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Treu bis in den Tod


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 30.07.2019

Mit dem Waffendienst für das Vaterland imErsten Weltkrieg hofften deutsche Juden endlich auf gesellschaftliche Anerkennung. Hatte nicht sogar der Kaiser behauptet, keine Konfessionen mehr zu kennen?

Am 1. August 1914, Kaiser Wilhelm II.hatte gerade den Truppen des Deutschen Reiches die Mobilmachung befohlen und Russland den Krieg erklärt, veröffentlichte der »Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« einen Aufruf: Es sei selbstverständlich, hieß es darin, »dass jeder deutsche Jude zu den Opfern an Gut und Blut bereit ist, die die Pflicht erheischt«. Und weiter: »Glaubensgenossen! Wir ...

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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 4/2019

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... rufen Euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen. Eilt freiwillig zu den Fahnen!«

Ein Ehepaar ver abschiedet im August 1914 in Berlin einen jüdischen Soldaten auf dem Weg zum Kriegseinsatz.


Unter dem Druck der Anpassung zeigten sich einzelne Juden sogar besonders nationalistisch. Der Berliner Schriftsteller Ernst Lissauer dichtete ein beliebtes Schlachtlied: »Wir hassen vereint, Wir haben alle nur einen Feind: England.« Kaiser Wilhelm verlieh ihm dafür den »Roten Adler orden«.

Doch trotz solch patriotischer Bekundungen waren die Juden auch weiterhin Anfeindungen ausgesetzt. Zwar war öffentliche antisemitische Propaganda seit Kriegsbeginn durch einen sogenannten Burgfrieden offiziell verboten, doch sowohl unter den Soldaten als auch an der Heimatfront blieben Vorurteile verbreitet.

Schon vor dem Krieg war der deutsch-jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann in seinem Rekrutenjahr mit dem Antisemitismus beim Militär konfrontiert worden. »Zum ersten Mal begegnete ich«, erinnerte er sich später, »jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Hass, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagte, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt.«

Antisemiten malten während des Kriegs das verleumderische Zerrbild des jüdischen Drückebergers, der sich zu Hause oder in der sicheren Etappe, der Versorgungsstation abseits der Front, der Gefahr entzog. Einer der rassistischen Slogans gegen Juden lautete nun: »Überall grinst ihr Gesicht, nur in den Schützengräben nicht.«

Seine tiefe Enttäuschung über solche Legenden drückte der jüdische Reserveleutnant Fritz Mayer, der im Juli 1916 in Frankreich fiel, bereits 1914 aus: »Dass leider Gottes in der Heimat die wehrlosen Stimmen der Verleumdung noch nicht verstummt sind, vermag uns nicht zu entmutigen. Nur traurig, furchtbar traurig macht uns dies. Was wollen sie denn mehr als unser Blut? Mögen sie doch an dem vergossenen unserer Glaubensbrüder weitere Rassenstudien treiben.«


»Pfui Teufel! Dazu hält man also für sein Land den Schädel hin.«


Die antisemitischen Verleumdungen intensivierten sich, je länger sich der Krieg hinzog und je mehr Opfer er forderte. Auch Politiker verbreiteten die Behauptung, die Juden seien Drückeberger. Im Oktober 1916 forderte der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger im Haushaltsausschuss des Reichstags, dass festgestellt werden solle, »wie viele Personen jüdischen Stammes« an der Front stünden, wie viele in der Etappe.

Unklar ist, ob Erzberger zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass der preußische Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn kurz zuvor eine »Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden« von allen Einheiten des Heeres verlangt hatte. Als diese bald »Judenzählung« genannte Aktion bekannt wurde, war das deutsche Judentum schockiert. Es war ein Schlag für all jene, die der ewigen Diskriminierung entkommen und sich anpassen wollten. Der Central-Verein sprach von »Anordnungen, von denen wir nicht geglaubt hätten, dass sie in diesem heiligen Kampfe ergehen könnten«.

Das Ergebnis der Zählung wurde offiziell nie veröffentlicht. Spätere Auswertungen zeigten: Die Juden stellten proportional zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung ebenso viele Soldaten wie die Christen. Auch der Anteil derer, die zu Tode kamen, war ungefähr gleich.

Insgesamt kämpften etwa 100000 jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich, wovon 78000 ihren Militärdienst an der Front leisteten. Rund 12 000 Juden bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben, 30000 wurden mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet, 19000 befördert, davon 2000 in den Offiziersrang erhoben.

Schmähungen und Beleidigungen: Jüdische Soldaten bei einer Feier (o., undatiert) und bei einer religiösen Zeremonie (linke Seite) im Ersten Weltkrieg: Viele jüdische Soldaten erlebten während ihres Einsatzes Diskriminierung und Missachtung. Ein Unteroffizier schrieb, er habe »als Jude Zurücksetzungen und Kränkungen aller Art über mich ergehen lassen müssen«.


Pfui Teufel! Dazu hält man also für sein Land den Schädel hin«, notierte Julius Marx am 2. November 1916 in seinem Tagebuch, nachdem sein Kompanieführer für die »Judenstatistik« seine Personalien aufgenommen hatte. Besonders die Juden in den Schützengräben litten schwer an dem durch die Judenzählung offenkundigen Miss - trauen.

Die Funktionäre des deutschen Judentums reagierten dagegen diplomatisch: Auf der Hauptversammlung des Central-Vereins am 4. Februar 1917 erklärte dessen stellvertretender Vorsitzender Oskar Cassel, »dass wir unsererseits trotz allem frei, als frei deutsche Männer, als glaubenstreue und ihrem Glauben ergebene Juden auch in Zukunft während der ganzen Dauer dieses heiligen Kampfes unsere Pflicht tun werden bis ans Ende«.

Der Apothekerlehrling und Unteroffizier Gotthold Kronheim, der 1917 fiel, hinterließ ein Testament, in dem es hieß, er habe »als Jude Zurücksetzungen und Kränkungen aller Art über mich ergehen lassen müssen«. Abweichende Erfahrungen sind zu finden, wenn auch selten: Der Vizefeldwebel Joachim Friedrich Beutler schrieb elf Monate, bevor er im November 1917 in Flandern fiel: »Ich habe nie etwas von Antisemitismus hier gehört, dazu sind jetzt die Zeiten zu ernst.«

Leo Löwenthal – später Literatursoziologe und Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – schrieb über seine Zeit im Militär gegen Ende des Krieges 1918: »Da habe ich den dumpfen, antiintellektuellen Antisemitismus der Arbeiterund Bauernsöhne am eigenen Leib erfahren.« Der Schriftsteller Wassermann berichtete von »pfäffischer Verstocktheit, der Ranküne des Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit«. Ein Minderwertigkeitsgefühl nähre diesen Hass. »Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Hass.«

Die Hoffnung, durch den Kampf fürs deutsche Vaterland endlich als gleichberechtigt anerkannt zu werden, erfüllte sich nicht. »Je mehr Juden in diesem Kriege fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu betreiben«, hatte Walter Rathenau, Politiker und Industrieller, im August 1916 an einen Freund geschrieben. Ein Jahr zuvor war er als Leiter der Kriegsrohstoff - abteilung im preußischen Kriegsministe rium zurückgetreten.

Nach dem Ende des Krieges sangen rechtsradikale Freikorps-Soldaten gern: »Auch Rathenau, der Walther, erreicht kein hohes Alter. Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Ju - densau!« Junge Rechte erschossen den liberalen Reichsaußenminister Rathenau im Juni 1922 in Berlin.

Zum Weiterlesen: Götz Aly: »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass«. Fischer; 352 Seiten; 12 Euro. Sarah Panter: »Jüdische Erfahrungen und Loyalitätskonflikte im Ersten Weltkrieg«. Vandenhoeck & Ruprecht; 410 Seiten; 85 Euro.