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TURNIERE: Wird Sie die neue Serena?


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 17.08.2018

Die 14-jährigeCori Gauff , jüngste Nummer eins aller Zeiten bei den Juniorinnen, wird als Wunderkind gehypt. Kann die Amerikanerin den hohen Erwartungen gerecht werden?


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Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 90/2018

VERSPRECHEN FÜR DIE ZUKUNFT: Cori Gauff gewann bislang ein Grand Slam-Turnier bei den Juniorinnen und ist aktuell die Nummer eins. Ihre derzeitige Bilanz bei den Profis: 8:2.


Es gibt einige deutsche Begriffe, die im Englischen keiner Übersetzung bedürfen: Weltschmerz, Zeitgeist, Doppelgänger, Kindergarten – oder auch Wunderkind. Viele Jahre prägten Wunderkinder das Welttennis. Dass Teenager Grand Slam-Turniere gewannen, war in den ...

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... Achtzigern und Neunzigern keine Ausnahme, sondern fast schon die Regel. Boris Becker, Mats Wilander, Steffi Graf, Monica Seles, Martina Hingis: Sie alle holten ihren ersten Grand Slam-Titel als Minderjährige. Die Zeiten, in denen Teenager an der Spitze des Welttennis mitmischten und große Titel abräumten, sind jedoch längst vorbei. Die Ära der Wunderkinder ist vorüber. Mittlerweile bestimmen die routinierten Spieler und Spielerinnen die Geschehnisse im Welttennis. Seit 2000 waren nur drei Teenager bei einem Grand Slam siegreich: Maria Sharapova (Wimbledon 2004), Svetlana Kuznetsova (US Open 2004) und Rafael Nadal (French Open 2005). Ist die Zeit nun wieder reif für das nächste Wunderkind? Cori Gauff soll „The Next Big Thing“ werden. So nennen Amerikaner hoffnungsvolle Talente, die in absehbarer Zeit an die Spitze der Weltrangliste vordringen werden.


ZEIT REIF FÜR EIN WUNDERKIND?


Die 14-jährige Amerikanerin hat im Juli einen Rekord gebrochen. Sie ist die jüngste Nummer eins bei den Juniorinnen aller Zeiten. Im Alter von zwölf Jahren gewann sie die prestigeträchtige Orange Bowl, die inoffizielle WM der Junioren. Im Vorjahr wurde sie bei den US Open die jüngste Finalistin überhaupt. Im Juni holte sie sich mit 14 Jahren und zwei Monaten den Titel bei den French Open. Zum Vergleich: Martina Hingis siegte 1994 in Paris im Alter von zwölf Jahren und acht Monaten. Bei Cori Gauff, Spitzname Coco, erinnert nicht nur das Äußerliche an Serena Williams, sondern auch ihre forsche Art. Die Teenagerin weiß, was sie will. „Ich sage immer, dass ich so sein will wie Serena und die Dinge erreichen will, die sie erreicht hat. Aber ich will weitergehen, so weit wie es mir möglich ist.“ Um es auf den Punkt zu bringen: „Ich will die Größte aller Zeiten werden.“

GUTES OMEN? Cori Gauff wurde die fünftjüngste French Open-Siegerin bei den Juniorinnen. Nur Martina Hingis (zweimal), Jennifer Capriati und Monica Seles waren früher dran.


Gauff hat Sportlergene im Blut. Ihr Vater war Basketball-Spieler an der Universität in Georgia, ihre Mutter eine begnadete Leichtathletin an der Universität in Florida. Der Tenniskarriere der Tochter zuliebe zog die fünfköpfige Familie (Gauff hat zwei jüngere Brüder) von Atlanta nach Delray Beach in Florida für bessere Trainingsmöglichkeiten. Mittlerweile trainiert sie hin und wieder an der Akademie von Patrick Mouratoglou, dem Erfolgstrainer von Serena Williams. „Sie ist sehr, sehr gut. Sie ist eine unglaubliche Athletin und Kämpferin. Sie hat viele Waffen und kann eine absolute Topspielerin werden. Ich glaube ganz fest an sie“, urteilt Mouratoglou über das gehypte Wunderkind.


FALL CAPRIATI BRINGT NEUE REGEL


Das Leben von Gauff kennt derzeit nur ein Ziel: der nächste Tennis-Weltstar werden. Zur Schule geht die 14-Jährige nicht, sie wird stattdessen von ihrer Mutter zu Hause unterrichtet, was in den USA möglich ist. Bereits mit zehn Jahren wurde ein Ausrüstervertrag mit Nike geschlossen. Eine bekannte Agentur kümmert sich mittlerweile um das Management von Gauff: Team8, bei der Roger Federer Mitbegründer ist. Ob Gauff tatsächlich das Zeug zum nächsten großen Wunderkind im Tennis hat, lässt sich schwer prognostizieren. Es gibt genügend Beispiele von hoffnungsvollen Jugendlichen, die im Profitennis keine große Rolle gespielt haben. Einen rasanten Aufstieg in der Weltrangliste, wie es bei vielen Teenagern in den Achtzigern und Neunzigern der Fall war, wird es wohl nicht mehr geben. Ein Grund liegt darin, dass es im Tennis weitaus physischer zugeht als noch vor einigen Jahren. Ohne die nötige Athletik und Fitness wird es schwer, mit der Weltspitze mithalten zu können. Um die nötige Wettkampfhärte aufzubauen, braucht es bei vielen Spielern einige Jahre, bis man im knallharten Touralltag Fuß gefasst hat. Nur mit Spielwitz, den beispielsweise Martina Hingis und Michael Chang hatten, kommt man in der heutigen Power-Generation nicht mehr schnell nach oben. Der technische Fortschritt bei Schlägern und Saiten hat zudem dazu geführt, dass sich häufig die pure Kraft gegen das Ballgefühl duchsetzt.

Zudem hat der Fall Jennifer Capriati (siehe Leidensgeschichten der Wunderkinder S. 34) im Damentennis zu einer Regeländerung geführt, die es jungen Spielerinnen etwas schwerer macht. Mit Beginn der Volljährigkeit rebellierte Capriati. Sie wurde wegen Marihuana-Besitz inhaftiert. Das Polizeifoto der Ameriknaerin ging um die Welt. Nach den Ereignissen um Capriati sowie dem Verheizen anderer Wunderkinder gilt auf der WTA-Tour, dass es erst mit 18 Jahren die volle Startberechtigung gibt. Vorher dürfen die Teenagerinnen nur eine begrenzte Anzahl von Turnieren spielen. Als 15-Jährige beispielsweise sind maximal zehn Turniereinsätze pro Jahr vorgesehen. Während Capriati bereits im Alter von 13 Jahren bei den Profis für Furore sorgte, darf man mittlerweile erst mit 14 Jahren ins Profitennis einsteigen. Braucht es überhaupt neue Wunderkinder im Tennis, die nach ein paar Jahren ausgebrannt sind? Stefano Capriati, der Vater von Jennifer, sagte einst: „Kinder brennen nicht aus. Eltern tun das.“ Eine mehr als streitbare Aussage. Es gibt aber auch genügend Beispiele von ehemaligen Wunderkindern, die eine lange und erfolgreiche Karriere hingelegt haben – zum Beispiel Steffi Graf, Boris Becker und Stefan Edberg.

VIER KONKURRENTINNEN VON CORI GAUFF

Marta Kostyuk (16, Ukraine) Gewann mit 14 Jahren gleich bei ihrem ersten Grand Slam den Juniorinnentitel bei den Australian Open. Spielte sich dieses Jahr mit 15 Jahren in Melbourne über die Qualifikation in die dritte Runde. Wird gemanagt von Ivan Ljubicic.

Amanda Anisimova (16, USA) Beendete 2017 ihre Karriere bei den Juniorinnen mit dem Titelgewinn bei den US Open. In Indian Wells erreichte sie das Achtelfinale mit Siegen über Anastasia Pavlyuchenkova und Petra Kvitova.

Whitney Osuigwe (16, USA) Beendete 2017 als Nummer eins bei den Juniorinnen und siegte mit 15 bei den French Open. Ihr Vater stammt aus Nigeria und ist ihr Coach. Sie trainiert seit ihrem sechsten Lebensjahr an der IMG Academy.

Olga Danilovic (17, Serbien) Gewann als erste Spielerin aus dem Jahrgang 2001 ein WTA-Turnier (Moskau). Siegte als Juniorin bei drei Grand Slam-Turnieren im Doppel.

NACHGEFRAGT BEI TRACY AUSTIN: Die US-Amerikanerin über Wunderkinder auf der Tour

Tracy Austin (55) gewann 28 ihrer 30 WTA-Titel als Teenagerin und ist mit 16 Jahren und 270 Tagen die jüngste Siegerin bei den US Open. Mit 17 Jahren wurde sie die Nummer eins der Welt.

Frau Austin, Sie waren das erste große Wunderkind im Tennis. Der Ausdruck Wunderkind wird meist damit verbunden, dass die Eltern streng sind und man zahlreiche Stunden pro Tag trainiert. Wie ist Ihre Meinung?
Ich habe es nicht so aufgefasst und sehe den Begriff als Kompliment. Mein Vater war Nuklearphysiker und hat sich für Tennis nicht sonderlich interessiert. Meine Mutter liebte schon immer Tennis. So kam ich zum Sport.

Gab es bei Ihnen nie Druck, Leistung zu bringen?
Natürlich gab es Druck. Den habe ich mir aber selbst auferlegt, weil ich gut spielen wollte. Bei mir ging es nicht ums Geld oder darum, dass ich für meine Eltern finanziell sorgen sollte. Ich habe über die Träume und Ziele nachgedacht, die ich als kleines Mädchen hatte. Als ich mit 15 Jahren meinen ersten Porsche in Filderstadt gewann, habe ich ihn meiner Mutter geschenkt. Sie hatte das verdient für all die Zeit, die sie damit verbracht hat, mich zu Turnieren zu fahren.

Sie gewannen bereits mit 16 Jahren die US Open und wurden mit 17 die Nummer eins der Welt. Haben Sie damals begriffen, was Sie erreicht haben?
Nein, absolut nicht. Ich habe nicht begriffen, wie besonders das alles war, weil die meisten 16-Jährigen nicht reif genug gewesen wären, um mit solchen Situationen umzugehen. Für mich ging es in erster Linie darum, das Match zu gewinnen, das ich an einem bestimmten Tag spiele. Ich war ein starker Charakter auf dem Platz, aber wenn ich zu Hause ankam, dann war ich ein Kind.

Würden Sie sagen, dass die Zeit der Wunderkinder vorbei ist?
Es ist auf jeden Fall viel schwieriger geworden, im Teenageralter Grand Slam-Turniere zu gewinnen, auch wegen der physischen Komponente. Jeder ist mittlerweile ein besserer Athlet und achtet mehr auf seinen Körper.

Sind Sie froh, dass es zu Ihrer Zeit kein Social Media gab?
Es geht hier darum, wie ich auf Sachen reagiere. Damals war der mehrmalige Grand Slam-Champion Jack Kramer der Besitzer des Tennisclubs, in dem ich angefangen habe. Er sagte zu meiner Mutter: ‚Pass auf, dass Tracy nicht die Artikel über sich liest. Wenn sie gut sind, dann wird es ihr zu Kopf steigen. Wenn sie schlecht sind, dann wird sie traurig sein.‘ Als Athlet ist es am besten, wenn man die Kommentare nicht liest.

Sie haben 1982 in Filderstadt Steffi Graf in deren ersten Profimatch mit 6:4, 6:0 geschlagen. Anschließend sollen Sie gesagt haben: „In den USA gibt es hunderte Spielerinnen wie sie“. Stimmt diese Aussage?
Das wurde etwas aus dem Kontext gerissen. Ich habe es nicht in einer negativen Art gemeint. Ich wurde gefragt, ob sie die Beste der Welt werden würde. Das konnte man damals genauso wenig sagen wie heute. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle.

WUNDERKINDER UND IHRE LEIDENSGESCHICHTEN

Jennifer Capriati

Die Amerikanerin wurde als „achtes Weltwunder“ tituliert, als sie mit 13 Jahren bei ihrem ersten Profiturnier ins Finale kam. Mit 14 stand sie im Halbfinale in Paris und wurde jüngste Top Ten-Spielerin aller Zeiten. Olympiasieg mit 16. Vater Stefano trieb die Karriere voran. Capriati rebellierte mit 18, wurde beim Ladendiebstahl erwischt und wegen Marihuana-Besitz inhaftiert. Es folgte das Fabel-Comeback: drei Grand Slam-Titel und Nummer eins.

Andrea Jaeger

Die Amerikanerin erreichte bereits mit 15 Jahren das Halbfinale der US Open. Mit 16 Jahren war sie die Nummer zwei der Welt. Sie stand im Finale bei den French Open und in Wimbledon. Jaeger gab später zu, dass sie Matches absichtlich verlor, um nicht die Nummer eins zu werden. Karriereende mit 19 Jahren nach zahlreichen Schulteroperationen. Sie studierte Theologie, gründete eine Stiftung für Krebskranke und wurde 2006 eine Nonne.

Jelena Dokic

Die Australierin stand mit 16 im Wimbledon-Viertelfinale, mit 17 Halbfinale in Wimbledon sowie bei Olympia. Es folgte der Absturz. Ihr Vater Damir machte ihr das Leben zur Hölle. Er beschimpfte seine Tochter, prügelte sich mit Journalisten und landete im Knast, weil er gedroht hatte, die australische Botschafterin in Belgrad mit einer Bombe in die Luft zu jagen. Wegen einer Schilddrüsenerkrankung nahm Dokic 60 Kilogramm zu.

Mirjana Lucic

Die Kroatin wurde mit 15 Jahren die erste Spielerin, die bei ihrem ersten Profiturnier jeweils im Einzel (Bol, Kroatien) als auch im Doppel (Australian Open) auf Anhieb den Turniersieg holte – wohl ein Rekord für die Ewigkeit. Lucic floh vor ihrem gewalttätigen Vater, der ihr Preisgeld stahl, in die USA und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen ihn. „Es gab mehr Schläge, als man sich vorstellen konnte“, schilderte sie.

Sesil Karatantcheva

Die Bulgarin spielte sich mit 15 ins Viertelfinale der French Open. Einige Monate später wurde bei ihrer Niederlage in Paris ein erhöhter Nandrolonwert festgestellt. Karatantcheva beteuerte ihre Unschuld und gab an, schwanger gewesen zu sein, was zu erhöhter Nandrolonproduktion führt. Eine Untersuchung stellte keine Schwangerschaft fest. Sie wurde für zwei Jahre gesperrt und konnte anschließend nicht mehr auf der WTA-Tour Fuß fassen.

Bei vielen Spielern besteht die Gefahr, dass man zu früh zu viel möchte und die Karriere schnell vorbei ist. Doch nicht nur im Tennis, sondern auch in anderen Sportarten setzt sich in der Regel Qualität immer durch – unabhängig vom Alter. Ob sich Gauff einen Gefallen damit tut, wenn sie als Jugendliche davon spricht, die Größte aller Zeiten zu werden? Sie wird an ihren forschen Worten gemessen werden. „Ich werde nicht die nächste Serena Williams sein. Ich werde die erste Cori „Coco“ Gauff sein“, sagt die Teenagerin. Man darf gespannt sein, ob die 14-Jährige ein neues Wunderkind-Kapitel hinzufügt. Frisches, junges Blut tut der Tennisszene immer gut.

GRÖSSTES WUNDERKIND? Martina Hingis ist nicht nur die jüngste Grand Slam-Siegerin, sondern auch die jüngste Nummer eins im Damentennis.



FOTO: GETTY IMAGES

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