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TOW TRUCK DRIVER: NEWSCHOOL CUSTOMS: GESCHICHTEN AUS DEM MUSCLE-CAR-ALLTAG


Träume Wagen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 07.06.2019

Die Zeiten ändern sich, in jeder denkbaren Hinsicht. Auch Sie und ich sind davon nicht ausgenommen, alte Autos hin oder her. Wahrscheinlich ist es ganz besonders schwer, in die Zukunft zu blicken, wenn man von der Vergangenheit umgeben ist – aber unmöglich ist es sicher nicht. Eine Vergangenheitsbewältigung.


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Bildquelle: Träume Wagen, Ausgabe 6/2019

Sönke Priebe: Chef v on Oldsch oo l Cu stom Works in Weinstadt


Dr. Gregory Graffin, Evolutionsbiologe, Präsidentschaftskandidat


Henry Rollins per se ist nicht evolutionsfähig, kompensiert das aber durch permanente Vorwärtsbewegung, was unter dem Strich etwa aufs Gleiche hinauskommt.


Eric Boucher hat ...

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... möglicherweise seinen Beitrag zur allgemeinen menschlichen Evolution bereits abgeleistet. Das sollte eigentlich reichen.


Es war einmal, vor langer Zeit, dass alte Autos nur wenig Freunde hatten. Bah, verdrehen Sie nicht die Augen, natürlich kauen wir dieses Thema in letzter Zeit ständig durch, aber schauen Sie doch hin, es ist so aktuell wie nie. Also, darf ich? Dann: 1995, und das ist auch diesmal ein willkürlich gewähltes Jahr, ausgesucht aus dem einzigen Grund dass es das allerletzte Jahr gewesen ist, welches in meinem Leben nicht vollständig von Autos dominiert wurde, 1995 also, war kein langweiliges Jahr.
Vielleicht erinnern Sie sich, die Welt hatte soeben die düstere Schwere der Ost-West-Konfliktjahre abgeworfen, Amerika war nach Jahrzehnten der nach innen gerich-teten Außenpolitik mit einem fulminanten Wüsten-Feuerwerk in die Rolle des Weltpolizisten aufgestiegen, zum ersten Mal seit 40 Jahren schien der Menscheit tatsächlich so etwas wie eine gemeinsame, friedliche Zukunft beschert, und zum allerersten Mal in der Geschichte war es nicht mehr grundsätzlich möglich, Umweltschutzideen mit allgemeinen West-gegen-Ost Verteidigungs- und Rüstungserfordernissen niederzuknüppeln. (Erinnern Sie sich an Wackersdorf? Wackersdorf hat 1985 angefangen und war erst um 1995 vollständig aufgearbeitet. Suchen Sie nach den Wurzeln des 90er- Zeitgeistes wo Sie wollen, aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass Sie etliche in Wackersdorf finden werden.) Vielleicht darf ich an dieser Stelle einmal mehr einen Zeitgenossen zitieren, der hier öfter herhalten muss, nämlich den zukünftigen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Dr. Gregory Graffin, der die 90er bestmöglich unter Verwendung der geringstmöglichen Wortzahl so zuammengefasst hat:
„My optimism was running high, a new world order was on my mind“
Wenn Sie zufällig die darauf folgende Zeile kennen, dann wissen Sie auch, dass das Zitat von 1992 ist und absolut ungeeignet, um von mir in diesem Kontext verwendet zu werden, sorry. Lassen Sie das bitte trotzdem so stehen, es passt nämlich dennoch sehr gut.

OP IV, die sich der Evolution verweigert haben – und dadurch möglicherweise einen ungleich schwerwiegenderen Beitrag zu selbiger geliefert haben.


Charles Darwin. Evolution‘s gonna come.


Weiterentwicklung: Aufhalten können Sie das nicht, und auch nicht nach ihren Vorlieben ordnen.


1995 also war die Welt minzpastellfarben, Umweltschutz war Trendgeschehen, Elektro-Autos im Go-Kart-Format für alle waren nur noch eine Frage von Monaten, und angestaubte staatliche Institutionen wie die Deutsche Bundespost oder die Deutsche Bundesbahn waren endlich, endlich im Begriff, in eine kundenfreundliche rosige Zukunft wegprivatisiert zu werden, 1995 und 1993 respektive. Tastentelefone für alle! MDMA war die Droge des Jahrzehnts, was das gesamte britische Hooligan-Problem gleich mit gelöst hat (ich wiederhole mich), und wenn Sie immer noch nicht in der passenden 90er-Stimmung sind: Denken Sie an die Spice Girls. Ja, die Spice Girls. Die waren britisch, von durchschnittlichem Aussehen und durchschnittlichem Talent, und bereits in ihrem ersten aktiven Jahr Millionäre. Haben Sie die Spice Girls vor Ihrem geistigen Auge? Ja? Dann denken Sie jetzt an… uhm, Morrissey und Robert Smith, um im britischen Kontext zu bleiben. Sehen Sie? Stimmungswechsel. Deutlich. Das waren die Neunziger. In diesen Neunzigern, und da sind wir jetzt nach der traditionellen langen Einleitung endlich beim Thema, war das Fahren von alten Autos größtenteils ein Statement, eine Aussage, eine bezogene Position wider der minzgrünen Globalentspannungskultur. Nein, im Ernst. Natürlich nicht das Fahren von Fiat Tipos aus den Achtzigern, sondern das Fahren von halbwegs alltagstauglichen Gebrauchsoldtimern aus den Sechzigern.
Erinnern Sie sich an Francis Fukuyama, der 1992 mit dem Ende des Ostblocks das „Ende der Geschichte“ ausgerufen hat? Francis Fukuyama hat sich getäuscht, im gleichen Maße wie jeder, der jemals die Kurzsichtigkeit besessen hat, in seiner eigenen Zeit, in seiner eigenen Generation den Höhepunkt aller menschlichen Entwicklung ausgemacht haben zu wollen. Und wie immer, wenn große Ideen den Zeitgeist beherrschen, formiert sich irgendwo Widerstand, bewusst, unbewusst, freiwillig, unfreiwillig.

Wiederholung: Es gibt keine „richtigen“ Generationen. Auch die neueste wird irgendwann der Traum aus einer längst vergangenen Jugend sein.


Evolution 1: Sehen Sie, wenn Hochwasser ein primäres Überlebensproblem wäre, wäre sowas kein Irrweg der Evolution, sondern deren Speerspitze.


Sie dürfen, wenn Sie so wollen, folglich die Altautofahrer der Neunziger mit einer anderen Jugendbewegung gleichsetzen, aber warten Sie, ich verliere vorher lieber ein-zwei Worte darüber, bevor noch irgendwer empört ist: Altautofahren in den Neunzigerm als beginnender Trend, ok? Mercedes-Clubs haben natürlich früher existiert, genau wie Vorkriegssammlungen und lose Schrauberzusammenschlüsse. Hier ist der beginnende, aktive, populäre Gebrauch von eigentlich überalterten Pkw – oftmals deutscher Herkunft -zum Zwecke der Alltags- und Freizeitvermischung durch nennenswerte Anzahlen von jungen Menschen gemeint, der ganz klar in den Neunzigern entstanden ist. So. Und auf ihre eigene Art sind die Altautofahrer der Neunziger vergleichbar mit jener einen „Jugendbewegung“ die bis heute in Europa als Definition von „Anti-Haltung“ herangezogen wird: Punk.
Da, ich habe es ausgesprochen. Regen Sie sich wieder ab, ich habe ja nicht behauptet, daß die Altautofahrer der Neunziger bunte Haare hatten und in Lederjacken an Busbahnhöfen herumgelungert sind, ok? Ich habe einen Vergleich angestellt zwischen der betonten „Smash the System“-Punkgrundhaltung und dem Anti-Minzgrüne-Zuckerwatte-Zukunft-Mindset derjenigen, die in den Neunzigern bonbonfarbene Minimalfortbewegung aktiv und sichtbar abgelehnt haben.

Umweg: Conversion-Vans beweisen, dass die Evolution einen Sinn für Humor hat.


Irrweg: Egal welchen Stellenwert Surfermädchen für Ihr persönliches Empfinden haben…


Evolution 2: Pontiac Firebird vs. Pontiac Firebird PFST im Jahr 1967. Der PFST, verlacht und veralbert, wurde dennoch absolut richtungsweisend für den gesamten US-Automobilbau.


…es wird noch etwa 5.000.000 Jahre dauern, bis diese es im Wasser mit dem weißen Hai aufnehmen können, der in etwa so lange an seiner eigenen Evolution gefeilt hat.


Schwarz sehen: Mattschwarz ist heute eine anerkannte Autofarbe. Hören Sie auf, sich darüber zu ärgern. Mattschwarz gehört Ihnen nicht, auch wenn Sie in den Neunzigern fleißig gewalzt haben.


Mehr brauche ich nicht tun. Clever, hm? Mit diesem einen, klebrigen und aus verschiedenen Blickwinkeln angreifbaren Vergleich habe ich eine soziopolitische Assoziation geschaffen, die es mir sogleich ermöglichen wird, Altautofahrer an sich kollektiv vorzuführen, warten Sie es ab. Die ganze Übung ist ja, wie immer an dieser Stelle, zielführend wengleich langwierig. Dann – und das wissen Sie natürlich längst, Punk ist tot. Ich bin mir nicht recht sicher, woran er gestorben ist, oder wer diesen Umstand zuerst festgestellt hat, und ich werde jetzt nicht die Geschichte des Punk mit Ihnen aufarbeiten, drum lassen Sie mich versuchen, Ihnen den roten Faden in der Schnellfassung um die Ohren zu hauen: Punk, vermutlich um 1975 gezeugt und 1977 geboren, ist entweder 1978, 1979, 1980 oder in einem sonstigen darauffolgenden Jahr ziemlich eindeutig gestorben. Am besten ist das mit der Protagonisten eigener Worte erklärt, schauen Sie hier: „Punk is dead -now refuse to be led, Fight war -not wars -oppose all power they said“.
Und jetzt etwas geistige Gymnastik: Diese Textzeile ist von 1986. Sie bezieht sich allerdings weniger auf den gesundheitlichen Gesamtzustand der Bewegung, als vielmehr auf einen anderen Songtext, einen von 1978, und der wiederum bezieht sich auf ein Popphänomen, dessen Existenz der Punk aus seiner kollektiven Erinnerung gelöscht hat, in ewa so, als würden Sie vergessen, wer ihr Vater ist. Und jetzt nochmal, denn das war selbst für unsere Verhältnisse arg amorph: Diese Textzeile stammt von einer britischen Band namens Conflict, die im Jahr 1986 damit eine andere britsiche Band namens Crass beschreibt, deren ursprüngliches Werk sich auf die „erste Generation“ des Punks bezieht, während Conflict, ihres Zeichens 3. Generation, damit den verbalen Mittelfinger wider Generation 4 erhebt. Klar soweit?
Neun Jahre, vier Generationen, und da fing die Diskussion darüber, wer Punk ist und was Punk ist und warum Punk ist etc. erst an. Kürzen wir das ab. Ich habe etliche Punks in meinem Leben getroffen, und eine ganze Anzahl davon hat schon ihre Jugend nicht überlebt. Alkohol, Heroin, Selbstmord. Eine andere Anzahl hat schon das Grundprinzip nicht verstanden, etliche sind in späteren Jahren in die Bürgerlichkeit zurückgekehrt, manche sind genau daran gescheitert. Einige sind heute noch davon überzeugt, dass Punk die Lizenz zu asozialem Verhalten ist, andere haben darin eine dauerhafte Erklärung für ihre lebenslange Erfolglosigkeit gefunden.
Ich persönlich habe das Prinzip möglicherweise selbst auch nie verstanden, hauptsächlich deswegen, weil ich weder für Alkoholtrinker noch für Studenten (im negativsten Sinne des Wortes) Zeit meines Lebens irgendetwas übrig gehabt hätte, was mich von vornherein von zwei der größten Kerngruppen des Punk in den Neunzigern disqualifiziert hat. Aber, und stellen Sie sich hier bitte Verachtung in meiner Stimme vor, zwei von vier MEINER eigenen Punkrockhelden, die den Trinkern und Studenten stets so wenig genehm waren wie mir deren Lebenswandel, zwei davon sind Stand 2019 zukünftige US-Präsidentschaftskandidaten, und lassen Sie mich diese nichtssagende Qualifikation noch um den Halbsatz „mit unveränderter Grundhaltung“ erweitern, und die wiederum lautet, das ist jetzt eine Zitat von Held Nummer 3, „Punk means thinking for yourself“, bitte zu betrachten vor dem ewigen Hintergrund „Evolution‘s gonna come“ (Held #4). Haben Sie das?

Sinnlos: Zeitgeschmack stellt nicht notwendigerweise eine evolutionäre Stufe dar. Außer, Sie lernen was draus


Heiß: Wackersdorf. Egal wie Sie darüber denken oder ob Sie jemals davon gehört haben, Wackersdorf ist einer der Pole im Aktion-Reaktion-Verlauf der spezifisch deutschen menschlichen Evolution gewesen, sowohl für den Auseinanderfall von „Gesellschaft“ und „Polizei“ als auch für die temporäre Unvereinbarkeit von „Autofahrer“ und „Umweltschützer“.


Es gibt eigentlich keinen Anlass für ein zweites Wackersdorf-Bild, aber ich habe einen Menschen gekannt, der dort war, als diese Bilder entstanden sind, und dessen Leben mich mehr über den Spirit of Resistance gelehrt hat als alles andere. Er ist 2007 gestorben und bleibt unvergessen.


„By all means neccessary, this is what has to be done.“


Evolution bedeutet glücklicherweise auch natürliche Selektion.


Das mit dem Selberdenken, meinetwegen, das ist debattierbar. Aber Evolution – akzeptieren Sie es einfach, oder ich werfe Dinosaurierknochen nach Ihnen. Zweck allen menschlichen Daseins ist die Evolution, und bevor Sie hier widersprechen, lesen Sie „Monism, Atheism and the Naturalist Worldview: Perspectives from Evolutionary Biology“ vom eingangs erwähnten Dr. Graffin, der Sie nichtmal überzeugen muss, denn die Alternativlosigkeit wird sich Ihnen von ganz allein aufdrängen.
Wer Sie auch sind, was Sie auch tun – all das wird irgendwann verschwinden und durch die nächste evolutionäre Stufe ersetzt werden, und je eher Sie aufhören, sich zornig an eine längst verblassende Vergangenheit zu klammern, um so reibungsloser wird die menschliche Evolution verlaufen, denn Sie, lieber Leser, und ich, wir mögen der Höhepunkt der menschlichen Entwicklung sein, aber nur solange, bis die Evolution einen neuen, verbesserten menschlichen Standard schafft – was man im Allgemeinen als „Generation“ bezeichnet.
Genau jetzt, genau hier, während die Menscheit sich anschickt, das Zeitalter des Benzinmotors langsam zusammenzupacken, steht die Generation der „Automobilpunks“ der 90er vor etwas, was bei oberflächlicher Betrachtung wahrscheinlich wie eine gigantische Wand wirken muss. Tatsächlich handelt es sich dabei um die nächste Stufe der Evolution, und je eher das Klettern anfängt, umso eher kann Charles Darwin aufhören, in seinem Grab zu rotieren.
Keine Sorge, Sie, ich, wir alle werden sicher nicht aufhören, alte Autos zu fahren. Aber vielleicht ist es an der Zeit, einzuräumen, dass das heute längst kein Statement mehr ist, keine bezogene Position, kein Wider-dem- Zeitgeist, kein elitärer Club und keine Untergrundbewegung. Ich weiß nicht, wie lange Sie das schon machen, und ob Sie schon in den Neunzigern dabei waren, als alle diese Attribute noch zutreffend waren, und ich bin sicher niemandem böse, der sich in deren Nachhall wohlfühlt… aber:
WENN Sie dabei waren, und 2019 immer noch von exklusiven Altauto-Selberschrauberselbsthilfegruppen und klandestinen Geheimaltautotreffen träumen… tja. Völlig ok. Nur weiß inzwischen die ganze Welt Bescheid. Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, wozu Sie absolut nicht verpflichtet sind: Fangen Sie mit dem Klettern an.