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Trügerische Idylle


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 25/2022 vom 18.06.2022

Der große abgeschlossene LADY-KRIMI

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Nanu, da war dieser seltsame Typ ja schon wieder! Soeben bog er mit seinem Kajak schwungvoll um die Flussbiegung und verharrte. Im nächsten Moment lenkte er das Boot mit ein paar schnellen Schlägen hinter einen Baum, dessen Geäst ins Wasser hineinragte. Aber es befand sich sonst nur noch ein anderer Paddler auf dem Fluss. Und der fuhr etwa 50 Meter voran auch sehr zügig stromabwärts.

Das war schon ein bisschen merkwürdig, fand Judith. Es sah ja fast so aus, als verfolge der Mann im hinteren Boot möglichst unauffällig das vordere Kajak. Was natürlich Blödsinn war und nur ihrer lebhaften Fantasie entsprang. Wie hatte es ihr Bruder Florian abschätzig lächelnd ausgedrückt, als sie ihm von ihrem Plan erzählte, eine ganze Woche mutterseelenallein an diesem Fluss entlangzuradeln?

„Du wirst dich zu Tode langweilen, Kleine. ...

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... Nichts als Stechviecher und glückliche Pärchen. Da wirst du dir bald so überflüssig vorkommen wie ein Kropf.“

Judith war trotzdem aufgebrochen, wild entschlossen, diese frühsommerliche Urlaubswoche in vollen Zügen zu genießen und einfach die Seele baumeln zu lassen.

Tagsüber fuhr sie gemächlich ihrem nächsten Etappenziel entgegen, abends suchte sie sich eine Pension in Flussnähe, um ihren hungrigen Magen mit allerlei ortsüblichen Köstlichkeiten zu füllen und ihre müden Beine in einem bequemen Bett auszuruhen.

Ja, diese beschauliche Art des Reisens gefiel ihr, denn ihr Job als Leiterin eines Kindergartens war stressig genug. Allerdings hatte Florian in einem Punkt recht: Es war manchmal tatsächlich ein bisschen langweilig. Deshalb äugte sie jetzt neugierig zu dem Heimlichtuer unter dem Geäst hinüber.

Ihre Wege hatten sich bereits mehrmals gekreuzt. Sie radelte gemächlich auf dem Pfad neben dem Fluss dahin, der manchmal auch ein Stück abkürzend durchs Hinterland führte Er legte die windungsreiche längere Strecke im dafür schnelleren Kajak zurück.

Und bis vorgestern hatte er sich eigentlich ganz normal benommen.

Er paddelte und war genau wie sie allein. Wahrscheinlich hatte er auch Urlaub und nutzte ihn auf diese Weise. Vom Wasser aus konnte man manche Tiere sogar besser beobachten. Und deshalb unternahm man schließlich solche Touren.

Doch dann hatte Judith vor zwei Tagen erstaunt bemerkt, wie der Unbekannte völlig desinteressiert an einem Fischreiher vorbeigeglitten war. Er hatte den Vogel wohl gesehen, denn er drehte kurz den Kopf in dessen Richtung. Aber er hatte seine Fahrt nicht einmal verlangsamt, als der Vogel majestätisch abhob. Und das war nun wirklich mehr als seltsam.

Jetzt schob sich der Unbekannte langsam und auffallend vorsichtig aus seinem Versteck hervor. Judiths Blick glitt den Fluss entlang. Das andere Boot war um die nächste Biegung verschwunden, und ihr Paddler legte sich jetzt mit gewaltigen Schlägen ins Zeug.

Was eigentlich nur eins bedeuten konnte, überlegte Judith, während sie auf ihr Rad stieg. Ihre Fantasie hatte ihr keinen Bären aufgebunden: Sie wurde hier Zeugin einer echten Verfolgungsjagd. Aber was mochte dahinter stecken?

Judith war klar, dass es sich hier keineswegs um ein sportliches Wettrennen dieser beiden Männer handelte. Aber hatte in dem vorderen Kajak überhaupt ein Mann gesessen? Sie war unbewusst davon ausgegangen. Der Verfolger war immerhin eindeutig männlich.

Zwar trug er einen Schutzhelm, aber seine breiten Schultern ließen keinen anderen Schluss zu.

Judith grinste. Ihrem Verstand fehlten offenbar die täglich neuen Herausforderungen des Berufsalltags – er gab einfach keine Ruhe!

Judith erschrak – sie kannte den Mann, der am Tresen stand!

Sie warf einen Blick auf die Uhr.

Schon fast fünf. Es wurde also höchste Zeit, sich für diese Nacht eine Unterkunft zu suchen.

Und sie hatte Glück. Wenig später erspähte sie das Hinweisschild einer Pension, die sich auf Boots-Touristen, Radfahrer und Wanderer eingerichtet hatte, also auch unangemeldete Gäste, die eine Nacht bleiben wollten, willkommen hieß.

Aufatmend stieg Judith vom Rad und stellte es neben der einladend offenstehenden Eingangstür ab.

Doch auf der Schwelle verharrte sie schlagartig. Drinnen lehnte ein Mann am Empfangstresen. Er besaß offenbar kein Gepäck und trug Funktionskleidung. „…müsste ungefähr vor einer Viertelstunde bei Ihnen eingecheckt haben. Er ist so um die 40, ziemlich groß und hat fast schwarze Haare“, hörte Judith ihn mit markanter Stimme sagen.

„Ich schaue mal nach. Moment“, erwiderte der junge Mann hinter dem Tresen. „Wissen Sie, ich habe eben erst meinen Dienst angetreten. Der Kollege ist schon weg.“

Der Fragesteller nickte. „Verstehe. Aber wenn Sie mir bitte den Gefallen tun würden … Wissen Sie, das ist ein Freund von mir, und ich will ihn überraschen.“

Nachdenklich musterte Judith den Sprecher. Er hatte jetzt den Helm abgenommen, doch an der Kleidung erkannte sie ihn. Es handelte sich zweifellos um ihren Paddler. Und was erzählte er da von einem Freund? Er hatte sich ja wohl eindeutig nach dem Mann erkundigt, den er verfolgte.

„Ja! Ich glaube, hier habe ich ihn“, rief der Rezeptionist in diesem Moment. „Er hat das Einzelzimmer Nummer drei genommen im ersten Stockwerk. Ist mit einem Kajak unterwegs, genau wie Sie?“

„Ja. Genau wie ich“, murmelte sein Gegenüber. Dessen Miene hatte sich bei dieser Auskunft sichtbar entspannt, was Judith nicht entging. Die Beute war ihm also nicht durch die Lappen gegangen, was er befürchtet zu haben schien.

„Soll ich Sie telefonisch anmelden? Oder soll ich für Sie beide für heute Abend vielleicht einen Tisch reservieren? Wir haben eine ausgezeichnete Küche.“

„Oh nein. Auf keinen Fall“, versetzte der Paddler so scharf, dass der junge Mann ihn erstaunt anschaute. „Ich meine, tut mir leid, wenn das falsch rübergekommen ist. Wie ich schon sagte, soll es eine Überraschung für meinen Freund sein, und ich bin mir noch nicht sicher, wie und wann … Na, Sie verstehen schon.“

„Selbstverständlich.“ Das klang deutlich distanziert, und Judith konnte es dem Pensionsmitarbeiter nicht verdenken. Offenbar war ihm auch erst in diesem Augenblick klar geworden, dass der Unbekannte doch einfach nach dem Namen seines angeblichen Freundes hätte fragen können, statt so umständlich eine Personenbeschreibung zu liefern. Nein, dieser Gast log, dass sich die Balken bogen. Um das zu erkennen, brauchte man keine besonderen detektivischen Fähigkeiten. „Zimmer fünf?“

„Ja, gern. Danke. Und … mein Freund bleibt natürlich nur bis morgen, wie ich ihn kenne?“

Es sollte beiläufig klingen, aber das tat es nicht. Unwillkürlich spürte Judith, wie sich ihre Nackenhärchen aufstellten. Der Paddler hatte doch nicht etwa vor, seinem Verfolgungsopfer in dieser Nacht etwas anzutun?

Quatsch, schalt sie sich selbst.

Du hast eindeutig zu viele Krimis gesehen, Judith Kerner!

„Er hat zumindest nur für eine Nacht gebucht“, lautete die frostige Antwort. Mit einem Nicken nahm der neue Gast den altertümlichen Schlüssel für sein Zimmer entgegen. Dann drehte er sich um, und seine Augen weiteten sich, als sein Blick auf Judith fiel.

„Hallo“, rief er scheinbar erfreut. „Sie übernachten ebenfalls hier?

Sie sind doch die Radlerin, die mich seit Tagen begleitet, oder? Ich erkenne Sie, weil Sie einmal den Helm abgenommen haben. Da haben Sie auf einer Bank gesessen und auf den Fluss geschaut.“

„Ja“, erwiderte Judith knapp, während der junge Mann hinter dem Tresen sich umwandte und mit einem lauten „Ich bin gleich für Sie da!“ im Büroraum verschwand.

„Na, das ist ja wirklich ein toller Zufall, oder?“, meinte der Paddler.

„Ja“, wiederholte Judith. Was sollte das? Misstrauen schwappte plötzlich wie eine giftige Welle durch ihre Adern. Sie waren allein in der kleinen Empfangshalle.

Das Paar wirkte wie rüstige Senioren auf Wanderschaft

Zu ihrer großen Erleichterung kam jedoch in diesem Moment ein älteres Ehepaar herein. Beide trugen Kniebundhosen, hatten Rucksäcke auf den Schultern und stützen sich auf zünftige Wanderstöcke.

Judith musste unwillkürlich grinsen. Zumal mit den Hüten sahen die beiden aus wie geradewegs einer Werbung für unternehmungsfreudige rüstige Senioren entsprungen. Jetzt marschierten die beiden schnurstracks auf sie zu.

„Hallihallo“, grüßte der Mann fröhlich. „Hoffentlich schnappen Sie uns nicht das letzte Zimmer vor der Nase weg. Was, Schatzi? Die Dame hier und ich haben heute nämlich satte 20 Kilometer gemacht, und meine Beine fühlen sich an, als wären sie durch den Fleischwolf gedreht worden.“

Schatzi lächelte sie entschuldigend an. „Mein Mann meint es nicht so. Wir werden schon noch ein Zimmer bekommen, Herbert.“

Er zwinkerte ihnen zu. „Und wenn nicht, dann gehen wir beide eben ins Heu. Was, mein Schatzi?

Müde Beine hin oder her. Auf die kommt es im Heu ja nicht so an.“

Judith biss sich auf die Lippen.

Liebe Güte, was für ein Schwätzer.

Schatzi blickte mit einem milden Lächeln von ihrem Gatten zu Judith hinüber, die das unangenehme Gefühl verspürte, dass die Frau genau wusste, was sie dachte.

Doch bevor sie etwas Passendes erwidern sagen konnte, erschien der Angestellte wieder und nahm sich des Paares an. Und er hatte tatsächlich noch „ein besonders schönes Doppelzimmer“ für die beiden. Das sei zwar ein bisschen teurer, aber dafür wirklich eine Wucht, wie er versicherte.

„Nehmen wir. Was, Schatzi?“, dröhnte Herbert. Er griff fast schon herrisch nach ihrer Hand, die sie ihm nicht entzog, ganz das gehorsame Frauchen. Stattdessen nickte sie und schenkte ihm diesmal ein geradezu liebevolles Lächeln.

Dann führte der Angestellte sie zu ihrem Zimmer, und Judith wandte sich dem geheimnisvollen Kajakfahrer zu, der die Szene ebenfalls mit Interesse beobachtet hatte.

„Tja, und Sie sind der Paddler, der seit Tagen heimlich, still und leise das andere Boot mit Ihrem angeblichen Freund verfolgt.“

Sie hatte es ganz ruhig und bedächtig gesagt, doch er griff so hastig nach ihrem Arm und drückte so fest zu, dass Judith mehr vor Schreck als vor Schmerz aufschrie. „Lassen Sie mich sofort los!“, fauchte sie ihn an. „Sind Sie jetzt völlig verrückt geworden?“

„Verzeihung. Ich wollte nicht …“

Er war auf einmal blass geworden. „Hören Sie, mir scheint … Machen Sie mir die Freude, heute Abend mit mir zu essen? Ich lade Sie selbstverständlich ein.“

Verblüfft starrte Judith ihn an, während sie sich den Arm rieb. Die Geschichte nahm wirklich eine höchst merkwürdige Wendung. „Nein“, lehnte sie umgehend ab. „Es ist … wichtig“, drängte er.

Judith runzelte die Stirn. Und wenn er nun doch ein ganz normaler Wasserwanderer war. Und sie als Mann einfach attraktiv fand?

Nein, da machte sie sich etwas vor.

Dann hätte er bei ihren Worten nicht so hastig nach ihrem Arm gegriffen. Sie überlegte fieberhaft.

Natürlich war sie neugierig, was das alles zu bedeuten hatte. Außerdem würden sie unter den anderen Gästen sitzen. Was sollte ihr da also schon passieren? Wenn er vorhatte, ihr etwas anzutun, weil er sich ertappt fühlte, hätte er einen einsamen Waldspaziergang vorgeschlagen, aber kein gemeinsames Essen in der Öffentlichkeit!

„Bitte“, drängte er erneut. „Wir müssen miteinander reden.“

Er hieß Konrad Schütz. Nachdem Judith geduscht und in ihr letztes frisches T-Shirt geschlüpft war, hatten sie auf der kleinen Terrasse der Pension an einem Vierertisch Platz genommen. Es war noch ziemlich kühl, doch die Wirtin hatte ihnen Decken gebracht, die sie sich auf die Knie legen konnten.

Konrad plauderte, als hätten sie nichts zu besprechen …

Zunächst hatte Konrad zu ihrer Verwunderung nichts unternommen, ihr sein Verhalten zu erklären.

Im Gegenteil. Nach der Entscheidung für eine Zwei-Personen-Fischplatte hatte er in aller Ruhe den passenden Wein ausgesucht.

Und danach hatte er einfach geplaudert, als säßen sie nicht aus einem bestimmten Grund hier.

Judith hielt es schließlich nicht mehr aus. „Und was soll das nun alles?“, fuhr sie ihn etwas unwirscher als beabsichtigt an. „Wollen Sie mich vielleicht mit diesem tollen Essen einwickeln, um mir anschließend irgendeine Geschichte zu erzählen, die mit der Wahrheit nicht viel zu tun hat?“ Sie beugte sich über den Tisch. „Hören Sie:

Wenn Sie mir nicht auf der Stelle schlüssig darlegen können, weshalb Sie diesen Paddler verfolgen, werde ich ihn warnen.“

Konrad erwiderte ihren Blick unbeeindruckt. Dann faltete er sorgfältig seine Serviette zusammen. „Das ist kein harmloser Paddler. Sie verwechseln da etwas.“

Seine Stimme klang plötzlich hart.

Doch Judith ließ sich nicht beirren. „Ach ja? Dann klären Sie mich doch endlich umfassend auf.“

Ausgerechnet in diesem Moment erschienen Schatzi und ihr Gatte auf der Terrasse. Fröhlich winkte Herbert ihnen zu und lenkte seine Schritte in ihre Richtung.

„Oh nein“, stöhnte Konrad so gequält, dass Judith lachen musste.

Spontan griff sie nach seiner Hand und sah ihm dabei tief in die Augen. „Los. Lächeln Sie mich zärtlich an“, befahl sie barsch. „Äh … wie bitte?“ „Nun lächeln Sie schon. Und bitte ganz besonders zärtlich, zum Teufel“, zischte Judith.

Er gehorchte zögernd, aber dann mit einer beachtlichen schauspielerischen Leistung. Aus den Augenwinkeln sah Judith, wie Schatzi daraufhin ihren Herbert hastig zu einem leeren Tisch in der anderen Ecke der Terrasse umlenkte.

„Geschafft“, murmelte sie erleichtert. „Die beiden drehen ab.“

Konrad, der immer noch ihre Hand hielt, musterte sie nachdenklich. „Das war clever reagiert.“

„Danke.“ Judith funkelte ihn an. „Aber wenn Sie mir nicht auf der Stelle verraten, was das alles bedeuten soll, werde ich richtig wütend. Sie haben vorhin an der Rezeption gelogen. Das ist kein Freund, Sie verfolgen diesen Mann. Und ich möchte jetzt sofort wissen, weshalb Sie das tun.“

„Oha“, entfuhr es Konrad trocken. „Also, es ist nicht so, wie Sie vielleicht denken oder wie es scheint“, fing er umständlich an. „Er ist der Böse, ich bin der Gute.“

Judith schüttelte den Kopf. „Das reicht nicht. Wieso soll ich Ihnen das glauben? Weil Sie so hübsche blaue Augen haben etwa?“

„Sie sind grün mit einem Tick ins Graue“, versetzte er würdevoll. „Meinetwegen. Und weiter?“ „Sind Sie immer so gnadenlos?“ „Ja.“ Gut, Konrad Schütz war ihr eigentlich durchaus sympathisch, aber das hieß doch nicht, dass sie gleich den Verstand abschaltete.

„Also schön. Du hast gewonnen“, seufzte er, unwillkürlich in die vertraute Anrede wechselnd.

Judith fand das in Ordnung. „Ich arbeite als Privatdetektiv. Und ich verfolge diesen Mann, seit er auf dem Amsterdamer Flughafen gelandet ist. Falco Harris heißt er.

Und er schmuggelt Rohdiamanten aus illegalen südafrikanischen Minen nach Europa. In diesen Minen arbeiten kleine Kinder unter den entsetzlichsten Bedingungen.“

„Oh“, machte Judith nur. Sie hatte einmal einen Bericht über diese Bergwerke im Fernsehen gesehen, und ihr war bei den schrecklichen Bildern regelrecht übel geworden.

„Meine Auftraggeber wollen, dass das aufhört“, fuhr Konrad fort. „Sie arbeiten natürlich mit den Behörden vor Ort zusammen, aber das macht langfristig eben nur Sinn, wenn man auch die Vertriebswege lahmlegt. Alle wissen das schon länger, aber dem Kerl und der Organisation, die dahinter steckt, ist einfach nichts nachzuweisen. Und deshalb haben sie mich eben darauf angesetzt, ihn zu verfolgen.“

Diamanten in dem kleinen Kajak? Das bezweifelte Judith

Das musste Judith erst einmal verdauen. Konrad schwieg ebenfalls eine geraume Weile.

„Aber man könnte diesen Falco Dingsbums doch einfach anhalten und sein Kajak untersuchen“, schlug sie schließlich zaghaft vor. „Er müsste die Diamanten doch an Bord haben. Dann hat man ihn.“

Konrad grinste nur schwach. „Ja, das stimmt. Aber meine Kunden sind auch sehr an seinen Hintermännern interessiert. Seit Monaten, ja seit Jahren verschwinden diese Diamanten scheinbar im Nichts, und dagegen muss endlich etwas unternommen werden!“

Judith nickte zustimmend. Das waren Kriminelle, denen man unbedingt das Handwerk legen musste. Wenn … ja, wenn Konrad nicht log und das alles tatsächlich in so großem Stil passierte, wie er behauptete. „Na, ich weiß nicht“, begann sie langsam. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Schmuggler die Beute mit so einem kleinen Kajak in Sicherheit bringt. Da …“

„Vorsicht“, stieß Konrad plötzlich hervor. Judith wandte sich unauffällig um. Ein drahtiger Mann schlenderte jetzt zu ihrem Nachbartisch, nickte ihnen knapp zu, setzte sich und gähnte ausgiebig.

Herbert und Schatzi ignorierte er.

Falco Harris sah tatsächlich aus wie ein x-beliebiger Wasserwanderer, das musste Judith zugeben.

„Gehen wir noch spazieren, Liebes?“, fragte Konrad plötzlich laut.

Sie stutzte nur für den Bruchteil einer Sekunde. „Oh ja, das ist eine sehr gute Idee“, stimmte sie dann zu. Nur so konnten sie frei sprechen und sicher sein, dass Falco Harris nichts mitbekam.

Wenig später saßen sie unten auf dem Steg, an dem die Boote vertäut waren und friedlich nebeneinander schaukelten. Der Mond schien hell, und die Luft war frischund klar.

Eine ganze Weile lauschten sie dem Plätschern des Wassers.

„Ist dein Job nicht ziemlich gefährlich?“, unterbrach Judith schließlich das angenehme und gar nicht lastende Schweigen.

„Nein. Jedenfalls nicht in der Regel“, beruhigte er sie. „So reich an Action und Mordopfern wie im Fernsehen geht es bei uns normaerweise nicht zu. Man braucht bei dieser Arbeit eher viel Geduld.“

„Na, dann ist ja gut.“ Seltsamerweise war Judith erleichtert. „Und was machen wir jetzt mit Falco Harris? Soll ich ihn morgen vielleicht vom Rad aus beschatten?

Das ist sicherer, dann geht er uns nicht durch die Lappen.“

Prompt legte Konrad den Kopf schief und schaute sie dabei so grimmig an, dass sie zurückwich. „Du machst gar nichts, hörst du!

Das hier ist kein lustiges Spiel, und es mein Job, nicht deiner.“

Judith wollte schon widersprechen, als es oben auf der Terrasse plötzlich unruhig wurde. „Komm, Schatzi“, hörten sie Herbert dröhnen. „Die Luft ist so wunderbar, da geht man doch nicht in die Heia.“

„Der Mann würde mich komplett wahnsinnig machen“, murmelte Judith. „Sicher vollkommen harmlos, aber total nervtötend und irgendwie …“ Sie zögerte, dann hatte sie das Wort: „… unecht, ja.

Als ob er aller Welt pausenlos beweisen muss, dass er nur ein spießiger Tourist auf einer Wanderung ist und nicht etwas ganz anderes.“

Konrad sog tief die Luft ein. Seine Miene war plötzlich undurchdringlich. „Wie war das eben? Was hast du gesagt?“, fragte er leise.

Jetzt war es an Judith, verdutzt zu gucken. Trotzdem wiederholte sie brav: „Ich sagte, Herbert und Schatzi wirken, als seien sie ein wandelndes Klischee. Als ob sie die Rolle des wandernden Ehepaares nur spielen, verstehst du“, erklärte sie geduldig. „Na ja, vielleicht haben sie gerade einen Hänger in ihrer Ehe und versuchen nun, das mit aller Macht zu übertünchen. Aber ich glaube … Was ist denn? Was hast du?“, unterbrach sie sich erstaunt, als sie Konrads nachdenkliches Gesicht bemerkte. „Siehst du plötzlich Gespenster?“

„Möglich“, lautete seine knappe Antwort. „Aber ich glaube, du hast mich soeben vor einem kapitalen Fehler bewahrt.“ Er nickte heftig. „Es muss ja nicht der typische Mafia-Boss sein, der die Klunker in Empfang nimmt. Es könnten auch Herbert und Schatzi sein – so harmlos und dabei total kriminell.“

Judith sollte Wache stehen, wenn Konrad die Beweise suchte

„Meinst du?“, hakte Judith nach.

„Ja! Es könnte doch sein, dass dieses Haus hier der Ort der Übergabe ist. Eine kleine Pension irgendwo in der Walachei, in der sich ein Kajaktourist und ein wanderndes älteres Ehepaar zufällig treffen.

Solche Gasthäuser gibt es viele.

Wer würde da Verdacht schöpfen?

Bei jeder Übergabe wählt man eine andere Pension in einer anderen touristischen Gegend. Und Falco Harris wird je nach Bedarf zum Reiter oder im Winter zum Skiwanderer. Besser könnte die Tarnung doch gar nicht sein. Kein Wunder, dass bislang alle Bemühungen, die Bande zu schnappen, im Sande verlaufen sind. Komm!“

Er sprang auf. „Die Zimmer …

Ich muss sie durchsuchen, um meine These zu bestätigen. Denn ich glaube nicht, dass Harris oder Herbert und Schatzi die Diamanten mit zum Essen genommen haben.“

Sie eilten die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort lag Falco Harris’ Zimmer. Konrad hatte Judith auf der Treppe flüsternd gebeten, Wache zu stehen und ihn zu warnen, wenn Harris unerwartet auftauchen sollte. Judith hatte widerstrebend zugestimmt. Die Vereinbarung lautete, dass Judith in diesem Fall Harris um jeden Preis aufhalten und am Anfang des Ganges in ein lautes Gespräch verwickeln sollte, sodass Konrad sich aus dem Staub machen konnte.

Mit klopfendem Herzen bezog sie Posten auf dem Treppenabsatz, von dem der Flur mit den Zimmern abging, während Konrad sich nur kurz der verschlossenen Tür widmete – dann schwang sie auf.

Na ja, ein Privatdetektiv hatte da sicher so seine Methoden, dachte Judith und setzte sich auf einen der Stühle, die überall auf den Treppenabsätzen standen. Harris musste ja erst einmal zu Ende essen. Sie hatte also noch viel Zeit, sich ihr genaues Vorgehen zu überlegen, wenn das denn nötig war, dachte sie – als plötzlich Schritte unten auf der Treppe erklangen.

Alarmiert schoss Judith in die Höhe. Und tatsächlich, es war Falco Harris. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er auf sie zu.

In ihrer Not wusste Judith sich nicht anders zu helfen, als sich ihm direkt in den Weg zu stellen.

„Hallo!“, sprach sie ihn laut an. „Sie sind doch mit dem Boot unterwegs und paddeln, nicht wahr?“, fragte sie übertrieben deutlich.

Er nickte mit finsterem Blick, aber immerhin war er stehengeblieben. „Woher wissen Sie das?“

„Oh, ich … das habe ich gesehen“, improvisierte Judith schnell.

Er sagte nichts. „Ich könnte mir diese Art zu reisen sehr interessant vorstellen. Ich fahre nämlich die Strecke mit dem Rad“, plapperte sie hektisch drauflos. Es war ja völlig egal, was sie daherredete, es kam nur darauf an, dass sie ihn so lange wie möglich aufhielt.

„Ja, schön“, knurrte er und versuchte sich an ihr vorbeizudrängen.

Judith wich keinen Millimeter. „Wissen Sie, ich würde Sie gern bitten, mir etwas über das Paddeln zu erzählen. Weil ich“, sie hustete zur Sicherheit laut und deutlich, „so eine Tour vielleicht auch einmal unternehmen möchte.“

„Da gibt es nichts zu erzählen“, wehrte er schroff ab. „Man paddelt halt auf dem Fluss und sucht sich abends ein Bett. Das ist alles. Lassen Sie mich jetzt endlich durch?“

„Nein“, entfuhr es Judith spontan. Sein Blick wurde starr. Hinter ihr klapperte eine Tür. Ganz leise, aber sie hatte es gehört. Endlich! „Ich meine natürlich …“, sie hustete erneut zum Gotterbarmen, sodass er ein wenig zurückwich. „Klar, wenn Sie mir nicht weiterhelfen wollen. Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten! Ich werde Sie nicht weiter belästigen.“

Aufatmend trat sie beiseite und schielte den Flur entlang. Er war leer. Kopfschüttelnd schob sich Harris an ihr vorbei und verschwand in seinem Zimmer.

Puh, das war knapp gewesen!

Mit klopfendem Herzen sank Judith auf den Stuhl, während Konrad hinter einer riesigen Topfpflanze hervortrat und auf sie zueilte.

Noch hoffte Judith, das Wandererpaar sei ganz harmlos …

„Geht’s?“, fragte er nach einem Blick auf ihr angespanntes Gesicht. „Ja“, krächzte Judith. „Gut“, meinte er nur. „Wir ziehen die gleiche Nummer durch, wenn ich jetzt bei Herbert und Schatzi einsteige. Okay?“

Sie nickte schwach, während er ihr eine anscheinend leere Plastiktüte in die Hand drückte.

„Was soll das denn sein?“, brummte sie verständnislos. „Da sind doch keine Diamanten drin!“

Konrad lachte unterdrückt. „Nein, die habe ich bei Harris in der Eile nicht gefunden. Das sind ein paar Haare von seinem Kamm.

Der Typ besitzt bestimmt ein ellenlanges Vorstrafenregister im Polizeicomputer. Damit können wir ihn identifizieren. Weiter geht’s!“

Er eilte zur Zimmertür des verdächtigen Paares, die gleich neben dem Treppenabsatz lag, während Judith auf den kleinen Beutel starrte. Sorgfältig verstaute sie dann die Tüte in ihrer Hosentasche und setzte sich wieder auf den Stuhl.

Hoffentlich ließen sich die beiden munteren Wandersleute Zeit mit dem Essen und schlangen nicht alles in Windeseile hinunter. Na, höchstwahrscheinlich spielte das ohnehin keine Rolle, denn die beiden waren bestimmt harmlos …

Mitten in diese Überlegungen hinein klappte unten eine Tür, und Judiths Blutdruck schoss augenblicklich in die Höhe.

„Du siehst wieder einmal Gespenster“, sagte eine weibliche, unangenehm hart klingende Stimme nur mühsam gedämpft. „Falco ist doch nicht blöd. Dein Bauchgefühl kannst du getrost vergessen, das wissen wir beide.“

Alarmiert stand Judith auf. Diese Stimme, das war doch …

„Mein Bauchgefühl hat uns so manches Mal den Hintern gerettet, meine Liebe“, sagte ein Mann.

Das war unverkennbar Herbert.

Doch wie vorher Schatzi klang er anders. Er hatte das aufgesetzte Ehegatten-Getue abgelegt und hörte sich jetzt fast unterwürfig, geradezu flehend an. „Sollten wir uns nicht aus dem Staub machen? Die Diamanten haben wir doch.“

Jetzt ertönten Schritte auf der Treppe. Hektisch blickte Judith sich um. Was nun? Auch wenn sie die beiden aufhielt, konnte Konrad nicht das Zimmer verlassen, ohne dass die beiden ihn bemerkten!

„Und wie sieht das wohl aus, wenn wir plötzlich abreisen?“ fuhr die Frau ihren Partner mit kaum unterdrückter Wut in der Stimme an. „Denk doch zur Abwechselung mal nach, verdammt! Wir sind ein harmloses älteres Ehepaar auf Wanderurlaub. Du nervst die Leute mit deiner Art, ich spiele das Mäuschen. Und die junge Frau sowie der nette Kleine an der Rezeption nehmen uns die Rollen ab.

Wenn wir jetzt verschwinden, werden die Leute misstrauisch. Manchmal bist du wirklich ein Hornochse. Aber ein Feigling bist du immer.

Und wirst es auch bleiben!“

Wäre Judith nicht so angespannt und durcheinander gewesen, hätte sie sich jetzt ein Grinsen nicht verkneifen können. Dieses Donnerwetter hatte mit Schatzis Geflöte so gar nichts gemein. Bei den beiden waren die Rollen im wahren Leben also umgedreht! Die Frau war hier eindeutig der Boss. Und Konrad hatte recht gehabt, was Schatzis und Herberts Zugehörigkeit zu der Diamantenbande betraf.

Außerdem waren die beiden mit Sicherheit brandgefährlich! Und kamen immer näher! Jetzt standen sie schon auf dem letzten Treppenabsatz und sahen zu ihr hoch.

Wie auf ein geheimes Kommando hin schloss Judith die Augen und fing lauthals an zu singen. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins …“, grölte sie. „Ob du ein Mädel hast oder auch keins …“

Bitte, bitte, flehte sie dabei innerlich, hoffentlich verstand Konrad die Botschaft! Doch sie lauschte nicht auf Türgeräusche, sondern schmetterte verbissen ihr Lied weiter. Auch noch, als Herbert und Schatzi direkt vor ihr standen.

„Na, Mädel, dir ist der Wein aber ganz schön zu Kopf gestiegen“, sagte Herbert amüsiert und hatte dabei sofort wieder seinen leutseligen Tonfall angenommen, während Schatzi keine Miene verzog und ihn wortlos weiterschob.

Judith öffnete die Augen erst, als die beiden in ihrem Zimmer verschwunden waren, und wappnete sich für das, was jetzt kommen musste. Doch kein Schrei ertönte, und eine Schlägerei hätte sich auch anders angehört. Alles blieb ruhig.

Heiß und kalt wurde Judith – bis Konrad endlich vor ihr stand

Ob Konrad sich vielleicht unter das Bett verkrochen hatte? Oder ob er im Schrank steckte? Wie sollte sie ihn bloß da herausholen?

Judith wurde abwechselnd heiß und kalt bei dem Gedanken, als erneut Schritte auf der Treppe erklangen. Ganz leise Schritte. Wenig später stand Konrad mit leuchtenden Augen vor ihr, einen Lederbeutel in der Hand. „Komm“, flüsterte er, griff nach ihrer Hand und zog sie in Windeseile die Stufen hinab. „Wir müssen hier weg. Sie werden gleich nachsehen, ob die Diamanten noch an Ort und Stelle sind, und dann ist die Hölle los!“

„Was … wie …?“, stammelte Judith, als sie hinter ihm herhastete.

„Ich bin durchs Fenster geflohen. War eine ziemliche Kletterpartie. Egal. Deine tolle Gesangseinlage war jedenfalls wirklich nicht zu überhören.“ Er deutete mit der Rechten ins Gelände. „Verstecke dich dort hinter dem Bootsschuppen. Diese Leute sind absolut skrupellos. Wenn die bemerken, dass die Diamanten weg sind und ihnen jemand auf den Fersen ist, kennen die kein Pardon. Ich komme gleich nach. Aber erst muss ich telefonieren, damit die Polizei das Trio festsetzen kann.“

Und weg war er, während Judith sich wenig später zitternd an die Wand des Bootsschuppens presste.

Es war mittlerweile stockdunkelgeworden, und die Geräusche der Nacht erschienen ihr fremd und bedrohlich. Sie hatte eine Heidenangst, gestand sie sich ein. Endlich knackte es leise neben ihr.

„Ich bin’s“, flüsterte Konrad. „Alles ist gut. In wenigen Minuten wird die Polizei hier sein. Dann haben wir es geschafft.“ Bei diesen Worten umschlossen seine Arme ihren zitternden Körper. Es war ein so wunderbares Gefühl, dass sich Judith dem nach all der Aufregung einfach nur wohlig hingab.

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

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