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Trainer-Chaos zeigt, wie kaputt Schalke ist


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 43/2022 vom 26.10.2022

Wenn die Lage auf Schalke nicht so brisant wäre, könnte man über diese Geschichte lachen: Ein Fan ist an die Handynummer von Peter Neururer (67) gekommen und hat dem Kult-Trainer kürzlich eine Nachricht geschickt, in der er sich als Rouven Schröder (47), Sportdirektor des Klubs, ausgab. Der Inhalt: der FC Schalke 04 wolle Neururer als neuen Trainer verpflichten. Ob er ihn bitte zurückrufen könne. Als Profilbild hatte der Unbekannte ein Foto von Schröder aus dem Internet eingestellt.

Der versuchte Spaß hatte allerdings zwei Haken: Zum einen hat Neururer die richtige Nummer von Rouven Schröder in seinem Handy eingespeichert, sodass ihm die Nachricht ganz anders angezeigt worden wäre. Zum anderen nennt Schröder ihn aus Spaß immer „Trainer“, die Nachricht begann aber mit „Hallo Peter“. Neururer meldete dem Klub den Vorfall – und wurde nicht neuer Schalke-Trainer.

Wie so viele andere auch! Die Aufgabe ...

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 43/2022

Sie alle standen auf der Wunschliste von Schalke 04 ? und sagten mindestens einmal ab: Thomas Reis, Sandro Schwarz, Stefan Leitl, Bruno Labbadia, Daniel Farke und Thomas Letsch (v. l.)
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... als Schalke-Trainer ist in diesen Zeiten wahrlich nicht als Traumjob zu bezeichnen. Allein schon aufgrund dieser Statistik: Bei den vergangenen neun Heimspielen gegen Hoffenheim hatte Schalke acht unterschiedliche Trainer! Jens Keller, André Breitenreiter, Markus Weinzierl, Domenico Tedesco, Huub Stevens, David Wagner, Christian Gross, Roberto Di Matteo – und zuletzt Frank Kramer. Gerechnet seit März 2014.

Die Liste der Absagen: Sandro Schwarz (44) unterschrieb lieber bei Hertha BSC, obwohl zum damaligen Zeitpunkt noch der Abstieg der Berliner drohte. Stefan Leitl (45) ging lieber in die 2. Liga, zu Hannover 96. Thomas Letsch (54/Bochum) war schon deshalb nicht zu bekommen, weil sein Ex-Verein Vitesse Arnheim eine zu hohe Ablöse forderte. Die Verpflichtung von Daniel Farke (45/ ging zu Gladbach) war reine Utopie. Sein Ballbesitz-Fußball passt schlicht nicht zum Schalker Kader. Mit Thomas Reis (49), der damals noch gefeierter Bochum-Trainer war, war sich Schalke im Sommer einig. Gehalt, Prämien, alles ausgehandelt. Im Falle des Klassenerhalts wäre Reis auf rund 1,4 Millionen Euro Gehalt im ersten Jahr gekommen. Doch Reis bekam keine Freigabe von den Bochum-Bossen.

Also wurde es Kramer. Der nach zuletzt fünf Pflichtspiel-Niederlagen in Folge entlassen wurde. Wer jedoch mit einer raschen Nachfolge rechnete, wurde enttäuscht. Obwohl Rouven Schröder schon einige Tage vor der Kramer-Entlassung im Reis-Umfeld auslotete, ob für ihn ein Engagement bei Schalke noch immer infrage käme. Der einstige Aufstiegscoach des VfL wurde nach dem sechsten Spieltag entlassen. Die Signale aus seinem Umfeld waren positiv. Trotzdem musste Co-Trainer Matthias Kreutzer (39) zuletzt beim 1:2 in Berlin aushelfen.

Weil die Trainersuche plötzlich wieder stockte. Anstatt umgehend wieder auf Reis zuzugehen, versuchte der Klub es zunächst bei Bruno Labbadia (56). Mit ihm war eine Einigung jedoch meilenweit entfernt. Auch, weil Labbadia die Gemengelage mit Co-Trainer Mike Büskens (54) ein Dorn im Auge gewesen sein soll. Eine Zusammenarbeit soll für ihn unvorstellbar gewesen sein. Obwohl Labbadia seit fast zwei Jahren auf einen neuen Job wartet, seitdem er im Januar 2021 bei Hertha freigestellt wurde.

„Wir werden unter der zentralen Prämisse, dass der Fortbestand des Klubs sichergestellt ist, alles dafür tun, um die Mannschaft zu verstärken“

Der Schalke-Vorstand

Die Absagen-Flut der Trainer – sie sagt viel über den Zustand von Schalke 04 aus.

Die Konstellation mit den Schalke-Legenden Büskens, der Schalke als Interimstrainer zurück in die Bundesliga führte, sowie Team-Manager Gerald Asamoah (44) ist längst zum Problem geworden, nicht nur wegen der Absage von Labbadia. Alle Trainer-Kandidaten, die Schalke im Sommer vor Kramer kontaktierte, hatten den ausdrücklichen Wunsch, eigene Assistenten mitzubringen. Kramer hingegen akzeptierte den Umstand, dass er zunächst nicht einmal einen Co-Trainer mitbringen durfte. Er versuchte stattdessen, Büskens bestmöglich einzubinden. Nach der Klatsche gegen Union Berlin (1:6) etwa hielt Büskens eine Rede vor der Mannschaft, in der er die Bedeutung des Fußballs in Gelsenkirchen herausstellte. Es brachte wenig.

Deutlich schlimmer war die Konstellation vergangene Saison unter Ex-Trainer Dimitrios Grammozis (44), als es zur Spaltung im Trainer-Team kam. Grammozis und sein Assistent und Verbündeter Sven Piepenbrock (40) hatten oft das Gefühl, dass im Hintergrund Stimmung gegen sie gemacht wird – von Büskens und Asamoah. Auch Teile der Mannschaft bekamen das mit. Die Bosse zogen die Reißleine – und trennten sich im März von Grammozis und Piepenbrock. Büskens übernahm, schaffte den Aufstieg mithilfe von Interims-Co-Trainer Peter Hermann (70) – und wollte dann unbedingt zurück ins zweite Glied.

Seit Wochen ist das bestimmende Thema in internen Sitzungen: die mangelnde Qualität der Mannschaft. Kramer versuchte vor allem in den vergangenen Wochen mit aller Macht, der Mannschaft eine spielerische Note einzuimpfen, sagte den Spielern, dass er im Training zu zwei Dritteln mit dem Ball und zu einem Drittel gegen den Ball arbeiten wolle. Das Team fand den Ansatz gut – besser wurde es trotzdem nicht. Auch als Kramer in Video-Sitzungen immer wieder darauf hinwies, die freien Räume besser zu besetzen, war kein Fortschritt zu erkennen. Und so machte sich in der Mannschaft Resignation breit: Die Spieler hatten zunehmend das Gefühl: Wir betreiben deutlich größeren Aufwand als der Gegner, sind nach dem Spiel komplett ausgepumpt – und trotzdem auf dem Platz unterlegen.

Am Tag der Kramer-Entlassung schwiegen sich die Spieler während der kompletten Regenerationseinheit an. So fühlt sich Krise an.

Der wohl gefährlichste Punkt: Schalke hat keine wirtschaftlichen Mittel, um den Kader im Winter massiv zu verstärken. Der Profi-Etat (37 Mio. Euro) ist komplett ausgereizt, die Ablöse für Amine Harit (25/5 Mio. Euro), die Olympique Marseille per Kaufpflicht bald sehr wahrscheinlich zahlen muss, ist dafür eingeplant, um Finanzlöcher zu stopfen. Dabei ist die jahrelange sportliche Entwicklung erschreckend: Von den letzten 61 Erstliga-Partien konnte Schalke nur vier gewinnen!

Ein möglicher Ausweg könnte eine Finanzspritze von Ex-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies (66) sein. Das allerdings würde viele Fans auf die Palme bringen, die mit dem Fleisch-Milliardär nichts mehr zu tun haben wollen. Der Vorstand teilt SPORT BILD auf die Frage mit, ob der Kader im Winter irgendwie verstärkt werden könne: „Wir werden unter der zentralen Prämisse, dass der Fortbestand des Klubs sichergestellt ist, alles dafür tun, um die Mannschaft zu verstärken.“

Eine mittel- bzw. langfristige Besserung ist kaum in Sicht, denn viele Spieler, die die Erwartungen bislang nicht erfüllen, sind über Jahre gebunden: Sebastian Polter (31), Jordan Larsson (25) und Kenan Karaman (28) erhielten allesamt Verträge bis 2025. Bedeutet: Drei Sturm-Plätze sind auf Jahre belegt – oder der Klub muss sie verkaufen oder ihnen eine Abfindung zahlen. Und: Spieler, die mehr oder weniger garantierten, eine sofortige Verstärkung zu sein, waren für S04 nicht zu bekommen.

Finanz-Vorständin Christina Rühl-Hamers sagt: „Der Vorwurf einiger, wir würden auf Geld sitzen und müssten risikoreicher agieren, ist völliger Unsinn. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind öffentlich bekannt: Wir haben Stand 31.12. rund 180 Mio. Verbindlichkeiten, davon rund 140 Mio. Euro Finanzverbindlichkeiten. Im Sommer 2020 haben wir ein damals elementares Corona-Darlehen über 35 Mio. Euro aufnehmen müssen, das vertragsgemäß über einen kurzen Zeitraum getilgt werden muss. Vor diesen Restriktionen können wir doch nicht die Augen verschließen und blind die Zukunft des Vereins gefährden. Das alles hat uns im Sommer nicht davon abgehalten, in die Mannschaft zu investieren, um eine Balance zwischen sportlicher Perspektive und finanzieller Konsolidierung zu finden.“

„Der Vorwurf einiger, wir würden auf Geld sitzen und müssten risikoreicher agieren, ist völliger Unsinn“

Christina Rühl-Hamers

Bislang aber ohne sportlichen Erfolg. Schalke ist Tabellenletzter.

Die Trainer, die Schalke in den vergangenen Monaten absagten, wissen natürlich um diese Probleme. Und sie wissen, dass Schalke 04 der Trainerkarriere einen mächtigen Schaden zufügen kann. David Wagner (51) heuerte neun Monate nach seiner Freistellung bei den Young Boys Bern an, ist jetzt seit vergangenem März vereinslos. Manuel Baum (43) ist seit seinem Aus im Dezember 2020 ohne Verein. Und Dimitrios Grammozis wartet nun auch schon seit rund einem Dreivierteljahr auf eine neue Aufgabe.

Schalke und die Trainer – das verrät derzeit fast alles über einen ganzen Verein.

SCHALKE – FREIBURG

Sonntag, 30. Oktober, 17.30 Uhr live bei DAZN, Highlights direkt nach Abpfiff auf, Sportbild.de und in der Sport BILD-App.