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Tushar Chande


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 23.06.2022

„SO FOLGE ICH TRENDS“

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 7/2022

TRADERS´: Wie sah Ihr Weg zum professionellen Trendhändler aus?

Chande: Nachdem ich im Jahr 1984 meine Doktorarbeit abgeschlossen hatte, beschäftigte ich mich mit Technischer Analyse. Eigentlich war das zunächst eher zur Unterhaltung gedacht. Doch mit der Zeit entwickelte sich daraus ein zunehmendes Interesse, da ich meine Ideen hier kreativ anwenden konnte. Ich war von Natur aus optimistisch und positiv gestimmt, auf diesem Gebiet meinen eigenen Ansatz entwickeln zu können. Zum Beispiel entwickelte ich den ersten adaptiven Gleitenden Durchschnitt, der sich automatisch an die jeweiligen Marktbedingungen anpasst (Variable Index Dynamic Average, kurz VIDYA). Meine Konzepte stellte ich in einer Reihe von Artikeln im US-Magazin „Stocks & Commodities“ vor.

Mehr über Tushar Chande erfahren Sie unter: www.chandeindicators.com.

Dadurch wurden diese Ideen zunehmend bekannter. Mit der ...

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... Zeit bekam ich dann auch Anfragen dazu und entschied mich, als Commodity Trading Advisor (CTA) ins professionelle Geschäft mit Handelsstrategien einzusteigen.

TRADERS´: Stimmt es, dass Sie den Aroon-Indikator nach Ihrem Sohn benannt haben?

Chande: Ja, das war im Jahr 1995, als ich gerade die zugrunde liegende Methodik des Indikators entwickelte. Mein Sohn war damals drei Jahre alt.

TRADERS´: Was ist der Hintergrund zu dieser Geschichte?

Chande: Der übliche Ansatz in der Technischen Analyse besteht darin, den Preis gegen die Zeit aufzuzeichnen.

Ich wollte diese Logik umkehren und die Zeit im Verhältnis zum Preis darstellen. Ich habe also den Zeitverlauf im Verhältnis zu einem Referenzpreis, zum Beispiel dem Hoch über x Perioden, gemessen. Auf diese Weise lassen sich wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung eines Trends gewinnen. Wenn ein Markt beispielsweise einen starken Trend aufweist, verkürzt sich die Zeit zwischen aufeinanderfolgenden Hochs beziehungsweise Tiefs.

Umgekehrt vergrößert sich die Zeit zwischen neuen Hochs beziehungsweise Tiefs, wenn ein Markt konsolidiert. Ich habe den Indikator nach dem Wort im altindischen Sanskrit für „das frühe Licht der Morgendämmerung“ benannt, da ich wollte, dass der Indikator den Beginn eines neuen Trends genau anzeigt. Gleichzeitig ist es auch der Name meines Sohnes. Ähnlich war es auch schon vorher, als ich den ersten adaptiven exponentiellen Durchschnitt erfand.

Damals sagte ich meiner Frau, dass ich sie berühmt machen würde, und benannte ihn nach ihr (VIDYA). Übrigens ist mein beliebter Indikator Range Action Verification Index (RAVI) nach meinem älteren Sohn benannt. Beide Namen beziehen sich auf die Sonne.

TRADERS´: Sie haben Trading hauptsächlich durch Versuch und Irrtum erlernt. Was war Ihre wichtigste Erkenntnis daraus?

Chande: Ich habe durch Versuch und Irrtum gelernt, bei jeder Entscheidung wissentlich oder unwissentlich Annahmen treffen zu müssen. Und ich konnte nicht sicher sein, ob ein bestimmtes Ein- oder Ausstiegskonzept in der realen Welt genauso gut funktionieren würde wie auf dem Papier. Die Techniken des Testens und Handelns waren ganz anders, als ich anfing, und ich hatte einfach keine Kalibrierung dafür, wie groß der Unterschied zwischen Gewinnen auf dem Papier und Gewinnen oder Verlusten in der realen Welt sein würde. Ich musste also herausfinden, wie sich Ideen auf dem Papier in reale Gewinne ummünzen lassen. Was mir dabei geholfen hat, die Ergebnisse im Lauf der Zeit zu verbessern, war mein Fokus auf die Details der Tradeumsetzung und deren genaue Berücksichtigung. Anfangs hatte ich total unterschätzt, welchen Aufwand es bedeuten würde, vom Testen zum echten Handel überzugehen. Die wichtigste Lektion ist dabei, dass Sie an Ihre Tests glauben und Ihre Systeme mit so wenigen Abweichungen wie möglich anwenden sollten.

B1 UltraFlex-SMA

„Ein Drawdown fühlt sich viel schlimmer an, wenn man ihn Tag für Tag durchlebt.“

Chande-Kroll-Stopp

Diese Methodik zum Setzen von Stopps entwickelte Tushar Chande zusammen mit Stanley Kroll. Als Grundlage und Volatilitätsmaß wird die Average True Range (ATR) verwendet. Die Berechnung erfolgt dann in zwei Schritten:

1) Vorläufige Stopps a. long: High(10) – 3 xATR(10) b. short: Low(10) + 3 xATR(10)

2) Finale Stopplevels c. long: 20-Perioden-Tief des vorläufigen

Long-Stopps d. short: 20-Perioden-Hoch des vorläufigen

Short-Stopps

B2 Chande UltraFlex Bands (CHUF)

Nur dann können Sie Ihre Handelsleistung im Laufe der Zeit sicher beurteilen. Die Kluft zwischen Testen und Handeln besteht auch darin, dass die Zeit auf dem Papier viel schneller vergeht, da man Berge von Daten in Bruchteilen von Sekunden testen kann. Die Drawdowns erscheinen deshalb kürzer und die Erholungen schneller. Das ist das Gegenteil von dem, was man beim Livehandel erlebt.

Erfolgreiches Trading setzt also auch einen angemessenen Umgang mit den eigenen Emotionen voraus, überraschenderweise auch beim systematischen Trading.

TRADERS´: Wie meinen Sie das genau?

Chande: Kurzfristig bewegen sich die Märkte in hohem Maße zufällig. Das ist einfach eine Tatsache, die diskretionäre ebenso wie auch systematische Trader in Echtzeit durchleben müssen. Auf der emotionalen Ebene ist das gerade für Systemhändler etwas ganz anderes als beim Durchführen eines Backtests. Ein Drawdown von beispielsweise sechs Monaten fühlt sich viel schlimmer an, wenn man ihn Tag für Tag durchlebt, als wenn man ihn im Backtest nur als kurzes Intermezzo einer ansonsten steigenden Kapitalkurve wahrnimmt.

Tatsächlich schaffen Rückrechnungen lediglich eine Scheinsicherheit, die es in der realen Umsetzung in dieser Form nicht gibt. Deshalb sollten sich Trader nicht zu sehr selbst kritisieren oder loben und auf keinen Fall davon ausgehen, den Markt „gemeistert“ zu haben. Viele unterschätzen die entscheidende Rolle des Zufalls an den Märkten.

TRADERS´: Können Sie bitte kurz Ihre Tradingphilosophie zusammenfassen? Chande:

Als Erstes nehme ich wie gesagt an, dass sich die Märkte weitgehend zufällig entwickeln. Damit ist gemeint, dass ich nicht prognostizieren kann, mit welcher Dauer oder Amplitude sich eine Bewegung vollzieht. Das wiederum bedeutet, dass ich prinzipiell keine Zeitstopps oder Kursziele einsetze, sondern nachlaufende Trailing-Stopps, wie man es von einem Trendfolger schließlich auch erwarten würde. Was Handelsstrategien angeht, bestehen diese dann einfach aus den drei Komponenten Einstieg, Risikomanagement und Ausstieg.

TRADERS´: Wie kann man überhaupt systematisch Gewinne erzielen, wenn angenommen wird, dass sich die Märkte weitgehend zufällig entwickeln?

Chande: Damit meine ich nicht, dass es keine Trends gibt, sondern nur, dass man sie eben im Vorfeld nicht prognostizieren kann. Fundamentale und technische Einflüsse treffen immer wieder in kleinen und großen Portionen zufällig auf den Markt, und selbst wenn alle Marktteilnehmer dieselben Informationen hätten, so würden sie diese doch unterschiedlich interpretieren und dann jeweils anders darauf reagieren. Dadurch, dass sowohl die Einflüsse als auch die Reaktionen darauf mehr oder weniger unkalkulierbar sind, kann man das Ergebnis kurzfristig als weitgehend zufällig beschreiben. Gleichzeitig bilden sich daraus auf längere Sicht aber gewisse Muster und Trends heraus, die zeigen, wohin das Geld fließt und wie sich der Konsens entwickelt. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb viele große Akteure versuchen, ihre Kapitalflüsse durch bestimmte Algorithmen am Markt zu verstecken. Selbst bei Herausbildung eines Trends ist aber ringsherum kurzfristig alles noch zufällig, weil es immer auch Marktteilnehmer gibt, die bewusst oder unbewusst anders entscheiden, als es der Trend anzeigt, etwa durch Einsatz antizyklischer Strategien.

Robuste Regeln

Tushar Chande nennt fünf Punkte, die zu seiner Philosophie der robusten Regeln beitragen:

• Grundprinzip: Gewinne langsam mitnehmen, Verluste mit einem Schlag begrenzen

• keine Optimierung, gleiche Parameter für alles

• universelle Anwendung auf alle Instrumente

• Einstiege trendfolgend oder antizyklisch

• Ausstiege trendfolgend.

„Es kann vorkommen, dass einzelne Positionen das 40- bis 60-Fache des initialen Risikos verdienen.“

TRADERS´: Sie nutzen vor allem adaptive Konzepte. Wie sieht deren Grundidee aus?

Chande: Ein gutes Beispiel ist die Abhängigkeit von der Volatilität. In einem Umfeld niedriger Schwankungsbreiten ist es häufig so, dass sich stabile Trends ausbilden.

Dann sind bei den Indikatoren längere Periodeneinstellungen und damit Verzögerungen zu favorisieren, die mich entsprechend länger im Trade halten. Ist die Volatilität dagegen hoch, werden die Bewegungen zunehmen erratisch und kürzere Einstellungen wären vorteilhaft.

Ein adaptiver Indikator ist in der Lage, solche Anpassungen automatisch vorzunehmen und sich so auf das aktuelle Marktumfeld einzustellen. Welche genaue Idee dann verwendet wird, um die Volatilität abzubilden, ist eher zweitrangig – sei es die klassische Standardabweichung, die Average True Range (ATR) oder die einfache Hoch-Tief-Spanne.

TRADERS´: Wie sieht ein typischer Trendfolgeeinstieg aus?

Chande: Ich würde sagen, dass hier eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten infrage kommt, von der einfachen Ausbildung neuer Hochs bis hin zu Gleitenden Durchschnitten. Auch Ausbruchsstrategien funktionieren nach wie vor, wobei ich heute mit meinen Einstiegen selektiver beziehungsweise eher langsamer vorgehe und nach mittelfristigen Ausstiegen suche, also schneller als früher wieder glattstelle.

TRADERS´: Was bedeutet das konkret?

Chande: Ich war und bin ein Trader, der auf Schlusskursbasis handelt.

Meine Haltedauer liegt zwischen zehn und 20 Tagen und ist heute zudem flexibler als zu meinen Zeiten als CTA, als ein Trade eher 30 bis 40 Tage dauerte. Dabei beobachte ich, dass viele meiner Setups am Aktienmarkt gut funktionieren, deshalb handle ich dort besonders aktiv.

Tatsächlich trade ich übrigens auch antizyklische Strategien. Allerdings hat es sehr lange gedauert, bis ich hier akzeptable Ergebnisse erzielen konnte.

TRADERS´: Können Sie uns einen Ihrer Indikatoren, das Chande Trend Meter (CTM), genauer erklären?

Chande: Das CTM ist ein aus mehreren Komponenten zusammengesetzter Indikator, der sich genau deshalb gut zur Analyse der stark zufallsbedingten Märkte eignet. Er basiert auf den relativen Kursen über vier Zeitebenen (25, 50, 75 und 100 Perioden). Der Indikator kombiniert fünf Klassen von technischen Instrumenten: Oszillatoren, Bänder, Kanäle, Muster und Renditen. Für jedes Instrument werden unterschiedliche Perioden verwendet und für einige Instrumente gibt es mehrere Periodenlängen. Die Indikatoren weisen unterschiedliche Skalen und verschiedene interne Glättungen auf, sodass die Herausforderung darin bestand, sie angemessen zu kombinieren. Eine weitere Herausforderung war, die relativen Gewichte anzupassen, ohne die Reaktion des Ergebnisses auf Kursänderungen zu dämpfen. Schließlich wollte ich, dass das CTM bei starken Trends über 90 beziehungsweise unter zehn bleibt.

Aus vielen internen Vergleichen der enthaltenen Komponenten berechnet das CTM ohne Angabe von Input-Parametern einen Wert der absoluten Trendstärke auf einer Skala von null bis 100, die sich von Tradern auf allen Zeitebenen nutzen lässt.

TRADERS´: Was spricht für eine so umfangreiche Aggregation?

Chande: Das Problem vieler einzelner Indikatoren ist, dass sie visuell zwar leicht zu interpretieren sind, aber gleichzeitig schwer zu quantifizieren, da verschiedene Tools, Periodeneinstellungen und Zeitebenen zum Teil unterschiedliche Aussagen ergeben. Durch die interne Quantifizierung wird dem Nutzer die Anwendung des CTM erheblich erleichtert und die Entscheidung über die Gewichtung der einzelnen Komponenten oder die „richtige“ Periodeneinstellung abgenommen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass sich das CTM über alle Anlageklassen hinweg einsetzen lässt, sodass die verschiedenen Titel damit direkt miteinander verglichen werden können. Kurz gesagt betrachte ich das CTM als ein Trendthermometer.

TRADERS´: Wie würde man das CTM in der Praxis anwenden?

Chande: Ganz einfach: Man würde das ganze Universum handelbarer Titel anhand des CTM ranken. Ein Indikatorwert von 100 bedeutet dabei die maximal mögliche Trendstärke und man sortiert die Liste absteigend. Dann kommt der jeweilige Trader ins Spiel. Er entscheidet, welche Setups er handeln möchte. Das müssen nicht unbedingt die stärksten Trends sein.

Jede Kategorie an Trendstärke hat ihre Vor- und Nachteile, die im Zusammenhang mit der Dynamik stehen.

B3 Chande Accelerating Stop Exits (CHASE)

Zum Beispiel könnte sich ein diskretionärer Trader darauf spezialisieren, Muster in denjenigen Aktien zu handeln, die sich im Bereich einer CTM-Trendstärke von 85 bewegen. Natürlich sind auch systematische Anwendungen möglich, indem etwa einfache Trendfolgestrategien auf ein Portfolio angewandt werden, das eine Trendstärke zwischen 80 und 90 aufweist und zusätzlich definierte Regeln erfüllt. Auf diese Weise können Trader eine Art „Handelsmaschine“ entwickeln, mit der sich ganz bestimmte Trendstärken systematisch ausnutzen lassen. Der Mehrwert des CTM sowie anderer automatisch adaptiver Indikatoren liegt letztlich darin, dass er eine interne Interpretationslogik eines diskretionären Traders aufweist, der verschiedene Signale aggregiert, aber das Ganze in Form eines Algorithmus abbildet. Durch die täglich fortlaufende Anpassung der stets gleichen Methodik bietet das auch erfahrenen Tradern einen objektiven Vergleichsmaßstab.

TRADERS´: Welches Konzept favorisieren Sie beim Ausstieg aus einem Trade?

Chande: Ich bin ein großer Fan von Stopps, deren Ausstiegsdynamik sich mit der Dauer eines Trades beschleunigt, der also zunehmend näher an den aktuellen Kurs heranrückt. Dabei lege ich die Stopps grundsätzlich als feste Orders in den Markt, da ich Vertrauen in meine Systeme und die Stoppmethodik habe. Alternativ können bei Trendfolgestrategien auch volatilitätsbasierte Stopps genutzt werden und diskretionäre Trader nutzen oft auch bestimmte nachrichtenbasierte Ausstiege.

TRADERS´: Was empfehlen Sie bei der Ausrichtung einer Strategie in Sachen Trefferquote und Durchschnittstrade? Chande: Grundsätzlich kann man sagen, dass Profis meist eine große Anzahl an Positionen handeln. Dabei ist die Trefferquote eher zweitrangig. Wichtiger ist dagegen das Verhältnis von durchschnittlichem Gewinn zu Verlust, das möglichst im Bereich zwischen zwei und drei liegen sollte. Bei Privattradern, die deutlich kleiner handeln, ist es umgekehrt. Sie handeln vergleichsweise wenige Positionen, bei denen es wichtiger ist, oft richtigzuliegen.

Dafür können sie eher auch einen etwas niedrigeren durchschnittlichen Trade in Kauf nehmen.

TRADERS´: Wie wichtig sind besonders große Gewinntrades im Trendfolgehandel? Chande: Extrem wichtig. Es kann vorkommen, dass einzelne Positionen das 40- bis 60-Fache des initialen Risikos verdienen. Solche positiven Ausreißer sind zwar wirklich selten, aber wenn sie auftreten, machen sie einen entscheidenden Unterschied.

Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass solche Ausreißer nicht prognostizierbar sind, und zwar weder, wo und wann sie auftreten, noch wie weit sie laufen. Es braucht also viel Geduld und kann sehr lange dauern, bis Trendfolgetrader so einen dicken Fisch erwischen. Ich weiß zum Beispiel von einem Hedgefonds, dass der phänomenale Anstieg der GameStop-Aktie dort zum größten Gewinntrade in 30 Jahren führte, den keiner vorhersehen konnte.

TRADERS´: Sie selbst haben aber Ihre Haltedauern in etwa halbiert. Reduziert das nicht auch das Potenzial dafür, solche positiven Ausreißer mitzunehmen?

B4 Extrem starker Aufwärtstrend im CHF/USD

Chande: Ja, durchaus. Es ist weniger wahrscheinlich, einen Ausreißer in einem einzigen Trade zu handeln.

Auch meine Methodik heranlaufender Stopps trägt dazu bei, hier vorzeitig aus dem Trade zu gehen. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass ich bei extremen Bewegungen durchaus mehrmals ein Signal zum Wiedereinstieg in einen Trade bekomme.

„Für Privatanleger gibt es niemals irgendeine Knappheit an Handelsgelegenheiten.“

TRADERS´: Analysieren Sie bestimmte Korrelationen zwischen den Märkten?

Chande: Nein, das ist für mein Trading nicht notwendig.

Ich gehe davon aus, dass letztlich ohnehin alle Korrelationen vom Aktienmarkt ausgehen beziehungsweise von ihm getrieben sind. Dieser bestimmt, wann ein risikofreudiges oder risikoscheues Verhalten einsetzt (Riskon beziehungsweise Risk-off) und beeinflusst damit das Verhalten aller anderen Märkte ganz grundsätzlich.

TRADERS´: Nutzen Sie noch andere Inputs wie das Sentiment oder alternative Daten?

Chande: Nein, eigentlich nicht. Ab und zu kann man dem Sentiment beim Aktienhandel vielleicht etwas abgewinnen, wenn es wirklich extreme Niveaus erreicht. Ansonsten sehe ich es eher als einen weiteren Indikator, der weitgehend zufällig ist und keinen maßgeblichen Mehrwert bringt.

Links und Tools

• Blog von Tushar Chande: chandeindicators.substack.com

• „Tushar Chande‘s Complete Toolkit“ mit dem Chande Trend Meter und drei Systemen auf MetaStock mit Rabatt: https://www.metastock.com/chandea

• UltraFlex-Paket mit Adaptive Channels, Bands und Accelerating Exits für NinjaTrader (33 Prozent Rabatt mit dem Code TRADENOW): chandeindicators.com

• Video „Trade Breakouts Like a Pro“ mit NinjaTrader: https://www.youtube.com/ watch?v=lDQdVuZIJR4

• Video „Understanding Sector Rotation“ mit MetaStock: https://www.youtube.com/ watch?v=kzO38AZjiuc

TRADERS´: Wie sieht es mit der Metaebene aus, dem An- und Ausschalten des aktiven Tradings auf Basis des Verlaufs der Kapitalkurve Ihrer Handelsstrategien?

Chande: Ich habe das untersucht und bin zu dem Schluss gekommen, nicht auf Basis der Kapitalkurve des jeweiligen Systems zu handeln. Das Problem der (De-)Aktivierung liegt vor allem in der Verzögerung der Signale. Eine bessere Lösung insbesondere für Großanleger ist es, für jeden Markt eine Vielzahl an Strategien zu entwickeln und dann zu schauen, welche gerade mehrheitlich gut funktioniert.

TRADERS´: Beobachten Sie trotz Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung auch heute noch Verhaltenseffekte bei sich selbst?

Chande: Ich denke, dass das niemals wirklich aufhört.

Aber ich habe eine gute Lösung, um professionell damit umzugehen, und darauf kommt es letztlich an. Das Diskretionäre bei mir liegt einzig und allein darin, welche Regeln ich für meine Strategien auswähle, während ich sie erstelle.

TRADERS´: Wie schätzen Sie die generelle künftige Entwicklung der Märkte in Bezug auf aktives Trading ein?

Chande: Ich denke, dass aktives Trading in jedem Marktumfeld funktionieren kann. Gerade für Privatanleger gibt es niemals irgendeine Knappheit an Handelsgelegenheiten, die genutzt werden können. Hier besteht eher ein Problem für institutionelle Anleger.

TRADERS´: Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, aus dem CTA-Geschäft auszusteigen?

Chande: Bis zum Jahr 2015 war ich bei Rho Asset Management tätig, einem in der Schweiz ansässigen Commodity Trading Advisor, den ich mitgegründet hatte und wo ich als Head of Research arbeitete. Schon damals war mir klar, dass der laufende Betreuungsaufwand bei einer Vielzahl an Handelsstrategien auf Tagesbasis beträchtlich ist. Hinzu kam die Erkenntnis, dass es keine leichte Aufgabe ist, Investorengelder zu beschaffen und zu halten.

Und drittens hängt das Ganze natürlich auch vom Marktumfeld sowie dem persönlichen Umfeld ab. Hier war die Balance für mich aus privaten Gründen irgendwann nicht mehr gegeben. Deshalb entschied ich mich, nur noch als privater Trader auf eigene Rechnung zu handeln.

Das tue ich bis heute und bin mit meiner Entscheidung zufrieden.

TRADERS´: Sie sehen auch eine interessante Parallele zwischen Trading und Sport. Können Sie uns diese bitte zum Abschluss noch erklären? Chande:

Ja, gerne. Ein gutes Beispiel sind die überoptimierten Systeme in der Formel 1. Diese sind extrem gut für einen sehr schmalen Parameterraum ausgerichtet. Sobald es aber zu unerwarteten Abweichungen wie etwa einem heftigen Regenschauer kommt, bricht die Performance (hier gemessen an den Rundenzeiten) zusammen. Ganz ähnlich kann es einer überoptimierten Handelsstrategie gehen. Dabei ist Trading meiner Meinung nach sogar noch viel schwieriger als jeder Sport. Es ist, um bei den Parallelen zu bleiben, wie Golfspielen auf einem beweglichen Platz, auf dem sich ständig die Positionen der Löcher und das umgebende Gelände ändern und noch dazu der Wind die Richtung wechselt. In etwa so ist es auch an den Märkten die ganze Zeit. Um damit zurechtzukommen, sind übermäßige Optimierungen der falsche Weg. Was wir wirklich brauchen, sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

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Das Interview führte Marko Gränitz.