Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

Trio in fernale


Logo von Motor Klassik
Motor Klassik - epaper ⋅ Ausgabe 2/2023 vom 11.01.2023

FAHRBERICHT

Artikelbild für den Artikel "Trio in fernale" aus der Ausgabe 2/2023 von Motor Klassik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motor Klassik, Ausgabe 2/2023

Gut zu wissen

JENSEN INTERCEPTOR MK I

Eckdaten:V8-Motor, OHV, 6276 cm 3 , 325 PS, 1678 kg, 214 km/h, 1966 bis 1976

Preis: 52 900 Euro (guter Zustand)

Charakter: Eleganter und individualistischer GranTurismo mit mächtigem Chrysler-V8. Nobel, komfortabel, schnell

JENSEN SP

Eckdaten:V8-Motor, OHV, 7212 cm 3 , 390 PS, 1786 kg, 230 km/h, 1971 bis 1973

Preis: 59300 Euro (guter Zustand)

Charakter: Der Six Pack legt mindestens eine Schippe drauf. Das Leistungsplus ist gefühlt deutlich größer, als die Zahlen suggerieren

JENSEN FF

Eckdaten:V8-Motor, OHV, 6276 cm 3 , 325 PS, 1807 kg, 209 km/h, 1966 bis 1971

Preis: 119 600 Euro (guter Zustand)

Charakter: Beim FF steht die höchst interessante, aufwendigeTechnik im Vordergrund: Allrad, Antiblockiersystem – 1966!

Schon als sich die drei Motoren von Jensen Interceptor, SP und FF warm laufen, läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Die drei ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Motor Klassik. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Liebe Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leser,
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Salon Rétromobile up to date. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Salon Rétromobile up to date
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Neuer Lesestoff zum Start in die Saison. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neuer Lesestoff zum Start in die Saison
Titelbild der Ausgabe 2/2023 von Fürs Herz!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fürs Herz!
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Kategorie T Autos 2023 – Mittelklasse
Vorheriger Artikel
Kategorie T Autos 2023 – Mittelklasse
„Sie sagten, es seien die besten Jahre ihres Lebens gewesen“
Nächster Artikel
„Sie sagten, es seien die besten Jahre ihres Lebens gewesen“
Mehr Lesetipps

... Bassisten grummeln in tiefsten Frequenzen, Musikwissenschaftler und Audiophilisten nennen das „schwarzen Bass“ – trocken wie die Antarktis. Mit direktem Zugang zum Magen. Erschauernd.

Dort setzen die tiefen Wellen umgehend Glückshormone frei. Und wir reden hier von Standgas! Allerdings auch von 19 764 Kubikzentimetern Gesamthubraum, die geräuschvoll den zum Veratmen nötigen Sauerstoff durch ihre schmallippig geöffneten Drosselklappen saugen. Hier das Schlürfen, dort das Verbrennen, und ganz hinten sorgen die recht offenherzigen Auspuffrohre, sechs an der Zahl, für dieses umwerfende Concerto Grande. Muss man mal erleben.

Der Jensen: groß, nicht artig

Wir genießen diesen voluminösen, alles vereinnahmenden Klang, studieren dabei die Form des Interceptor, der 1966 zu den stärksten Sportwagen gehört – und das in einer recht undiplomatischen Weise auch nach außen hin selbstbewusst symbolisiert. Zum einen durch seine schiere Größe, vor allem die Breite von gut einsfünfundsiebzig – ein MGB GT ist gute 20 Zentimeter schmaler, ein zweisitziger Jaguar E-Type mehr als zehn. Sogar um 32,5 Zentimeter länger ist der Jensen Interceptor als diese britische Raubkatze. Beim Allradmodell, dem Jensen FF, sind es sogar mehr als 40 Zentimeter und immerhin noch sieben mehr als beim E-Type 2+2.

Zum anderen betont der Jensen sein Überholprestige durch seine ungewöhnliche, fast schon minimalistisch-grafische Form, die bei Vignale und Touring entstand.

Wie das zusammengeht? Ganz einfach, denn Jensen hatte bereits einen Nachfolger für die in den USA so erfolgreichen Austin-Healey entwickelt, zwei Prototypen dieses „P66“ genannten Modells gebaut und 1965 bei der London Motor Show präsentiert. Doch dieser von Eric Neale gezeichnete kleinere Sportwagen war noch zu sehr der Vergangenheit verhaftet, huldigte der barock geschwungenen Linie von 541 (1954– 1963) und C-V8 (1962–1966).

Dann ließ Jensen bei Carrozzeria Touring eine neue Blechhaut entwerfen. Ja, Blech, denn Jensen wandte sich von Kunststoff, wie noch beim C-V8, ab. Der in allen Dimensionen gewachsene Entwurf besaß bereits die kuppelartige Heckscheibe, die schräg nach hinten weisende B-Säule und die über der hinteren Radnabe positionierte, sich nach oben stark verjüngende C-Säule. Doch Touring war mit der Fertigung überfordert, so kam der Entwurf zu Vignale, wo die ersten 90 Interceptor und 14 FF entstanden. Die Produktion wanderte schon 1967 von Turin zurück nach England ins Stammwerk in Kelvin Way, West Bromwich.

DATEN UND FAKTEN

Jensen Interceptor, Baujahr 1969

MOTOR Chrysler B383, wassergekühlter Viertakt-V8-Motor (90 Grad), vorn längs, Bohrung x Hub 107,9 x 86,95 mm, Hubraum 6276 cm³, Leistung 325 PS bei 4600/min, Drehmoment 576 Nm bei 2800/min, Verdichtung 10 :1, zwei Ventile je Brennraum, betätigt über eine zentrale, kettengetriebene Nockenwelle, Stößelstangen, Hydrostößel und Kipphebel, Motorblock und Zylinderköpfe aus Grauguss, fünf Kurbelwellenlager, ein Fallstrom-Vierfachverg. Carter AFB 2798S, Ölinhalt 4,7 Liter

KRAFTÜBERTRAGUNG Chrysler Torqueflite A727, Hinterradantrieb

KAROSSERIE UND FAHRWERK Ganzstahlkarosserie auf Rohrrahmen, vorn Einzelradaufhängung an Querlenkern und Schraubenfedern, hinten Starrachse, Panhardstab, Blattfedern, Stabilisatoren sowie hydraulische, innenbelüftete Scheibenbremsen vorn und hinten, Servo-Zahnstangenlenkung, Felgen 6 J x 15, Reifen 205 VR 15

MASSE UND GEWICHTE Radstand 2760 mm, Länge x Breite x Höhe 4775 x 1754 x 1346 mm, Spur v./h. 1418/1438 mm, Gewicht 1678 kg,Tankinhalt 72 Liter

FAHRLEISTUNGEN UND VERBRAUCH Vmax 214 km/h, Beschl. 0 bis 100 km/h in 7,3 s, Verbrauch 16–20 l/100 km

BAUZEIT UND STÜCKZAHL 1966–1976: insg. 7210 Exempl. (inkl. SP, Cabrio, Coupé), S4 (1983–1993): 14 Exemplare

DATEN UND FAKTEN

Jensen SP, Baujahr 1973

MOTOR Chrysler RB440, wassergekühlter Viertakt-V8-Motor (90 Grad), vorn längs, Bohrung x Hub 109,7 x 86 mm, Hubraum 7212 cm³, Leistung 390 PS bei 4700/min, max. Drehmoment 664 Nm bei 3200/min, Verdichtung 10,3 :1, zwei Ventile je Brennraum, betätigt über eine zentrale, kettengetriebene Nockenwelle, Stößelstangen, Hydrostößel und Kipphebel, Motorblock und Zylinderköpfe aus Grauguss, fünf Kurbelwellenlager, drei Holley-Doppelvergaser, Ölinhalt 6,6 Liter

KRAFTÜBERTRAGUNG Dreigangautomatik ChryslerTorqueflite A727, Hinterradantrieb

KAROSSERIE UND FAHRWERK Ganzstahlkarosserie auf Rohrrahmen, vorn Einzelradaufhängung mit Halbachsen und Dreieckslenkern, hinten Starrachse, Panhardstab, Blattfedern, Stabilisatoren sowie hydraulische, innenbelüftete Scheibenbremsen vorn und hinten, Servo-Zahnstangenlenkung, Felgen 6 J x 15, Reifen 205 VR 15

MASSE UND GEWICHTE Radstand 2760 mm, Länge x Breite x Höhe 4775 x 1754 x 1346 mm, Spur v./h. 1425/1444 mm, Gewicht 1786 kg,Tankinhalt 91 Liter

FAHRLEISTUNGEN UND VERBRAUCH Vmax 230 km/h, Beschl. 0 bis 100 km/h in 6,9 s, Verbrauch 16–22 l/100 km

BAUZEIT UND STÜCKZAHL 1971–1973: insgesamt 233 Exemplare

Familientreffen in Radebeul

Doch zurück ins Hier und Jetzt. Erklären wir zunächst die Situation, die schon für sich außergewöhnlich ist. Denn dass wir hier im schönen Radebeul überhaupt mit diesen drei Jensen stehen, grenzt an ein Wunder. Zwar entstanden immerhin insgesamt 7210 Exemplare des Interceptor inklusive seiner Varianten sowie Derivate, doch einen SP (233 Exemplare) oder FF (320 Exemplare) bekommt man außerhalb Großbritanniens nur selten zu Gesicht, erst recht nicht alle gemeinsam und in drei unterschiedlichen Lackfarben. Dieser Coup gelingt uns dank der Unterstützung von Jensen-Sammler Jörg Hüsken und Jensen-Experte Jens Jansen – hier ist der Name noch Programm. Vielen Dank für diese einmalige Gelegenheit!

Erst mal tief durchatmen, bevor wir in die Innenräume der drei Jensen eintauchen. Die unterscheiden sich bei dem Trio nur in Nuancen, doch alle zeichnet der unglaublich gediegene, britische Stil aus: Wurzelholz, Leder, eine Armada von Kippschaltern und Instrumenten, die so auch in einem Abfangjäger stecken könnten, so lautet die deutsche Übersetzung von „Interceptor“. Schauen Sie sich doch einmal die Bilder dieses wunderbaren Interieurs ganz genau an – zum Verlieben. Was Ihnen allerdings auch spätestens beim dritten Blick auffallen dürfte, ist der Umstand, dass von der Außenbreite im Fußraum nichts zu spüren ist.

DATEN UND FAKTEN

Jensen FF, Baujahr 1969

MOTOR Chrysler B383, wassergekühlter 90°-V8, vorn längs, B x H 102 x 86 mm, Hubraum 6276 cm³, Leistung 325 PS bei 4690/min, Drehmoment 576 Nm b. 2800/ min, Verd. 8,5 :1, zwei Ventile je Brennr., betätigt über eine zentrale, kettengetriebene Nockenwelle, Stößelstangen, Hydrostößel, Kipphebel, Motorbl. und Zylinderk. aus Grauguss, fünf Kurbelwellenlager, ein Fallstrom-Vierfachverg. Carter AFB 2798S, Ölinhalt 4,7 Liter

KRAFTÜBERTRAGUNG Dreigangautomatik ChryslerTorqueflite A727, Zentraldifferenzial mit Momentenverteilung 37/63 Prozent, Viscosperre, permanenter Ferguson-Formula-Vierradantrieb

KAROSSERIE UND FAHRWERK Ganzstahlkar. auf Rohrrahmen, vorn Einzelradaufh. m. Halbachsen und Dreieckslenkern, beidseitig zwei Dämpfer-Feder-Einheiten, hinten Starrachse, Panhardstab, Blattfedern, v. und h. Stabilisatoren und innenbel. Scheibenbr., Dunlop-Maxaret-Antiblockiervorrichtung, Servo-Zahnstangenl., Felgen 6 J x 15, Reifen 205 VR 15

MASSE UND GEWICHTE Radstand 2769 mm, Länge x Breite x Höhe 4851 x 1778 x 1346 mm, Spur v./h. 1445/1445 mm, Gewicht 1807 kg,Tank 73 Liter

FAHRLEISTUNGEN UND VERBRAUCH Vmax 209 km/h, Beschl. 0 bis 100 km/h in 8,4 s, Verbrauch 14–20 l/100 km

BAUZEIT UND STÜCKZAHL 1966–1971: insg. 320 Ex., Mk I (66–69): 195 Ex., Mk II (69–71): 110 Ex., Mk III (71): 15 Ex.

US-Antrieb und Italo-Design

Klar, die alles entscheidende Einheit von Chryslers dickem V8 und daran angedockter Torqueflite-Dreigangautomatik benötigt viel Platz – mit seiner breiten Mittelkonsole dürfte dem Jensen ein Eintrag im Guinnessbuch sicher sein. Gut bestückt mit 16 Schaltern, Knöpfen und Hebeln markiert sie die Schaltzentrale – die überflüssig ist, wenn Stufe D eingelegt ist. Denn dann empfiehlt es sich, alle Aufmerksamkeit Gaspedalstellung, Lenkrad und Linksblinker zu schenken.

Der Beschleunigungseffekt bei leichtem Senken des Gaspedals beeindruckt. Die 325 SAE-PS scheinen recht komplett versammelt, und der 6,3-Liter-Gussmotor setzt vehement und grollend jeden Mikrometer in Vortrieb um. Nicht hektisch, nicht übertrieben spontan, doch unaufhaltsam konsequent geht es voran. Dabei überrascht das Fahrwerk – es stammt vom Vorgänger C-V8 ab – schon auf den ersten Metern mit einem sanften Ansprechen und ebensolchem Schweben über jegliche Art von Unebenheiten im Straßenbelag. Komfort wird hier ganz groß geschrieben. Verschwiegen werden soll hier allerdings nicht, dass die starrachsige Hinterhand – immerhin von einem Panhardstab abgestützt – gerne auskeilt, wenn es übertrieben wird. Und dafür reicht Drittelgas oft schon aus; kein Wunder bei 576 Newtonmetern, die ab 2800/min anliegen. Was beim Fahren durch die verwinkelten Sträßchen rund um das sächsische Nizza Radebeul überrascht: Die typischerweise sehr leichtgängige Lenkung gerät für einen Engländer dieser Ära recht präzise. Was am meisten Spaß bereitet: das Herausbeschleunigen aus der Kurve, untermalt von diesem unverwechselbaren Grollen der B-Engines aus dem Hause Chrysler.

„Ein Trio zum Träumen. Vom Urlaub in England mit vielen Landstraßen, am besten leeren“

Formel Future: der irrwitzige FF

Mit diesem Grollen kann der Jensen FF ebenfalls aufwarten. Doch daneben finden sich in ihm einige Pioniertaten in Sachen Technik. Sein Geheimnis deuten schon von außen die doppelten Luftauslässe in den vorderen Kotflügeln an, die die Verlängerung der Front um 76 Millimeter etwas kaschieren: erstes Großserienautomobil mit serienmäßigem Antiblockiersystem und erster Allradantrieb bei einem Straßenfahrzeug – zwar 63 Jahre nach dem Spyker 60 HP, doch immerhin 14 Jahre vor Audis Ur-Quattro.

Und das ist noch nicht alles, denn der Name FF verwendet die Initialen von Ferguson Formula – ein Hinweis auf die Provenienz des Allradsystems aus der Formel 1. Tatsächlich hatte Ferguson Research schon 1960 seinen Allradantrieb im Ferguson P99 präsentiert. Tragischerweise erlebt Sir Henry George Ferguson die Rennpremiere nicht mehr, neun Monate nach seinem Tod nehmen Sir Stirling Moss und Jack Fairman am 14. Großen Preis von Großbritannien auf dem Aintree Circuit bei Liverpool teil.

Sie starten für das Rob Walker Racing Team im P99 – doch der erste Einsatz eines Allradantriebs in der höchsten Rennklasse scheitert grandios. Disqualifizierung wegen Anschiebens. Auch wird deutlich, dass der P99 nicht konkurrenzfähig ist. Seine schnellste Runde liegt 4,6 Sekunden hinter dem Schnellsten, Phil Hill im Ferrari 156. Das allradgetriebene Frontmotor-F1-Projekt wird direkt wieder eingestellt.

Die Allrad-Vorteile sind schon damals unbestritten: bessere Traktion in jeder Lage – gerade für kraftstrotzende Sportwagen ein schlagendes Argument. Und jetzt kommt Jensen ins Spiel: Was unkonventionelle und zukunftsweisende Technik angeht, ist das Unternehmen schon seit seinen Anfangstagen in den 1920ern aktiv, als die Brüder Alan und Richard Jensen beginnen, Sportwagen zu verbessern. Ihre Umbauten und sportlichen Erfolge sorgen schnell für großes Renommee. Es folgen eigene Sportwagen, 1950 der erste Jensen und ein kurzes Zwischenspiel als Monteur des Volvo P1800.

Mit dem Allradantrieb kann Jensen wieder in technischer Hinsicht auf sich aufmerksam machen. Das Problem: Der permanente Allradantrieb schluckt große Teile der Leistung, in engen Kurven verschränkt er sich zudem lautstark und bremst – im Extremfall: blockiert – die Weiterfahrt. Doch technisch brilliert der FF, der schließlich auch noch das erste Antiblockiersystem (Dunlop Maxaret) an Bord hat.

Jensen lässt sich seinen Technologieträger stattlich bezahlen: Der FF kostet 1590 Pfund mehr als der Interceptor – bei schlechteren Fahrleistungen. Um die Eintrittskarte in die Jensen-Welt damals einordnen zu können, hier der Wechselkurs 1966: 11,17 D-Mark pro Pfund, macht also für einen Interceptor 41 887,50 DM, für den FF 59 647,80 DM. Zum Vergleich: Ein Jaguar E-Type kostete die Hälfte, ein Ferrari 250 GT SWB gut 50 000 Mark und ein Mercedes-Benz 600 Pullman 58 800 Mark. Der Aston Martin DBS lag gleichauf, preislich wie stilistisch. Beste Gesellschaft also für den vergleichsweise dezenten Jensen FF. Dementsprechend auch die Kundschaft : Eher alter Adel als Yuppies, eher altes Geld als schnelles – doch auch viele Musiker wie Ginger Baker, Cliff Richard und John Bonham. Selbst Jackie Stewart fuhr einen Jensen FF.

Jensen-Superlativ: der Six Pack

Doch die Konkurrenz schlief nicht – und mehr Leistung ist neben verbesserter Ausstattung schon immer eines der besten Argumente, um Begehrlichkeiten zu wecken. Also bringt Jensen nach modernisiertem Mk II ab 1969 (Interieur, Klimaanlage) 1971 den Mk III mit 7,2-Liter-V8. Kurz danach markiert der SP die Krönung der Palette – ein spektakuläres Auto, das optisch allerdings nahezu unverändert auf Zurückhaltung spielt.

Doch unter der Haube tobt es: Drei Holley-Doppelvergaser – das Six Pack – versorgen den 7,2-Liter-V8. Resultat sind 664 Newtonmeter und 390 ans Torqueflite weitergereichte Pferdestärken. Wir reden hier von dem Jahr, als Porsche seinen 911 S mit 190 PS und 216 Nm lancierte. Selbst der Colombo-V12 im Ferrari 365 GTC/4 leistet 50 PS – und 223 Nm – weniger als der SP. Und ja: Das macht den Kohl fett.

Wer im SP – wie der FF mit der Vorderachse des Jaguar Mk X – die volle Leistung von 390 PS per Kick-down anfordert, bekommt sie auch. Inklusive voller Dröhnung. Schon das Ansauggeräusch macht Angst, die wimmernden Hinterreifen wollen mal nach links, mal nach rechts ausbrechen. Und das Gebrüll des V8 nimmt exponentiell zu – ein dramatisch inszeniertes Crescendo, das kalt den Rücken herunterkriecht. Noch ein halbes Jahrhundert später, nach Gummiband-Tesla und modernen doppelkupplungsgeschalteten Sportwagen, fällt es mir schwer, auch nur annähernd Vergleichbares zu nennen. Wie Blitz und Donner gehört der Ausbruch eines SP zu den fast unbegreiflichen Urgewalten. Der mechanisch so profane Prozess des Gasgebens hat hier etwas Animalisches, Unberechenbares. Da passt nur ein Wort: Geil! ?

Fazit

So interessant und fortschrittlich die Technik des FF auch ist, das Fahrerauto ist der SP. Unglaublich, was abgeht, wenn die Drosselklappen der drei Doppelgaser am Anschlag sind. Vor 51 Jahren war das wirklich ein Supersportler, der den Namen Abfangjäger verdient. Dabei kann er Komfort und Strecke ebenso gut wie schwarze Striche malen. Ein Wahnsinnsgerät!

Kai Klauder

Jensen Interceptor (inkl. SP und FF)

Jensen sind typische Manufakturprodukte: handgemacht, daher jeder ein Unikat. Herausfordernd.

KAROSSERIE-CHECK

? Auch wenn die Qualität in der Produktionszeit hoch war, nach mehr als 50 Jahren sind unrestaurierte Jensen extrem selten. Denn Rost findet an ein paar Stellen gute Angriffspunkte. Die Besichtigung sollte am besten mit viel Licht und Hebebühne durchgeführt werden. Gerade an der Front, unter der Schwellerabdeckung sowie in den Radhäusern genau hinschauen. Es empfiehlt sich zudem, dieTeppiche zu lupfen und die Bereiche um die Scharniere der Heckklappe zu untersuchen. Der stabile Rahmen macht in der Regel keine Probleme.

TECHNIK-CHECK

? Die Chrysler-Triebwerke sind bei guter Pflege zuverlässig. Wenn allerdings die britischen Autos bei uns schnell unterwegs sind, sind thermische Probleme nicht selten. Durchgebrannte Zylinderkopfdichtungen können also vorkommen. Besonders beim komplexen FF sollte unbedingt ein Experte hinzugezogen werden. Mittlerweile kursieren in der Jensen-Szene viele Verbesserungen, auch für die SP-Vergaseranlage gibt es zuverlässigere und einfacher einzustellende Alternativen.

PREISE

Bei Einführung 1966 (Jensen Interceptor) ....................... 3750 Brit. Pfund

Classic-Analytics-Preis 2023 (Zustand 2/4) ................. 52 900 / 16 100 Euro

Versicherung (Haftpflicht/Vollkasko)*........................... 65,97 / 362,38 Euro

Bei Einführung 1966 (Jensen FF)...................................... 5340 Brit. Pfund

Classic-Analytics-Preis 2023 (Zustand 2/4) ............... 119 600 / 44 900 Euro

Versicherung (Haftpflicht/Vollkasko)*........................... 65,97 / 699,59 Euro

Bei Einführung 1971 (Jensen SP) ..................................... 7040 Brit. Pfund

Classic-Analytics-Preis 2023 (Zustand 2/4) .................59 300 / 18 600 Euro

Versicherung (Haftpflicht/Vollkasko)*........................... 65,97 / 405,34 Euro

ERSATZTEILE

? Für die geringe Produktionszahl ist die Ersatzteilsituation erstaunlich gut, eine Clubmitgliedschaft vorausgesetzt. Doch die Anpassungsarbeiten nicht unterschätzen – Jensen sind Manufaktur-Unikate.

CLUBS UND SPEZIALISTEN

JCC Jensen Car Club of Switzerland, Rudenzweg 66, CH-8048 Zürich, Tel. +41 (0)79/540 73 65, office@jcc.ch,

Jensen Owners’ Club, Interceptor: interceptor@joc.org.uk, FF: ff@joc. , SP: sp@joc.org.uk, www.joc.org.uk sowie www.joc.org.uk/joc-forum

Martin Robey, Pool Road, Camphill Industrial Estate, Nuneaton, CV10 9AE, UK,Tel. +44 (0)24/76 38 69 03,

Jens Jansen Classic Cars, Am Galgenberg 90, 01257 Dresden, Tel. 01 72/856 84 68,

SCHWACHPUNKTE