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TRENDREPORT: #plastikfasten


Jolie - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 06.07.2018

Es muss sich was ändern. Sofort! Sonst wiegt der Müll in unseren Ozeanen im Jahr 2050 mehr als seine Meeresbewohner. Zero Plastic – geht das? Ein Redaktions-Battle


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Bildquelle: Jolie, Ausgabe 8/2018

Ja, etwas blöd komme ich mir schon vor. Ich stehe auf dem Wochenmarkt, habe noch nichts besorgt, aber einen mit leeren Frischhaltegefäßen und Glasflaschen gefüllten Einkaufskorb in der Hand. Es ist Tag 1 meiner neuen Fastenkur. Eine Woche soll ich null Plastikmüll produzieren. Meine Kollegin soll zum Vergleich wie üblich shoppen. Wie groß ist der Unterschied, wenn man auf Verpackungen verzichtet? Geht das überhaupt? In einem normalen ...

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... Supermarkt schon mal nicht. Also ab auf den Markt.

FAST HÜLLENLOS

Mein erster Stopp ist der Bäcker. Als er mir das frisch geschnittene Brot in eine Plastiktüte einpacken will, erhebe ich Einspruch und bekomme sofort eine Papiertüte. Beim Pasta-Stand stellt die Verkäuferin ohne Murren mein Gefäß auf die Waage und wiegt die Gnocchi ab, der Parmesan landet in der nächsten mitgebrachten Schüssel. Nur die Pinienkerne muss ich abgepackt in Plastik kaufen. Mist. Die erste Verpackung in weniger als einer Stunde. Gemüse und Obst klappen zum Glück wieder verpackungslos. Und was ist mit Öl, Pfeffer, Zahnpasta und Klopapier? Vor einem Jahr hat in meinem Viertel der Laden „Stückgut“ eröffnet. Ein Shop, in dem das ganze Sortiment lose angeboten wird. Ich staune über große Gefäße mit Schokolade, XXL-Spender mit Haferflocken, Nudeln und Reis. Selbst Pinienkerne sehe ich in einem Glasbehältnis. Hätte ich das mal vorher gewusst. Die Zahnpasta gibt es am Stiel – man reibt mit der Zahnbürste darüber –, die Körperbutter als Stück, sogar flüssiges Waschmittel kann man sich in seine eigene Verpackung abfüllen lassen. Dumm nur, dass mir langsam die Gefäße ausgehen. Dann wird eben erst nächste Woche gewaschen. Auf meinem Einkaufszettel stehen noch Strohhalme. Die gibt’s hier aus Glas. Allerdings kosten vier Stück ganze 20 Euro. Mein nächster Verzicht. Und auch nicht mein letzter in den nächsten Tagen … Ist das wirklich nötig? Ja!

DIE ZAHLEN SIND SCHOCKIEREND

40 Milliarden Strohhalme verbrauchen wir in Deutschland. Pro Jahr! In den USA sind es sogar 182,5 Milliarden. Ein Plastikwahnsinn, der immer mehr Menschen bewusst wird. Die Stadt Seattle verbietet ab Juli die Plastikstängel in Restaurants und Bars. Queen Elizabeth hat Trinkhalme und Plastikflaschen aus dem Palast verbannt. Und Großbritannien selbst (8,5 Milliarden Strohhalme pro Jahr) plant ein Verbot für 2019. Auch die EU-Kommission sagt Trinkhalmen, Plastikgeschirr und Wattestäbchen den Kampf an. Denn: Ganze 25,8 Millionen Tonnen Plastik landen in den EU-Staaten pro Jahr im Müll. Davon werden weniger als 30 Prozent für das Recycling gesammelt. Die Umweltschützer des WWF zitieren eine Studie, nach der 72 Prozent der gebrauchten Plastikverpackungen nicht wiederverwertet werden. 40 Prozent davon werden in Deponien abgelagert. Und ganze 32 Prozent verlassen das System und landen unkontrolliert in der Umwelt.

TIERE STERBEN AN PLASTIK

Es ist bekannt, dass etwa 800 Arten von Meereslebewesen mit Müll in Kontakt kommen. Wale, Robben und Schildkröten verfangen sich in sogenannten „Geisternetzen“, herrenlos herumschwimmende Fischernetze, die aus einem Kunststoffmix bestehen. Oder sie verwechseln Plastikteile mit Nahrung und verhungern sozusagen mit einem vollen Magen. Bei Untersuchungen toter Eissturmvögel an der Nordseeküste fanden Forscher bei 93 Prozent der Tiere Plastik im Magen. Unfassbare 30 Kilo Müll (Plastiktüten und -deckel, Netze, einen Kanister) entdeckten Wissenschaftler im Magen eines gestrandeten Pottwals. Das Tier wurde im Februar an die spanische Südküste gespült. Eine Untersuchung bestätigte: Der Säuger starb, da Plastik sein Verdauungssystem blockierte.

Verpackungs-wahnsinn


Fast null Plastik


EIN EINKAUFSZETTEL , ein Battle. Wie viel Plastik kann jemand in einer Woche sparen, wenn bewusst auf Verpackungen verzichtet wird? Langlebige und vorhandene Plastikschüsseln waren aber erlaubt.

DER PROBLEMSTOFF PLASTIK

Woran leider viel zu wenige denken, wenn sie ihren Plastikmüll achtlos wegwerfen: Kunststoff wird nicht abgebaut, sondern zerfällt. Das dauert ewig (laut Schätzungen braucht eine PET-Flasche 450 Jahre, eine Plastiktüte zehn bis 20 Jahre). Und das sogenannte Mikroplastik bleibt in unserer Umwelt. Mehr als 12000 dieser Mikroplastikteilchen haben Wissenschaftler in einem Liter Meereis in der Arktis nachgewiesen. Das ist beängstigend. Ähnlich wie der traurige Rekord, den Forscher auf Henderson Island verzeichnen mussten. Die Koralleninsel ist unbewohnt, liegt abgelegen in der Südsee und zählt zum Unesco-Weltnaturerbe. Was wie ein Paradies klingt, ist der Ort mit der höchsten Mülldichte – weltweit. Laut Schätzungen der Wissenschaftler wurden 17,6 Tonnen Plastikmüll auf die Insel geschwemmt. Und der stammt aus Russland, den USA, Europa und Südamerika. Was nicht an die Strände der Küsten gespült wird, sammelt sich in den Ozeanen in gigantischen Müllstrudeln. Im März veröffentlichte ein internationales Forscherteam eine Studie über die größte Plastiksuppe zwischen Hawaii und Nordamerika. Ihr Ergebnis: Mindestens 79000 Tonnen Müll treiben im sogenannten „Great Pacific Garbage Patch“ auf 1,6 Millionen Quadratkilometern. Zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von 357376 Quadratkilometern. Und: Pro Jahr kommen noch mal bis zu 12,7 Tonnen Plastikmüll dazu. Er stammt vor allem aus Südostasien. Aber nicht ausschließlich. „Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische“, sagt der Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans.

Auf der holländischen Insel Vlieland sammelte Model Doutzen Kroes Plastik


WIR MÜSSEN ALLE ETWAS TUN

1950 wurden weltweit 2 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Heute geht man von bis zu 250 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Ganze 12,6 Millionen Tonnen werden allein in Deutschland verbraucht. Damit schaffen wir es in Europa auf den traurigen ersten Platz. Vor allem, da mindestens ein Viertel davon für Verpackungen benötigt wird. Und wie lange benutzen wir so eine Plastiktüte? Gerade mal 25 Minuten. Das wird von einem Coffee-to-go-Becher noch getoppt. Lebenszeit: 15 Minuten. Und ein Strohhalm? Ob im Eistee oder Gin Tonic – wirklich lange verwenden wir ihn nicht. Da sollte sich jeder fragen: Brauche ich wirklich den ganzen Plastikkram? Ich persönlich NICHT!

EIN SHOPP ING-MARATHON

Was ich dagegen brauche, ist viel Zeit für meinen Einkauf. Während meine Kollegin nach 20 Minuten in einem (!) Supermarkt mit zwei vollen Plastiktüten fertig ist, suche ich immer noch nach Sahne im Glas. Die gab es bisher weder auf dem Markt noch im Unverpackt-Shop. Im dritten Bioladen werde ich fündig und schleppe nach 90 Minuten Einkaufskorb und Stoffbeutel nach Hause. Die erste Bilanz: Plastikfrei einkaufen ist ziemlich zeitaufwendig. Die zweite: Es ist teurer. Obwohl ich auf Waschmittel verzichte und nur eine einzige Rolle Klopapier (zum Stückpreis von 2,20 €) habe, kostete alles zusammen 49,48 €. Meine Konkurrentin zahlte nur 38,07 €. Ein gutes Gewissen hat seinen Preis. Allerdings habe ich auch die hochwertigeren Lebensmittel. Und das schmeckt mir wiederum.

Plastikbilanz nach einer Woche

SO EIN DRECK Tomaten in Plastikbechern, Flaschen und Plastiktüten von XS bis XL. Aber es geht auch mit weniger … Kleine Plastikschnipsel, einige Zigarettenfilter, eine kleine Schachtel.

Es geht auch easy ohne

Tipps fürs Plastikfasten

Shoppen auf dem Wochenmarkt. Das spart Verpackungen und schmeckt besser.
Es ist laut Lebensmittelhygienerecht nicht verboten, Käse, Fleisch & Co. ohne Verpackung abzugeben. Das entscheidet der Händler, der sich dazu mit der amtlichen Überwachung abstimmen kann. Also einfach Metzger & Co. nett fragen.
In den Unverpackt-Shops wird erst das mitgebrachte Gefäß gewogen, dann befüllt und wieder an der Kasse gewogen.
• Plastik ist verdammt zäh. Also einfach die alte Gemüsetüte immer wieder verwenden. Und wenn sie doch reißt, durch einen Stoffbeutel ersetzen.

Unsere Tipps für Euch!

NUDELN, NÜSSE, NASCHIS Der einzige Verzicht bei „Stückgut“ in Hamburg ist die Verpackung. Eine Liste mit Unverpackt-Shops gibt’s u. a. auf nabu.de

KUNDENWAHL In Holland hat der Bioladen „Ekoplaza“ einen Gang ohne Plastik eröffnet. Die Produkte sind in Glas oder Karton verpackt. Der Kunde entscheidet, ob er die plastikfreie Variante will.

ETWAS SONDERBAR

An einen anderen Geschmack muss ich mich gewöhnen: Die Zahnpasta am Stiel schmeckt nur leicht nach Minze. Nach zwei Minuten Zähneputzen stellt sich immer noch kein richtiges Frischegefühl ein. Auch mit der Bodybutter am Stück muss ich den Umgang lernen. Und ob das Kristall-Deo ein sicherer Schutz ist? Ich vertraue ihm nicht und packe doch ein kleines Deo (mit Plastik) in meine Handtasche, brauche es aber nicht. Mittags stehe ich vor der nächsten Herausforderung: In einer Salatbar wird alles nur in Plastik verkauft. Etwas zögerlich zeige ich meine mitgebrachte Schüssel. Ob sie mir darin den Salat verpacken könnten? Schwierig, da sie so nicht die Menge kennen. Die Lösung: Das Grünzeug landet erst in Plastik und wird dann umgefüllt. So kann man das Wegwerfprodukt noch einmal verwenden. Was ich dagegen nicht ersetzen kann, sind die Zigarettenfilter. Ja, ich will aufhören. Aber nicht diese Woche …

EIN ANDERER BLICK

Kurz vor dem Ende meiner Fastenwoche gehe ich wieder einkaufen. Es ist zu spät für den Wochenmarkt und „Stückgut“. Also ab in den Supermarkt. Prompt ertappe ich mich, wie ich mit anderen Augen nach Produkten suche. Natürlich habe ich Lust auf Gummibärchen. Aber das wäre eine Plastikverpackung mehr in meiner Müllbilanz. Ich verzichte. Überhaupt suche ich weniger nach Dingen, auf die ich Lust habe, sondern halte nach allem ohne Plastik Ausschau. Ich entscheide mich für eine ganze Wassermelone. Die halbe gab es nur in Folie verpackt. Für die Einladung zur Grillparty am nächsten Abend soll ich auch noch etwas mitbringen. Gut, ein Krautsalat ist nicht megasexy – sorry, liebe Freunde –, aber fast plastikfrei im Einkauf. Also landen Weißkohl und Essig (in der Glasflasche, aber leider mit Plastikverschluss) im Einkaufswagen. An den PET-Wasserflaschen gehe ich gedankenlos vorbei. Ich habe seit Jahren einen Wassersprudler. Nach einer Woche folgt der Müllvergleich: Eine knappe Handvoll habe ich in sieben Tagen produziert. Schuld waren vor allem die Pinienkerne von meiner ersten Shoppingtour. Meine Kollegin schleppt dagegen einen XXL-Beutel mit Plastik an. Ja, ihr Part war einfacher. Aber ich glaube, heute kommt sie sich etwas blöd vor.

37 Kilogramm

FALLEN PRO KOPF UND JAHR an Kunststoffverpackungen in Deutschland an. Der EU-Durchschnitt liegt bei 31 Kilo.

3,6 Milliarden

Plastiktüten werden in Deutschland jährlich gebraucht. Unser Kunststoffmüll hat sich von 1994 bis 2015 auf 5,92 Millionen Tonnen verdoppelt. Mindestens ein Viertel des hergestellten Plastiks sind Verpackungen.

China macht Schluss

Seit dem 1. Januar hat China den Import von Plastikmüll gestoppt. Auch Deutschland exportierte Müll in die Volksrepublik. 2015 sollen es 560000 Tonnen Altplastik gewesen sein.