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Trügerische Liebe und Machtgerangel


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 10.12.2019

Uraufführung von »Die Schattenkaiserin« in Innsbruck


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Sie langweilen sich am Hof – (v.l.): Doktor Baldironi (Andrea De Majo), Violanta (Andreja Zidaric), Bianca Maria Sforza (Jil Clesse), Hofnärrin Ursula (Susanna von der Burg)


Foto: TLT / Rupert Larl

In Erinnerung an den 500. Todestag des österreichischen Kaisers Maximilian I. (1459–1519) kann man in Innsbruck Ausstellungen zum Thema besuchen, es gibt Konzerte, und das Tiroler Landestheater gab ein Musical in Auftrag: »Die Schattenkaiserin«, zu dem Jürgen Tauber und Oliver Ostermann die Musik komponierten und Susanne Felicitas Wolf das Buch schrieb, unter ...

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... Verwendung von Motiven des Innsbrucker Schriftstellers Bernhard Aichner. Der Intendant des Landestheaters Johannes Reitmeier führte Regie.

Das Musical beginnt 1510 – die Daten werden über der Bühne eingeblendet. Bianca Maria Sforza (Jil Clesse) ist todkrank und erinnert sich an ihre glückliche Kindheit. Ihr junges Alter Ego (Laura Gutwenger) singt ›La vita è bella‹, ehe sie einen Moment später mitansehen muss, wie ihr Vater durch die Schergen seines eigenen Bruders Ludovico Sforza (Dale Albright) ermordet wird (›Der Herzog ist tot‹). Ludovico wird somit zum Herzog von Mailand. Bianca wächst zu einer hübschen jungen Frau heran, die sich mit ihrer Kammerfrau Violanta (Andreja Zidaric) die Zeit vertreibt (›Fröhlich durchs Leben tanzen‹). Ihr machthungriger Onkel schmiedet Heiratspläne für sie und hat dabei keinen geringeren als den römisch-deutschen König Maximilian I. von Österreich (Reinwald Kranner) ausgesucht.

Das Bühnenbild von Michael D. Zimmermann besteht aus beweglichen Wänden und viereckigen Türmen. Im Zusammenspiel mit der Dreh- und Hebebühne kann sich die Szenerie in Sekundenschnelle ändern. Außerdem werden per Videoprojektion Porträts und tapetenartige Muster auf diese Wände projiziert. Es erhebt sich eine Tribüne, auf der Adlige ein Ritterturnier verfolgen, aus dem König Maximilian als Sieger hervorgeht. Die anderen Zuschauer umjubeln ihn mit ›Hoch Maximilian!‹. Ludovicos Vertrauter Erasmus von Brascha (Florian Stern) überbringt das Heiratsangebot und beginnt mit Matthäus Lang (Randy Diamond), einem Freund und Berater von Maximilian, über eine Mitgift zu diskutieren.

Unterdessen wird ein Porträt von Bianca gemalt, das an Maximilian geschickt wird. Genauso erhält sie ein Bild von ihm. Im Jahr 1493 werden schließlich 400.000 Dukaten als Mitgift festgelegt (›Der Pakt‹). In ihrer Naivität liebt Bianca diesen Unbekannten bereits und hofft, dass Maximilian sie auch so sehr lieben wird (›Wie ist er, Maximilian?‹).

Maximilian jedoch hängt noch immer an seiner verstorbenen Frau Maria von Burgund (Verena Pötzl), die ihm in einer Traumsequenz erscheint (›Keine ist wie du, Maria‹).

In Mailand wird die Reise nach Innsbruck vorbereitet, wobei Biancas Aussteuer einen großen Teil des Gepäcks ausmacht (›Die Mitgift‹). Ludovico erklärt seiner Nichte, dass sie dem König viele männliche Erben schenken muss. Bianca hat Angst, ist aber gespannt auf ihr neues Leben (›Es ist unerklärlich‹). Auf ihrer Reise über das ›Wormser Joch‹ gerät die Reisegesellschaft in einen Schneesturm. Weil Bianca in der Heiligen Brigitta ihre Schutzpatronin sieht, betet sie zu ihr, und das Unwetter beruhigt sich.

In Wien vergnügt sich Maximilian, der auch »Kaisermit den fliehenden Sohlen« genannt wird, mit seiner Geliebten Apollonia Lang (ebenfalls: Verena Pötzl), der Schwester seines Freundes Matthäus (›Mit dir ist die Liebe leicht‹). Er bittet Apollonia, die Hofdame von Bianca zu werden, damit diese Bianca unter Kontrolle hat.

In Innsbruck feiert das in Rot gekleidete Volk die Ankunft von Bianca, die eine Treppe herunterschreitet. Gaukler tanzen zu ›Ankunft in Innsbruck‹. Nur Maximilian glänzt durch Abwesenheit. Bianca begegnet der Hofnärrin Ursula (Susanna von der Burg), die in einem Eselskostüm ihre Späße treibt, ihrer neuen Hofdame Apollonia und dem Arzt Baldironi (Andrea De Majo).

Da die Hochzeit nur als vollzogen gilt, wenn Maximilian mit Bianca geschlafen hat, macht sich Ludovico Sorgen. Zu ›Brascha, der König muss zu ihr ins Bett!‹ beordert er Erasmus von Brascha nach Wien, um den König an seine Heirat und Pflichten zu erinnern. Derweilen langweilen sich Bianca und ihr Hofstaat: ›Das Frauenzimmer (Warten, Warten!)‹. Schließlich verkündet Apollonia, dass Maximilian bald anreisen wird.

In Hall in Tirol begegnen sich Bianca und Maximilian im März 1494 ein erstes Mal. Bianca wird ganz in Weiß eingekleidet, und auf der Bühne steht ein großes Bett. Der Hofstaat, ebenfalls in Weiß, trägt weiße Masken mit langen Nasen.

Bianca hat Angst, als sie ins Bett getragen wird, wo Maximilian sie erwartet. Ein blutverschmiertes Laken wird als Beweis dafür gezeigt, dass die Ehe vollzogen ist und der Vorhang schließt sich.

Im Oktober 1494 hält sich Bianca mit ihrem Gefolge im belgischen Mechelen auf. Sie und Ursula spielen mit Handpuppen, als der Hofmeister Nikolaus von Firmian (Jannis Dervenis) die Nachricht vom Tod von Biancas Bruder überbringt. Er soll von Ludovico vergiftet worden sein.

In Mailand verteidigt sich Ludovico gegen Biancas Anschuldigungen und tut diese als ›Lächerlich!‹ ab. Bianca hofft, dass Maximilian etwas gegen ihren größenwahnsinnigen Onkel unternehmen wird, aber dieser hat andere Probleme zu lösen. Es folgt das gefühlvolle Duett ›Gib auf mich acht!‹, das Hoffnung aufkommen lässt, dass Maximilian doch etwas für seine Frau übrighat.

Im März 1495 erleidet Bianca eine Fehlgeburt. In ihrer Verzweiflung betet sie zu der Heiligen Brigitta. Mit ›Streng dich an!‹ wird Bianca die Schuld an der Fehlgeburt gegeben. Ludovico hat die feindlichen Franzosen unter Karl VIII. in Italien einmarschieren lassen, was Maximilian gar nicht gefällt (›Die Belehnung‹).

Im Dezember 1496 weilt Bianca in Worms. Das Geld ist alle, und der Hofmeister hat sogar sein eigenes Geld vorgestreckt, damit alle wenigstens etwas zu essen haben. Bianca erfährt von der kritischen Situation in Italien und bittet den in der Ferne weilenden Maximilian: ›Rette mein Italien!‹.

Sie will zu Maximilian reisen, um ihm beizustehen, doch es fehlt das Geld für eine Reise. Bianca spürt, dass Maria von Burgund die Gedankenwelt von Maximiliannoch immer beherrscht. In einer erneuten Vision taucht Maria auf, und Bianca bittet sie: ›Gib ihn endlich frei, Maria!‹.

Diese beiden Lieder (›Rette mein Italien!‹ und ›Gib ihn endlich frei, Maria!‹) sind die wohl emotional intensivsten im ganzen Stück und werden mit den nötigen Gefühlen von der Luxemburgerin Jil Clesse interpretiert, die somit ihre erste Hauptrolle in einem Musical vorzüglich meistert.

Maximilian glaubt unterdessen, dass er in Begleitung seiner Frau bessere Chancen hat, die deutschen Fürsten zu überzeugen, ihm weiteres Geld und Waffen zu bewilligen. Sein Freund Matthäus dagegen meint: ›Frauen sind Ware‹.

In Freiburg frieren Bianca und ihr Gefolge weiter. Sie sieht Maximilian nach langer Zeit wieder, der von ihr erwartet, dass sie die Fürsten beeindrucken wird (›Das Wiedersehen‹).

In Innsbruck sucht Ludovico Maximilian auf und bittet ihn um Unterstützung (›Aiuto, Aiuto!‹). Doch der erboste König verweigert ihm jegliche Hilfe. Ludovico will – egal wie – Mailand zurückerobern.

Auf der Burg Fragenstein hat Maximilian einen Albtraum (›Das kann nicht sein‹). Er hatte sich vor langer Zeit in der Martinswand bei Innsbruck verirrt. Im Traum erlebt er die Angstgefühle erneut. Allerdings kommt Bianca zu ihm. In dieser Szene stehen beide Darsteller in getrennten Boxen auf der Bühne. Bianca spielt mit einer Handpuppe, die Maximilian ähnelt, und umgekehrt Maximilian mit einer, die Bianca nahekommt (›Warum ist alles Pflicht?‹). Ursula erscheint ebenfalls mit einer Skelett-Puppe (›Wer will nur mit mir leiden?‹).

1. Apollonia Lang (Verena Pötzl) vergnügt sich mit Maximilian I. (Reinwald Kranner)


2. Bianca Maria Sforza (Jil Clesse) begegnet Maximilian I. (Reinwald Kranner)


3. Bianca Maria Sforza (Jil Clesse) und die Hofnärrin Ursula (Susanna von der Burg) spielen mit Handpuppen


4. Ludovico Sforza, Biancas Onkel (Dale Albright, vorne Mitte); im Hintergrund: Bianca Maria Sforza (Jil Clesse), Maximilian I. (Reinwald Kranner mit Ensemble)


Fotos (4): TLT / Rupert Larl

Biancas Onkel Ludovico Sforza (Dale Albright)


Bianca ist weiterhin verzweifelt, weil die Medizin, die ihr Baldironi gibt, um wieder schwanger zu werden, nicht hilft. Im Mai 1500 begleitet sie Maximilian zum Reichstag nach Augsburg. Wie in einem bösen Traum irrt sie ziellos umher, begegnet einigen Personen aus ihrem Leben, während maskierte Tänzer mit Speeren sie umtanzen.

Erasmus von Brascha berichtet dem König, dass Ludovico von den Franzosen gefangen genommen wurde (›Mailands Ende‹). Schließlich erhält Maximilian vom Reichstag die geforderte Unterstützung. Seine Frau fordert erneut: ›Rette mein Italien!‹.

1508 proklamiert Maximilian sich zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Seine weiteren politischen Handlungen werden zum Schluss des Musicals nicht mehr behandelt. Bianca hat er vergessen. Sie ist krank und beklagt bei Ursula und Violanta: »Mein Leben ist sinnlos geworden«. Doch Ursula erklärt ihr, dass ihre Macht die des Herzens sei. Im ›Epilog‹ singt sie die Textzeile »ich wollte doch nur glücklich sein«. Sie stirbt am 31. Dezember 1510 in Innsbruck.

Dank des Zusammenspiels der beweglichen Bühnenelemente und der Dreh- und Hebebühne gibt es keinen Leerlauf in dem doch gut zwei Stunden und 40 Minuten dauernden Musical (Spielzeit ohne Pause). Die Szenen wechseln sehr schnell, und wenn man den Blick nicht zeitig auf die Datumseinblendungen wirft, kann man schon den Zeit-Faden verlieren. Geglückt sind auch die farbigen, sowohl einfachen als auch pompösen Kostüme, die Michael D. Zimmermann ebenfalls entwarf. Symbolischen Charakter haben die Farben Weiß und Rot, die für die Unschuld und das Blut, also für den Tod stehen.

Die Musik kann man als äußerst hörenswert bezeichnen. Sie passt stets zur Stimmung, klingt mal unbeschwert wie in ›Fröhlich durchs Leben tanzen‹, ironisch in ›Lächerlich‹ und ›Frauen sind Ware‹ oder traurig in ›Keine ist wie du, Maria‹.

Jil Clesse (Julie Laverne in »Showboat«, Baden) war lange Zeit in Wien, spielte in »Schikaneder« und »Mozart!« Nebenrollen als Zweitbesetzung oder sang und tanzte im Ensemble. Oliver Ostermann entdeckte sie 2017 in Baden (Österreich) in der »Heinrich Strecker Cross Over Competition für Operette, Musical und Wienerlied«. Jil Clesse gewann diesen Wettbewerb.

Kurz darauf teilte er ihr mit, dass sie seine Schattenkaiserin sein wird. Sie nutzt ihre Chance, spielt mit Bravour die Rolle der Bianca und singt mit schöner klarer Stimme. Mal scheint sie naiv verliebt, lebensfroh, mal bodenlos traurig nach dem Verlust des Kindes und dann zutiefst enttäuscht über das Verhalten ihres Gatten. Neben den bereits erwähnten gesanglichen Höhepunkten muss man noch das wunderbare Duett ›Gib auf mich acht!‹ mit Reinwald Kranner hervorheben.

Regisseur Johannes Reitmeier gestand, dass Jil Clesseihn beeindruckt hat. Auch Reinwald Kranner spielt seine Rolle mit Routine und der nötigen Strenge eines Königs. Verliebtheit zeigt er nur in dem Augenblick, als er sich an seine verstorbene Frau erinnert. Bianca zeigt er dagegen die kalte Schulter. Susanna von der Burg in ihrem Eselskostüm sorgt als Ursula für ein paar lustige Momente und auch Andreja Zidaric als Violanta gefällt. Dale Albright spielt diesen fiesen Kerl Ludovico Sforza mit großer Überzeugungskraft und singt mit seiner starken Stimme.

»Die Schattenkaiserin« erzählt eine traurige Geschichte, die durch großartige Darsteller, eine extravagante Bühnentechnik und prächtige Kostüme zu einem absolut sehenswerten Musical wird.

1. Reichstag in Augsburg. Maximilian I. (Reinwald Kranner) schwingt sein Schwert. Für Bianca Maria Sforza (Jil Clesse) ist das Ganze ein böser Traum


2. Die kleine Bianca (Laura Gutwenger) und ihr erwachsenes Alter Ego (Jil Clesse)


3. Maximilian I. (Reinwald Kranner)


4. Bianca Maria Sforza (Jil Clesse) und die Hofnärrin Ursula (Susanna von der Burg)


5. Maximilian I. (Reinwald Kranner, vorne Mitte l.) hat ein Ritterturnier gewonnen. An seiner Seite steht sein Freund Matthäus Lang (Randy Diamond, vorne Mitte r.)


6. Erasmus von Brascha (Florian Stern) diskutiert mit Ludovico Sforza (Dale Albright)


Fotos (7): TLT / Rupert Larl