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Trickbetrug: Lassen Sie sich nicht täuschen!


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 24.09.2018

AN EINEM KALTEN JANUARNACHMITTAG steht die 65-jährige Lis Daugaard im Ankunftsbereich des Flughafenterminals in Kopenhagen. Sie hat sich herausgeputzt, ihr Blick schweift nervös über die Passagiere, die durch die Türen kommen. Sie sucht nach Robert Aleksander. Kennengelernt hat sie ihn über eine Dating-Website. Nach zwei Monaten mit E-Mails und Telefonaten würden sie sich nun zum ersten Mal gegenüberstehen.


Artikelbild für den Artikel "Trickbetrug: Lassen Sie sich nicht täuschen!" aus der Ausgabe 10/2018 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 10/2018

Der Strom der Passagiere wird dünner und verebbt. Daugaard steht noch immer da und wartet. Wo ist der Mann von den Fotos – grauhaarig, attraktiv, mit schüchternem Lächeln?

Auf dem Heimweg fließen die ...

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... Tränen. „Ich musste meine Tochter anrufen und ihr sagen: ‚Ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht.‘“

Die Romanze von Daugaard begann 2013, kurz nachdem sie in Rente gegangen war. Sie meldete sich aufDating. dk an, einer beliebten dänischen Online-Partnerbörse. Ihr Ehemann war zehn Jahre zuvor gestorben, und weil sie vier Kinder großziehen musste und bei der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig eine internationale Karriere verfolgt hatte, blieb ihr keine Zeit, nach einer neuen Liebe zu suchen. Als sie ihr Profil online stellte, bekam sie fast sofort eine Antwort von Robert Aleksander, nach eigener Aussage ein EU-Diplomat.

Ihre Beziehung entwickelte sich gut, seine E-Mails wurden immer romantischer. Als er erwähnte, dass er Geld zum Reisen benötige, überlegte Daugaard nicht lange. Sie überwies ihm ihr Erspartes, 94000 Kronen (etwa 12200 Euro), was ihm auch einen Besuch bei ihr ermöglichen sollte. Dass er nun gar nicht erschien, machte Daugaard fassungslos. „Wie konnte ich mich als jemand, die in ganz Europa gearbeitet hat, so hereinlegen lassen?“, fragt sie.

Die Polizei ist besorgt angesichts solcher Fälle, denn oft stecken dahinter organisierte, international agierende kriminelle Banden. Sie sitzen an Computern in Nigeria, Malaysia, Israel oder einem Land weit außerhalb des Zugriffs der örtlichen Strafverfolgungsbehörden. In Dänemark wurde die Öffentlichkeit gewarnt, ebenso in Deutschland, Frankreich, Kanada und in den USA. „Die Person, mit der Sie kommunizieren, ist nicht unbedingt diejenige, die sie vorgibt zu sein“, warnt die dänische Polizei.

Kriminalstatistiken zufolge ist in Ländern wie den USA die Zahl dieser Betrügereien binnen Jahresfrist um 20 Prozent gestiegen. Nach Angaben des FBI sind die meisten Opfer Frauen über 40, geschieden oder verwitwet, teils auch körperlich behindert. Das FBI hat 2016 an die 15000 Beschwerden wegen dieser sogenanntenRomance Scams erhalten, bei denen Menschen auf Partnersuche im Internet Geld entlockt wird. Die 15000 Geprellten, 2500 mehr als im Vorjahr, haben rund 230 Millionen Dollar (etwa 200 Millionen Euro) verloren.

Lis Daugaard freute sich auf den Ruhestand, doch dann spielte ihr ein Betrüger übel mit


Die zuständige Einsatzgruppe der britischen Polizei sagt, in Großbritannien hätten 2017 mehr als 3500 Personen umgerechnet 46 Millionen Euro durch solche Betrügereien eingebüßt. Vermutlich handelt es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs, da Romance Scams nicht nur geleerte Konten verursachen, sondern auch ein bleibendes Gefühl der Scham.

Aber Gauner arbeiten nicht nur mit Romance Scams, um verstärkt vor allem ältere Menschen ins Visier zu nehmen. Die europäische Strafverfolgungsbehörde Europol berichtet von Fällen von sogenanntemSocial Engineering , einer Betrugsmasche, bei der den Opfern vertrauliche Informationen und Geld entlockt werden. Derartige Straftaten werden vor allem online begangen, entweder per E-Mail (Phishing ) oder über soziale Netzwerke sowie per Telefon (Vishing ).

Die Polizei in Belgien, Deutschland, Großbritannien und Schweden warnte unlängst vor diesem Trick: Ein angeblicher Polizist ruft ein potenzielles Opfer an und behauptet beispielsweise, Hacker hätten sich Zugang zu dessen Bankkonto verschafft. Man benötige nun Angaben zum Konto, um dem Betroffenen helfen zu können.

„Das Ganze läuft gut organisiert ab“, sagt Peter Depuydt vom Betrugsdezernat von Europol. „Die haben Leute, die das Geld waschen, Leute, die Bankkonten knacken, und Callcenter, die die Menschen hinters Licht führen.“ Die Gauner sind sogar in der Lage, die Telefonnummern von Kreditinstituten zu missbrauchen.

Das genaue Schadensausmaß ist schwer abzuschätzen, da es vielen Betroffenen peinlich ist, derartige Betrügereien zu melden, so Depuydt. Aber: „Wir glauben, dass die Zahlen steigen, denn ältere Menschen sind leichte Opfer.“ Die britische PolizeieinheitAction Fraud hat zwischen Oktober 2016 und September 2017 mehr als 92000 Betrugsanzeigen von Personen ab 50 Jahren registriert; diese Altersgruppe stellte 55 Prozent der Opfer. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hatte es nach eigenen Angaben 2016 mit 1250 Betrugsfällen zu tun, bei denen ältere Menschen um insgesamt acht Millionen Euro betrogen wurden – bereits im August 2017 lagen die Zahlen höher als für das ganze Vorjahr.

Bei Kriminellen kursieren Namenslisten mit besonders „einfachen“ Zielen – Personen, die bereits hereingelegt wurden. Meistens handelt es sich um Rentner. Allein in Großbritannien hat die staatliche Handelsaufsichtsbehörde seit 2012 rund 300000 Namen von Opfern ausmachen können.

Dass die Zahl der Betrugsfälle bei Älteren so stark ansteigt, habe auch damit zu tun, dass die Über-50-Jährigen heute mehr denn je online aktiv sind, sagtAge UK , Großbritanniens größte Wohltätigkeitsorganisation für ältere Menschen. Zudem würden die Menschen immer älter, viele hätten mit kognitiven Einschränkungen zu kämpfen. „Wir erhalten ständig Anrufe von Angehörigen, die sich Sorgen wegen ihrer über 70- oder 80-jährigen Mütter und Väter machen. Manchmal ist die Sorge wegen Demenz und Gedächtnisverlust besonders groß“, sagt Phil Mawhinney von Age UK.

In einem jüngeren Fall nahmen Betrüger bevorzugt gebrechliche Ältere aus einer belgischen Kleinstadt ins Visier. Der heute 92-jährige Leopold (Name geändert) fuhr im Juni 2016 in die Stadt. Als er aus seinem Wagen stieg, näherte sich ihm ein Mann und sagte, Leopold habe sein Auto gestreift und dabei den Außenspiegel beschädigt. Er zeigte ihm eine große schwarze Schramme. Der Mann sagte, Leopold solle besser nicht die Versicherung anrufen, da er sonst wegen seines Alters Probleme bekommen könne. Stattdessen rief er einen „Reparaturdienst“ an, der kurz darauf kam, den Schaden begutachtete und mit 2500 Euro bezifferte. Der Mann fuhr dann mit Leopold zur Bank, wo dieser 900 Euro abhob. Nach dem Vorfall fuhr Leopold nach Hause und rief seine Töchter an. Auf ihr Drängen hin ging er am nächsten Tag zur Polizei, aber die Ganoven wurden nie gefasst. Weil Leopold noch immer eingeschüchtert war, sprach seine Tochter Jicky mitReaders Digest : „Vater sagte, er habe sich bedroht gefühlt, als der Mann laut wurde.“ Das Ganze habe ernste und lang anhaltende Konsequenzen. „Jetzt macht mein Vater sich ständig Sorgen“, sagt Jicky.

In anderen Fällen ging es um deutlich größere Beträge. Die 52-jährige Leonie Morris aus der englischen Grafschaft Cumbria ist Opfer eines sehr ausgeklügelten Investmentbetrugs geworden. Morris hatte als Business-Coach mit großen internationalen Firmen wie der britischen Supermarktkette Tesco Global gearbeitet und freute sich damals auf den vorzeitigen Ruhestand.

Finanzieren wollte sie ihn mit einer sorgfältigen Investition des Geldes, das sie nach ihrer zuvor erfolgten Scheidung erhalten hatte. Bei ihrer Recherche zu möglichen Anlagezielen stieß sie auf eine Website, die zu Cater Allen zu gehören schien, dem angesehenen britischen Privatkundengeschäftszweig des Kreditinstituts Santander.


„Wir erhalten ständig Anrufe von Angehörigen, die sich wegen ihrer 70- oder 80-jährigen Eltern sorgen“


Sie gab ihre Kontaktdaten ein und erhielt eine E-Mail vom Geschäftsführer, die von einer offiziell wirkenden Adresse stammte. Dann kontaktierte sie dort einen Vermögensverwalter namens Jonathan Forbes, der ihr seine Durchwahl zuschickte. „Was er sagte, deckte sich mit dem, was ich von anderen Brokern zu potenziellen Investments gehört hatte, insofern schöpfte ich keinen Verdacht“, sagt Morris.

Nach ihrem Telefonat kaufte sie eine Anleihe für 50000 Pfund und erhielt wenig später monatliche Ausschüttungen in Höhe von 500 Pfund, was sie vollends davon überzeugte, dass es sich um ein reelles Geschäft handelte. Nach einigen Monaten bot ihr Forbes weitere Anlagemöglichkeiten an. „Bei einer stieg ich ein. Ich sah die monatlichen Auszahlungen, angeblich von Cater Allen, und investierte weiter – nahezu 400000 Pfund“, sagt Morris.

Kurz nach Weihnachten 2017 rief ihre Bank an. „Es hieß, eine der Investmentzahlungen sei durch eine Abrechnungsstelle gelaufen und habe Alarm ausgelöst.“ Irgendetwas wirke merkwürdig. Einzelheiten könne man ihr nicht nennen, aber sie solle mit ihrem Broker sprechen. Leonie rief nun Forbes nicht direkt an, sondern wollte ihn über die Telefonzentrale der Bank erreichen. „Wir haben hier niemanden mit diesem Namen“, sagte die Frau am Telefon. Leonie war wie vor den Kopf geschlagen.

Der Link zur Website der Bank, die E-Mail-Adresse, die Telefonnummer – alles gefälscht. Jonathan Forbes war ein Betrüger, der im Ausland lebte. Leonies Geld war weg.

Sie arbeitet nun wieder Vollzeit. „Es ist, als sei ich Berufsanfängerin“, sagt sie. „Ich muss sehr darauf achten, was ich kaufe, Urlaub kann ich mir nicht leisten.“

Unterdessen ist Jonathan Forbes noch immer aktiv – sogar unter demselben Namen und angeblich für andere Banken. Leonie schätzt sich glücklich, noch in der Lage zu sein, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Peter Depuydt von Europol sagt: „Diese Investmentbetrügereien sind zerstörerisch. Es passiert am Ende des Berufslebens, und die Menschen verlieren sehr viel.“

In einigen Ländern, wo die Betrügereien besonders heftig sind, erzielen die Ordnungshüter inzwischen Erfolge. Nachdem in Großbritannien allein im ersten Halbjahr 2017 rund 19000 Menschen mehr als 100 Millionen Pfund durch Trickganoven verloren, forderte die zuständige Aufsichtsbehörde die Banken dringend zur Mithilfe bei der Bekämpfung der Betrügereien auf.


Senioren sollten längere Unterhaltungen mit Fremden, die unerwartet vor der Tür auftauchen, vermeiden


Ab September 2018 sollen strengere Authentifizierungskriterien Betrügern das Eröffnen von Bankkonten erschweren. Zugleich sollen die Kunden leichter überprüfen können, ob die Person, an die sie Geld überweisen, tatsächlich diejenige ist, für die sie sich ausgibt.

Italiens Abgeordnetenkammer gab im September 2017 grünes Licht für ein Gesetz, das den Betrug an Personen über 65 Jahren mit Gefängnisstrafen von zwei bis sechs Jahren ahndet. Ferner sieht das Gesetz Geldstrafen von 400 bis 3000 Euro vor. Noch ist es nicht verabschiedet, es zeigt aber, dass es Italien ernst damit ist, Senioren vor Betrug zu schützen.

Die Europäische Union hat soziale Medien aufgefordert, „mehr Verantwortung zu übernehmen“. Facebook, Google und Twitter wurden angewiesen, zum Schutz vor Betrügereien gefälschte Einträge zu löschen, ansonsten drohen rechtliche Schritte. Europol intensiviert die Aufklärungsarbeit zu den unterschiedlichen Methoden der Betrüger. Man will die Banden hinter diesen kriminellen Machenschaften zerschlagen.

Im März 2018 wurden bei einer gemeinsamen Aktion von Europol, italienischer und rumänischer Polizei 20 Personen verhaftet. Sie sollen durch Phishing-E-Mails an die Kontodaten von Hunderten Bankkunden gelangt sein und so eine Million Euro er gaunert haben. Wenn sich die Opfer allerdings nicht melden würden, erhalte Europol auch keine Informationen und könne nicht viel unternehmen, so Depuydt.

Der schwedische Rentnerverband SPF Seniorerna sieht die Lösung in einem stärkeren Bewusstsein für das Thema. „Informieren, informieren, informieren. Das ist das Einzige, was funktioniert“, sagt Generalsekretär Peter Sikström.

In Utrecht in den Niederlanden unterrichtet der ehemalige Polizeioffizier und Betrugsexperte Harry van Schaik Hunderte Senioren darin, sich vor Betrug zu schützen. Van Schaik bringt ihnen alles Nötige bei, um gewappnet zu sein – etwa, dass man allzu lange Unterhaltungen mit Fremden vermeiden sollte, die unangekündigt vor der Tür stehen oder anrufen. Sonst gibt man den Kriminellen die Möglichkeit, ihre Opfer zu manipulieren. Van Schaik engagiert sich sehr bei seiner Arbeit und er sagt: „Ältere Menschen werden ausgeraubt. Das macht einem ganz einfach Angst.“

In einer Gesellschaft, in der die Älteren häufig isoliert und einsam sind und somit anfälliger für Betrügereien werden, ist es wichtig, sich zu vernetzen. Am Ende seiner Unterrichtsstunden bittet van Schaik die Senioren, ihr Wissen weiterzugeben: „Reden Sie mit vertrauten Menschen. Dadurch gewinnen Sie auch an Energie.“

Ähnlich sieht das Lis Daugaard, die jahrelang vergebens versuchte, den Mann aufzuspüren, der sie ausgenommen hat. In den Monaten nach ihrem schlimmen Erlebnis hat sie Opfer ähnlicher Betrügereien kennengelernt und versucht, ihnen zu helfen. Wichtig sei es, ganz offen darüber zu reden, sagt sie. „Wir müssen das Bewusstsein der Menschen schärfen. Nur so können wir den Betrügern die Grundlage entziehen.“

GEGENWERT

Wenn ein Mann elf Unzen für zwölf verkauft, schließt er einen Pakt mit dem Teufel und verkauft sich selbst für den Gegenwert einer Unze.

HENRY WARD BEECHER, US-amerikan. Geistlicher (1813-1887)


FOTO: © GREGERS OVERVAD