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TSCHERNOBYL 2019 SPERRZONEN-SIGHTSEEING


Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 09.07.2019

Allen Bedenken zum Trotz sind wir nach Tschernobyl gefahren und haben uns dort direkt in der Sperrzone ein Bild von dem damaligen Unglücksreaktor und dem verstrahlten Umland machen können …


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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 8/2019

Original-Räumungsroboter von 1986. Dieser wurde auf dem Reaktordach eingesetzt


Unser erster Tag bleibt sicherlich lange unvergesslich. Nach einem typisch ukrainischen Frühstück begannen wir gespannt und neugierig Tag zwei in der Sperrzone, indem wir unser erstes Ziel in Augenschein nahmen: die Überhorizontradaranlage DUGA3, das Raketenfrühwarnsystem der damaligen Sowjetunion. Diese aus zig Tausend Tonnen Stahl ...

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Unser erster Tag bleibt sicherlich lange unvergesslich. Nach einem typisch ukrainischen Frühstück begannen wir gespannt und neugierig Tag zwei in der Sperrzone, indem wir unser erstes Ziel in Augenschein nahmen: die Überhorizontradaranlage DUGA3, das Raketenfrühwarnsystem der damaligen Sowjetunion. Diese aus zig Tausend Tonnen Stahl errichtete Anlage hat mit ihren 750 Metern Länge und 140 Metern Höhe absolut gigantische Ausmaße. Auch die von ihr verursachten Windgeräusche haben sich in unser Gedächtnis buchstäblich eingebrannt. Es rankt sich eine Vielzahl von Mythen und Verschwörungstheorien um DUGA3. Sie reichen von Massenmanipulati-on der Menschen über Wetter-Beeinflussung bis hin zu der eigentlichen Ursache der Tschernobyl-Katastrophe. Im Internet finden sich hierzu interessante Meinungen und Berichte. Durch eine ebenfalls lange Barackenanlage mit verschiedenen Kontrollzentren und dazugehörigen Gebäuden ging es für uns dann wieder zurück zum Fahrzeug. DUGA3 ist wie Prypjat durch bewaffnete Militärposten gesichert. Ohne entsprechende Genehmigungen kann man sich keinen Meter in der Sperrzone bewegen.

VOM KÜHLTURM ZUR KANTINE

Auf dem Weg nach Prypjat hielten wir an einem der Kühltürme des ehemaligen Kernkraftwer-kes. Auch hier wieder: riesige Dimensionen. Das fürs Werk benötigte Wasser wurde seinerzeit aus einem extra für diesen Zweck künstlich angelegten, 22 Quadratkilometer großen See entnommen. Während unserer Besichtigung im Kühlturm schlug plötzlich das Dosimeter Alarm: Rund 36 Mikrosievert zeigte es an – und machte uns damit schlagartig wieder bewusst, dass wir uns in einem sogenannten „Hotspot“ befanden.
Vorbei an einem Tierskelett und einem großen Wandbild, verließen wir den Kühlturm und fuhren zum Mittagessen in die Kraftwerkskantine. Dort musste jeder durch Körperscanner, um eventuell radioaktive Partikel an der Kleidung oder am Körper auszu-schließen. Als wir alle ohne eine negative Meldung durch waren, gingen wir nach einer sehr gründlichen Händewaschung zur Menüausgabe. Auf dem Speiseplan stand ein reichhaltiges Tagesgericht. Natürlich kam keine der Zutaten aus der Sperrzone.

Unwirklich: Schlafraum eines Kindergartens außerhalb von Prypjat.


Zurückgelassen: Überall findet man Spielzeug und Teddys in dem Areal.


Über den Geschmack lässt sich sicher streiten, aber schlecht war es auf keinen Fall, bedenkt man mal den Ort, an dem man grade seine Mahlzeit eingenommen hat. Aber genau diese Skurrilitäten machen den Besuch in dieser Sperrzone so unvergleichlich und speziell. Sonst bliebe einem so eine Mahlzeit wohl kaum in Erinnerung.

IM HORRORKRANKENHAUS

Nach dem Essen fuhren wir ein zweites Mal in die Stadt Prypjat. Ausgangspunkt war wieder der Vergnügungspark. Igor, unser Guide, führte uns zu dem Krankenhaus, in welchem damals die Liquidatoren behandelt wurden. Auf einem Tisch lag ein Fetzen einer alten Feuerwehruniform, an dem das Dosimeter sofort ausschlug. Auch im Keller der Klinik, den man ohne Schutzanzug nicht betreten sollte, lagern immer noch von Liquidatoren stammende Kleidungsstücke. Sie weisen selbst nach so vielen Jahren noch Strahlungswerte von mindestens 200 Mikrosievert auf. Da sich damals vor Ort niemand wirklich mit der Strahlenkrankheit auskannte, wurden die betroffenen Personen nach Moskau, in eine Spezialklinik ausgeflogen. Das Krankenhaus in Prypjat hat mehrere Etagen. Wir gingen durch verschiedene Räume. Kinderstation, Urologie und Chirurgie waren immer noch als solche zu erkennen. Etliche Dokumentationen über Patienten, Abtreibungen oder auch Operationen liegen dort nach wie vor zur Einsichtnahme. Man kann das Krankenhaus als stillen Zeugen jener Zeit betrachten, Wir alle waren aber sehr erleichtert, als wir das Ge-bäude hinter uns ließen. Kein Ort für schwache Nerven – eher eine Stephen-King-Szenerie.

Radioaktive Gondel – bei der Explosion wurden Partikel bis nach Prypjat geschleudert


Erlebnispark: Sollte zu den Maifeierlichkeiten 1986 eröffnet werden. Dies geschah nie!


Schuhe: Auch hier wieder mal ein inszeniertes Motiv.


Lehrbücher und Tausende Gasmasken überall!


Musikinstrumente sind ebenfalls recht oft anzufinden.


Reaktor-Aussicht: Der Blick auf den Sarkophag von einem neunetagigen Wohnhaus


VERLASSENES SCHWIMMBAD

Für die Einwohner von Prypjat wurde einst ein großes Schwimmbad errichtet. Dieses ist neben dem Vergnügungspark ein weiteres bekanntes Expeditions-Highlight in Tschernobyl. Über ein vereistes Treppenhaus erreichten wir die Schwimmhalle und die dazugehörigen Umkleideräume. Im ungefähr 4 Meter tiefen Becken ist schon lange kein Wasser mehr. Die Farben und Beschichtungen blättern von den Wänden. Einst ein Ort der Freude und Entspannung, bietet es heute nur noch einen trostlosen Anblick. Genau dieses Schwimmbad wurde jedoch nach dem Unglück noch einige Zeit weiterbetrieben für die Helfer, die sich nach ihren Schichten reinigen wollten. Außer dem Schwimmbad besichtigten wir dann noch weitere Gebäude wie Schulen, Theater und behördliche Einrichtungen. Und stets überkam uns das gleiche gespenstische Gefühl bei der Vorstellung, dass in diesen verlassenen Hallen und Räumen einst Leben und Betriebsamkeit herrschten. Am späten Nachmittag war unsere Tour beendet. Wir fuhren noch einmal am Kraftwerk vorbei. Passend zu unserer eigenen Gefühlslage zeigte uns Igor ein Video mit fast allen von uns besuchten Gebäuden – vor der Katastrophe. Das war ein sehr emotionaler Moment und keiner von uns sagte viel. Diese Eindrücke mussten wir ebenfalls erst einmal verarbeiten. An der Grenze der Sperrzone musste jeder von uns noch einmal durch den Körperscanner. Auch unser Fahrzeug wurde mit Hilfe von Messgeräten kontrolliert. Langsam fühlte man sich wieder wie in der richtigen Welt angekommen. Nachdem alles gründlich geprüft worden war, machten wir uns langsam auf den Rückweg in Richtung Kiew – und damit zugleich auch wieder hinein in die lebendige Realität, die wir in den letzten zwei Tagen schon etwas vermisst hatten. Immer wieder kochten die Bilder und Eindrücke aus der Sperrzone hoch, manchmal wenn man gar nicht damit rechnete. Höchste Zeit, jene deprimierende Welt hinter uns zu lassen und uns aktiv dem Hier und Jetzt zuzuwenden. Für den darauffolgenden Tag hatten wir noch ein Kalaschnikow-Schießen auf unser Programm gesetzt. Diese Exkursion mag vielleicht stereotyp-russisch klingen, aber als aktiver und interessierter Sportschütze nimmt man an so etwas gerne teil – zumal es in diesem Fall in der Ukraine unter Aufsicht auf einem dafür ausgerichteten Schießplatz stattfand, was man ja auch nicht alle Tage erlebt. Es tat gut, den Kopf auf andere Gedanken zu bringen. Den letzten Tag in Kiew verbrachten wir außer mit Schießen natürlich auch mit etwas Sightseeing der normalen Art. In der Innenstadt schauten wir uns verschiedene historische Gebäude an. Auch nutzten wir die Zeit, um die ukrainische Küche mal richtig kennenzulernen.

Noch mehr Spielzeug: Die Fotografie wird erfinderisch.


Das Schwimmbad von Prypjat wurde länger für die Liqudatoren offen gehalten.


Andere „Schätze“ der Nuclear Missile Base: ein gut erhaltener Raketentransporter.


Gleich daneben steht ein seltener russischer Kettentransporter.


UNSERE HEIMREISE

Am nächsten Morgen fuhren wir in Richtung ukrainisch-polnische Grenze. Wir wollten am gleichen Tag noch nach Polen einreisen, jedoch gestaltete sich die Ausreise etwas problematischer als erwartet. Der gesamte Grenzübertritt nach Polen dauerte vier Stunden. Alles wurde wieder genauestens kontrolliert. Auch befinden sich an den Grenzübergängen Strahlungsmessgeräte für die Fahrzeuge. Endlich in Polen, suchten wir uns ein ruhiges Waldstück, wo wir unsere Dachzelte aufschlugen. Unser weiterer Weg führte uns dann in die schöne Stadt Krakau, wo wir uns die Zeit mit Sightseeing und einer Stadtrundfahrt vertrieben, bevor es wieder Richtung Heimat ging. Insgesamt war es eine echte Abenteuerreise – wenngleich für die meisten Menschen wohl ein absolutes No-Go. Keiner von uns fuhr nach Tschernobyl, um sich daran zu erfreuen, sondern weil es ein Thema ist, mit dem wir aufgewachsen sind. Für uns bot sich die Möglichkeit, die Folgen der schlimmsten von Menschen jemals verursachten Katastrophe zu sehen. Als positiv empfand ich die Entwicklung der Pflanzen-und Tierwelt – die Rückeroberung der Natur in einem von Menschen verlassenen Areal. Tschernobyl ist in meinen Augen ein riesiges Museum – ein Zeitzeuge. Ob man hinfährt, muss jeder für sich selbst entscheiden – auf jeden Fall ist es eine Reise wert.

T/F |Alexander Gollek

Eine echte Gefahr für die Gesundheit – den „Red Forest“ sollte man meiden


Einer der Kühltürme – das Bild gilt als Denkmal für die Ersthelfer und Ärzte.


Es geht natürlich noch ne Nummer größer: zwei Transport-Raupenfahrzeuge auf der Missile Base.


Reparaturrampen finden sich oft – für uns dienten sie natürlich nur als Fotokulisse!