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Traum, Fantasie und Wirklichkeit


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fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 120/2021 vom 29.10.2021

PORTRÄT

Artikelbild für den Artikel "Traum, Fantasie und Wirklichkeit" aus der Ausgabe 120/2021 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Imminence

Mit diesem Bild, das Teil einer Serie ist, verarbeitete ich ein sehr schmerzhaftes Erlebnis. Dies hier ist das zweite Bild und beschreibt einen Zustand, den ich erst erkannt habe, nachdem alles passiert war und ich darauf zurückblickte: Ich hatte fühlen können, dass etwas nicht stimmte und etwas Unheilvolles in der Luft lag. Daher visualisierte ich diese Stimmung als schwarzen Nebel, der schon um den Kopf wabert und sich schließlich so aufbaut, dass er bedrohend die Hand nach mir ausstreckt.

Digitales Vollformat | 35 mm | f/3,2 | 1/250 s | ISO 320

The World Is Upside Down

Das war mein erstes Foto, das entstand, als die Welt sich in den ersten Lockdown begab. Ich wollte die Verwirrung darstellen, die Verletzlichkeit, die sich nun zeigte, und das Gefühl, eine Art „heile Welt“ festhalten zu wollen, die nun bröckelt. Das Bild auf den Kopf zu drehen, hat nie besser gepasst als zu dieser ...

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... Zeit, zu der sich kaum jemand hätte vorstellen können, was alles möglich ist. Das Festhalten des Globus symbolisiert das Festhalten an der alten Welt, die bröckelnde Wand und die Löcher im Boden das Durcheinanderwirbeln unserer gewohnten Lebensumstände.

Digitales Vollformat | 35 mm | f/2,5 | 1/200 s | ISO 200

The Painting

Der Herbst inspiriert mich immer auf ganz besondere Weise. Meistens verpasse ich das schöne Laub und trauere ihm dann furchtbar nach, doch bei diesem Bild schaffte ich es rechtzeitig. Die sich färbenden Blätter sind doch geradezu eine geschenkte Vorlage für Bildideen. Allerdings bin ich bis heute nicht so wirklich mit meiner Bearbeitung zufrieden, denn die Blätter hätten stärker angemalt wirken sollen, um das Konzept des Anmalens des Waldes deutlicher werden zu lassen.

Digitales Vollformat | 85 mm | f/2,5 | 1/400 s | ISO 250

Manchmal tauchen innere Bilder in meinem Kopf auf. Aber nur selten sind sie direkt in voller Form da. Häufiger sind es nur Fragmente, die noch weiterverfolgt werden wollen. Und manchmal taucht wochenlang kein einziges Bild in meinem Kopf auf. Nun, wie gehe ich dann vor?

Oftmals habe ich schon eine Tendenz, in welche Richtung es gehen soll, bevor ich mir dann allerlei Fragen dazu stelle. Die Themen kristallisieren sich oft erst während der Entwicklung des Konzepts heraus und lassen sich dann zuordnen. Wenn ich bereits eine Richtung verspüre, bezieht sich diese eher auf alle möglichen Einflüsse meines Lebens. Einfach ausgedrückt: Alles, was mich umgibt und ausmacht, kann mich zu einer Idee und einem Bildkonzept inspirieren. Dinge, die mich persönlich beschäftigen, Dinge, die die Welt betreffen oder Dinge, die sich gerade vor meiner Haustür abspielen. Die Schneeglöckchen, die gerade ihre Knospen öffnen, zum Beispiel. Ich nenne diese Einflüsse Betrachtungsbereiche. Denn wenn ich mir bei der Ideensuche alle möglichen Fragen stelle, die zu einem Bildkonzept führen könnten, dann lassen sie sich wunderbar in drei Kategorien einteilen.

Für die drei Betrachtungsbereiche liste ich Fragen auf, die mir dazu durch den Kopf gehen. Vielleicht hilft das auch Ihnen dabei, Ihre eigenen Bildkonzepte zu entwickeln. Diese Fragen sind nur beispielhaft und sie fallen mir sofort ein, wenn ich mich mit dem Betrachtungsbereich auseinandersetze. Jedem anderen mögen da noch weitere einfallen, die ihn auf die richtige Spur zu einem Bildkonzept bringen.

1. INNERE WELT

Selbstreflexion ist mir sehr wichtig, da ich daraus viel Inspiration für meine Selbstporträts ziehe. Es ist mittlerweile schon selbstverständlich für mich geworden, intuitiv über die letzten Wochen nachzusinnen und in meiner Gedanken- und Gefühlswelt umherzuwandern. Es ist daher oft der erste Betrachtungsbereich, den ich mir genauer anschaue, wenn ich auf der Suche nach einem neuen Bildkonzept bin. Selbst die profansten Dinge wie Stress und die Wirren des Alltags lassen sich zu einer Bildidee formen und visualisieren. Das mildert eventuell auch noch Stresshormone, wenn man endlich wieder tun kann, was man nun mal gern macht. Für mich ist es also Selbstreflexion, Stresstherapie, Tagebuch, Inspirationsquelle, Hobby und Arbeit gleichzeitig.

Drained

Dieses Bild entstand im Sommer 2018 mitten in der Hitzewelle. Aufgrund der Hitze und eines schönen, aber auch kräftezehrenden Filmprojekts ging es mir nicht sonderlich gut. In diesem ausgetrockneten Tümpel konnte ich mich und meine Stimmung wiedererkennen: ausgetrocknet und erschöpft. Und so ergänzte sich hier die Reflexion des Inneren mit dem Äußeren und brachte mich auf diese Bildidee.

Digitales Vollformat | 35 mm | f/1,8 | 1/2000 s | ISO 160

Under the Surface

Dieses Bild entstand, als die Welt aufgrund der Pandemie immer weiter kopfstand und die Geschehnisse da draußen einem die Luft zum Atmen hätten nehmen können. Doch gleichzeitig blühte in der Natur das Leben, die Bäume waren endlich vollends grün und meine Lieblingsjahreszeit in vollem Gange. Und ich fand ein Zitat von Konfuzius, das den endgültigen Anstoß zu diesem Bild gab: „A seed growths with no sound, but a tree falls with huge noise. Destruction has noise, but creation is quiet.“ Diese Bildidee entstand also durch eine Kombination aus Weltgeschehen und äußeren Einflüssen.

Digitales Vollformat | 50 mm | f/3,2 | 1/160 s | ISO 500

FRAGEN ZUR INNEREN WELT

• Wie fühle ich mich gerade?

• Was passiert mit mir im Moment? Ist in letzter Zeit etwas geschehen, das etwas mit mir gemacht hat?

• In welcher Situation befinde ich mich, und wie gehe ich damit um?

• Gibt es etwas, das mich beschäftigt oder tief bewegt? Lässt mich irgendetwas nicht mehr los?

• Gibt es eine Erfahrung, die ich verarbeiten möchte?

2. WELTGESCHEHEN

Ein Aspekt, der mich in Bezug auf meine Selbstporträts noch nicht allzu lange begleitet, ist das, was da draußen in der großen, weiten Welt passiert. Ich habe sehr lange das Weltgeschehen als Bildaussage gar nicht in Betracht gezogen. 2020 war der Wendepunkt. Ich denke, alle werden wissen, dass 2020 gar nichts anderes zugelassen hätte. Es ist nicht so, dass vorher nichts anderes passiert wäre, auf das ich mich hätte beziehen können, aber vielleicht lag es einfach daran, dass mich nichts davon selbst so sehr betroffen hat. Bestimmt hat auch die Introvertiertheit, die mich gern davon abhält, auch nur irgendetwas zu tun, das falsch sein oder nur die kleinste Aufmerksamkeit erregen könnte, davon abgehalten. Doch in der Zeit des ersten Lockdowns merkte ich, dass ich nicht still bleiben wollte und dass selbst eine leise Stimme im Getöse den einen oder anderen erreichen und ihm helfen kann. Aber vor allem konnte ich auch viel Licht und viele Möglichkeiten in dieser Dunkelheit erkennen. Ich wollte wenigstens eine kleine Fackel in die Dunkelheit hineintragen, wenn andere es gerade nicht können.

Tree of Light

Diesen Baum fand ich eines Tages beim Herumscrollen auf Instagram, und meine Liebe war sofort entfacht. Ich habe ohnehin schon eine Schwäche für Bäume, aber ein fliegender Baum toppt alles. Tatsächlich fand ich dann auch meinen Weg zu ihm in den Harz. Allerdings wusste ich lange nicht, was ich dort tun würde und suchte nach einer konkreten Idee. Etwas Elfenhaftes fand ich passend, aber ich wollte den Baum nicht nur als Hintergrund haben. Ich wollte, dass er eine größere Rolle einnimmt. Und so tauchten in meinem Kopf irgendwann auf einmal Lichter im Baum auf und vervollständigten das Bild.

Digitales Vollformat | 50 mm | f/2 | 1/250 s | ISO 400

FRAGEN ZUM WELTGESCHEHEN

• Was passiert in der Welt?

• Betrifft es auch mich oder betrifft es eher andere? Wie gehe ich damit um, und wie tun es andere?

• Will ich etwas dazu sagen, und wenn ja, was?

• Wie ist meine Einstellung dazu?

• Will ich dem Thema Gehör verschaffen und es weiterverbreiten?

• Wie fühle ich mich damit und wie andere?

3. ÄUSSERE EINFLÜSSE

Unter den äußeren Einflüssen fasse ich alles Übrige, was mir noch helfen kann, auf neue Ideen zu kommen. Ich erwähnte zum Beispiel schon den großen Einfluss der Natur, wie sich mit jeder Jahreszeit das Szenario da draußen und somit die Möglichkeiten ändern. Auch Requisiten wie Laternen oder Kerzen können der Anstoß für ein neues Bild sein. Manchmal stoße ich bei Pinterest auf Worte, die mich bewegen oder mir Bilder vor Augen erscheinen lassen.

DIE GESCHICHTE ERSCHAFFEN

In allen Betrachtungsbereichen wird es noch viel mehr Fragen geben, die man sich stellen kann, und Sie werden sicherlich eigene finden. Die genannten Fragen helfen mir auf der Suche nach Bildideen persönlich am meisten. Denn auf dieser Suche ergibt sich oft ein Thema, das gerade aktuell ist und erzählt werden möchte. Sei es ein bestimmtes Gefühl, Emotionen, die gerade im Außen herrschen oder einfach nur der Fliederbusch an der Straße, der mich seit ein paar Tagen anlächelt. Nachdem sich also dieses Thema herauskristallisiert hat, mache ich mir Gedanken darum, wie ich es am besten visualisieren könnte. Dabei hilft es, sich wiederum eine Menge Fragen zu stellen:

• Welche Stimmung soll meine Pose vermitteln? Soll sie Kraft ausstrahlen, Erhabenheit oder Mut? Hoffnungslosigkeit oder Erschöpfung? Wie geht der Charakter mit der Situation um, wie möchte er wirken? Die Pose hat eine so große Bedeutung, dass ich selbst sehr kritisch bei der Auswahl bin. Manchmal tausche ich sie sogar noch im Prozess gegen eine andere aus dem Shooting aus, weil sie sich doch nicht ganz so entfaltet, wie ich es mir gewünscht habe. Die Pose hat eine große erzählerische Kraft. Sie wirkt am authentischsten, wenn sie dynamisch ist wie eine Momentaufnahme aus Ihrer Geschichte.

• Welche Umgebung vermittelt die Aussage am besten? Geschieht meine Geschichte draußen in der Welt? Braucht sie Raum und Weite und dafür eher ein freies Feld oder besser eine beengte Waldszenerie? Oder spielt sie sich eher im Inneren ab und verlangt nach einem Innenraum? Reicht vielleicht sogar nur eine kahle Wand? Die Umgebung suche ich meistens intuitiv aus, doch bei einigen Konzepten kann eine bewusst gewählte Umgebung helfen, dem Konzept mehr Tiefe zu verleihen. Fühle ich mich verloren, kann ein dunkler hoher Tannenwald gut zur Darstellung der Idee beitragen. Dieselbe Umgebung kann aber auch ganz unterschiedlich wirken: Ein schlichter Raum kann beengt und dunkel wirken oder hell und abstrakt und damit etwas ganz anderes erzählen. In der Natur kann es fröhlich und bunt zugehen, aber auch sehr trüb und düster.

FRAGEN ZU ÄUSSEREN EINFLÜSSEN

• Welche Jahreszeit haben wir? Was sind ihre charakteristischen Merkmale, und wie kann ich sie einsetzen? Bietet mir die Jahreszeit etwas, das dem Bild etwas Besonderes gibt? Welche Pflanzen wachsen gerade?

• Habe ich vielleicht einen Spot entdeckt, der mich nicht mehr loslässt? Was erzählt dieser Platz, wofür eignet er sich?

• Was habe ich an Requisiten? Was kann ich zu Requisiten machen? Was kann ich mit diesen Requisiten erzählen?

• Gefällt mir ein Song gerade? Welche Stimmung vermittelt er? Gibt es Zeilen, die mich besonders berühren?

• Welche Gedichte oder Zitate sprechen mich an? Worum geht es? Und geht es mir vielleicht auch so? Entführen sie mich in eine magische Welt, von der ich auch erzählen möchte? Lassen sie Bilder in meinem Kopf entstehen?

• Ist die Stimmung eher hell oder dunkel? Wie soll das Bild wirken? Was möchte ich für eine Atmosphäre schaffen? Ist die Geschichte hoffnungsvoll oder hoffnungslos? Ist sie eine Kombination aus Licht und Dunkelheit?

• Was ist das passende Outfit für meine Geschichte? Trägt der Charakter ein normales Alltags-Outfit? Oder befinden wir uns in einer eher andersartigen Welt? Dann eignen sich beispielsweise fantasievolle Gewänder. Möchte ich durch fliegende Stoffe Dramatik erzeugen? Lässt ein auffälliges Gewand den Charakter erhaben wirken oder verloren? Sollte das Gewand doch lieber schlicht wirken, um den Fokus nicht abzulenken? Oder erzählt die nackte Haut die Geschichte vielleicht am besten?

• Welche Objekte können mir helfen, die Geschichte zu erzählen? Requisiten können ausschlaggebend für die Bedeutung des Bildes sein. Sie können aber sehr verschieden eingesetzt und interpretiert werden. Efeu kann ein Symbol für Wachstum und Fortschritt sein, aber auch eingesetzt werden, um von etwas eingeholt und überwuchert zu werden. Blätter können Verfall anzeigen, aber auch ein Mittel sein, um die Szenerie märchenhafter erscheinen zu lassen. Vögel und Flügel können für Freiheit stehen und für die Möglichkeiten, Chancen zu ergreifen. Sie können aber auch als Symbol verwendet werden, eingesperrt zu sein und nicht weiterzukommen. Ein Seil kann eine feste Verbindung in positiver Form darstellen oder symbolisieren, an etwas unfreiwillig gefesselt zu sein.

Dieser Beitrag stammt – mit freundlicher Genehmigung – aus dem Buch „Das Selbstporträt“ von Katja Heinemann, Frank Linders, Marlena Wels und Charlotte Wulff. Sie verraten auf 287 Seiten, woher sie ihre Inspiration nehmen und wie sie das eigene Ich fotografisch in Szene setzen. Rheinwerk Verlag für 34,90 Euro (E-Book 30,90 Euro).