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Tragende Rolle


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 191/2021 vom 10.10.2021

STOA169

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 191/2021

die Säulenhalle Stoa169 in Polling

Eine zentrale Rolle hat die Säule in der westlichen Kunstgeschichte lange nicht mehr gespielt. Tempel werden in unseren Breitengraden nur noch selten gebaut, und wenn doch, dann in einer filigranen Skelettbauweise, die ihre tragende Stahlstruktur hinter Glasfassaden zu verbergen sucht. Die Säulenheiligen sind seit Darwins Profanisierung der Schöpfung in die Bedeutungslosigkeit argu mentiert worden, und ihre heutigen Pendants besteigen allenfalls Trittleitern in Fußgängerzonen. An Schulen und Universitäten werden zwar weiterhin antike Kapitellformen gepaukt, die jedoch in der Gegenwart keine ästhetische Blüte mehr hervorbringen. Es steht, kurz gesagt, nicht sehr gut um die Säule.

Bis jetzt, muss man einwenden. Denn im bayerischen Pfaffenwinkel, gut 50 Kilometer südlich von München, hat ein Kunstprojekt die Ehrenrettung des verzierten Pfeilers übernommen: Stoa169 heißt das Bauwerk in der ...

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... Gemeinde Polling, dessen alleiniger Zweck ist, von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern gestaltete Säulen zur Schau zu stellen. Dieses ungewöhnliche Kunstmuseum, das ganz ohne Wände auskommt, hat seinen Namen von der antiken stoa geborgt, jener berühmten Wandelhalle zu Füßen der Athener Akropolis, die den Göttern und der Philosophie diente. Eine weitere Inspiration waren die Säulenvorhallen hinduistischer Tempel im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. So erzählt es Bernd Zimmer, Künstler, Initiator und Verwirklicher des Stoa169-Projekts, als er den Gast am Bahnhof im Empfang nimmt: »Vor über 30 Jahren habe ich in Chidambaram die 1000-Säulen-Halle besucht, in der kein Pfeiler dem anderen gleicht. Da kam mir die Idee – zur Jahrtausendwende wollte ich 1000 Künstler einladen, und jeder sollte individuell eine Säule gestalten.« Der Millenniumswechsel verstrich leider ungenutzt. 2016 aber, nach einer zweiten Indienreise, gründete Bernd Zimmer wirklich eine gemeinnützige Stiftung und reduzierte zugleich das Ausmaß seiner Idee: 13 mal 13 Säulen sollten nun das praktikablere Grundraster seiner Stoa bilden, die 169 Pfeiler kamen auch in den Namen. Am Ende sind es 121 geworden. Elf mal elf.

Zunächst sieht man allerdings die Säulen vor lauter Wald nicht. Denn der Weg vom Parkplatz, wo Zimmer seinen Mercedes abstellt, führt an einem baumbestandenen Saum entlang, den munter dahinplätschernden Fluss Ammer immer zur Linken. Bis sich in einer Biegung das Gehölz zurückzieht, man den Kopf nach rechts wendet und sich ein bunter Tupfer ins Blickfeld schiebt, dann ein zweiter und ein dritter. Schließlich steht die Stoa169 in ihrer vollen Pracht da. Errichtet auf einer grünen Wiese vor dem Dunkel des Waldrands. Und schon von Ferne wird das konzeptuelle Spannungsverhältnis von Uniformität und Uneinheitlichkeit deutlich: Ein Säuleneinfall scheint verrückter als der nächste. Und doch tanzt keiner aus der Reihe.

Mit Abschluss des zweiten Bauabschnitts wurde das Projekt Mitte September offiziell eröffnet. Eineinhalb Jahre haben die Arbeiten gedauert, das ist nicht so lange, wenn man bedenkt, dass der Lockdown im Frühjahr 2020 viele Dinge verzögerte. So blieben Werke aus Afrika oder Australien längere Zeit im Transport hängen. Auf die logistischen Mühen zu verzichten wäre Zimmer dennoch nicht eingefallen, denn die außereuropäische Kunst gehörte von Anfang an zum Konzept dazu: »In Indien symbolisiert das Dach den Himmel. Dieser Himmel wird bei der Stoa von Künstlerinnen und Künstlern aller Kontinente gemeinsam getragen«, erklärt der Ideengeber. Und schreibt auch im Begleitheft, es sei ihm ein Anliegen, mit der Stoa169 »ein Zeichen für internationale Solidarität und Frieden zu setzen«. Wenn man böswillig ist, könnte man nun behaupten, Zimmer habe mit der Halle gewissermaßen das Äquivalent zu John Lennons Song »Imagine« auf die Wiese gebaut: Imagine all the artists, living life in peace! Der Sound klingt etwas kitschig. Und doch ist die dazugehörige Idee absolut überzeugend.

Hat man nämlich erst die Halle betreten, schwinden die Restspuren der Skepsis. Den Besuchenden öffnet sich dieser Ort genauso wie den Elementen: Der Wind fährt hinein, und durch die Öffnungen im Dach fällt an guten Tagen Sonnenlicht und an schlechten Regen. Im Wechselspiel von Licht und Schatten wandelt das Publikum zwischen den Säulen und wägt die Werke gegeneinander ab. Erst beim Vergleichen zeigt sich der ganze Charme des Konzepts: Gefesselt an einen tragenden Stahlbetonpfeiler blieben den Entwürfen in der Breite nur ein paar Dutzend Zentimeter gestalterischer Freiraum. Kreative Höhenflüge in der Vertikalen endeten zwangsläufig bei 3,90 Metern an der gemeinsamen Decke. Die engen Parameter zwangen die Künstlerinnen und Künstler zur Effizienz in der Selbstdarstellung, sie hatten eben nur diese eine Säule, um eine bevorzugte Ästhetik, eine Haltung oder ein Kunstverständnis auf den Punkt zu bringen und sich von ihren Nachbarn abzuheben. Aus diesem Grund wird den Fans der zeitgenössischen Kunst auch so manches Déjà-vu beschert: Das Werk »Amazonas« von Roman Signer zum Beispiel ist ein aufgestelltes rotes Kajak. Es verweist einerseits auf die nahe Ammer und andererseits auf einige ältere Videoarbeiten des Schweizers, in denen Kajaks auftauchen. Gregor Hildebrandt aus Berlin wiederum hat neben dem tragenden Pfeiler eine Säule aus verformten Schallplatten modelliert – auch das ist keine unbekannte Idee von ihm. Der Münchner Olaf Metzel schließlich adaptierte seine Erfolgswerke des vergangenen Jahrzehnts, da er seine Säule mit verbogenen Aluminiumplatten verkleidete, die wie riesige zerknüllte Zeitungsseiten aussehen. Als Zeitkapsel konservieren die bedruckten Oberflächen einige Schlagzeilen des Coronajahrs 2020. Diese für ihre Schöpfer typischen Werke verleihen der Stoa169 an manchen Stellen die Anmutung einer Hall of Fame.

Den Besuchenden öffnet sich dieser Ort genauso wie den Elementen: Der Wind fährt hinein, und Regen fällt durchs Dach.

»Ich habe nur Kolleginnen und Kollegen eingeladen, die eine ganz bestimmte Kunst entwickelt haben, die für eine Haltung stehen«, erzählt Zimmer und deutet dabei auf eine Säule: »Die hier zum Beispiel ist von Jürgen Klauke. Er war der erste Künstler, der zum Thema Transsexualität gearbeitet hat.« Seinen Pfeiler hat Klauke allerdings nicht mit einem Foto aus seiner glamourös-provokanten »Transformer«-Phase der frühen Siebzigerjahre umhüllt, sondern bewusst mit einem stilleren und etwas düsteren Porträt aus dem Werkblock »Desaströses Ich« von 1998. Zu ähnlich intensiver Kontemplation fordert das Werk von Lawrence Weiner auf, das lediglich aus einem auf der Betonoberfläche angebrachten Schriftzug besteht: »Eile mit Weile« empfiehlt der amerikanische Konzeptkunst- Pionier. Eher minimalistisch war auch die kleine Zeichnung, die der Berliner Maler K. H. Hödicke als Beitrag einreichte. In den Achtzigern unterrichtete Hödicke als Kunstprofessor einige der »Neue Wilden« und gilt daher als deren geistiger Vater. Auch Zimmer war damals Teil der Malergruppe. Jetzt setzte er den Entwurf des Freundes ins Dreidimensionale um: »Escape« – eine silberne Metallsäule mit umlaufenden Sprossen, die bis knapp unter die Decke reichen – wurde im April vergangenen Jahres als erstes Werk installiert. Nun leitet es die Augen der Betrachter in einen imaginären Himmel.

Erst als 2017 die Baugenehmigung vorlag, wurden die Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Am Ende konnte die Jury um Bernd Zimmer, den Kunstkritiker Walter Grasskamp und die Kuratorin Franziska Leuthäußer aus 800 Gestaltungsvorschlägen auswählen. Manche Entwürfe bestachen durch die Übererfüllung der Vorgaben, wie im Falle des Iren Sean Scully, der mit seinem Metallplattenstapel »Schwerkraft« eines der wenigen statisch tragenden Kunstwerke des Gebäudes schuf. Seine logische Gegenspielerin wurde die türkische Künstlerin Ayşe Erkmen, die dafür bekannt ist, mit ihren Werken eine Ausstellungsarchitektur sichtbar zu machen und so zu hinterfragen: Ihre weiße Betonsäule »off duty (Nicht im Dienst)« endet ein gutes Stück unter der Decke. Dazwischen klafft ein deutlicher Luftraum. »Ich habe diesen Überschuss an Säulen, die bereits vorhanden sind, ausgenutzt, um meiner Säule eine Ruhepause und den Luxus, nur sie selbst zu sein, zu gönnen. Es ist eine Säule, die sich ihrer Aufgabe entzieht«, schreibt Erkmen im Begleitheft. Allerdings mussten dafür über ihrem Werk die vier angrenzenden Deckenelemente, die sonst mit jeweils einer Ecke auf dem Stützpfeiler liegen, als massive Betonplatte durchgegossen werden. Ein komplizierter Prozess, den Zimmer aber gerne in Kauf nahm.

Es gibt auch Positionen, die nun nicht in der Stoa169 zu sehen sind, obwohl sie gut ins Konzept gepasst hätten: Ein bekannter Bildhauer sagte ab, einem berühmten Maler fiel nichts ein, eine Performancekünstlerin konnte sich nicht mit dem Budget anfreunden. Alle nun beteiligten Künstlerinnen und Künstler verzichteten auf ein Honorar und erhielten allerhöchstens Projektgelder. Das Material und den Aufbau finanzierte Zimmers Stiftung aus Spenden, zudem floss eine Förderung über 870 000 Euro vom Kulturfonds Bayern zu. Und doch hätten die Komplikationen durch die Pandemie zu Beginn des vergangenen Jahres beinahe einen Schlussstrich mit Minus-zeichen unter der Rechnung gezogen. »Ich musste laut um Hilfe rufen: ›Es ist Corona, rettet uns!‹«, erzählt Zimmer. Unterstützung sei dann nicht aus der Kunstwelt gekommen, sondern von Menschen, die ihn aus seiner Jugendzeit als Segler kennen. Mit 20 Jahren wurde der 1948 in Planegg bei München geborene Zimmer sogar einmal Deutscher Meister in der Korsar-Bootsklasse. »Beim Segeln habe ich gelernt, wie man Ehrgeiz entwickelt. Nicht als etwas Negatives, sondern in dem Sinne, dass man blitzschnell auf Situationen reagiert, Entscheidungen trifft und etwas durchsetzt«, sagt er. »Auch in der Kunst ist es letztlich ja ein Durchstehen.« Mit Beharrlichkeit hat Zimmer alle Klippen umschifft: ein 35 000 Quadratmeter großes Gelände gekauft und davor noch zwei Bauern beim Stammtisch von einem Flächentausch überzeugt. Er hat die Landrätin begeistert und sich jenem Teil der Pollinger gestellt, die einen Publikumsansturm bei noch beschränkten Parkplatzmöglichkeiten kritisch sehen.

Denn die Besucher kommen. In nicht gerade kleiner Zahl: Etwa 100 000 Gäste hat die Stoa169 seit der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts im vergangenen September empfangen, so schätzt Zimmer es anhand der Eintrittsspenden und verkauften Begleithefte ein. Auch während der Anwesenheit der weltkunst an diesem gewöhnlichen Donnerstagnachmittag streifen mehrere Dutzend Menschen in kleinen Gruppen zwischen den Säulen umher. Mehrfach wird der Initiator beim Rundgang durch die Wandelhalle von lächelnden Gesichtern angesprochen, weil man ihn aus Zeitungsartikeln wiedererkennt. Die Gratulanten stammen häufig aus München und sind extra für den Besuch angereist.

Die besondere Anziehungskraft der Stoa169, so kann man vermuten, liegt im fröhlichen Nebeneinander des Heterogenen, des visuell Gewohnten wie des Fremden: Katharina Sieverdings Beitrag »Headlines« etwa listet auf blutrotem Grund diverse Titel eigener, älterer Werke auf, darunter auch den Satz »Ich habe dieselben Schmerzen«. Und die Nachbarsäule ist dann vom ghanaischen Künstler Kwame Akoto-Bamfo in Form eines Käfigs gestaltet, in dem eine schwarze Menschenfigur hängt – als Anklage gegen die französischen Kolonialansprüche auf die Karibikinsel Haiti. Ein Sockel weiter begegnet man einer silberfarbenen Riesengurke von Erwin Wurm. Und die nächste Position in der Diagonalen nimmt Zimmers eigene Säule »Cosmos« ein, eine große abstrakte Malerei des Weltalls auf tiefblauem Untergrund. Das sind harte Kontraste, die man aushalten muss. Doch zum egalitären Prinzip der Säulenhalle gehört eben auch der bewusste Verzicht auf eine moralische Großerzählung. Stattdessen verflechten sich kleinere Geschichten assoziativ zu einer Botschaft der Vielfalt: Der Beitrag von BjØrn Melhus beispielsweise ist ein gigantisches Streichholz, geschaffen als Größenvergleich, um die Dinge in neuer Perspektive zu sehen. »Das ist unsere Moderne«, sagt Zimmer dazu. Dann bewegt sich sein Finger ein Stück weiter: »Und das hier ist die Moderne der Marquesas-Inseln!« Die so bezeichnete Säule des Künstlers Maheatete Huhina hat die Gestalt eines Tikis – ein Friedenswächter, wie man ihn in Huhinas Heimat schnitzt und in Häusern aufbewahrt. Nun blickt die polynesische Gottesfigur durch den Säulenwald nach draußen. Und das Material Holz bildet dabei die Verbindung zu Melhus’ Arbeit.

Hightech und Handwerk begegnen sich ebenfalls aufs Gelungenste bei der Stoa169. Ein 3-D-Drucker modellierte die Betonskulptur »Geliebte Martina« des Kolumbianers Carlos Motta – eine Karyatide, die ihr Kleid lüftet und darunter ihren erigierten Penis präsentiert. Der Kirgise Shaarbek Amankul dagegen hat seine Säule ganz traditionell aus den Kniegelenken von Kühen geschaffen. Diese brühte er über Wochen auf einem Campingkocher ab, den er vor Zimmers Haus auf dem Klostergut Polling platzierte. Die für das Werk benötigten 800 Rinderknochen hatte ein Metzger aus Murnau über Monate für Amankul gesammelt. Auch das ist praktizierte Völkerverständigung. Wäre John Lennon noch am Leben, er müsste unbedingt ein Lied darüber singen.