Lesezeit ca. 6 Min.

„TRÄUME MÜSSEN NICHT IN ERFÜLLUNG GEHEN“


Logo von Frau im Spiegel
Frau im Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 29.12.2021

GESELLSCHAFT

Artikelbild für den Artikel "„TRÄUME MÜSSEN NICHT IN ERFÜLLUNG GEHEN“" aus der Ausgabe 1/2022 von Frau im Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Frau im Spiegel, Ausgabe 1/2022

SEINE TRÖDELSHOW gehört seit 2013 zu den beliebtesten Sendungen im ZDF (u.a. montags bis freitags 15.05 Uhr)

QUOTEN-HIT

Die Schicksalsschläge in seinem Leben hätten locker für zwei Leben gereicht. Mit 26 Jahren erlitt Horst Lichter einen Hirnschlag, mit 28 Jahren bekam er einen Herzinfarkt. Finanziell geriet der Familienvater und Alleinverdiener in Schieflage. Und dann passierte das Schlimmste, was Eltern passieren kann: Die sechs Monate alte Tochter starb an plötzlichem Kindstod. Lichters Ehe scheiterte, eine weitere ebenfalls. Doch der gelernte Koch gab nie auf, kämpfte für sein Glück. Das ZDF zeigt zu Lichters 60. Geburtstag seine unglaubliche Lebensgeschichte, die Verfilmung seines Bestseller „Keine Zeit für Arschlöcher“. „Das macht mich unfassbar demütig und dankbar“, sagt Lichter.

Wie fühlt es sich an, zum 60. Geburtstag einen Film geschenkt zu bekommen?

Es ist beängstigend, aber auch schön. Ich überlege immer, wo komme ich denn her? Ich bin Hauptschüler, Arbeiterkind, wir kannten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Frau im Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Irgendwann kommt das Glück zurück. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Irgendwann kommt das Glück zurück
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Geschlagener Rennfahrer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geschlagener Rennfahrer
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Allein in ihrem kuschligen Nest?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Allein in ihrem kuschligen Nest?
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Das nächste Topmodel?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das nächste Topmodel?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Zurück im Schloss
Vorheriger Artikel
Zurück im Schloss
Wieder ein schlechtes Vorbild!
Nächster Artikel
Wieder ein schlechtes Vorbild!
Mehr Lesetipps

... niemanden im Fernsehen, im Radio oder der Zeitung, und auf einmal bin ich selbst im Fernsehen.

Der Film erinnert auch an Ihre 2014 verstorbene Mutter Margret …

Als ich das Buch schrieb, wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Mutter geliebt habe und noch immer liebe. Obwohl sie eine sehr eigene Dame war. Sie war für mich unsterblich.

Die Beziehung zu ihr war nicht leicht …

Ich habe durch die Arbeit am Buch und Film meine Mutter erst wirklich kennengelernt. Ich kann nur jedem Menschen, der Mama und Papa noch hat, raten: „Nehmt euch Zeit und wahres Interesse, redet mal mit ihnen!“ Wir kennen unsere Eltern meist nicht richtig, weil wir immer mit irgendwas beschäftigt sind. Und auf einmal sind Mutter und Vater weg. Dann hinterlassen sie eine unglaubliche Leere. D as war bei meinem Vater so, der starb mit 57. Ich weiß nicht viel von ihm .

Reden Sie viel mit Ihren drei Kindern?

Wir hängen uns nicht ständig auf der Pelle. Ich muss aufpass en, dass ich nicht den gleichen mache wie meine Mutter. Wir haben so oft gesagt: „Mutter, komm vorbei, du störst nie.“ Ab er sie wollte nicht, weil sie dachte, sie fällt uns zur Last. Jetzt kom me ich ins gleiche Alter und muss aufpassen, dass ich nicht ähnli- che Gedanken habe. Wir haben ein tolles Verhältnis.

Sie haben fünf Enkelkinder – was unternehmen Sie mit Ihnen?

Wenn ich die Enkel sehe, dann gehöre ich ganz ihnen, auch wenn d ann meine Kinder etwas zu kurz kommen. Die Enkel bestürmen mich –wollen mir alles zeigen und mit mir spielen. Ich schenke ihnen dann meine gesamte Aufmerksamkeit . Wir toben, basteln und bauen, spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Das mache ich unheimlich gerne, auch wenn ich danach total kaputt bin. Die Kinder sind zwischen sechs Monate und sieben Jahre alt, alles Mädchen.

Im Film kam heraus, dass Sie nicht regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gegangen sind trotz Schlaganfällen in jungen Jahren. Sind Sie heute disziplinierter?

Mit wachsendem Alter wird man vorsichtiger. Ich vergleiche das m it meinen Oldtimern. Die gebe ich jedes Jahr in eine große Inspektion. Ich möchte sie l ange erhalten, ich verlange ihnen nie die Leistung ab, die sie geben könnten, ich bin s ehr sorgsam mit ihnen. So gehe ich jetzt auch mit mir um.

Sie hatten mal ein Lokal und später Kochshows im Fernsehen – war es für Sie schwer, diese Dinge zu beenden?

Nein, weil es meine Entscheidungen waren. In meinem Leben höre ich immer mit den Dingen auf, wenn ich glaube, der richtige Fehler Zeitpunkt ist gekommen. Ich habe die Kochsendungen geliebt, aber irgendwann wurden es zu viele Kochshows im Fernsehen. Wenn die wirkliche Freude aufhört, mit dem, was man da tut, dann mach ich nicht wegen des Geldes weiter! Das Lokal habe ich geschlossen, als es beim Fernsehen immer mehr wurde. Ich konnte das Lokal nicht mehr so führen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich wollte auch niemand anderen an meinen Herd lassen. Es gab da nur einen Koch – der war ich. Wenn der Zeitpunkt für eine Veränderungen da ist, muss man sie zulassen.

Viele verpassen den Zeitpunkt – Ihr Tipp?

Man muss erst einmal leiden, damit man schmerzhafte Dinge – das kann auch eine Trennung sein – verarbeiten kann. Man darf mal weinen oder schreien, aber danach muss man darüber nachdenken: Was kannst du verändern? Natürlich habe auch ich viele Erlebnisse in meinem Leben verdrängt.

Zum Beispiel?

Den Tod meines Kindes habe ich über Jahrzehnte verdrängt. Ich war der Einzige, der stark sein und sich um alle anderen kümmern musste. Wenn so etwas passiert, können Sie sich vorstellen, dass die Frau zusammenbricht und am Ende ist. Die Schwiegereltern, meine Eltern, alle Freunde, Bekannten wussten nicht mehr, was sie tun sollten. Da hätte ich nicht auch noch weinen können – das hätte uns in der Situation nicht geholfen.

Aber irgendwann mussten auch Sie das verarbeiten, sonst holt Sie alles wieder ein?

Das ist mir dann auch passiert, ich habe später festgestellt, dass ich nicht alle Tränen geweint habe, weil ich stark sein musste. Ich vergleiche das mit einem Kapitän auf dem Schiff, wenn ein unfassbarer Sturm kommt, muss er die Nerven behalten und Order geben. Würden alle wild durcheinanderschreien, würde das Schiff untergehen.

Woher hatten Sie die Kraft dafür?

Ich habe schon als Kind gelernt, ruhig zu bleiben. Wir hatten genügend Dramen zuhause durch Oma, Opa, Onkel – die waren alle sehr schwierig. Meine Eltern hatten es nicht leicht. Ich habe dann versucht, Mama und Papa zu trösten und habe etwas Lustiges gemacht, damit wir auch mal lachen können. Diese Erfahrungen sitzen so tief in mir drin, dass ich in Extremsituationen sehr ruhig werde. Bei einem Streit werde ich nicht laut – so verliere ich die Situation nicht aus den Augen.

Wann weinen Sie doch mal?

Wenn ich ganz alleine bin, meine Ruhe habe, wenn mir viele Gedanken durch den Kopf gehen. Ich lasse die Tränen auch zu und würde mir nie auf die Lippen beißen. Ich kann aber auch über vieles offen reden und möchte das auch. Ich werde jetzt 60 und glaube nicht mehr, dass ich irgendetwas verbergen müsste. Tränen sind wichtig. l Eigentlich müssten wir alle, um glücklich und zufrieden zu sein, jeden Tag einmal lachen und einmal weinen. Wir brauchen die Gegensätze für Wertschätzung im Leben.

Brauchten Sie auch die Abgeschiedenheit im Schwarzwald, um zu sehen, wie schön es nahe Köln ist – Sie sind zurückgezogen?

Das war wichtig. Es gibt Traumbilder, die hatte ich im Kopf, an die habe ich geglaubt. Und als ich sie durchführt hatte, merkte ich, es ist doch nicht Weltklasse.

Es hieß, sie seien wieder umgezogen, weil die Ehe durch das Pendeln belastet war...

Unsere Ehe war dadurch nie gefährdet. Es war für uns beide keine haltbare Situation, weil wir uns wenig gesehen haben. Darüber haben wir viel gesprochen. Bei uns beiden schlugen immer zwei Herzen in der Brust – wir haben das Haus im Schwarzwald geliebt, wir mochten die Region und die Menschen dort. Wir wollten eigentlich für immer bleiben. Wenn ich aber wieder mal in vier Wochen nur einen Tag zu Hause war, haben wir gesagt: „So geht es nicht weiter!“

Im Film stellen Sie die Frage nach dem Glück – wie lautet Ihre Antwort?

Zufriedenheit und Demut. Für mich gilt der Satz: Arm ist nicht der, dessen Träume nicht in Erfüllung gehen, sondern der, der nicht mehr träumt. Das heißt: Man darf zwar viele Träume haben, die muss man auch haben, aber sie müssen nicht alle in Erfüllung gehen und man muss nicht über jedem Traum, der sich nicht erfüllt, traurig sein.

„Tränen sind im Leben wichtig“

Wovon träumen Sie?

Wir träumen immer noch von dem Zuhause, das wir eigentlich schon hatten, nahe Freiburg. So ein ähnliches Haus in der perfekten Lage. Wir leben zwar wieder im Rheinland, aber wir haben noch nicht das gefunden, was wir gerne hätten. Das muss kein Schloss sein, es muss keinen Park haben. Es soll aber ein Haus sein, in das wir uns gleich verlieben. Mit schönem Garten für die Hunde und die Enkelkinder.

Was haben Sie an Ihrem Geburtstag vor?

Meine Frau wird im Januar 50, ich 60 – da hatten wir eigentlich eine riesige Party geplant mit allen unseren Freunden und Menschen, die wir mögen. Die Location war schon klargemacht, und wie haben versucht, den Musiker zu kriegen, den wir beide so lieben. Wegen Corona ist alles abgeblasen.

Welchen Musiker mögen Sie so gerne?

Reinhard Mey. Ich habe ihn noch nie persönlich kennengelernt und ich weiß auch nicht, ob er so etwas macht – aber das wäre ein Traum! Wir werden versuchen, das Fest im Sommer nachzuholen.

S. SCHORMANN

FILM-TIPP

GROSSES GLÜCK