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TRADITION: WEHE, WENN SIE LOSGELASSEN!


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 13.02.2020

Im Westen der Mongolei werden Adler seit Jahrhunderten für die Fuchs- und Hasenjagd ausgebildet. Einst lebensnotwendig, droht diese Fertigkeit zur Folklore zu verkommen - wäre da nicht eine Handvoll junger Nomadinnen, die das archaische Waidwerk ehrfürchtig weiterführen.


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Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 2/2020

ZAMANBOL, 15 JAHRE

„Mein älterer Bruder sollte die Tradition in meiner Familie fortführen und zum Adlerjäger werden. Aber er wollte nicht. Er glaubt ernsthaft, er gehöre in die Stadt. Also haben wir entschieden, dass ich es an seiner Stelle mache - und mein Vater stimmte zu. Es gibt nur wenige Mädchen, die mit Adlern jagen, und auch für ...

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... mich war es zunächst nur ein Hobby. Aber je mehr ich lerne, desto mehr schätze ich dieses Erbe. Für meinen Adler empfinde ich Liebe und tiefen Respekt.“

Jagdgesellschaft mit Strecke

Die offene Landschaft im Dreiländereck von Kasachstan, China und der Mongolei ist ein ideales Jagdrevier für Adler. Die Luft ist klar, die Sicht hervorragend - Füchse finden kaum Verstecke vor den pfeilschnellen Raubvögeln

Adlerjägerin Zamanbol tritt aus der Familienjurte

Nur während der Schulferien begleitet die junge Frau ihre Familie von Weide zu Weide. Hier kümmert sich ausnahmsweise ihr Vater Talap um den ruhiggestellten Adler.

ES WAR SCHON DÄMMRIG, ALS MEIN VATER DEN MANUL ENTDECKTE. E Die kleine Wildkatze kroch gerade in den Bau eines Murmeltiers. Mein Vater rief nach mir, und ich wusste, was zu tun war: Mit meinem Adler auf dem Arm kletterte ich auf den nahen Hügel. Als ich oben war, warf mein Vater Steine zum Eingang des Baus. Ich zog meinem Adler die schützende Lederhaube vom Kopf. Er blickte sich um. Von unserem Platz aus konnten wir sehen, dass der aufgeschreckte Manul in den unterirdischen Gängen einen zweiten Ausgang gefunden hatte und vorsichtig auftauchte. Mit einem Ruck hob ich meinen Adler. Der breitete seine Schwingen aus, stieg hoch, stieß dann hinunter und holte sich den Manul.“

Diese Geschichte erzählt Zamanbol, das fünfzehnjährige Mongolenmädchen, wird es nach seinem schönsten Jagderlebnis gefragt.

Für Zuhörer, die zum ersten Mal im AltaiGebirge zu Gast sind, klingt die Geschichte abenteuerlich. Doch Erlebnisse wie dieses haben sich wohl schon vor Jahrhunderten so zugetragen oder gar vor Jahrtausenden. So lange gehen Nomaden im Westen der Mongolei mit halbzahmen Adlern auf die Jagd. Bei ihrem Angriff packen die Adler die Beute am Nacken und töten sie mit ihren Klauen innerhalb von Sekunden. Die Raubvögel schlagen Hasen, Füchse und eben auch Manuls, sie überlassen die Beute aber den Jägern. Diese teilen das Fleisch mit dem Vogel; das Fell tauschen sie ein gegen Schafe oder fertigen daraus prächtige Wintermäntel für sich. So jedenfalls war das seit jeher.

Doch die Dinge ändern sich. Viele junge Nomaden wollen lieber in der Stadt leben, dort gibt es keinen Platz für Adler. Gleichzeitig scheint die Beizjagd - vom mittelhochdeutschen Begriff beizen für beißen - eine Renaissance zu erleben.

DAS JAGDREVIER DER LUFTHOHEITEN

Die Adlerjagd wird vor allem im Altai-Gebrige gepflegt. Viele Menschen stammen ursprünglich aus Kasachstan, können hier aber ihre Traditionen hochhalten.

Feldküche im Herbstquartier. Zamanbols Großmutter bereitet eine der traditionsreichen Teigspeisen vor. Ob ihr Enkel später auch als Nomade leben wird, ist ungewiss.

Lernen für die Zukunft. Für manche Adlerjägerin ist die Arbeit mit dem Vogel bereits Beruf. Zamanbol hingegen, hier mit ihrer Schwester Ainur, will Journalistin werden.

DAMEL, 16 JAHRE

„Seit ich zehn Jahre alt bin, kümmere ich mich um unseren Adler. Wann immer ich von der Schule heimkomme, laufe ich zu ihr, streichle sie und füttere sie. Ich liebe sie sehr. Wenn sie einen Fuchs angreift, mache ich mir Sorgen um sie - sie könnte gebissen werden. Meine Eltern haben mir erzählt, dass es schon vor 50 Jahren eine Frau gegeben hat, die mit Adlern gejagt hat. Bis heute sind wir Frauen eine kleine Minderheit unter den Adlerjägern geblieben.“

Brutpflege einmal anders

Damel hält den Adler fest, ihr Vater Sensa drückt ihm Wasser in den Rachen. Das braucht er im Herbst, vor Beginn der Jagdsaison, wenn der Vogel sehr viel gefressen hat und noch wenig geflogen ist.

Nachwuchs kommt aus unerwarteter Richtung, denn auch Mädchen gehen hier auf die Jagd.

Die Schweizer Fotografin Alessandra Meniconzi reist bereits seit Jahren immer wieder in die Mongolei, um die Jagd mit Adlern und das Leben dieser Jägerinnen zu dokumentieren. Sie drückt mit klammen Fingern auf den Auslöser, wenn die Hirten ihre Herden durch den Schneesturm zur nächsten Weide treiben und ist dabei, wenn die Mädchen mit Adlern am Arm auf exponierten Klippen balancieren, um ihren Raubvögeln einen perfekten Späh- und Startplatz zu bieten.

2017 lernt Meniconzi den Adlerjäger Dayinbek und seine damals achtjährige Tochter Aimoldir kennen. Die spielt wie selbstverständlich mit einem jungen Falken. Als Meniconzi das Kind fragt, ob es später einmal mit dem Adler auf die Jagd gehen wolle, antwortet der Vater und widerspricht vehement. Adler seien viel zu groß und zu schwer für seine Tochter. Und überhaupt sei die Jagd mit ihnen viel zu schwierig für Mädchen.

Als Meniconzi im vergangenen Herbst die Familie wieder besucht, trägt Aimoldir ihren Adler Tirnek sicher auf dem Arm. Und kein anderes Mädchen, erzählt Meniconzi, gehe mit den mächtigen Raubvögeln so selbstverständlich um wie Aimoldir. Hilfe ihres Vater braucht sie dabei keine mehr. Der ist zwar stolz auf seine Tochter - aber auch ein wenig irritiert. „Eines Tages werden nur noch Frauen auf die Jagd gehen, und die Männer erledigen den Haushalt“, sagt er. Dann lacht er laut, damit niemand auf die Idee kommt, er meine es ernst.

Tatsächlich steigt der Anteil der Mädchen in der Jägerschaft. So wie einst nur ihre Brüder, wissen jetzt genauso junge Frauen, Steinadler mit bestem Lammfleisch zu verwöhnen, damit sie die menschliche Obhut akzeptieren. Von ihren Vätern und Großvätern lernen die Jungjägerinnen, die Vögel - verwendet werden nur Weibchen - rechtzeitig vor der Jagd ein wenig hungern zu lassen, damit deren Killerinstinkt erwacht.

Zamanbols Bruder hat sich einst gegen die Jagd entschieden und gegen das Nomadenleben. Was Zamanbol amüsiert. „Er glaubt ernsthaft, er sei ein Stadtkind! Also trage ich jetzt die Tradition unserer Familie weiter.“ Dass solche Karrieren in der männerdominierten Welt der Nomaden möglich sind, liegt auch an einem Kollegen der Fotografin Meniconzi: Der Israeli Asher Svidensky veröffentlicht 2014 ein eindrucksvolles Foto der damals dreizehnjährigen Aisholpan. Das Mädchen in kasachischer Tracht, angetan mit voluminöser Fellmütze und ledernem Falknerhandschuh, sitzt dabei auf einem schroffen Felsen und lacht einem imposanten Adler hinterher, der sich eben von ihrem Arm erhoben hat.

Auf dem Weg ins Frühjahrsquartier

Vor jeder Tagesetappe prüfen die Hirten das Wetter. Kündigt sich ein Sturm an, treiben sie ihre Herden zusammen und warten vorerst einmal ab. In einem Schneesturm würden sie sonst viele Tiere verlieren. Wenn Rinder vor dem zugefrorenen Eis scheuen, geht ein Hirte mit einem Jungtier voran. Unweigerlich folgt dann das Muttertier. Und diesem folgt dann die gesamte Herde.

AKHELIK, 15 JAHRE

Ich habe keine Brüder, deshalb war klar, dass ich einmal mit meinem Vater auf die Jagd gehen werde. Wir sind stets zu zweit: Einer trägt den Vogel, der andere treibt Wild in seine Richtung. Meinen ersten Fuchs haben wir erlegt, da hatte ich erst ein Jahr lang Erfahrungen gesammelt. Mittlerweile habe ich schon 26 Füchse erlegt und ein paar Hasen. Unser Adlerweibchen ist so zahm, weil wir es täglich füttern und pflegen. Daher kommt es auch nach jedem Flug zurück zu mir. Es benimmt sich fast wie ein Haustier.“

Das ganz normale Nomadenleben

Im Sommer hilft Damel ihrer Familie bei der Arbeit mit den Pferden. Mit dem Adler gejagt wird dann im Winter.

Das Foto wird weltbekannt, und auch der US-Filmemacher Otto Bell stößt auf Aisholpan. Er recherchiert und dreht dann eine Doku-Soap über sie. Der Film zeigt, wie Aisholpan einen halbwüchsigen Adler aus seinem Horst entführt, ihn großzieht und trainiert. Er erzählt von Anfeindungen männlicher Kollegen, die dem Mädchen gar nicht zutrauen, das ausgewachsene Tier zu tragen, geschweige denn, mit ihm am Arm sicher auf einem Pferd zu sitzen. Doch Aisholpan bleibt im Film trotz aller Miesepeter auf Kurs, perfektioniert ihre Jagdfertigkeiten und gewinnt schließlich - zumindest im Film - einen Jagdwettbewerb gegen die männliche Konkurrenz.

Ein modernes Märchen. Seit der Filmpremiere strömen Besucher aus aller Welt in die Mongolei, um die Adlerjagd zu erleben. Und natürlich die Adlerjägerinnen.

„Der Film bringt viele Touristen ins Land, das ist gut“, sagt Zamanbols Vater Talap. Denn die Touristen lassen Geld in der Region - und sie tragen Eindrücke aus einem zuvor übersehenen Winkel der Erde nach Hause.

Andererseits verändern die Gäste mit ihrer Neugierde die alten Traditionen. In vielen Gesprächen mit Adlerjägerinnen und -jägern erfuhr Meniconzi von einem Graben, der seit kurzem die Gemeinschaft spaltet. Auf der einen Seite stehen Traditionalisten, männlich wie weiblich, die das alte Waidwerk authentisch bewahren wollen. Sie wissen exakt, seit wie vielen Generationen in ihren Familien mit Adlern gejagt wird. Sie wissen, wie sie junge Adler aus dem Horst holen, ohne das Nest - und die Überlebenschance für das restliche Gelege - zu zerstören. Sie sind stolz darauf, dass sie mit ihren Adlern bei Schnee und Eiseskälte losziehen, um Beute zu machen.

Damel mit Schulkolleginnen. „Die Jungs in meiner Klasse sind neidisch, weil auch sie mit Adlern jagen wollen. Die Mädchen sind stolz darauf, mich zur Freundin zu haben.“

Raubvögel digital. Damel kennt die berühmte Doku-Soap über die Adlerjägerin Aisholpan. Ein wenig ist sie eifersüchtig auf die Darstellerin, auch Damel hätte die Rolle spielen können.

AIMOLDIR, 10 JAHRE

Ich verbringe jeden Tag viel Zeit mit meinem Adler. Er ist übrigens ein Weibchen: Die sind größer und eignen sich daher besser für die Jagd. Ich nehme ihr oft die Haube ab, putze und füttere sie und rede viel mit ihr. Bevor ich diesen Adler bekam, hatte ich einen Falken. Aber der ist davongeflogen. Damals habe ich sehr geweint. Heute bin ich mit dem Adler sehr glücklich. Wir verstehen uns gut - und er ist eine richtige Freundin für mich.“

Kindheitserinnerung. Dieses Bild aus dem Jahr 2017 zeigt Aimoldir noch mit ihrem Falken. Ihr Vater wollte der damals Achtjährigen noch keinen schweren Adler zumuten.

Urvertrauen. Nachdem die Sache mit den Vögeln schon so gut geklappt hat, bringt Vater Dayinbeck seiner Tochter Aimoldir gleich noch ein paar weitere Fertigkeiten bei.

Auf der anderen Seite des Grabens stehen Schausteller, die sich fürs Foto selbst im Sommer in warme Pelzmäntel hüllen, Adler in die Höhe recken und sie dann bloß bei Wettbewerben fliegen lassen, die sie für zahlende Touristen ausrichten. „Jedes Jahr steigt die Zahl dieser Fake-Jäger“, schimpft Talap. „Jedes Jahr gibt es mehr Mädchen, die so tun, als wären sie Adlerjägerinnen.“

Natürlich seien nur wenige Touristen in der Lage, echten Jägern tagelang in die Berge zu folgen. Aber noch weniger würden sich die Zeit dafür nehmen. Das, was für die Gäste angerichtet wird, sei einfach nicht in Ordnung, sagt Talap: „Manche Fake-Jäger fangen junge Wölfe, um sie dann in inszenierten Jagden freizulassen. Und sie legen Füchse in Ketten, damit die Gäste garantiert einen Jagderfolg zu sehen bekommen.“ Gehe das so weiter, fürchtet Talap, werde geistloses Treiben das Erbe seiner Ahnen überlagern.

Noch aber ist es nicht so weit. Noch zieht zum Beispiel Damels Clan mitsamt seinen Herden im Rhythmus der Jahreszeiten von Weide zu Weide, und der Adler reist mit. Alle kümmern sich um das Tier, es ist Teil der Familie. Gejagt wird regelmäßig - aber nie an Dienstagen, denn der Dienstag ist für die Nomaden ein Unglückstag.

Nach acht bis zwölf Jahren - in jeder Familie gibt es hier andere Angaben - endet die Jagdkarriere der Vögel. Die Jäger tragen ihren Adler dann in die Berge. Sie deponieren ein totes Schaf, damit der Vogel genug zu fressen hat, und machen sich davon. Der Adler wird wohl noch eine Weile nach seinen Pflegern suchen, doch dann für immer zurückkehren in die Wildnis. Steinadler können bis zu dreißig Jahre alt werden: In der ihm verbleibenden Zeit wird das Tier für Nachwuchs sorgen. Und so sicherstellen, dass die Adlerjagd auch in Zukunft weitergehen wird.

Und die Gäste? „Wir heißen alle willkommen“, sagt Talap. „Sie sollen unsere Traditionen kennenlernen und unsere Liebe für die Natur.“ Doch eines sagt Talap auch: Die Besucher sollten sich keine Shows anschauen. Sondern wenn möglich mit echten Jägern auf die Pirsch gehen.

Text: Gottfried Derka


Zusatzfoto: TSATSRAL