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TURNIERE: ABHEBEN BEIM IRREN SHOWDOWN


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2019 vom 23.07.2019

Das Finale des Jahrhunderts?Novak Djokovic schlägtRoger Federer 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 und gewinnt zum fünften Mal Wimbledon. Bei den Damen siegte Simona Halep und verdarb Serena Williams den Rekord. Ladies first in unserer Reportage. Das Spannendste zum Schluss


Artikelbild für den Artikel "TURNIERE: ABHEBEN BEIM IRREN SHOWDOWN" aus der Ausgabe 80/2019 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 80/2019

VOLLER EINSATZ: Novak Djokovic gab in seinem 6. Wimbledonfinale alles. Nach 4:57 Stunden hatte er 5,62 Kilometer zurückgelegt (Federer 5,81).


FOTOS GETTY IMAGES

KANN IHR GLÜCK NICHT FASSEN: Simona Halep gewann gleich bei ihrer Finalpremiere. Sie ist die erste rumännische Wimbledonsiegerin (bei Damen und Herren).


Sie wird es nicht vergessen. ...

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... Sportlich, da kann kommen, was will, wird es wohl der glücklichste Moment ihres Lebens gewesen sein. Wenn sie in ein paar Wochen – oder auch in ein paar Jahren – an diese Momente zurückdenkt, wird ein breites Grinsen ihre Züge umspielen. Weil es nicht besser hätte laufen können. Weil niemand ihr den Augenblick des süßen Sieges, als sie auf die Knie sinkt, wird nehmen können.

13. Juli, kurz nach 15 Uhr Ortszeit in London. Simona Halep, 27, an Position sieben gesetzt, gewinnt zum ersten Mal Wimbledon. Es ist nach Paris 2018 ihr zweiter Grand Slam-Titel. Und was für einer! In 55 Minuten schlägt sie Serena Williams im Finale 6:2, 6:2. In der ganzen Partie unterlaufen ihr drei leichte Fehler, zwei im ersten und einer im zweiten Durchgang. Lediglich drei „unforced errrors“ – so wenige gab es in Wimbledon seit der Aufzeichnung der Daten im Jahr 1998 nicht. Mag sein, dass Steffi Graf mal ein ähnliches Kunststück gelang. Der zweitniedrigste Wert: Als Petra Kvitova 2014 im Finale Genie Bouchard schlug, unterliefen ihr vier Fehler. Zum Vergleich zur traumhaften Halep-Zahl: Bei Williams waren es 26 Fehler ohne Not.


26 Fehler ohne not bei williams


Aber um Zahlen geht es bei diesem Märchen unter bewölktem Himmel im Südwesten Londons nicht. Eher um die großen Gefühle. Wer bisher dachte, Simona Halep, die 1,66-Meter-Frau, stehe nur für Power und Fitness, sei ein Terrier, wie Martina Navratilova sie einmal bezeichnete, wurde überwältigt von ihrem Charme, dem sympathischen Wesen der Rumänin. Wie wohltuend waren ihren Reaktionen nach dem verwandelten Matchball etwa im Vergleich zur freudlosen Naomi Osaka nach ihrem Australian Open- Triumph im Januar.

Haleps Lächeln, wie festgetackert im erhitzten Gesicht. Breit wie die Themse. Echte, pure Freude, strahlende Augen. „Ich wollte auf jeden Fall hier gewinnen, weil jede Siegerin eine lebenslange Mitgliedschaft im All England Club bekommt. Und da bin ich!“, sprudelte es ihr bei der Siegerehrung nur so heraus. Dann der Gruß auf die Tribüne zur Mutter Tania: „Es war dein Traum, dass ich Wimbledon gewinne, seit wir damals ein Finale zusammen im Fernsehen gesehen haben. “ Es war – und da schließt sich der Kreis – ein Serena Williams-Endspiel. Neben der Mama steht ihr neuer Coach und Landsmann Daniel Dobre mit Tränen in den Augen. Zum Weinen schön. In der Royal Box applaudieren die Herzoginnen Kate und Meghan und Halep muss sich in der nächsten halben Stunde wie in einem Rosamunde Pilcher-Film vorgekommen sein. Als sie ins edle, Mahagoni-Holz-getäfelte Clubhaus geführt wird. Als ihr Name auf der Tafel mit den Champions vergangener Tage enthüllt wird. Als sie vom scheidenden Wimbledon- Chairman Philip Brook die Stufen nach oben geführt wird, wo ihr Maghan gratuliert und sie, Halep, brav einen Knicks macht. Zwei Minuten später steht sie auf dem Efeu-umrankten Balkon über dem Eingang Centre Court South West Hall, stemmt die Rosewater Dish, ihre Trophäe, in den Himmel und hunderte Fans jubeln mit ihr.

STRECKTE SICH VERGEBLICH: Serena Williams scheiterte auch im dritten Finale nach der Babypause. Kann sie den Rekord von Margaret Court (24 Grand Slam-Titel) noch knacken?


GLÜCKLICHES TANDEM: Andy Murray will künftig wieder Einzel spielen. In Wimbledon meldete er für das Doppel und trat im Mixed mit Serena Williams an – zur Freude der Fans.


Halep, die Sand- und Hartplatzspezialistin – mit ihr hatte niemand auf Rasen gerechnet. Einmal hatte es bisher zum Halbfinale gereicht – 2014 gegen Bouchard – , ansonsten war immer früher Schluss. Warum war sie plötzlich so gut? Wie schaffte sie im entscheidenden Moment, das beste Tennis ihrer Karriere abzurufen? Sie, die früher Rasen ähnlich gern hatte wie Ivan Lendl („Gras ist für Kühe“), weil die Bälle unterschiedlich abspringen, weil man improvisieren muss, sagt heute, sie habe ein „Gefühl für Rasen“ entwickelt. Sie stellte ihr Spiel um: mehr Slice, mehr Stoppbälle, einen besseren Aufschlag – im Finale servierte sie im Schnitt nur zehn Kilometer langsamer als Williams (157:167 km/h). Die Werte beim ersten Aufschlag – 76:68 Prozent im Feld; 83:59 Prozent gewonnene Punkte – übertrafen die von Williams um Längen.

Das Wichtigste: „Ich habe gelernt, Dinge leicht zu nehmen. Früher habe ich alles im Kopf komplizierter gemacht, als es tatsächlich ist. “ Seit zwei Jahren arbeitet Halep eng mit einer Psychologin zusammen – und erzählt das auch, anders als viele andere Profis. Profitiert habe sie auch von Darren Cahill, ihrem Ex-Coach. Ion Tiriac, früherer Manager von Boris Becker und Turnierchef in Madrid, unterstütze sie seit 2014. „Er hat mir viele Geschichten von Boris und Guillermo Vilas erzählt. Er hat mir eingetrichtert, folge deinem Instinkt und denk‘ nicht so viel nach“, sagte Halep schon vor dem Finale. Am Montag nach Wimbledon kletterte sie in der Weltrangliste von Position sieben auf vier. Ihr Preisgeld natürlich wie in jedem Jahr wieder eine Rekordsumme: 2,64 Millionen Euro.

VOLLES BRETT: Rafael Nadal wehrte im Halbfinale gegen Federer vier Matchbälle ab. „Auch ich bin ein Fan von diesem Match. Es ist eine der epischsten Rivalitäten aller Zeiten. Es ist fantastisch, das zu sehen“, sagte Djokovic über den Thriller.


Dabei schien die Bühne bereitet für Serena. Nach zwei Grand Slam-Finalpleiten als Mutter – Wimbledon 2018 gegen Angelique Kerber, US Open 2018 gegen Naomi Osaka – musste es doch klappen. Schlanker sah sie aus als zuletzt. Nach etwas schwachem Start demonstrierte die 37-Jährige erstmals gegen Julia Görges in der dritten Runde ihr Können. Anschließend sprach vieles für sie. Vor allem ihre Lockerheit. Ihre Trainingssessions im Aorangi Park vermittelten einen Touch von Schülerfreizeit. Ghettoblaster an, Rap im Ohr, Tennistaschen wild verstreut auf dem Rasen und meist Mixed, bei dem die Teilnehmer Spaß ohne Ende zu haben schienen. Gelegentlich ballerte auch Venus bei einem dieser Happenings Bälle auf die gegnerische Seite.

Beim offiziellen Mixed-Part, publikumswirksam an der Seite von Volksheld Andy Murray, schaffte es Serena bis in die dritte Runde: Endstation das an Position eins gesetzte brasilianisch-amerikanische Duo Bruno Soares und Nicole Melichar – 3:6, 6:2, 2:6.

In den Pressekonferenzen präsentierte sich Williams tiefenentspannt. Frage eines Reporters: „Sie hatten Verletzungen, nahmen ein Jahr Babypause. Sie stehen immer noch in großen Endspielen. Wo nehmen Sie die Stärke her? “ Antwort: „Keine Ahnung, darüber denke ich nicht nach. Ich war oft in Halbfinals und Finals seit meiner Rückkehr. “ Nächste Frage: „Die Nummer 24 haben Sie schon eine Zeit vor der Nase. Wie gehen Sie mit dem Druck um und der Hoffnung, diese Marke zu erreichen? “ Antwort: „Darüber habe ich heute morgen nachgedacht. Vorher nie, weil es nicht um 24 oder 23 oder 25 geht. “


Simona halep wie ein Kraftwerk


Wirklich nicht? Den Rekord von Margaret Court zu knacken, nämlich 24 Grand Slam- Turniere zu gewinnen, habe keine große Rolle gespielt? Das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein. So brilliant Halep war – Williams agierte grottenschlecht für ihre Verhältnisse: kein Timing, kein Rhythmus, leichte Fehler, nur zwei Asse. Bei 0:4 im ersten Satz drohte sogar die Höchststrafe. Dabei war sie gewarnt, lobte die Gegnerin schon vor dem Finale dieser 133. Championships. „Sie war zweimal am Jahresende die Nummer eins. Sie verbessert sich ständig. Man darf sie nicht unterschätzen. Sie ist wie ein Kraftwerk. “

Williams, die wie schon gegen Kerber im vergangenen Jahr auch gegen Halep Größe in der Niederlage zeigte, wird die 24 weiter jagen. Daran ändert auch ihr Alter nichts – im September wird sie 38. Das Alter, sagt Williams, sei nicht entscheidend. Sie sei nicht allein. Auch Tom Brady (American Football), Tiger Woods (Golf) und Roger Federer scheinen, bis in alle Ewigkeit zu spielen.

SIEGER DER HERZEN: Roger Federer verlor zum dritten Mal ein Wimbledonfinale gegen Novak Djokovic. Dabei waren seine Zahlen besser – mehr Asse (25:10), mehr Winner (94:54), mehr Punkte insgesamt (218:204).


DEFENSIVKÜNSTLER: Für Djokovic war Wimbledon 2019 der 16. Sieg bei einem Grand Slam-Turnier. Vor ihm liegen Rafael Nadal (18) und Roger Federer (20). Der Serbe ist ein Jahr jünger als der Spanier und sechs Jahre jünger als der Schweizer.


“ES IST EINE EHRE FÜR MICH


Goran Ivanisevic, der Wimbledonsieger von 2001, ist neu im Team von Novak Djokovic. Für den Kroaten war der Einsatz in Wimbledon ein „Last-Minute-Deal“

WIMBLEDON-CHAMPIONS UNTER SICH: Goran Ivanisevic (47) unterstützte das Team Djokovic in der ersten Woche intensiv.


Goran, wie kam es zu dem Engagement bei Novak Djokovic?
Es war ein Anruf in letzter Minute von Novak, am Dienstag eine Woche vor Wimbledon. Ich war auf dem Weg nach Schweden, um ein Champions Tour-Event zu spielen. Es war total überraschend, also bin ich, nachdem ich in Schweden fertig war, in ein Flugzeug gesprungen und erst am Sonntag vor Turnierbeginn in London angekommen.

Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?
Mal sehen. Das ist das erste Mal, dass wir zusammenarbeiten. Es ist eine Ehre für mich, die Chance zu haben, bei Novak und seinem ganzen Team zu sein. Ich war schon immer ein Fan, aber jetzt habe ich die besten Sitzplätze, um ihm zuzuschauen. Er ist hungrig, will sich verbessern und ist sehr kommunikativ, was heutzutage nicht mehr sehr oft der Fall ist bei Spielern auf der Tour. Er ist für mich ein wahrer Champion.

Wie können Sie ihm helfen?
Ich habe mir die gleiche Frage selbst gestellt (lacht ). Es gibt Details, bei denen ich meine Gedanken mit Marian (Vajda;d. Red. ) und Novak teilen kann. Aber es ist nicht so, dass ich komme und alles wird anders. Dafür bin ich nicht da. Wir reden über ein eingespieltes Team. Ich denke, ein zusätzliches Paar Augen, und hoffentlich habe ich anständige Augen, kann helfen. Wir reden über Details bei seiner Beinarbeit auf der Vorhandseite, Details beim Aufschlag und ein paar Kniffe bei den Volleys. Aber wir reden nicht über einschneidende Veränderungen.

Wie ist Ihre Rolle innerhalb des Teams definiert?
Wir sind noch dabei, das herauszufinden. Marian ist Novaks Haupttrainer. Es ist denkbar, dass ich Novak beispielsweise in den Wochen helfe, in denen Marian nicht reisen kann.

Wie verstehen Sie sich mit Marian Vajda?
Wir arbeiten gut zusammen und ich denke, wir machen einen guten Job. Marian ist ein großartiger Kerl mit sehr viel Erfahrung. Es macht Spaß, in seiner Nähe zu sein.

Wird es ein längeres Engagement sein?
Wir werden sehen. Ich habe die Arbeit mit ihm in Wimbledon sehr genossen und ich hoffe, es wird weitergehen. Aber es ist immer etwas delikat, wenn man jemanden zu einem Gewinner-Team hinzufügt. Es muss perfekt passen, also mal sehen.

Goran der Kroate und Novak der Serbe – war das jemals ein Problem?

Niemals!

Das Alter der Profis – es war eines der Themen gegen Ende des Turniers. Die Next Gen hatte sich bei den Herren schon früh verabschiedet. Kein Zverev, kein Tsitsipas, kein Khachanov, kein Shapovalov. Sie klopfen schon seit einiger Zeit an, aber sie kommen nicht mal bis zur Kellertür. Ins Halbfinale stießen mit Roger Federer (37), Rafael Nadal (33), Novak Djokovic (32) und Roberto Bautista Agut (31) vier gestandene Profis. Durchschnittsalter: 33,5 Jahre. In der Runde der letzten 16 übertrumpften erstmals in der Open Era die Alten die Jungen. Neun Spieler (dazu noch Bennoit Paire, Fernando Verdasco, Mikhail Kukushkin, Sam Querrey und Joao Sousa) waren älter als 30, nur zwei jünger als 27 – der Italiener Matteo Berrettini (23) und der Franzose Ugo Humbert (21).


DIE SHOW DER SUPERLATIVE


Am Ende, als sich das Turnier zuspitzte, als es sich anschickte, zur besten Werbung zu werden, die es für den Tennissport geben kann, spielten nüchterne Fakten keine Rolle mehr. Die großen Drei im Halbfinale, die Gewinner von insgesamt 54 Majortiteln (Wimbledon 2019 inklusive) – es konnte nur zu einer Show der Superlative werden. Schon zu Beginn der 133. All England Championships hatte sich angedeutet, wie brilliant sich die Protagonisten präsentieren. Wer Zeuge war, wie stark das Top-Trio im Aorangi Park trainierte, konnte nur staunen angesichts der Präzision und Athletik. Vier Teakholz-Bänke stehen auf einem Hügel oberhalb der Trainingscourts 15 und 16. In der Regel sind sie proppenvoll mit Journalisten, Kamerateams und Spieler-Entourage, wenn die Elite Bälle schlägt. Ganz zu schweigen vom stehenden Publikum.

Aber nichts kann die Matchsituation simulieren. Nur: Wenn die Stars dann draußen sind, auf den Matchcourts, auf dem auf exakt acht Millimeter geschorenen Rasen, dann wird es noch besser. „Boy“, textete beispielsweise der frühere englische Nationalspieler Gerry Lineker auf Twitter, „Man wird sie vermissen, wenn ihre Karrieren zuende sind. So verdammt gut. “ Gemeint waren Federer und Nadal, die im Halbfinale zum 40. Mal aufeinandertrafen.

Es war die Ouvertüre für den finalen Showdown. Und was für eine. Für viele war der Spanier leicht favorisiert. Weil er Federer öfter bezwingen konnte als dieser ihn (24:16). Weil Federers bittere Dreisatzniederlage in Paris noch frisch war. Überhaupt: Federer wird ja immer ein Nadal-Komplex nachgesagt. Was sich als Quatsch erwies.

Vor dem Match sagte Nadal: „Ich habe meinem Spiel einige Dinge zugefügt, weil andere verloren gingen mit dem Alter. Ich laufe weniger, also muss ich besser aufschlagen. “ Dass am Ende Federer besser servieren würde (14 zu 10 Asse), war nicht weiter erstaunlich. Dass er aber die Partie über weite Strecken von der Grundlinie diktieren würde, schon. Auf Rasen springen die Bälle flach ab. Das half Federer, wenn er von seinem Kontrahenten auf der Rückhandseite bearbeitet wurde. Zur Wahrheit gehört auch: Federer hat – im Gegensatz etwa zur Legende Pete Sampras – seine Rückhand zu einer der stärksten Waffen im Circuit entwickelt.

„Das Match wird mir als eine meiner Lieblingspartien in Erinnerung bleiben“, sprach Federer nach dem 7:6, 1:6, 6:3, 6:4-Triumph in rund drei Stunden Spielzeit. Der 37-jährige Schweizer ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon, dass seine Mission, Wimbledon 2019 mit dem 21. Grand Slam-Titel abzuschließen, noch lange nicht zu Ende ist. „Wenn es hier vielleicht noch einen härteren Brocken gibt als Rafa, dann ist es Novak“, sagte die Nummer drei der Setzliste. Wie wahr.

Und Djokovic? Der sechs Jahre jüngere Serbe hatte das leichtere Programm auf dem Weg ins Finale. Auch wenn er nach Siegen gegen die Herren Kohlschreiber, Kudla, Hurkacz, Humbert, Goffin und den Überraschungshalbfinalisten Roberto Bautista Agut rund eine halbe Stunde länger auf dem Platz verweilt hatte – 13:03 Stunden, um genau zu sein. Bei Federer waren es 12:25 Stunden.

Vor dem Finale sagte Djokovic: „Ich habe in meiner Karriere genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben. Ich möchte so viele Grand Slam-Titel holen wie möglich, und ich möchte auch den Weltranglistenrekord. “ Und auf das Match gegen Federer angesprochen: „Ich habe zwei epische Finals in Serie gegen ihn gespielt. Ich weiß, was ich zu erwarten habe. “

Epische Siege ist das Stichwort. All das, was sich im „Finale furioso“, wie es dieSüddeutsche Zeitung treffend bezeichne te, zwischen 15 Uhr und kurz nach 20 Uhr deutscher Zeit ereignete, ist eigentlich nicht zu fassen. Die Wörter, um es zu beschreiben – Drama, Thriller, Achterbahnfahrt, Krimi –, sind alle abgedroschen.

VIERTER IM BUNDE: Roberto Bautista Agut, 31, zog neben den „Big 3“ in sein erstes Wimbledon-Halbfinale ein. Dadurch verpasste er seinen Junggesellenabschied auf Ibiza.


Was haben sich die Tennisgötter dabei gedacht, ausgerechnet im Finale die höchstmögliche Matchdauer auszuschöpfen? Als Kevin Anderson und John Isner im vergangenem Jahr ihr Halbfinale erst beim Stand von 26:24 im fünften Satz beendet hatten und das anschließende Finale zum Flop wurde, änderten die Hüter des heiligen Grals Wimbledon ihr Reglement: Bei 12:12 im entscheidenden Durchgang sollte Schluss sein und ein Tiebreak gespielt werden.

Zum Match: Den ersten Satz gewinnt Djokovic im Tiebreak, obwohl Federer schon 5:3 führt, der bessere Spieler ist. Den zweiten Satz dominiert Federer – 6:1. Im dritten Durchgang wieder Tiebreak und wieder ist Djokovic besser. Federer musste zu diesem Zeitpunkt nicht einen einzigen Breakball abwehren und doch liegt er 1:2-Sätze zurück. Erst nach 2:47 Stunden – in der Endphase des vierten Satzes beim Stand von 2:5 aus Sicht von Djokovic – hatte die Nummer eins der Welt ihre erste Breakchance. 35-mal war der Ball mit irrem Tempo über das Netz gesaust. Kurz darauf verliert der „Maestro“ zum ersten Mal sein Aufschlagspiel, was nicht weiter schlimm ist, weil er sein nächstes Servicespiel gewinnt – 6:4, Satzausgleich.

Der finale Akt. Es ist ein zähes Ringen. Von Müdigkeit wenig Spuren. Das Match elektrisiert jetzt komplett. Beim Stand von 8:7 führt Federer 40:15, hat zwei Matchbälle, aber er kann sie nicht verwandeln. Bei 11:11 lässt der Schweizer zwei Breakchancen aus. Djokovic, der Houdini des Tennis, befreit sich immer wieder. Bei 12:12 gewinnt er seinen dritten Tiebreak in diesem Match mit 7:3. Endstand 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 nach 4:57 Stunden.

Nach 4:48 Stunden begann der Tiebreak. Der Rekord des längsten Wimbledonfinals war zu diesem Zeitpunkt schon geknackt. 2008 hatte Nadal den ewigen Rivalen Federer mit 9:7 im fünften Satz geschlagen und der LondonerTelegraph „the greatest final ever“ getextet. Muss die Wimbledongeschichte wieder umgeschrieben werden? „Ich will versuchen, es zu vergessen“, sprach Federer bei der Siegerehrung. Und später: „Ich weiß nicht, ob ich traurig oder wütend sein soll, solche Chancen verpasst zu haben. “ Djokovic sagte: „Es war das spektakulärste Endspiel meiner Karriere. Leider musste einer von uns verlieren. “

Im direkten Vergleich mit Federer führt er jetzt 26:22. Er gewann seinen 16. Grand Slam-Titel, zwei fehlen zu Nadal, vier zu Federer. Das Rendez-vous der Titanen mit der Ewigkeit geht weiter. Fortsetzung folgt: schon in wenigen Wochen in New York.

LIEBLINGSPLATZ: 1997 kam Andrej Antic zum ersten Mal nach Wimbledon – Liebe auf den ersten Blick und für ihn das beste Grand Slam-Turnier.


FOTO: JÜRGEN HASENKOPF