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Träume im Alten Testament: Und Gott sprach im Traum


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 01.08.2019

Der Traum Jakobs von der Himmelsleiter ist wohl der bekannteste Traum des Alten Testaments. Doch auch andere biblische Traume haben eine bedeutende Wirkungsgeschichte bis heute.


Artikelbild für den Artikel "Träume im Alten Testament: Und Gott sprach im Traum" aus der Ausgabe 3/2019 von Welt und Umwelt der Bibel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2019

Mehrfach hat Marc Chagall „Jakobs Traum von der Himmelsleiter“ gemalt. Chagall Museum in Nizza, Südfrankreich.


„Jeder Mensch träumt jede Nacht. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Weise, mit diesen nächtlichen Erlebnissen umzugehen“ (Annette Zgoll).

Die Tatsache, dass wir träumen, verbindet uns mit den Menschen des Alten Orients. Spannend ist jedoch, wie wir die Träume bewerten, mit ihnen umgehen. Unterscheiden wir uns da ...

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... fundamental von den Menschen früherer Jahrhunderte? Schon antike Gelehrte rangen um die Frage, wie weit ein Traum einfach nur Tagesreste enthält, wie weit er bedeutsam oder unbedeutend ist, oder ob er eine göttliche Botschaft enthält. Und ist die Stimme Gottes besser im Traum als im Wachen zu vernehmen? Diese Fragen beschäftigten auch die Verfasser der biblischen Schriften.

Traume und Religion

Träume führen über das „normale“ Erleben der Realität hinaus. Ihre Bilder sind oft befremdlich, ihre Aussagen unklar. Außerdem sind sie (zumeist) nicht willentlich steuerbar. Menschen in der Antike haben sie daher vielfach nicht als Produkt ihres eigenen Inneren erfahren, sondern als „von außen“ auf sie zukommend. Damit schaffen Träume eine Verbindung zum Transzendenten, zum Göttlichen.

Daher waren der Umgang mit Träumen und ihre Interpretationen oft Teil des religiösen Kults einer Gesellschaft. Traumdeuter waren eingebunden in die religiösen Institutionen. Und wer beunruhigt war wegen eines Traumes oder im Traum Zugang zu den Göttern suchte, begab sich zu einem Heiligtum.

Die biblische Sicht auf Träume und ihre Bedeutung ist ambivalent. Im Alten Testament stehen neben den radikalen Kritikern der Träume, wie etwa dem Propheten Jeremia, große Persönlichkeiten wie Daniel und Josef, deren Fähigkeit zur Traumdeutung gerühmt wird. Ahnväter wie Jakob verdanken entscheidende Erkenntnisse in ihrem Leben einer Traumoffenbarung. Manche biblische Träume haben eine lange Wirkungsgeschichte, wie Jakobs Traum von der Himmelsleiter, andere sind eher unbekannt wie der Traum Abimelechs (Gen 20,3) oder Labans Traum (Gen 31,24).

Natürlich sind die Traumschilderungen der Bibel keine exakten Traumprotokolle. Traumberichte sind immer gebrochen durch die Wiedergabe des Träumenden und/oder die literarische Überarbeitung – oder sie sind gar „Erfindungen“. Dennoch spiegeln sie reale Traumerfahrungen damaliger Menschen – und sie bezeugen, wie biblische Autoren die Bedeutung von Träumen auch in der Beziehung zu Gott einschätzten.


Die biblische Sicht auf Träume und ihre Bedeutung ist ambivalent


Gottes ratselhaftes Wort

Neben den „großen biblischen Träumen“ stehen auch kritische Anfragen an die Nachtgesichte und vor allem an ihre Deuter (vgl. Artikel S. 24). Besonders die weisheitlichen und die prophetischen Schriften lehnen göttliche Offenbarung durch Träume ab. Doch auch das ist nicht durchgängig der Fall. Im Buch Ijob heißt es:„Denn einmal redet Gott, und zweimal, man achtet nicht darauf. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fällt, im Schlummer auf dem Lager, da öffnet er der Menschen Ohr und schreckt sie auf durch Warnung“ (Ijob 33,14-16). Und in Bezug auf die Prophetie steht in der Tora ein Gotteswort, das Träume ausdrücklich als Medium Gottes benennt, durch das er mit seinen Propheten redet. Eine Ausnahme bildet Mose, der der direkten Gottesanrede gewürdigt wird:„Und der Herr sprach: Hört meine Worte! Wenn es bei euch einen Propheten gibt, so gebe ich mich ihm in einer Vision als der Herr zu erkennen, im Traum rede ich mit ihm. Anders bei meinem Knecht Mose. Mein ganzes Haus ist ihm anvertraut. Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, in einer Vision, nicht in Rätseln“ (Num 12,6-8).

Die Gottesrede in Vision bzw. Traum (beide Begriffe werden hier parallel verwendet) scheint die „gewöhnliche“ Form der Offenbarung zu sein, zumindest für Propheten – denn die Weise, in der Gott mit Mose spricht, ist einzigartig. Einschränkend ist jedoch offensichtlich festzuhalten, dass auch für Propheten das Wort Gottes, das in Traumgesichten zu ihnen kommt, nicht immer einfach zu verstehen ist. Es gleicht „Rätseln“.

Jakob der Traumer

Einer der „großen biblischen Träume“ ist der Traum des Ahnvaters Jakob. In einer Situation, in der Jakob auf der Flucht ist und alles ins Wanken gerät, verändert ein Traum für ihn alles:„Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand vor ihm und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben“ (Gen 28,12f; zum möglichen Hintergrund einer Inkubation: siehe S. 51ff). Jakob erhält im Traum die große Verheißung, die Abraham im Wachzustand von Gott erhalten hatte (Gen 12,3). Bemerkenswert ist die Reaktion Jakobs auf den Traum. Voller Ehrfurcht sieht er auf das, was ihm im Schlaf widerfahren ist und sagt:„Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht“ (Gen 28,16). Zur Erinnerung an diesen Traum stellt er sogar ein Steinmal in Bet-El auf und bindet sich mit einem Gelübde an diese nächtliche Erfahrung.

So, wie Jakobs Flucht zu Laban von einem Traum begleitet wird, so ist es auch mit seiner Rückkehr in die Heimat: Jakob hat eine göttliche Erscheinung im Traum. Sie ruft ihn – mit ausdrücklichem Bezug auf den Traum in Bet-El – zurück in das Land seiner Verwandtschaft (Gen 31,10-13). Zugleich bestätigt der Traum Jakobs „Zuchtmethode“, um aus den Herden seines Schwiegervaters Laban für sich eine kräftige Herde zu erhalten. Labans Ärger wiederum wird durch einen Traum gestoppt:„Gott aber kam in einem nächtlichen Taum zum Aramäer Laban und sprach zu ihm: Hüte dich, Jakob auch nur das Geringste vorzuwerfen“ (Gen 31,24).

Jakob legt geschalte Ruten in die Wassertröge der Herden seines Schwiegervaters Laban, um so gescheckte Tiere zu erhalten, die nicht mehr Laban, sondern ihm selbst gehören. Gott bestätigt dies im Traum. Bartolomé Esteban Murillo, um 1665.


Der Traum von Bet-El wird Jakob sein Leben lang begleiten. Er wird ihn nie vergessen. Mehrfach wird Jakob Bet-El besuchen (Gen 35). Selbst als er alt und krank ist und Abschied von seinem Sohn Josef und dessen Söhnen nimmt, erinnert er ihn und sich nochmals an die damalige Traumbotschaft, die Verheißung (Gen 48,3).

Josef – Traumer und Traumdeuter

In der Josefsgeschichte werden Traumschilderungen zu einem Leitmotiv, das sich durch die ganze Erzählung zieht. Dreimal kündigen je zwei parallele Träume die Zukunft an und lösen entscheidende Lebenswenden für Josef aus.

Es beginnt mit zwei Träumen des jungen Josef. Sie bringen die latenten Konflikte innerhalb der Großfamilie zum Ausbruch. Josef träumt, wie sich die gebundenen Getreidegarben seiner Brüder vor seiner Garbe verneigen (Gen 37,5-7) und wenig später träumt er, dass sich Sonne, Mond und elf Sterne vor ihm neigen (Gen 37,9f). Diese Träume bedürfen keiner Interpretation. Die Brüder und sein Vater Jakob verstehen sie sofort:„Das sagten seine Brüder zu ihm: Willst du etwa König über uns werden oder über uns herrschen?“ (Gen 37,8; vgl. 37,10). Aus der Perspektive seiner Familie ist hier keine göttliche Offenbarung am Werk, sondern eher das Machtstreben eines jüngeren Sohnes. Die Träume sind Ausdruck eines inneren Wunsches. Selbst der Vater Jakob fühlt sich getrieben, den Lieblingssohn zurechtzuweisen.

Erst im späteren Verlauf der Josefserzählung wird sich zeigen, dass die Träume wahr werden und die Brüder sich tatsächlich vor Josef verneigen (Gen 42,6; 43,26.28). Das bestätigt letzlich die göttliche Herkunft der Traumbotschaft (auch wenn Josef zu diesem Zeitpunkt keine Herrschaft über die Brüder mehr anstrebt). Doch zunächst verstärken die Träume den Hass der Brüder, was zu Josefs Verkauf nach Ägypten führt.

Hier wird Josef zum Traumdeuter. Im Gefängnis interpretiert er die Träume seiner beiden Mitgefangenen. Denn die Träume des Obermundschenks und des Oberbäckers sind nicht aus sich heraus verständlich – und beide Beamte sind „missmutig“, weil sie die Bedeutung nicht entziffern können und niemand da ist, der sie deuten könnte. Josef bietet sich an, verweist jedoch darauf, dass nicht nur die Träume, sondern auch ihre Deutung von Gott kommen. Zugleich betont er seine enge Bindung an Gott:„Istnicht das Träumedeuten Sache Gottes? Erzählt mir doch!“ (Gen 40,8).

Da seine Traumdeutungen eintreffen – womit Josef sich als wahrer Prophet erweist (vgl. Dtn 18,9ff) – wird Josef gerufen, als der Pharao beunruhigende Träume hat, die niemand von seinen Fachleuten deuten kann. Der Pharao träumt von sieben wohlgenährten Kühen, die aus dem Nil steigen, aber von sieben mageren Kühen gefressen werden. In einem zweiten Traum sieht er einen Getreidehalm mit sieben reich gefüllten Ähren, der jedoch von sieben vertrockneten Ähren verschlungen wird. Der Pharao zweifelt nicht an der Bedeutung des Traums. Er sieht sich und sein Reich einer Bedrohung ausgeliefert. Josef aber deutet den Traum als Warnung, doch noch ist Zeit zu handeln und Vorräte anzulegen. So wird aus dem Albtraum eine göttliche Handlungsanweisung, die Leben rettet.

Wenn Konige traumen

Josefs Deutung der Träume des Pharaos hat biblische Parallelen im späteren Danielbuch. Dort geht es um die Träume des babylonischen Königs Nebukadnezzar. Träume von Herrschenden sind vor allem außerhalb der Bibel besonders häufig überliefert. Das liegt natürlich einerseits daran, dass Geschichtsschreibung meist die Geschichte der Mächtigen ist, anderseits sind köngliche Träume selten Privatsache, sondern betreffen in ihren Auswirkungen das ganze Volk. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erzählt von Träumen, die das Handeln der Könige Astyages, Kyrus, Kambyses oder Xerxes beeinflussen (s. Artikel S. 28).

Wenn Träume nach allgemeiner Überzeugung göttlicher Herkunft sind, dann belegt der Traum eines regierenden Königs, dass der Herrscher in besonderer Nähe zu den Göttern stand (wovon man grundsätzlich ausging). Der Traum oder die Erscheinung einer Gottheit im Traum legitimiert den Machthaber und seine jeweiligen Taten, sei es, dass ihm in der Nacht der Sieg über seine Feinde angekündigt wird, wie es von vielen Königsträumen assyrisch-babylonischer Könige erzählt wird, oder dass ihm eine drohende Gefahr mitgeteilt wird. Aus Ägypten, Babylonien und von den Hethitern haben sich auch Traumschilderungen erhalten, die die Legitimität eines Thronanwärters bestätigen.

Auch die Bibel überliefert Träume, in denen Könige göttliche Weisungen empfangen. Dabei kann es sich sowohl um die Könige Israels handeln als auch um fremde Könige, die in Kontakt mit den Menschen Israels stehen. So erhält König Abimelech von Gerar eine Gotteserscheinung im Traum, als er Sara, Abrahams Frau, zu sich geholt hatte (Gen 20,3ff). Es entspinnt sich ein längeres Traumgespräch, in dem Abimelech von Gott erfährt, dass Sara nicht Abrahams Schwester, sondern seine Frau ist.

König Salomo wiederum, dessen Thronanspruch nicht ganz unangefochten war, erhält im Traum eine göttliche Bestätigung seiner Herrschaft, denn Gott schenkt ihm ein hörendes Herz (1 Kön 3,4-15, vgl. Artikel S. 51).

Und auch die Träume des ägyptischen Pharao aus der Josefsgeschichte und die des babylonischen Königs Nebukadnezzar im Danielbuch sind Träume, die vom Gott Israels fremden Herrschern geschickt werden.

Daniel, Oberster der Zeichendeuter

Die ersten beiden Träume im Buch Daniel (Dan 2 und 4) haben Parallelen in der Josefserzählung. Wieder träumt ein ausländischer Herrscher, diesmal der babylonische König Nebukadnezzar, wieder benötigt er Hilfe, um ihn zu verstehen, und wieder ist es ein Mann aus Israel, der den Traum deuten kann.

Die Königsträume im Danielbuch sind Symbol-Träume, die der Herrscher selbst nicht versteht. Um die Traumsymbole der Statue aus fünf verschiedenen Materialien, die von einem Felsbrocken zermalmt wird, und des gefällten Bau-mes aus dem zweiten späteren Traum zu begreifen, benötigt Nebukadnezzar einen Traumdeuter. Das Amt des Traumdeuters gab es an vielen Königshöfen des Vorderen Orients. Neben dem „Zeichendeuter“ (hebr.hatumim ), also dem Traumdeuter, existieren am Hof von Babel weitere ähnliche Professionen, um königliche Träume zu deuten oder ihre negativen Auswirkungen abzuwehren: Wahrsager (aschaphim ), die Böses mittels Magie abwehren sollten, und Schicksalsdeuter oder Zauberer.

Konig Nebukadnezzar traumt von einer Statue, deren Haupt aus Gold, Oberkörper und Arme aus Silber, Unterkörper aus Bronze, Schenkel aus Eisen und Füße aus Eisen und Ton sind. Daniel deutet diesen Traum als Bild für verschiedene Königreiche Babylons. Bamberger Apokalypse, um 1000 nC.


Nebukadnezzar jedoch scheint seinen Traumdeutern nicht ganz zu trauen, denn er verlangt von ihnen nicht nur, dass sie seinen Traum deuten, sondern dass sie ihn auch erraten. Will er sie auf die Probe stellen, oder erinnert er selbst seinen Traum nur noch in Bruchstücken?

Den zweiten Traum erzählt Nebukadnezzar selbst (Dan 3,98-4,34). Das nächtliche Erlebnis hat ihn erschreckt. Er träumt von einem prachtvollen Baum, der bis zum Himmel reicht. Doch aufgrund des Befehls eines Wächters des Himmels wird der Baum gefällt, nur der Wurzelstock bleibt erhalten. Nebukadnezzar bekommt Angst und lässt die Zeichendeuter und Wahrsager holen. Doch sie können den Traum nicht deuten. Erst Daniel, der „Oberste der Zeichendeuter“, „in dem der Geist der heiligen Götter ist“ (4,5), versteht die nächtliche Botschaft: Die Macht des Königs wird zerstört werden, bis er erkennt, dass Gott der eigentliche Herrscher ist. Doch so bedeutsam Nebukadnezzar sein Traum auch erschienen war, offensichtlich hinterlässt Daniels Deutung zunächst wenig Eindruck: Zwölf Monate später steht der Herrscher auf seinem Palastdach, blickt auf seine Stadt und ruft aus:„Ist das nicht das großartige Babel, das ich durch meine gewaltige Macht als Königsstadt erbaut habe, zum Ruhm meiner Herrlichkeit?“ (4,27). Da erfüllt sich der Traum.

Wie der erste Traum, dient auch der zweite Traum Nebukadnezzars im Danielbuch dazu, dass der babylonische Herrscher die Macht des Gottes Israels anerkennt. Die Initiative liegt bei Gott. Daniel ist nur der Interpret, Gott selbst zeigt in den Träumen, wer der eigentliche Herr der Welt ist. Das ist eine wichtige Botschaft für die Leser/innen des Danielbuches, das im 2. Jh.vC entsteht, als Judäa unter der bedrückenden Fremdherrschaft der Seleukiden leidet, die den Kult des Gottes Israels verbieten.

Den dritten Traum hat Daniel selbst: Er träumt von vier erschreckenden Tieren, die aus dem Meer aufsteigen, sowie von einem Hochbetagten auf einem Thron und einem „wie ein Menschensohn“ (Dan 7). Die nächtliche Vision hat eine große Wirkungsgeschichte. Interessant ist, wie Daniel selbst mit seinem Traum umgeht: Er schreibt ihn auf, erzählt ihn und wartet auf Deutungen.


Die Gabe der Träume für alle ist ein Charakteristikum der künftigen Heilszeit


Eure Alten werden Traume haben – die Verheisung des Joël

Während die (klassischen) Propheten in Israel Träume und Traumdeutungen äußerst kritisch sehen (vgl. Jer 23,25ff), macht ein Prophet eine Ausnahme. Im ansonsten eher unbekannten Buch Joël, entstanden wohl im 4. Jh.vC, istein Charakteristikum einer künftigen Heilszeit die Gabe der Träume:„Danach aber wird Folgendes geschehen: Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen“ (3,1). Die Ausschüttung des Geistes Gottes befähigt also zu prophetischem Wissen und zum Empfang von Träumen und Visionen. Beide Offenbarungsmedien stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Sie sind Zeichen der von Gott geschenkten Nähe zu ihm und gehören zur kommenden, geradezu paradiesisch geschilderten Zeit, die Gott seinem Volk schenken wird. Die Gabe der Träume für alle ist ein Charakteristikum der künftigen Heilszeit.

Wesentlich für die eschatologische Zeit ist dabei, dass der Geist Gottes, und damit auch die Gaben der prophetischen Erkenntnis, der Visionen und Träume, jetzt nicht mehr einzelnen, herausgehobenen Persönlichkeiten zukommt, sondern allen Menschen.

Der Text aus Joël 3 hatte große Auswirkungen: Nach der Apostelgeschichte wird der Apostel Petrus genau diese Verheißung zitieren, um das Geschehen am Pfingsttag zu deuten (Apg 2,17-21).

Josef deutet die Träume seiner Mitgefangenen. Anonymer italienischer Maler, 17. Jh.


Barbara Leicht
Redakteurin von „Welt und Umwelt der Bibel“