallen sorgt – so auch an diesem eisigen Januarabend in Berlin.Wolves In The Throne Room als Opener sind natürlich ein schwererer Brocken; mit wenig Licht und viel Nebel rasen die US-Blackgazer durch den Wald. Den anspruchsvollen Lo-Fi-Klang ihres Albums THRICE WOVEN bringt die Truppe authentisch rüber – ohne Gefahr zu laufen, zu Sound-Brei zu verkommen. Drei ausladende Stücke zwischen Lagerfeuerromantik und Teufelsritual packen sie in ihr halbstündiges Programm, dazwischen echot das Wolfsgeheul aus dem Publikum. Faszinierend und stimmungsvoll, aber wenig aufl ockernd zum Beginn des Konzertabends. Damit fällt der Sprung zuAt The Gates besonders krass aus: Teufelshörner und Jubel begrüßen „Tompa“ Lindberg und seine Mannschaft. Der Frontmann mimt wie immer mit Cap und Jeansjacke den bodenständigen Teil des Abends – und geht direkt steil! Fortwährend zieht er im mittlerweile proppenvollen Saal die Fans auf, die jetzt vollends in Bewegung geraten. Der Titel-Song des aktuellen Albums TO DRINK FROM THE NIGHT ITSELF beweist seine Stärken nicht nur als Opener, sondern sogar als Instant-Klassiker – und mit dem direkt anschließenden ‘Slaughter Of The Soul’ haben die Schweden die Schlacht auch schon gewonnen. Von der zugleich ausgestrahlten ungestümen Energie und lässigen Lockerheit kann sich mancher Metal-Nachwuchs noch etwas abschneiden. ‘Death And The Labyrinth’ und ‘Suicide Nation’ sind ein gefundenes Fressen für die zahlreichen Headbanger im Publikum; spätestens bei ‘The Book Of Sand (The Abomination)’ und dem unzerstörbaren ‘Blinded By Fear’ gleicht die Stimmung der eines Headliner-Auftritts. So können die Melodic Death Metal-Mitbegründer zu den Klängen des mächtigen ‘The Night Eternal’ mit stolzer Brust abtreten und eine aufgeheizte Meute hinterlassen.

Gerade, als das Kinderchor-Intro ‘Solve’ in Dauerschleife brutal zu nerven beginnt, prügelt es Schlagzeuger „Inferno“ Promiński nieder, Schattenspiele ziehen alle Blicke auf die Bühne – und der Vorhang fällt:Behemoth inszenieren sich von der ersten Sekunde an perfekt; Feuersäulen peitschen und bilden umgekehrte Kreuze (spätestens seit der Slayer-Abschiedstournee der Goldstandard in Sachen unchristliche Pyrotechnik), während mystische Symbole im Hintergrund fl irren und auf den Punkt gesetzte Spots und Blitze die Bühne in atmosphärisches Licht tauchen. Als sich die Polen nach dem Opener ‘Wolves Of Siberia’ ihrer Masken entledigen, entfalten sie zu ‘Daimonos’ ihre Bühnenpersönlichkeiten. Dass dabei vor allem Frontmann „Nergal“ Darski glänzt, versteht sich von selbst: Unter seiner Kapuze mimt er ein Zwitterwesen aus Rock-Star und okkultem Zeremonienmeister, wie der gesamte Auftritt von Behemoth mal mehr Show, mal mehr Ritual ist. Wenn sich der Sänger und Gitarrist, wie etwa beim Über-Song ‘Ov Fire And The Void’, auf den Monitorlautsprechern aufbaut, dann zu gleichen Teilen, um die Fans anzufeuern und sich von ihnen feiern zu lassen. Während es dort mehr nach vorne geht und bei ‘Ora Pro Nobis Lucifer’ der Refrain unter erhobenen Fäusten und im tackernden Schlagzeugtakt stoßenden Feuerwalzen mitskandiert wird, kehrt ‘Bartzabel’ mit rituellen Drums, sakralen Gesten und Nergal in beeindruckendem Gewand voller Ornamente und Spitzhut wieder die okkulte Seite nach vorne. Was Behemoth hier zaubern, ist beeindruckend und überwältigend – umso schaurig-schlimmer die notlose Ansage vom „besten Auftritt, den wir je in Berlin hatten“ zwischen den mächtigen ‘God = Dog’ und ‘Conquer All’. Aber der kleine inszenatorische Fehltritt ist den Zeremonienmeistern spätestens, wenn der ganze Saal den epischen Refrain von ‘Ecclesia Diabolica Catholica’ übernimmt, schnell vergeben. Die Moshpit-Antreiber ‘Decade Of Therion’ und ‘Slaves Shall Serve’ rahmen die große Hymne ‘Blow Your Trumpets Gabriel’ ein, die als die ultimative Verschmelzung aller Alleinstellungsmerkmale und Stärken der Teufelsanbeter stehen kann – und entsprechend zelebriert wird. Zur ersten Zugabe ‘Lucifer’ darf sich Bassist Tomasz „Orion“ Wróblewski zeitweise in den Mittelpunkt des Geschehens stellen und eine Art satanische Federboa zur Schau tragen. Das tut er mit großer Würde auch unter direktem Beschuss der Konfettischnipselkanone, während Nergal in der Menge abtaucht. Nach dem letzten Song ‘We Are The Next 1000 Years’ beschließt das Outro ‘Coagvla’ mit allen vier Musikern als Perkussionisten die Inszenierung so abrupt wie wuchtig – und hallt damit noch lange in der kalten Winternacht nach.

Saitenkunst: Grave Digger- Gitarrist Axel „Ironfi nger“ Ritt


Grave Digger

+ Burning Witches

Hannover: Musikzentrum

Den Anfang dieses Abends bestreiten die schweizerischen HexenBurning Witches . Die Mädels- Combo überzeugt, und vor allem Sängerin Seraina Telli sorgt für offenstehende Münder. Von fi esen Schreien à la Rob Halford (vor zwanzig Jahren) über einschmeichelnde Melodien bis hin zum Growlen beherrscht die Blondine sämtliche Facetten ihres Fachs. Musikalisch wissen Burning Witches aber noch nicht zu hundert Prozent, wo sie hinwollen. Manche Nummern klingen nach waschechtem True Metal, während die Ballade ‘Save Me’ vom Debüt fast schon in Richtung Alternative Rock tendiert. Und Dios ‘Holy Diver’ zu covern, ist auch nicht sonderlich originell, wobei das Stück handwerklich richtig gut umgesetzt wird und im Publikum für eine Armada von gereckten Fäusten sorgt. Diese Combo sollte man im Auge behalten.

Wenn es um deutsche Metal-Legenden geht, werdenGrave Digger in der Aufzählung gerne mal vergessen. Dabei sind Chris Boltendahl und seine Mannen bereits seit 1980 aktiv und haben unzählige Hymnen für die Ewigkeit geschrieben. Zum Tourneeauftakt in Niedersachsen sehen das eine Menge Fans erfreulicherweise genauso und füllen das Musikzentrum mehr als ordentlich. Daher wollen sich die Grabschaufl er nicht lumpen lassen und zünden gleich zur Eröffnung den neuen Song ‘Fear Of The Living Dead’ plus eine amtliche Portion Pyros. Das Cover des neuen Albums THE LIVING DEAD wurde in Form von Pappfi guren auf die Bühne gebracht – das ist 3D der ganz alten Schule. Frontmann Chris ist bester Laune und diri giert den Mob gleich durch den nächsten aktuellen Kracher ‘Blade Of The Immortal’, der von Neuschlagzeuger Marcus Kniep (vorher für die Keyboards zuständig) ordentlich nach vorne geprügelt wird. Neben Boltendahl sorgt vor allem Axel „Ironfi nger“ Ritt für die Show-Elemente. Was der gute Mann auf seiner Axt abzieht, ist durchaus beachtenswert. Aber in erster Linie geht es natürlich um die Musik, und der Fundus der Gladbecker scheint schier unerschöpfl ich. Klassiker und neuere Nummern geben sich die Klinke in die Hand, die Anhänger erweisen sich als textsicher und singfreudig. ‘The Clans Will Rise’, ‘The Dark Of The Sun’ oder ‘The Curse Of Jacques’ (von Chris als eines seiner persönlichen Lieblingslieder angesagt) lassen die Zeit wie im Flug vergehen, und viel zu schnell deuten Hits wie das vom Publikum vehement geforderte ‘Excalibur’ und natürlich ‘Rebellion (The Clans Are Marching)’ das Ende dieses verdammt kurzweiligen Abends an, der selbstverständlich mit ‘Heavy Metal Breakdown’ einen würdigen Abschluss fi ndet.

Monster Magnet

+ Puppy

Berlin: Huxleys Neue Welt

Obschon Dave Wyndorf und seine Monster- Mannschaft seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Deutschland live beehren, ist von Sättigungs gefühl keine Spur – und das Huxleys auch heute wieder prall gefüllt. Bevor jedoch Monster Magnet zur intergalaktischen Stoner-Invasion ansetzen, hat der geneigte Gast die Gelegenheit, die beste britische Newcomerband auf der Bühne zu bewundern. Das Londoner TrioPuppy setzt auf die drei großen W (Weezer, Wheatus, Wildhearts) und entfacht live für einen Dreier eine gehörige, nur manchmal etwas bröckelige Sound-Wand zwischen Alternative Rock, Power Pop und Metal. Mag für manch traditionellen Lederjacken-Rocker der Fußgängerzonen-Skateboard-Schlendrian-Look der Band irritierend wirken, macht Puppy musikalisch keiner etwas vor. Sukzessive überbrücken Black Sabbath über die PA stilecht die Wartezeit, bis New Jerseys unangefochtene Stoner-SouveräneMonster Magnet zu donnerndem Applaus und mit dem Opener ‘Dopes To Infi nity’ aus dem Stegreif zu Spitzenform aufl aufen. Der Sound ist top, die Spielfreude ansteckend, und die Setlist-Selektion erste Sahne, wie etwa ‘Look To Your Orb For The Warning’ in einer megafetten, stampfend groovenden und bluesig drückenden Version oder ‘When The Hammer Comes Down’ mit mehr als programmatischer Schlagkraft beweisen. Messenhaft wird abermals der Dicke-Hose-Gestus von ‘Space Lord’ gefeiert – dabei ist es der fi nale Song des Abends, der heimlichere Hit ‘Powertrip’, der die Essenz dieser superben Show auf den Punkt bringt und die Band sichtbar sowie völlig zu Recht in ihrem eigenen Erfolg sonnen lässt. Einen stärkeren Show-Auftakt für das Live-Jahr 2019 kann man sich kaum wünschen
FRANK THIESSIES

Versengold


Subway To Sally


Subway To Sally

+ Versengold

+ Russkaja

+ Paddy And The Rats

Potsdam: Metropolishalle

Bei eisigen Winden – wahrlich eine eis(heil)ige Nacht – vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis man endlich die Tore der Metropolishalle passiert hat. Drinnen angekommen überrascht es dann, dass das Finale der Eisheiligen Nacht 2018 nicht ausverkauft zu sein scheint. Trotz einer beachtlichen Schlange am Einlass herrscht in der Halle kein Gedränge – ganz im Gegenteil. Als sich alle Besucher eingefunden haben, betretenPaddy And The Rats nahezu pünktlich die Bühne. Von Beginn an schaffen es die Ungarn, mit Folk-Punk- Rock-Nummern wie ‘One Last Ale’ oder ‘Join The Riot’ für ordentlich Stimmung zu sorgen, welche mit jedem weiteren Lied immer ausgelassener wird und auch eine kleine, aber feine Wall Of Death hervorbringt. Ein überaus gelungener Auftakt! Nach einer kurzen Umbaupause bringenRusskaja die Halle dann regelrecht zum Kochen. Kaum jemand kann bei den turbogeladenen Ska- und Polka-Klängen noch die Füße stillhalten. Dies liegt nicht zuletzt an der Animierungskunst der Österreicher und Songs wie ‘Energia’ oder ‘Traktor’, welche für den ein oder anderen Pit sorgen. Als man meint, die Stimmung habe bereits ihren Höhepunkt erreicht, straft einen das Publikum beim Auftritt vonVersengold Lügen. Bei Stücken wie ‘Niemals sang- und klanglos’ oder ‘Hoch die Krüge’ wird getanzt und gefeiert, was das Zeug hält. Die Bremer scheinen viele Fans unter den Anwesenden zu haben, denn die Publikums-Chöre sind unüberhörbar.

Ebenso wie dieSubway To Sally -Fan-Gesänge schon während der nächsten Umbaupause. Als die Hauptakteure zu guter Letzt ins Rampenlicht treten, gibt die Menge noch einmal alles, um die Band in ihrer Heimatstadt willkommen zu heißen. Beginnend mit dem erst kürzlich veröffentlichten ‘Königin der Käfer’ macht sich eine etwas düstere, zugleich auch energische Stimmung breit. Es folgen bekannte Klassiker wie ‘Tanz auf dem Vulkan’, ‘Besser du rennst’ oder ‘Sieben’, die das Publikum förmlich zum Ausrasten bringen und die Band damit gewissermaßen durch den Abend tragen. Nicht, dass es Subway To Sally nötig hätten, doch es entsteht dennoch eine Art Symbiose. Mit ‘Imperator Rex Graecorum’ wird ein weiteres neues Stück präsentiert, welches auf dem kommenden Album zu hören sein wird, das ebenfalls gut ankommt. Als Abschluss krönen ‘Veitstanz’ sowie ‘Julia und die Räuber’ diese Nacht, gemeinsam dargeboten mit Versengold und Russkaja (Paddy And The Rats waren leider krankheitsbedingt schon abgereist), wodurch eine interessante Mischung entsteht, die Gänsehautpotenzial hat. Einen besseren Abschluss zum Jahresende kann man sich doch kaum wünschen.
HEIDI SKROBANSKI

J B O

+ Hyrax

Augsburg: Spectrum

Einen Tag vor Silvester kommt beim „Blast Christmas“ zwar keine wirkliche Weihnachtsstimmung mehr auf, in Feierlaune sind die bayerischen Schwaben aber allemal. Zunächst gilt es jedoch,Hyrax zu überstehen. Die Modern-Metaller liefern zwar rein musikalisch gesehen annehmbar und variantenreich ab – mal thrashend, mal mit frechen Hooklines –, aber dass die Nürnberger das Publikum gefühlt nach jedem Song zu Sprechchören bewegen wollen („Wir sagen ‘Hy-‘! Ihr sagt ‘rax‘!“), überspannt jedoch den Geduldsfaden nicht weniger Konzertgänger. Die sage und schreibe 1002. Show vonJ.B.O. lässt zum Glück nicht lange auf sich warten. Nach den schon fl uffi g reinlaufenden neueren Stücken ‘Alles nur geklaut’ und ‘I Don’t Like Metal’ weiß Sänger/Gitarrist Hannes: „Eigentlich wollt ihr doch alle nur die alte Scheiße hören, oder?“ Wie wahr. Das gut in die Jahre gekommene ‘Bolle’ grölen die Leute folgerichtig inbrünstig mit; dieselbe frenetische Reaktion rufen später noch ‘Hose runter’, ‘Frauen’ (während dem die beiden Animateure als Blondinen im kurzen Pinken auf der Bühne herumhüpfen) und ‘Schlumpfozid im Stadtgebiet’ hervor. Als weitere Launehöhepunkte entpuppen sich das beim Bloodhound Gang-Hit ‘Fire Water Burn’ entliehene ‘Arschloch und Spaß dabei’, ‘Wir ham ’ne Party’ und ‘Ein guter Tag zum Sterben’. Von jenem J.B.O.-Klassiker schlechthin kennt Vito C. eigenen Angaben zufolge nur mehr die ersten vier Worte – den Rest singt die Menge. Abgesehen vom etwas zu leise abgemischten Gesang ein rauschender Konzertabschluss für 2018. Das 30. Band- Jubiläum kann dieses Jahr also getrost kommen.
LOTHAR GERBER

Amorphis

+ Soilwork

+ Jinjer

+ Nailed To Obscurity

Berlin: Kesselhaus

Amorphis


Amorphis


Soilwork


Dienstagabend in Berlin: Ungewöhnlich früh – nämlich bereits um Punkt 18:10 Uhr – beginnt das wilde Treiben im Kesselhaus in der Kulturbrauerei vor bereits überraschend zahlreich anwesenden Besuchern.Nailed To Obscurity leiten den LiveReigen stilistisch zu den beiden Hauptgruppen passend und wild trommelnd ein und präsentieren sich noch besser eingespielt als beim spontanen NovemberGig beim METAL HAMMER PARADISE. Die meisten Blicke zieht wohl Sänger Raimund Ennengas beseeltes Stageacting auf sich, das die düster grollenden Growls mit großen Gesten begleitet, aber noch etwas mehr Zuspruch aus der Menge verdient hätte. Dennoch darf konstatiert werden, dass sowohl der Einstieg mit dem TitelTrack des just veröffentlichten BLACK FROST als auch die ebenso neuen Nummern ‘The Aberrant Host’ und ‘Tears Of The Eyeless’ wohlig einschlagen und den in blaues Licht getauchten Club mit der perfekten Kombination aus harten Riffs und wohligem Schwelgen in instrumentaler Anmut hinwegraffen. Am Ende des 35MinutenSets spricht Ennenga gar von der „MetalHauptstadt Berlin“ – das mag vielleicht etwas hoch gegriffen sein, zeigt aber die Publikum und Band vereinende Klasse des Auftakts. Tatiana Shmaylyuk, die in einen weißen Einteiler gehüllte Frontdame der ukrainischen HoffnungsträgerJinjer , führt alsbald den „Abend der wandlungsfähigen Stimmen“ mit einer Mischung aus wuchtigem Gegrunze und weitgehend grenzwertigem Gesang fort. Die 2009 ins Leben gerufene MetalcoreTruppe bleibt eine Faszination für sich und provoziert mit Stücken wie ‘Dreadful Moments’ oder ‘Teacher, Teacher’ Mitklatschen und zumindest beim jüngeren Publikum einigen Alarm im Pit, schafft es mit ihren zum Teil fast djentigkomplexen Passagen aber nicht immer, die Anwesenden vollends auf ihre Seite zu ziehen. Die Ansage „We’re switching to some hardcore now!“ wird dennoch lautstark bejubelt, während Shmaylyuks übermächtiger Schatten auf der rechten ClubWand indes die Blicke und HandyKameras umschwenken lässt, wann immer der locker ruckelnde Pit es zulässt.

AuchSoilworks Luftkapitän Björn Strid ruft bereits beim zweiten Stück seiner (ohne CoSongwriter David Andersson agierenden) Schweden zum Toben in den Pit und wirft der Meute mit ‘Nerve’ schon früh den ersten mitsingbaren Klassiker zum Fraß vor. Die Setlist kommt als Hitverdächtiges Miteinander aus Alt und Neu daher und provoziert bereits zum frischen ‘Full Moon Shoals’ eifriges Mitklatschen, während ‘Death In General’ in wüstem Blitzlichtgewitter untergeht und zu ‘Like The Average Stalker’ Sprechchöre der Marke „right!“ – „wrong!“ durch den mittlerweile unangenehm vollen Club hallen. Spätestens nach dem wunderbaren ‘The Nurturing Glance’ und dem just auf dem Fuß folgenden, apokalyptischwütenden ‘Bastard Chain’ wird deutlich, welch verschiedenartige Stücke das Quintett mittlerweile sein Eigen nennt – und wie gut die basslastigen, herrlich melodischen Songs von VERKLIGHETEN dem Set tun. Selbiges zeigt im Verlauf auch das dramaturgisch exzellente Auf und Ab von ‘Witan’ über ‘Stabbing The Drama’ bis hin zum Abschlusskracher ‘Stålfågel’. Obgleich Soilwork (aus unerfi ndlichen Gründen) nie die durchschlagendste Liveband des Planeten werden, haben sie ihre Fans an diesem Abend defi nitiv aufs Neue begeistert. Nur so ist es zu erklären, dass es im Verlauf des Auftritts vonAmorphis minimal leerer im Club wird. Der Stimmung tut dies jedoch keinen Abbruch – ganz im Gegenteil: Die fi nnischen Lieblinge präsentieren sich vor dem herrlichen QUEEN OF TIMEBackdrop ganz in Gold gehüllt und bleiben diesem Farbschema mit ‘The Bee’, ‘The Golden Elk’ und später ‘Message In The Amber’ treu – der zum Niederknien schöne Klargesang von Tomi Joutsen kommt für geschundene (sowie von den Menschenmassen genervte) Seelen sowieso einem wohltuenden Bad in Milch und Honig gleich, bis seine donnernden Growls bei Wuchtbrummen wie ‘Bad Blood’ und ‘Daughter Of Hate’ das Geschehen verdunkeln. Auch hier ergänzen sich die – dominant in Szene gesetzten – neuen Stücke perfekt zu ewig das Herz berührenden FanFavoriten wie ‘Sky Is Mine’, dem das Farbschema wandelnden ‘Silver Bride’ oder der altehrwürdigen TALESErinnerung ‘Black Winter Day’. Und so feiert Berlin schließlich einträchtig headbangend das gefühlt wie im Flug vorübergehende, aber unbestritten euphonische HeadlinerKonzert, bis das liebliche ‘House Of Sleep’ die verbleibenden Anwesenden endgültig in die Traumwelt schunkelt und den gelungenen Abend stimmungsvoll ausleitet. Vier Bands mögen (zumindest unter der Woche) eine zu viel sein – unterm Strich überzeugt das Paket jedoch zutiefst und lässt dem Restwinter mit einem wohligen, vielleicht sogar gestärkten Gefühl entgegenblicken.
KATRIN RIEDL

Draconian

+ Harakiri For The Sky

+ Sojourner

Berlin: Nuke

Jinjer


Berlin, du schaffst es immer wieder aufs Neue, uns zu überraschen! An einem Sonntagabend erwartet man in der Hauptstadt vielleicht einiges, jedoch kein nahezu ausverkauftes Metal-Konzert. Schon gar nicht, wenn dessen Gastgeber zu Melancholie und Wehmut statt Montagsmotivation laden. Und doch: Die Besucher des Nuke lassen sich vom anstehenden Beginn der Arbeitswoche nicht in die Knie zwingen und folgen zuhauf dem Ruf der „The Sovereign Arsonists Tour“, die mit Sojourner, Harakiri For The Sky und Draconian ein stattliches Paket aufgefahren hat. Den Anfang macht das Küken im Bunde:Sojourner – 2015 gegründet und mit Mitgliedern aus Neuseeland, Schweden, Schottland und Italien – beginnen vor gut gefüllter Hütte und schmettern die erste Ladung Intensität ins Publikum. Während Goldkehle Chloe Bray zarte Worte in den Raum haucht, kontert ihr männlicher Gegenpol mit aggressiven Growls. Schade nur, dass letztendlich zu viele Töne nicht so sitzen, wie sie eigentlich sollten, und auch in Sachen Timing läuft nicht alles reibungslos. Dennoch: Der folkigatmosphärische Black Metal macht Lust auf mehr und wird in Zukunft defi nitiv öfter seinen Weg auf die heimische Playlist fi nden. Dort sindHarakiri For The Sky schon seit Langem fester Bestandteil. Wer nach einem Synonym für Weltschmerz sucht, sollte die Österreicher ganz weit vorne auf der Trefferliste fi nden. Stücke wie ‘You Are The Scars’ oder ‘Calling The Rain’ gehen ohne Umwege direkt ins Herz, sind der Spiegel des eigenen Seelenlebens und Geborgenheit zugleich; und wenn Frontmann J.J. scheinbar schier von seinen Emotionen übermannt auf die Knie fällt, ist das kein überzogentheatralisches Schauspiel, sondern zu hundert Prozent glaubwürdig. Die Rufe nach Zugaben am Ende sind keine Überraschung, verhallen jedoch ohne Beachtung. Harakiri For The Sky kehren nach ihrem wortkargen Abgang leider nicht mehr auf die Bühne zurück.

Diese gehört in den kommenden rund 60 Minuten alleinDraconian . Knapp drei Jahre sind seit dem letzten Besuch der Schweden vergangen, doch das 2015 erschienene sechste Studioalbum SOVRAN ist präsent wie eh und je und setzt den Programmschwerpunkt, obgleich etwa ‘Bloodfl ower’ oder ‘A Scenery Of Loss’ einen Ausfl ug in die frühere Diskografi e erlauben. Mit ihrer alles einnehmenden Aura, Ausdrucksstärke und Natürlichkeit verzaubert Sängerin Heike Langhans die Zuhörer. Die Magie der jungen Frau ist fesselnd und faszinierend zugleich, obschon die Reihen mit voranschreitender Stunde lichter werden. Alle Verbleibenden lassen sich von Draconian bereitwillig in Richtung Wochenstart tragen.
LISA GRATZKE

Ewigheim

+ Lacrimas Profundere

Berlin: Cassiopeia

Amorphis


Passend zur dunklen Jahreszeit steht dieser Freitagabend ganz im Zeichen des Herzschmerzes. Fans vonLacrimas Profundere scheinen den ihren ob des Weggangs von Sänger Roberto Vitacca mittlerweile überwunden zu haben. Was zunächst etwas schleppend anfängt, geht – dank des vollen Körpereinsatzes von Neuzugang Julian Larre – dann doch noch ordentlich ab. Neben altbekannten Songs wie ‘My Mescaline’, ‘Ave End’ oder ‘Again It’s Over’ präsentieren die Goth-Rocker auch neue Stücke wie ‘Father Of Fate’. Eine Tanzeinlage mit einem weiblichen Fan auf der Bühne dürfte die ein oder andere Dame etwas neidisch gemacht haben – jedenfalls hat es das kleine, aber feine Cassiopeia ordentlich aufgeheizt. Beste Voraussetzungen für den Headliner des Abends:Ewigheim . Vor einem inzwischen proppenvollen Haus stimmen sie ihr ‘Schlafl ied’ an – eine mutige Wahl als Eröffnungsstück, aber es funktioniert. Die schwermütige Stimmung (im positivsten Sinne) erreicht ihren Höhepunkt, als die vier ‘Spinnenkind’ von ihrem neuesten Werk IRRLICHTER zum Besten geben. Das Publikum feiert jedoch auch Klassiker wie ‘Der Tanz der Motten’ oder ‘Leiche zur See’. Derweil teilen sich die beiden Gründungsmitglieder Yantit und Konstanz auf der Bühne zu ’Falsches Herz’ kollegial eine Zigarette. Da die Fans nicht genug von den Dunkelmetallern bekommen können, gibt es noch einen dreifachen Nachschlag obendrauf, welchen sich Fans und Bands allemal verdient haben. Ewigheim feiern 2019 ihren zwanzigsten, Lacrimas Profundere sogar ihren 25. Geburtstag. Ein würdiger Start ins Jubiläumsjahr 2019!
HEIDI SKROBANSKI


Fotos: V. Grundke

Foto: C. Wenig

Fotos: G. Wetzler

Fotos: M. Haack

Fotos: C. Kersten