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Trocknet unsere ERDE aus?


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 20.01.2022

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 1/2022

GLOBALE KRISE Vertrocknete Felder, ausgedorrte Flüsse: Immer mehr Weltregionen leiden unter Wassermangel

Lake Oroville geht das Wasser aus. Die 4,364 Milliarden Kubikmeter, die der kalifornische Stausee normalerweise fasst, sind kaum noch zu erahnen: Dort, wo sonst Boote umherschippern, erstreckt sich eine kilometerlange trockene Sandf läche, rechts auf dem großen Foto zu sehen. Eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen: Das dortige Wasserkraftwerk, das bis zu eine halbe Million Haushalte mit Strom versorgt, steht erstmals seit seinem Bau 1967 still.

Die Situation am Lake Oroville ist kein Einzelfall. Laut einer Studie des World Resources Institute aus dem Jahr 2019 leiden weltweit bereits 17 Staaten unter extremem Wasserstress, 27 weitere weisen ein hohes Risiko auf. Bis 2050 sollen sogar zwei Drittel der Weltbevölkerung von den Auswirkungen der Wasserarmut betroffen sein. Besonders in warmen Regionen ist das Risiko hoch, etwa in der Türkei, Libyen, Saudi-Arabien oder im Iran. Hier wird immer mehr ...

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... Grundwasser aus dem Erdboden geholt, ohne dass genug nachkommt: „Süßwasser macht lediglich 2,5 Prozent des Gesamtvorrats der Erde aus“, erklärt Harald Köthe, Direktor des International Centre for Water Resources and Global Change in Koblenz gegenüber HÖRZU WISSEN. „Davon sind qualitativ nur 0,007 Prozent für den Menschen genießbar. Wasser ist ein sehr knappes Gut, mit dem bewusst umgegangen werden muss.“

LEERE Talsperren

Kapstadt gehört zu den Regionen, die zeitweise besonders betroffen waren. Im April 2018 stand Südafrikas Metropole kurz vor dem sogenannten „Day Zero“, der Begriff bezeichnet den Tag, an dem die Stadt nicht mehr in der Lage gewesen wäre, ihren Wasserbedarf aus eigenen Ressourcen zu decken. „Kapstadt hat daraufhin massive Wassersparmaßnahmen eingeleitet“, berichtet Harald Köthe. Die Bürger wurden angehalten, ihren Verbrauch auf 50 Liter pro Tag zu senken. Zum Vergleich: In Deutschland werden durchschnittlich 129 Liter pro Tag und Kopf verbraucht. „2018 kam es außerdem zu starken Regenfällen, sodass die ausgetrockneten Talsperren sich wieder etwas erholen konnten – da hat Kapstadt schlichtweg Glück gehabt“, sagt Köthe.

Auch viele US-Bundesstaaten kämpfen mit den Folgen anhaltender Dürren. Der Lake Powell, 350 Kilometer nordöstlich von Las Vegas gelegen, war Anfang 2000 laut US-Weltraumbehörde NASA noch zu 94 Prozent gefüllt, mittlerweile sind es nur noch knapp 42 Prozent. Ganze Bereiche des Areals sind ausgetrocknet (siehe Foto links). Für den Süden und Westen der Vereinigten Staaten sind diese Konsequenzen der anhaltenden Hitzewellen bedrohlich: Rund 20 Millionen Menschen in der Region versorgt der Stausee mit Trinkwasser. Auch die Landwirte leiden unter den sinkenden Pegelständen. Sie müssen zunehmend auf Produkte umstellen, die wenig Feuchtig­ keit benötigen, lassen Felder brachliegen – oder zapfen das Grundwasser an. Ein Vorgehen, dass die Versorgungssituation am Lake Powell noch zusätzlich belastet.

„Wasser ist ein sehr knappes Gut, mit dem bewusst umgegangen werden muss.“

Harald Köthe _ Direktor des International Centre for Water Resources and Global Change

KNAPPE Ressource

Die Gründe für die Dürren sind vielfältig. Ein Problem sieht Köthe im Bevölkerungswachstum. „Die Anzahl an Menschen steigt weltweit weiter, gleichzeitig vermehren sich aber die Süßwasserressourcen nicht. Immer mehr Leute müssen sich die Bestände teilen, die dadurch immer intelligenter verteilt werden müssen.“ Zudem habe der Klimawandel ein Ungleichgewicht zur Folge: „Die Erderwärmung sorgt für vermehrt auftretende Wetter extreme“, erklärt Harald Köthe. „Auch die Süßwasserressourcen werden dadurch umverteilt. Durch die kontinuierliche Erwärmung steigt die Verdunstung. Dürren und Nieder schläge werden extremer.“

„Wassermangel und Migration hängen eng zusammen.“

Harald Köthe _ Direktor des International Centre for Water Resources and Global Change

Es ist der Mensch, der für die zunehmende Wasserknappheit verantwortlich ist. So wird laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen weltweit 69 Prozent des Süßwassers in der Landwirtschaft verbraucht. 19 Prozent entfallen auf die Industrie, zwölf Prozent werden in Haushalten eingesetzt. In Asien ist die Lage besonders dramatisch: 81 Prozent der Vorräte dienen zur Bewässerung von Feldern. „Zwar versuchen viele Plantagenbesitzer inzwischen wasserschonend anzubauen, etwa durch Präzisionsbewässerung oder indem sie zum Beispiel durch Bodenbedeckung die Verdunstung reduzieren“, sagt Tanja Dräger de Teran, Referentin für nachhaltige Ernährung bei der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (W WF). „Der Effekt wird jedoch zunichtegemacht, wenn zusätzlich die vorhandenen Anbaugebiete immer weiter vergrößert werden, um mehr produzieren zu können.“

Auch Deutschland hat Anteil an der Entwicklung: „Wir tragen mit unserem Konsumverhalten hierzulande dazu bei, dass in manchen Regionen zunehmend Wasserknappheit herrscht“, sagt Tanja Dräger de Teran. „Ein Großteil der Ackerf lächen, die uns in Deutschland zur Verfügung stehen, nutzen wir ausschließlich für den Anbau von tierischen Futtermitteln.“ Zitrusfrüchte wie Orangen oder Mangos, die viel Bewässerung benötigen, werden aus ohnehin trockenen Regionen wie etwa Andalusien, Anatolien oder aus Indien importiert. Das hat besonders in ärmeren Ländern der Welt schwerwiegende Konsequenzen: „Wassermangel und Migration hängen eng zusammen“, sagt Harald Köthe. „Stehen die Zeichen einer gerechten Wasserverteilung in den nächsten Jahren nicht auf Veränderung, werden auf Dauer Millionen Menschen weltweit dazu gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen.“

TROCKENE Sommer

Hierzulande scheinen die Auswirkungen der Wasserknappheit bislang noch weniger bedrohlich zu sein. Zwar folgten auf 2018 zwei weitere Dürrejahre, doch wird mit den vorhandenen Grundwasservor räten gewissenhaft gewirtschaftet. Laut Umweltbundesamt werden im Schnitt jährlich 12,8 Prozent der Ressourcen entnommen, erst ab 20 Prozent spricht man von Wasser- stress. Allerdings gibt es auch hierzulande Orte, die unter Trockenheit leiden, etwa in Brandenburg. Seit Jahren folgt hier ein Dürrejahr auf das nächste: 2020 fielen lediglich 511 Liter Niederschlag pro Quadratmeter – das sind 45 Liter weniger als im Durchschnitt der Jahre 1960 bis 1990. Im Sommer des vergangenen Jahres bat die Regierung die Bürger daher eindringlich darum, Wasser zu sparen und zum Beispiel das Gießen des Rasens ausfallen zu lassen oder auf das Waschen des eigenen Autos zu verzichten. Selbst starke Regenfälle konnten das Grundwasser in Brandenburg nicht wieder auffüllen: „Stärkerer Niederschlag bedeutet nicht automatisch, dass mehr Wasser in die Böden einzieht. Je nach Bodenverdichtung und Nutzung kann es trotzdem sein, dass der Grundwasserspiegel weiter absinkt und Vegetation vertrocknet“, sagt Harald Köthe.

WO WASSER KN APP WIRD

Eine globale Krise Dürren, hohe Temperaturen, trockene Böde n: Immer mehr Regionen gerieten in den vergangenen Jahren in Wasserstres s. Besonders Länder in ohnehin heiß en Gegenden sind von der Entwicklung betroffen, etwa in Südasien oder Mittelamerika

GERECHTE Verteilung

Wie kann man den zunehmenden globalen Wassermangel bekämpfen? Es gibt einige Lösungsansätze: „Zunächst müssen die Verantwortlichen das verfügbare Süßwasser in der Region bestimmen und anschließend dafür sorgen, dass es sinnvoll verteilt wird“, sagt Köthe. „ Zudem ist es wichtig, lediglich Produkte anzubauen, für die das verfügbare Süßwasser nicht verschwendet und der Grundwasserspiegel nicht dauerhaft abgesenkt werden muss.“ Einige Länder wie etwa Spanien setzen auf Meerwasserentsalzungsanlagen. Laut dem Experten sei das jedoch kein ökologisch wertvolles Vorgehen: „Diese Methode benötigt viel Energie, die es wiederum nachhaltig zu erzeugen gilt.“

„Wir müssen unser Konsumverhalten verändern.“

Tanja Dräger de Teran _ Referentin für nachhaltige Ernährung

NACHHALTIGER Anbau

Eine ganz besondere Technik testet derzeit das Vereinigte Arabische Emirat Dubai. Regelmäßig herrschen in dem Wüstenstaat Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius, jährlich fallen nur 70 Liter Regen pro Quadratmeter. Viel zu wenig: Um der immer stärker werdenden Trinkwasserknappheit entgegenzuwirken, setzt die Regierung jetzt auf künstlich erzeugten Niederschlag. Bei der sogenannten „Cloud Seeding“- Technologie, im Deutschen auch „Wolkenimpfen“ genannt, werden von Flugzeugen aus Chemikalien wie Silberjodid in Wolken geschossen. Diese sollen durch chemische Reaktionen die Bildung großer Regentropfen fördern. Das ist wichtig, weil im extrem heißen Wüstenklima kleinere Tröpfchen oft schon verdunsten, bevor sie überhaupt den Boden erreichen. Der Erfolg dieser Methode, die auch in der russischen Steppe und den US-Bundesstaaten Arizona und New Mexico eingesetzt wird, lässt sich jedoch nur bedingt messen. Schließlich ist nicht abschätzbar, wie viel Regen ohne diese recht neue Technologie jeweils gefallen wäre. Wissenschaft und Technik werden es allein nicht schaffen, den überlebenswichtigen Rohstoff Wasser zu bewahren. Auch die Politik ist gefordert, damit der Wasserverbrauch gezielt gesenkt und die Ressourcen sinnvoll und gerecht verteilt werden können. Möglichkeiten für Einsparungen sehen Experten im Bereich Landwirtschaft. „Derzeit werden lediglich drei bis fünf Prozent der vorhandenen Anbauf läche für die Produktion von Obst und Gemüse verwendet“, sagt Tanja Dräger de Teran. „Deutschland hat sich in der Vergangenheit sehr auf die Herstellung von Wurst und Fleisch spezialisiert, das macht sich in der Landwirtschaft bemerkbar.“ Auf bis zu 50 Prozent aller Ackerf lächen werden Futtermittel angebaut. „Der Fleischkonsum müsste stark reduziert werden, damit die Flächen für die Herstellung anderer Lebensmittel genutzt werden können.“

Zwei Beispiele: Deutschland hat ideale Bedingungen für die Produktion von Nüssen. „An jeder Ecke wachsen hierzulande Haselnüsse“, sagt Dräger de Teran. „Dennoch importieren wir 96 Prozent der Haselnüsse, vor allem aus der Türkei.“ Ähnlich sieht es bei Beeren aus: Obwohl sowohl Heidel-, Johannis- als auch Himbeeren hier heimisch sind, kommt ein Großteil der erhältlichen Produkte aus wärmeren Ländern wie Spanien.

BEWUSSTER Konsum

Jeder Einzelne kann helfen, dem Wassermangel entgegenzuwirken. „So sollte man zum Beispiel bereits im Supermarkt darauf achten, wie hoch der Verbrauch beim Anbau des jeweiligen Produktes ist. In der Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch stecken im globalen Durchschnitt ca. 15.000 Liter, in einer Avocado ca. 1000 Liter Wasser“, erklärt Harald Köthe. „Dieses Wissen sollte heranwachsenden Generationen bereits im Schulunterricht vermittelt werden.“ Ein Nachhaltigkeitslabel auf den Produkten kann helfen, das Bewusstsein beim Kauf zu stärken und Orientierung zu geben. „Hier liegt die Verantwortung bei der Politik, für mehr Transparenz zu sorgen und ein verbindliches Label zu etablieren“, sagt Tanja Dräger de Teran. „Dieses sollte neben Klima zum Beispiel auch Angaben zu Artenvielfalt enthalten. Zukünftig sollte die einfache Wahl die gesunde und nachhaltige Wahl sein, ob in der Kantine oder beim Einkaufen.“

Harald Köthe sieht das ähnlich: „Im Grunde bedarf es eines Gütesiegels, das den ‚Wasserfuß abdruck‘, also den Verbrauch bei der Produktion, direkt kennzeichnet“, so der Experte. „Das befindet sich derzeit noch in der wissenschaftlichen Entwicklung, aber ich bin sicher, dass es in den kommenden Jahren Teil unseres Alltags sein wird.“

MELANIE KOCH