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TROPEN DAS STURMMONSTER


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 27.07.2018

Ein mysteriöses tropisches Wettermuster, die so genannte Madden-Julian-Oszillation, löst Überschwemmungen, Hitzewellen und Wirbelstürme rund um den Globus aus.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 3/2018

Zu Beginn einer Madden-Julian-Oszillation im Frühjahr 2011 türmten sich diese Wolken über dem Indischen Ozean auf.


Eric Hand ist Redakteur bei der Fachzeitschrift »Science« mit Schwerpunkt Geowissenschaften und Planetologie.

►►spektrum.de/artikel/1405259

Anfang 2015 ballten sich über dem Indischen Ozean Wolken zusammen und formierten sich zu einem düsteren Geschwader, das längs des Äquators ostwärts zog. Wo es hinkam, brachte es heftige Regenfälle ...

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... und schwere Stürme. Als es im März schließlich östlich von Neuguinea den Pazifik erreichte, bedeckte es ein tausende Kilometer breites Areal, in dem die Wolken bis zur Stratosphäre emporragten. Andauernde starke Westwinde trieben warmes Wasser vor sich her und schoben es zu einem flüssigen Hügel zusammen, der sich zwar nur wenig über den mittleren Meeresspiegel erhob, aber tief in die kalten Schichten darunter eindrang. Dieser enorme Wasserwulst wälzte sich ostwärts wie eine auf dem Kopf stehende Flutwelle. Im Mai rollte eine zweite solche Warmwasserbeule, begleitet von Sturm und Regen, in den Westpazifik. Eine dritte folgte im Juli.

Schon vor dem Erscheinen dieses Trios hatte sich im Ostpazifik vor der peruanischen Küste warmes Wasser angesammelt, was auf den Beginn eines globalen Wetterphänomens hindeutete, das als El Niño bekannt ist. Zunächst schien es nur schwach auszufallen. Aber als die drei zusätzlichen Warmwasserschübe nach Durchqueren des Pazifiks dort eintrafen, verwandelten sie es in das stärkste solche Ereignis seit dem Rekord von 1997. Auf seinem Höhepunkt im Januar kam es zu schweren Regen-fällen und Überschwemmungen an der normalerweise wüstenartig trockenen Westküste Südamerikas. Selbst das sonst sonnige Kalifornien versank teilweise in den Fluten.

Obwohl das ungewöhnlich starke El-Niño-Ereignis Schlagzeilen machte, fand das Phänomen, dem es seine Intensität verdankte, fast kein Echo. Selbst sein Name ist kaum bekannt: Madden-Julian-Oszillation (MJO). Das steht in krassem Widerspruch zur Bedeutung dieser meteorologischen Erscheinung – hat sie doch Auswirkungen weit über El Niño hinaus. In den Tropen ist die MJO der wichtigste Wetterfaktor, aber auch in höheren Breiten kann sie für Kälteeinbrüche, Hitzewellen, Regenperioden und Hurrikane sorgen. Adam Sobel, Atmosphärenforscher an der Columbia University in New York, wundert sich, dass wir trotzdem so wenig darüber wissen: »Die meisten haben nicht einmal davon gehört!«

Doch langsam beginnen die Wissenschaftler diese verborgene Kraft im Wetter- und Klimageschehen zu enträtseln. Nach jahrzehntelangen Fehlversuchen lässt sie sich inzwischen sogar am Computer simulieren. Das hilft insbesondere bei längerfristigen Wettervorhersagen. Klimaforscher wiederum versuchen herauszufinden, wie sich die MJO in einer wärmer werdenden Welt verhält. Und nach einer ausgedehnten Forschungskampagne im Indischen Ozean, an der Dutzende von Nationen teilnahmen, zeichnen sich auch erste Antworten auf die beiden elementarsten Fragen ab: Warum existiert die MJO überhaupt, und wie entsteht sie?

In manchen Jahren tritt keine einzige MJO auf, in anderen dagegen sind es mehr als ein halbes Dutzend. Meist entstehen sie im nördlichen Winter über dem Indischen Ozean, wo hohe Regenwolken zu Clustern verschmelzen. Vor dieser von Regen und Wind begleiteten »aktiven Front« befindet sich eine Schönwetterzone, die »Suppressionsregion «. Beide ziehen als Tandem mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Metern pro Sekunde ostwärts über Indonesien zum Pazifik. Dort lassen die Stürme nach, aber das System beschleunigt sich und bewegt sich nun um ungefähr 15 Meter pro Sekunde voran. Einige MJOs lösen sich auf, wenn sie auf den Gebirgswall der Anden treffen, andere setzen sich über Südamerika bis zum Atlantik oder Afrika fort. Manche umrunden sogar den Globus und erreichen nach ein bis zwei Monaten wieder ihren Ursprungsort im Indischen Ozean.

Während die aktive Front am Äquator entlangwandert, beeinflusst sie auch das Wetter in höheren Breiten. Im Indischen Ozean kann sie den indischen und australischen Monsun anstoßen oder verstärken. Über dem Pazifik lösen sich manchmal wellenartige Störungen von der MJO ab und lenken den Strahlstrom um, so dass er feuchte Luft aus der Region um Hawaii polwärts führt, die dann als atmosphärischer Fluss, Pineapple Express genannt, an der Pazifikküste Nordamerikas für sintflutartige Regenfälle sorgt (sieheSpektrum April 2013, S. 74).

Andere Fernwirkungen in der Atmosphäre führen zu Kälteeinbrüchen und Hitzewellen in Nordamerika und Europa. Und wenn es die MJO bis in den Atlantik schafft, kann sie die Bildung von Wirbelstürmen beeinflussen. Diese treten dann mit bis zu viermal so hoher Wahrscheinlichkeit auf, wie eine Studie aus dem Jahr 2000 ergab. So entstand der Hurrikan Sandy 2012 direkt nach dem Durchzug einer starken MJO.

Roland Madden und Paul Julian gelang der Nachweis der später nach ihnen benannten Oszillation 1971 nur indirekt – durch kühne Schlussfolgerungen und einen der leistungsfähigsten damaligen Lochkartencomputer, den sie mit Daten von Wetterstationen auf weit verstreuten Inseln im Pazifik fütterten (siehe »Wie zwei Pioniere den Tropen den Puls fühlten«, S. 28). Doch bald offenbarte sich das Phänomen unmissverständlich auf Bildern von Wettersatelliten, die Pulks von Gewitterwolken zeigten, welche entlang des Äquators die Erde umrundeten. Allerdings ließen sich die MJOs nicht mit gängigen Computerprogrammen für Wettervorhersagen und Klimaprognosen reproduzieren.

Real, aber mit Wettermodellen nicht nachvollziehbar
Meteorologische Modelle unterteilen die Erdatmosphäre in Millionen von Kästchen. Wetterbeobachtungen liefern die Ausgangsdaten wie Temperatur, Luftfeuchte oder Windgeschwindigkeit für jede Zelle. Dann wird die Simulation gestartet und anhand physikalischer Gesetzmäßigkeiten die weitere Entwicklung berechnet. Durch Verkleinerung der Kästchen steigt die Auflösung – und damit die Zuverlässigkeit –; doch die nötige Rechenleistung erreicht dabei schnell astronomische Höhen. Eines der weltweit besten Vorhersagemodelle, das Forscher am European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF), dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen, in Reading (England) betreiben, verwendet Kästchen mit einer Seitenlänge von 16 Kilometern. Das ist immer noch zu grob, um lokale Vorgänge wie das Aufquellen einer Gewitterwolke zu erfassen. Erst in einem Jahrzehnt dürften Computer leistungsfähig genug für globale Modelle sein, welche die Entwicklung einzelner Wolken einbeziehen. Andere Fernwirkungen in der Atmosphäre führen zu

AUF EINEN BLICK: VERBORGENE KRAFT IM WETTERGESCHEHEN

1 In unregelmäßigen Abständen braut sich im Indischen Ozean ein riesiges Sturmsystem

2 Dabei beeinflusst es das Wetter auch außerhalb der Tropen, wo es für Kälteeinbrüche, Hitzewellen, Regenperioden und Hurrikane sorgen kann. zusammen, das dann ostwärts am Äquator entlang um den Globus zieht.

3 Obwohl schon 1970 entdeckt, ließ sich das Phänomen erst vor wenigen Jahren am Computer simulieren. Inzwischen gibt es immerhin ein plausibles Erklärungsmodell, aber viele grundlegende Fragen sind immer noch offen.

Einstweilen tricksen die Modellierer. Das geschieht mit »Parametrisierungen«, vereinfachten Gleichungen für kleinräumige Vorgänge wie die Wolkenbildung innerhalb der Kästchen. Bei dieser Vorgehensweise schlüpfen die MJOs jedoch irgendwie durch die Maschen. In den Modellen brauen sich zwar Sturmtiefs über den tropischen Meeren zusammen; doch geschieht das zu schnell an zu vielen Orten, wodurch die Feuchtigkeit lokal als Regen niedergeht, statt dass sich kleine bis mittelgroße Wolken zu den für MJOs typischen Geschwadern vereinigen.

Einen ersten Durchbruch brachte 2008 eine Veröffentlichung unter Federführung von Peter Bechtold. Der leitende Wissenschaftler am ECMWF erkannte, dass die üblichen Parametrisierungen Verwirbelungen an den Rändern von Wolkentürmen, in denen feuchtwarme Luftmassen aufsteigen, nicht berücksichtigen. Durch diese Turbulenzen wird trockenkalte Luft beigemischt, was Meteorologen als Entrainment bezeichnen. Das bremst den Aufstrom und verlangsamt die Wolkenbildung. So unterbleibt das frühzeitige Ausregnen, das die Entwicklung von MJOs im Keim ersticken würde. Bechthold zeigte, dass im Wolkenmodell des ECMWF solche Oszillationen auftraten, wenn er durch Änderung der Parametrisierungen dem Entrainment Rechnung trug.

Meteorologen weltweit griffen die neuen Erkenntnisse auf und bauten sie in andere führende Wettermodelle in Europa, Japan und den USA ein – was angesichts des bedeutenden Einflusses von MJOs auf das Wettergeschehen die Treffsicherheit der Vorhersagen erheblich steigerte. Das ECMWF erstellt inzwischen recht zuverlässige Prognosen für einen Rekordzeitraum von 25 Tagen. Anfang 2015 hat das WSI, eine Abteilung des privaten Wetterdienstes The Weather Company, ein Wettermodell auf MJO-Basis vorgestellt, das Kälteeinbrüche und Hitzewellen in Nordamerika und Europa bis zu fünf Wochen im Voraus anzeigen kann. Kunden sind laut Michael Ventrice, einem WSIForscher in Andover (Massachusetts), bisher hauptsächlich Hedgefonds und Börsenhändler, die auf die Preise von Energieträgern wie Heizöl oder Erdgas wetten wollen. Außerdem nutzen Einzelhändler – so der Wissenschaftler – MJO-Modelle anderer Anbieter, um den günstigsten Zeitpunkt für Schlussverkäufe zu ermitteln.

Klimaforscher sind bei der Simulation von MJOs noch nicht so weit wie die Meteorologen. Das rührt zum Teil daher, dass der Trick, der bei Wettervorhersagen recht gut funktioniert, bei weltweiten langfristigen Klimaprojektionen unerwünschte Nebeneffekte hat. Je mehr Entrainment man annimmt, was den größten Gewitterwolken Feuchtigkeit entzieht, desto mehr Wasserdampf bleibt für mittelgroße Regenwolken übrig, wodurch das Klima weltweit zu nass wird.

Einige Forscher basteln an Auswegen, indem sie weiter an der Parametrisierungsschraube drehen oder kleinräumige Wolken explizit simulieren. Dennoch produzieren laut einer Untersuchung vom Mai 2015 nur 8 von 27 globalen Klimamodellen eine passable MJO. Einige erzeugen sogar Exemplare, die sich in die falsche Richtung bewegen, also von Ost nach West.

Immerhin vermitteln die Modelle bereits eine Ahnung davon, wie MJOs in einer wärmeren Welt aussehen könnten. Laut einer Fachveröffentlichung vom Juli 2015 sollten sie an Häufigkeit und Stärke zunehmen, falls die globale Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts um vier Grad Celsius gestiegen ist – was angesichts ungebremst anwachsender Kohlendioxidemissionen durchaus realistisch erscheint. Das sei eine gute und schlechte Nachricht zugleich, meint Eric Maloney, Atmosphärenforscher an der Colorado State University in Fort Collins. »Stärkere MJOs werden wohl die Wetterextreme verschärfen, sich aber auch leichter für die jeweils bevorstehende Jahreszeit vorhersagen lassen.«

In 30 bis 60 Tagen um die Welt

Eine Madden-Julian-Oszillation (MJO) besteht aus einer aktiven Front, in der feuchte Luft aufsteigt, und einer vorgelagerten »Suppressionsfront« mit trockener, absteigender Luft. Beide wandern synchron längs des Äquators mit einer Geschwindigkeit von knapp 20 Kilometern pro Stunde ostwärts und können so unter günstigen Umständen in ein bis zwei Monaten den Globus umrunden. Dabei beeinflussen sie das Wetter nicht nur in den Tropen, sondern auch in höheren Breiten, indem sie Phänomene wie den Monsun und Hurrikane auslösen oder verstärken.

Wie zwei Pioniere den Tropen den Puls fühlten

Anfang der 1970er Jahre fütterten zwei junge Wissenschaftler am National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder (Colorado) den Zentralrechner ihres Instituts mit dicken Stapeln von Lochkarten. Roland Madden, der vorher für die US-Luftwaffe Wettervorhersagen erstellt hatte, und Paul Julian mit seiner damals noch seltenen Erfahrung in der neuartigen Kunst, per Computer nach Mustern in Messdaten zu fahnden, setzten ihren Ehrgeiz daran, verborgene Rhythmen im Wetter der Tropen aufzuspüren.

Das für langweilig gehaltene tropische Wetter hatte mehr zu bieten als schwüle Hitze
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begannen Meteorologen auf weit im Pazifik verstreuten Inseln Wetterstationen zu errichten, an denen sich mit der Zeit umfangreiche Datensätze ansammelten. Deren Analyse enthüllte in den frühen 1960er Jahren einen 26-monatigen Zyklus beim Wind in der Stratosphäre, der die Bezeichnung quasizweijährige Schwingung (quasi-biennial oscillation) erhielt. Wie diese Entdeckung zeigte, hatte das für langweilig gehaltene tropische Wetter mehr zu bieten als die immer gleiche schwüle Hitze.

Madden und Julian vermuteten weitere Gesetzmäßigkeiten, die sie aufdecken wollten. Dafür stand ihnen ein fabelhafter neuer Computer zur Verfügung: eine CDC 600 der Control Data Corporation mit 64-Kilobit-Speicher und einer Taktfrequenz von zehn Megahertz. Außerdem beherrschten die beiden Forscher mit der gerade erst von Mathematikern entwickelten schnellen Fouriertransformation eine neuartige Methode, um Wetterdaten nach zeitlichen Mustern bei Windgeschwindigkeit, Temperatur oder Luftdruck zu durchforsten. Nur eines fehlte: ein ausreichend großer Datensatz.

Was Madden und Julian schließlich ausfindig machten, stammte von einem einsamen Fleck namens Kanton Island mitten im Pazifik. Das Atoll befindet sich etwa auf halbem Weg zwischen Hawaii und Fidschi – nahe dem Kreuzungspunkt von Datumsgrenze und Äquator. Ein Bediensteter ließ dort seit vielen Jahren täglich um 1 Uhr mittags einen Wetterballon aufsteigen, der Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Druck in verschiedenen Höhen maß und die Daten, aus denen sich über geometrische Berechnungen auch die Windgeschwindigkeit ergibt, per Funk an die Bodenstation übermittelte.

Die bis 1970 gesammelten Messwerte stapelten sich beim NCAR auf Magnetbändern. Madden übertrug sie auf Lochkarten zum Einlesen in die CDC 600. Tausende solche Karten bewahrt der inzwischen 79-jährige Forscher immer noch in Kartons in seiner Garage auf. »Ich verwende sie für Einkaufslisten«, sagt er. »Ich nehme an, dass sie nur noch Museumswert haben.«

Die Museumsstücke von heute ratterten seinerzeit durch den Rechner und speisten ihn mit Daten für die Fourieranalyse. Und die ergab Erstaunliches: Durchschnittlich alle 44 Tage fiel der Luftdruck stark ab, und die Windgeschwindigkeit erreichte ein Maximum. Madden und Julian schlossen daraus, dass in mittleren Abständen von eineinhalb Monaten ein Sturmtief die Insel heimsuchte. In ihrer Veröffentlichung von 1971 im »Journal of Atmospheric Sciences« sprachen sie von einer 40-bis-50-Tage-Oszillation. Dennoch wussten sie nicht genau, worum es sich eigentlich handelt. »Uns standen lediglich Daten dieser einen Wetterstation zur Verfügung«, erinnert sich Madden. »Hatten wir es mit periodisch durchziehenden Tiefs oder mit lokalen Pulsationen zu tun? Wir konnten nur spekulieren.«

Um Klarheit zu gewinnen, verschafften sich die beiden Forscher meteorologische Aufzeichnungen von anderen entlegenen Inseln mit exotischen Namen wie Eniwetok, Wake und Yap. Außerdem zogen sie Luftdruckmessungen an Bord von Schiffen heran, die im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 kreuz und quer über den Pazifik gefahren waren. Stück für Stück begann sich so ein geografisches Gesamtbild abzuzeichnen. Und das machte zunächst einmal deutlich, dass sich die Oszillation auf die Tropen beschränkte – jenseits von zehn Grad Nord oder Süd war nichts davon zu sehen. Unklar blieb dagegen, ob sie an Ort und Stelle verharrte oder als zusammenhängendes System über den Ozean zog.

Ein Heureka-Erlebnis: Roland Madden sah, wie die Störung am Äquator entlangwanderte
Eines Abends nahm Madden dann Unterlagen mit nach Hause, um sie in Ruhe zu sichten. Es handelte sich um Ausdrucke eines Datensatzes, der an der Meeresoberfläche gemessene Luftdruckwerte bei verschiedenen Längengraden im Zeitverlauf darstellte. Madden breitete sie über seiner Couch aus und begann sie zu studieren. Von Hand rechnete er die langfristigen Mittelwerte aus und stellte fest, dass praktisch an jedem Tag bei irgendeiner geografischen Länge eine negative Druckanomalie auftrat. Einen oder zwei Tage später befand sie sich dann ein Stück weiter östlich. Es war ein Heureka-Erlebnis – zum ersten Mal sah Madden, wie jene Störung, die dereinst seinen Namen tragen würde, am Äquator entlangwanderte.

Neue Erkenntnisse durch internationale Kampagne
Was die Meteorologen betrifft, so erhoffen sie sich von der Auswertung einer rund 60 Millionen Dollar teuren Kampagne namens CINDY/DYNAMO endlich eine genaue Antwort auf die Frage, wie eine MJO überhaupt entsteht. Unter Führung von Japan und den USA richteten sie den Blick vor allem auf den Indischen Ozean. Es sei ein Rätsel, wieso die Oszillationen gerade dort ihren Ausgang nehmen, erläutert Chidong Zhang, der an der National Oceanic and Atmospheric Administration die Wechselbeziehungen zwischen Atmosphäre und Ozean untersucht und für den US-Beitrag zu dem Projekt verantwortlich war, an dem Universitäten und andere Forschungseinrichtungen aus 14 Ländern mitwirkten.

Vom Oktober 2011 bis März 2012 – eine Wintersaison, in der gute Chancen bestanden, ein paar im Entstehen begriffene MJOs zu erleben – nahmen die Teilnehmer der Kampagne das Zielgebiet ins Visier. Zwar erlauben Satelliten einen Blick von oben auf die Bewölkung. Aber um zu beobachten, wie eine MJO Gestalt annimmt, brauchten die Forscher ein vertikales Profil sämtlicher Wolkenschichten. Die Informationen dafür erhielten sie unter anderem von mehrkanaligen Radarstationen sowie von weiteren Instrumenten an Land und auf Schiffen oder Bojen. Wertvolle Messdaten lieferten auch mehr als 23 000 Wetterballone und zwei Spezialflugzeuge.

Trotz der Datenfülle ließ sich der tiefere Grund für die Existenz der MJOs noch nicht eindeutig bestimmen. Nach einer neuen, aussichtsreichen Theorie handelt es sich um eine Sonderform so genannter Kelvinwellen. Diese Druckschwankungen bewegen sich zwar normalerweise sehr viel schneller ostwärts. Außerdem treten sie nur bei trockener Atmosphäre auf. Nach Aussage von Maloney deuten die Ergebnisse von CINDY/DYNAMO jedoch darauf hin, dass MJOs den »feuchten Modus« von Kelvinwellen in wasserdampfhaltiger Luft repräsentieren, die in Gewitterwolken zirkuliert.

Laut Del Genio, der als Außenstehender die Debatten verfolgt hat, »scheint die Feuchtemodus-Theorie an Boden zu gewinnen«. Zhang, der 2005 in einem Übersichtsartikel ein halbes Dutzend Erklärungsmodelle betrachtet hat, zögert aber, sie bereits zum Sieger zu erklären, obwohl er sie ebenfalls für recht überzeugend hält.

Selbst wenn die Theorie zutrifft, erhebt sich allerdings die Frage, warum die feuchte Luft zu der fraglichen Zeit ausgerechnet über dem Indischen Ozean zusammenströmt. Doch auch darauf scheint die Kampagne CINDY/ DYNAMO eine plausible Antwort geliefert zu haben. Eine entscheidende Rolle spielt demnach die innertropische Konvergenzzone (ITKZ): ein Band tiefen Luftdrucks, das zwischen den Passatwindsystemen der beiden Erdhalbkugeln verläuft und mit dem Sonnenstand auf- und abwandert. Im nördlichen Winter befindet es sich 500 bis 1000 Kilometer südlich des Äquators. Bei der Kampagne stellte sich nun heraus, dass sich die ITKZ immer kurz vor dem Auftreten einer MJO nach Norden verlagert und genau die Region im Indischen Ozean, in der sich das Sturmsystem zusammenbraut, mit feuchtwarmer Luft versorgt.

Der Anlass für die Verlagerung könnte laut Zhang trockene Luft sein, die aus nördlichen Regionen heranströmt. So wie sich die MJO auf das Wetter in höheren Breiten auswirkt, reagiere sie ihrerseits – vermutet Maloney – womöglich auf Einflüsse von dort. Obwohl die DYNAMO-Kampagne also denkbare Antworten auf einzelne Fragen gab, bleibt manches rätselhaft. Zum Beispiel sind sich die beteiligten Forscher nach Aussage von Zhang nicht einmal einig, wie viele MJOs sie beobachtet haben. Nach übereinstimmender Ansicht waren es mindestens zwei. Dagegen scheiden sich die Geister an einem dritten Ereignis, das nur einige der Kriterien für MJOs erfüllte. »Wir wollten herausfinden, was das Phänomen genau auslöst; aber am Ende waren wir uns nicht einmal sicher, worin es überhaupt besteht«, spottet Zhang. »Das nenne ich Fortschritt!« Doch ebendarin besteht das Wesen der Wissenschaft: durch das Klären von Begriffen und Verfeinern von Definitionen den Weg frei zu machen, der schließlich zur Lösung auch alter, hartnäckiger Rätsel führt.

© Science
Dieser Artikel (hier in aktualisierter Form) erschien unter dem Titel »The storm king« in Science 350, S. 22–25, 2015; Abdruck genehmigt von AAAS

QUELLEN

Chang, C.-W. J. et al.: The Madden-Julian Oscillation in a Warmer World. In: Geophysical Research Letters 42, S. 6034–6042, 2015

Fu, X. et al.: Multi-Model MJO Forecasting during DYNAMO/CINDY Period. In: Climate Dynamics 41, S. 1067–1081, 2013

Krishnamurti, T. N. et al.: Madden Julian Oscillation. In: Tropical Meteorology. Springer, Heidelberg 2013, S. 143–168

Shinoda, T. et al.: Large-Scale Oceanic Variability Associated with the Madden-Julian Oscillation during the CINDY/DYNAMO; Field Campaign from Satellite Observations. In: Remote Sensing 5, S. 2072– 2092, 2013

Zhang, C.: Madden-Julian Oscillation. In: Reviews of Geophysics 43, RG2003, 2005

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OWEN SHIEH

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, OBEN NACH: NOAA CLIMATE.GOV; UNTEN NACH HAND, E.: THE STORM KING. IN: SCIENCE 350, S. 22-25, 2015

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