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TROTZDEM LEBERWURST KAUFEN


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 20.03.2019

Ihre Fans lieben sie für ihre direkte, schnoddrige Art und ihre unerschöpfliche Energie. Ihren neuen Roman hat Sarah Kuttner in nur fünf Monaten geschrieben. Es ist eine warmherzige Geschichte über Liebe, Trauer und einen kleinen Jungen geworden, der viel zu kurz lebt. Wir trafen Sarah Kuttner nach einem Videodreh beim Argon Verlag in ihrer Heimatstadt Berlin und sprachen mit ihr über Trauer- und Gartenarbeit.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 3/2019

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Was mögen Sie am kleinen Kurt?
Der ist mit seinen fünf Jahren genau in dem Alter, in dem Kinder noch nicht so darauf achten, wie ihre Außenwirkung ist. Er ist noch ganz pur mit seinen Ängsten und mit Sachen, die ihn ärgern. Das finde ich ganz zauberhaft. Was den kleinen Kurt zum Beispiel sehr beschäftigt, ist, dass ihm jemand im Kindergarten erzählt hat, dass keine neuen Zähne mehr nachkommen, wenn die Milchzähne ausgefallen sind. Obwohl sein Vater und Lena versuchen, ihm klarzumachen, dass das nicht passieren wird, bleibt trotzdem eine latente Angst zurück, dass es vielleicht doch stimmen könnte. Klar mag ich ihn, ich habe ihn hergestellt. Ich hatte auch einfach Lust, eine Kinderfigur zu erfinden.

Waren Sie selbst traurig darüber, als der kleine Kurt in der Geschichte gestorben ist?
Als es so weit war, ihn sterben lassen zu müssen, tat es mir schon leid. Das ist schon komisch. Ich habe das dann ganz leise und still gemacht, weil ich nicht wollte, dass man so sensationsgeil wird beim Lesen.

Sie haben Sterbefälle im näheren Umfeld erwähnt. Im Roman schreiben Sie viel über Trauer. Haben Sie selbst ähnliche Erfahrungen gemacht wie Ihre Figuren?
In den letzten Jahren sind ein paar Menschen gestorben, die mir nahestanden. Also kein Kind von einem Freund oder so. Aber ich kann schon nachvollziehen, was Lena und Kurt empfinden. Und ich habe viel schlechten Umgang mit Trauer erlebt. Darum geht es in dem Buch ja auch ein bisschen. Wie die Leute versuchen, den großen Kurt zu trösten. Und wie das alle falsch machen, weil die Angst vorm Sterben und vor dem fremden Leid so groß ist. Eine Freundin hat vier Monate bei mir gewohnt, nachdem ihr Freund gestorben ist. Da habe ich zu ihr gesagt: Du musst raus aus eurer Wohnung, pack deinen Koffer, ich nehm dich bei der Hand. In meiner Wohnung hab ich ihr erst einmal Spaghetti bolognese gekocht und dann haben wir dort vier Monate Trauerbewältigung gemacht. Ich finde, wir waren ziem lich cool. Wir haben uns Zeit genommen zum Weinen, ich habe nicht getröstet und nicht bewertet. Gleichzeitig habe ich sie gezwungen, einmal am Tag mit meinem Hund rauszugehen, damit sie regelmäßig vor die Tür kommt. In dieser Zeit habe ich viel darüber gelernt, auf welche Art Leute traurig sind und was man dagegen machen kann und was besser nicht. Das war sehr interessant.


„ICH WOLLTE DIE GESCHICHTE AUFS LAND VERLEGEN, WEIL ICH ES LIEBER MAG, WENN ALLES EIN BISSCHEN UNMODERN UND OLL IST.“


Was kann man dagegen machen?
Wirklich dagegen machen kann man nichts. Man kann nur versuchen, anwesend zu sein. Zeit für Trauer zu lassen. Bei uns war die erste Sache morgens der Spaziergang mit dem Hund. Da war ich auch ganz dankbar, dann konnte ich ausschlafen. Und es war vollkommen klar, wenn sie mit dem Hund wiederkam, dass ihr das Rausgehen guttut. Danach hat sie eine Stunde geweint. Einmal am Tag haben wir versucht, was Schönes zusammen zu machen. Nur was Kleines, es gehen tatsächlich oft nur kurze Schritte. Es darf alles stattfinden, weinen und essen und trinken und wieder weinen und mit dem Hund raus und noch mal weinen und Bücher über Trauerbewältigung lesen und, was immer wichtig erscheint und gut tut. Humor funktioniert, selbst bei Menschen, die gerade jemanden verloren haben. Wir waren zusammen Schuhe für die Beerdigung kaufen und wir haben es geschafft, einen Witz darüber zu machen, dass wir jetzt im Schuhladen stehen und feine schicke Schuhe für eine Beerdigung kaufen müssen. Ich glaube, wenig Leute trauen sich, lustig zu sein mit Leuten, die trauern, aber das brauchen die auch. Es ist nicht einfach. Aber man kommt damit klar, wenn man es so normal wie möglich behandelt und nicht so tut, als wenn es nicht da ist. Sondern, ja hier ist ein Kind gestorben, wir müssen trotzdem Leberwurst kaufen.

Wie war es denn für Sie, den Roman als Hörbuch einzusprechen?
Sprechen ist ja quasi mein eigentlicher Beruf und zum Moderieren gehört es auch, Texte einzusprechen und dafür zu sorgen, dass es nicht so gelesen klingt. Das macht mir Spaß. Wir brauchen immer nur zwei Tage dafür. Es ist immer schön, wenn man das Buch noch mal am Stück liest und sich dann selbst denkt: Oh ja, das ist gut geworden! Da ist man sich vorher manchmal gar nicht so sicher. Ganz automatisch lektoriere ich dabei auch ein bisschen und denke mir manchmal: Da hätte ich auch noch mal ein anderes Wort benutzen können und das hätte noch kürzer gekonnt …

Kommt es vor, dass Sie beim Vorlesen noch etwas an den Texten verändern?
Um ehrlich zu sein, lese ich nie einfach nur den Text vor, der vor mir liegt. Ich darf das ja, weil ich es geschrieben habe. Das Hörbuch ist tatsächlich immer ein kleines bisschen anders als das Buch – vielleicht macht es das auch spezieller. Ich benutze mehr Füllwörter (fürchte ich), damit es wirklich wie erzählt klingt und nicht wie vorgelesen.

Lena und der große Kurt ziehen aus Berlin aufs Land, sie wollen dem kleinen Kurt nahe sein, der mit seiner leiblichen Mutter Jana in Oranienburg lebt. Mal abgesehen davon, dass es einfach gut in die Geschichte passt, wieso haben Sie dieses Setting auf dem Land gewählt?
Ich habe eine große Liebe zu Brandenburg, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Meine Oma hatte ein Grundstück in der Schorfheide, da waren wir fast jedes Wochenende. Ich bin mit meinem Opa mit dem Rad durch den Wald gefahren. All diese Erinnerungen stehen auch im Buch. Vor fünf Jahren hab ich mir selbst mein eigenes kleines Wochenendhäuschen gekauft, tatsächlich auch in der Nähe von Oranienburg. Ich mag, dass es sehr nahe an Berlin ist. Man fährt 30 Minuten und dann ist man da. Ich mag auch dieses Unprätentiöse, das ich auch im Roman beschreibe. Tolle Natur und dabei ein bisschen rumpelig – das ist genau meins. Ich wollte die Geschichte aufs Land verlegen, weil ich es lieber mag, wenn alles ein bisschen unmodern und oll ist. Lena und Kurt können sich auch ein Haus in einer Zwangsversteigerung leisten: Enge Treppen aus Fichtenholz und Vinyltapeten an den Wänden, statt Fischgrätparkett und Schiefer. Ich finde das viel realistischer.

Sieht Ihr Häuschen in Brandenburg denn so aus, wie das Haus, das Sie im Buch beschreiben?
Nein, die wohnen in einem richtigen Einfamilienhaus. Ich habe nur so ein winziges, eingeschossiges Wochenendhäuschen. Es ist zwar schon aus Stein, aber nur 45 Quadratmeter groß. Ich habe es in erster Linie wegen dem tollen, großen Garten gekauft. Inzwischen hab ich ganz viel Google-Wissen zum Gärtnern. Total viel Ahnung von Rosen und Rhododendron, oder vom Vertikutieren eines Rasens.

Was gefällt Ihnen daran?
Ich mag daran, dass es etwas Handwerkliches ist, dass ich es mir selbst beigebracht habe, dass es draußen ist, dass ich mich bewege, auch etwas sehe. Ich mach in meinem Garten immer etwas, liege nie einfach rum.

Man hört den US-Präsidenten Truman, wie er im amerikanischen Radio von einem Flug über die zerbombten deutschen „Geister-Städte“ berichtet. Solche ergreifenden O-Ton-Dokumente gibt es viele in dem Feature von Hans Sarkowicz, der übergeordnet der Frage nachgeht, wie zwangsläufig die deutsche Teilung eigentlich war. Und man lernt, wie offen der Prozess anfangs gewesen ist. Auch, wie unterschiedlich die überlebenden Kriegsverbrecher behandelt wurden. Bei den Westmächten nämlich viel schonender als bei den Sowjets. Und wie Amerikaner und Briten schließlich jene Fakten schufen, die eine Teilung Deutschlands in Ost und West unumgänglich machten. Das ist so packend wie umsichtig erzählt, auch weil der Autor die politischen Entwicklungen mit den kulturellen Ereignissen verzahnt und der renommierte Historiker Wolfgang Benz alles klug kommentiert und einordnet. Die vielen zeitgenössischen Archiv-O-Töne, viele davon vielleicht noch nie gehört, tun ihr Übriges, um konkrete Fühlung aufzunehmen mit einer so turbulenten wie bitteren Phase deutscher Geschichte. (mms )

Lehrreiche Dokumentation über die Hintergründe der deutschen Teilung mit vielen berührenden Original-Tönen.

Der Reichtum unserer Gesellschaft basiert auf der Annahme, dass unendliches Wachstum auf einem begrenzten Planeten möglich sei. Der Soziologe Harald Welzer plädiert für Realismus: für nachhaltige Produktion, für Mobilität, die nicht unsere Lebensgrundlagen zerstört, für eine Wirtschaft, die im Dienste des Menschen steht – kurz: für ein lebenswertes Leben für alle. Auf futurzwei. org sammelt die von ihm gegründete Stiftung für Zukunftsfähigkeit Beispiele für gelungene Veränderungen. Denn er propagiert eine „modulare Revolution“ – kleine, kluge Verbesserungen, die ineinandergreifen wie Legosteine. Töricht ist Welzers Kritik an der sogenannten Identitätspolitik. Er spielt sie gegen das Engagement für soziale Gerechtigkeit aus – als könnte man sich nicht sowohl für eine inklusive Sprache oder gegen Mikroaggressionen als auch für eine gerechte Gesellschaft einsetzen. Dennoch sind seine Ideen durchdacht und dringend notwendig. Die Zuversicht, die dieses Buch einflößt, ist auch Christian Brückners warmer Stimme geschuldet. Er klingt hier wie ein gütiger, besorgter Sozialkundelehrer. Wie einer, von dem man jetzt schon weiß, dass man irgendwann bereuen wird, nicht auf ihn gehört zu haben. (ed )

Umfassende, zutiefst vernünftige und dringend notwendige Ideensammlung für eine bessere Zukunft.

Ein tolles Hörbuch, dank Dietmar Wunder. Aber hatte Marc Elsberg wohl eine Wette laufen, wie viele wirtschaftswissenschaftliche Theorien, Fachbegriffe und Daten sich in der Handlung unterbringen lassen? Grenznutzen, Pareto-Verteilung, Konzept der glaubwürdigen Abstreitbarkeit, komparativer Vorteil … Das Theorie- und Namedropping der Protagonisten macht auch vor stressigen Situationen nicht halt, was zuweilen die Spannung ausbremst und manchmal unfreiwillig amüsant wirkt. Es tröstet, dass auch Jan Wutte oft von der geballten Fachsimpelei erschlagen ist. Der unfreiwillige Held der Handlung wird Zeuge des Mordes an Nobelpreisträger Thompson, der eine Formel gefunden hat, die Wohlstand für alle ermöglicht. Der Fachmann stirbt, bevor er sein Wissen auf einer Konferenz in Berlin mit der Welt teilen kann. Auf seiner Flucht und der durchaus spannenden Suche nach Hintergründen trifft Wutte auf diverse WiWi-Experten … Dietmar Wunder interpretiert großartig. Seine gekonnte, vielstimmig-packende Lesung sorgt selbst in „wissenschaftlichen“ Passagen für Tempo, einzig die Großmutter hätte es auch etwas weniger schrullig getan. (bär )

Dietmar Wunders packende Lesung macht wett, dass Marc Elsberg zwischen Thriller und Sachbuch pendelt.

Giulia Conti liebt Italien. Jahrelang hat die Journalistin und Reisebuchautorin in Frankfurt gelebt, ehe sie vor 20 Jahren am Ortasee in Italien ihre zweite Heimat fand. So jedenfalls steht es in den Autoreninfos des Verlages, denen auch zu entnehmen ist, dass sie nun ihren ersten Roman vorlegt. Einen „Piemont-Krimi“. Und so hört sich das in der Lesung des schwäbischen Diplomschauspielers und Musikers Frank Stöckle denn auch an: kurzweilig, launig, pittoresk und immer ein wenig mit Reiseführer und Kochbuch im Unterton bzw. Hinterkopf. Da wird Pasta zubereitet, werden Spaghetti mit Peperoncini gekocht. Und der ehemalige Frankfurter Polizeireporter Simon Strasser, ein kultivierter und sportlicher Mitfünfziger, springt an einem brüllend heißen Augusttag in das kristallklare Wasser des Lago d’Orta. Tödlich wird der See, als Simon auf einer herrenlos dahintreibenden Jacht die Leiche eines reichen Industriellensohns entdeckt. Schnell ahnt er, dass mehr als nur ein Unglück dahintersteckt. Im Windschatten der befreundeten Ermittlerin Carla Moretti stößt er in der Fabrikantendynastie auf eine unglückliche Liebe, Homophobie und mörderische Familiengeheimnisse. (smv )

Dieses Hörbuch ist wie ein Abend beim Italiener: ausschweifend, lecker und vorhersehbar.

Kriminalkommissarin Emma Sköld liegt nach einem Reitunfall im Koma. Überfordert und hilflos lässt ihr Mann Christopher das gemeinsame Baby von seiner depressiven Exfreundin Hillevi betreuen. Die hatte vor einigen Jahren ein eigenes Kind, doch es starb tragisch, und Hillevi kümmert sich hingebungsvoll um die kleine Ines. Als Emma nach fünf Monaten aus dem Koma erwacht, steigen Bilder vom Tag ihres Ausritts auf. War ihr Reitunfall vielleicht gar kein Unfall? Überforderung, Einsamkeit und Machtlosigkeit sind die Themen dieses routiniert hergestellten Hörbuchs. Sprecherin Julia Fischer greift sie auf. Etwas anstrengend ist dabei der klagende Grundton, den sie allen problembehafteten Figuren verleiht. Nach kurzem Einhören folgt man ihr dennoch gerne. Leider fehlt es der Vorlage an Tiefgang. Die Schwedin Sofie Sarenbrant entwickelt Figuren, deren Charakterzeichnungen immer wieder Lücken aufweisen. In der Folge wirkt die streckenweise unterhaltsame Geschichte oft konstruiert, gelungene Erzählstränge wie die Verliebtheit von Emmas Kollegen oder die Beziehung zu ihrem Vater kommen kaum zum Tragen. (bie )

Ein solider Vortrag von Julia Fischer, doch der literarischen Vorlage fehlt es leider an Tiefgang.

Wien im Jahr 2024. Klingt nach ScienceFiction, ist quasi aber übermorgen. Für den österreichischen Schriftsteller Franzobel genau der richtige Abstand, um seinen sozialkritischen Gegenwartsroman mit einer satirischen Dystopiepatina zu versehen. Die autoritäre nationalchauvinistische Limes-Partei regiert und hetzt gegen den Islam und „Volksschädlinge“. Die braven Bürger nehmen’s mit einem Achselzucken und der legendären Wiener Gelassenheit. Doch dann wird der brave Getränkehändler Malte Dinger, der sich auf ausgefallene Gin-Sorten spezialisiert hat, verhaftet. Bloß, weil er bei einer Fahrkartenkontrolle renitent wirkt. Und auch Kommissar Groschen gerät bei seinen Ermittlungen gegen einen rechtsnationalen Baulöwen in die Mühlen einer gelenkten Justiz. Franzobel überzeichnet Figuren und Dialoge bewusst ins Karikatureske. Sein politisches Szenario, darauf legt er wert, entfaltet sich jedoch gefährlich nah an der heutigen Realität. Burgschauspieler Robert Reinagl packt dafür sein breitestes Wienerisch aus. Daran muss man sich gewöhnen. Je länger man ihm aber zuhört, desto weniger klingt es nach Folklore und um so mehr nach bitter ironischem Galgenhumor. (smv )

Satirischer Krimi über ein rechtsnational regiertes Zukunfts-Österreich. Gelesen mit gruselig-komischem Schmäh.

Wie gut kennt man die eigenen Eltern noch, wenn man selbst erwachsen ist? Diese Frage muss sich Michael Robothams parkinsonkranker Psychologe Joe O’Loughlin stellen. Nachdem sein Vater William Opfer eines Überfalls geworden ist, liegt er schwer verletzt im Koma und O’Loughlin wird mit einem Doppelleben seines Seniors konfrontiert. Eine Fremde taucht auf und behauptet, seit 15 Jahren die Ehefrau des ehemaligen Chirurgen zu sein. Familiendrama statt Psychothriller – die elfte Folge um Joe O’Loughlin ist dessen persönlichste. Er ist weniger als Ermittler, sondern mehr als Sohn, Bruder und Vater gefordert und versucht, Licht in die verschattete Vergangenheit seines Vaters zu bringen. Es geht um Liebe, Geld und Intrigen. Unterstützung auf der Suche nach der Wahrheit bekommt Joe dabei von seinem alten Freund und ehemaligen Detective Vincent Ruiz, der sich in „Die andere Frau“ aber eher mit einer Nebenrolle abfinden muss. Der Hörer ist ganz dicht an Joe O’Loughlin und dessen Gedankenwelt. Johannes Steck wird auch dieser etwas anderen, aber gewohnt wendungsreichen Episode des Duos O’Loughlin und Ruiz gerecht und gibt sich mehrstimmig und akzentreich. (ole )

Familiendrama statt Psychothriller – Joe O’Loughlin ist in seiner elften Episode als Sohn, Bruder und Vater gefordert.

Endlich eine Auszeit für Kommissarin Irmi Mangold. Doch anstatt auf einer Alm beim Melken den Kopf frei zu bekommen, werden Wanderer von Kühen niedergetrampelt, Käselaibe massakriert und bizarre Leichenfunde gemacht. Und so macht sie sich mit Kollegin Kathi Reindl an ihren zehnten Fall, in dem die schulische Vergangenheit der Opfer eine Rolle zu spielen scheint. Und die Wölfe beginnen zu heulen. Der Kampf mit Mördern, der örtlichen Bauernmafia und der Menopause ist von allem ein bisschen: etwas amüsant, ein wenig lehrreich, teilweise spannend. Die Autorin verliert sich streckenweise in ihrem Schreibfluss, begenügt sich mit Männerschmachten, überflüssigen Wohlfühlbekundungen und geballtem regionalen Idiom. Das Lokalkolorit scheint mindestens so wichtig wie die Handlung. Der eigentliche Fall kommt so nur sehr spät zur Entfaltung. Dieser ist recht überraschend, wenn auch arg konstruiert. May liefert die passende bajuwarische Akustik. Lange genügt ihr scheinbar eine g’scheite Portion sprachlicher Bazitum. Mit ihrem zu zaghaften Vortrag passt sie sich leider der Gemächlichkeit des Stoffes an. Zum Ende hin gelingt zum Glück ein nuancenreicheres Comeback. (ds )

Kommissarin Irmi Mangolds zehnter Fall ist ein bedächtiger Alpenkrimi für gemütliche, aber unaufgeregte Abende.


Foto: Sarah Kuttner © Katharina Hintze