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TV AKTUELL: „CHARITÉ“ 2 Eine Klinik im Krieg


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 08.02.2019

Ärzte im Konflikt zwischen Ethos und Nazi-Ideologie: Der neue Sechsteiler„Charité“ ist noch spannender als die erfolgreiche Staffel 1


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 7/2019

Weltberühmt: Chirurg Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen)


Weltberühmt: Chirurg Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen)


REALES VORBILD
Prof. Sauerbruch (1875 – 1951)


Historische Aufnahme von 1943: Professor Sauerbruch bei einer OP


Spritzen, Scheren, Klammern, Zangen, Sägen: Alles liegt bereit. Kameras werden aufgebaut, auf den Plätzen drängeln sich die Zuschauer. Vorn junge Ärzte in Heeresuniform, dahinter die Studenten: Die „Wochenschau“ ist in die Uniklinik Charité ...

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... gekommen, um „den großen Sauerbruch“ zu filmen, wie er im Hörsaal, keinen Meter vom Publikum entfernt, einen Soldaten mit Oberschenkelschuss operiert. „Das mir keiner Murks macht, sonst können die Leute im Kino sehen, wie Sauerbruch euch feuert“, mahnt er gut gelaunt seine Helfer. Prof. Ferdinand Sauerbruch ist der berühmteste Chirurg seiner Zeit, Selbstzweifel sind ihm fremd. TV-Star Ulrich Noethen spielt ihn in der neuen sechsteiligen Staffel „Charité“ (siehe TV-Tipp S. 22) mit umwerfend burschikosem Charme. „Sauerbruch war eine Koryphäe, international vernetzt. Er war ein Charismatiker und Liebling der Nation. Ein Halbgott in Weiß, der sich als Aushängeschild des Naziregimes missbrauchen ließ“, so beschreibt Noethen seinen Charakter. Als er die Rolle annahm, habe ihn auch das Äußere erschreckt: „Ich hatte zunächst gehofft, dass man den Bart und die Frisur kleben kann. Aber die Maske hat gesagt: ‚Zu kurz zum Kleben.‘ Also musste ich mir die Bürste wachsen lassen.“ Daraufhin habe er sich eine Mütze gekauft und sie wochenlang tief ins Gesicht gezogen, berichtet der Star.

Leben retten und zerstören

Die neue „Charité“-Staffel spielt während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1943 bis 1945. Neben Sauerbruch steht vor allem das Schicksal der angehenden Ärztin Anni Waldhausen (Mala Emde) im Zentrum. Eine fiktive Figur, die wie so viele Menschen jener Zeit den Nationalsozialismus nicht infrage stellt. Sie assistiert dem Professor, als der das Bein des Soldaten amputiert, ihm mittels der „Sauerbruchschen Umkipp-Plastik“ das Leben rettet und eine aufsehenerregende Prothese fertigt. Doch kurz darauf scheut Anni nicht davor zurück, genau diesen Patienten für ihre Karriere zu opfern: Auf Wunsch ihres Doktorvaters, des Nervenarztes Max de Crinis, versucht sie zu beweisen, dass er sich die Verletzung selbst beigebracht hat: einen sogenannten „Heimatschuss“, der ihn von der Front nach Hause bringen und wehruntauglich machen soll. Darauf steht die Todesstrafe. Erst sehr viel später hinterfragt Anni ihr Tun.

Sauerbruchs OP-Methoden sind damals spektakulär neu, das Berliner Klinikum Charité gilt als Nabel der Medizinwelt. Stärker noch als in der ersten Staffel von „Charité“, die die Anfänge der modernen Medizin im Kaiserreich zeigte und mit rund 7,5 Millionen Zuschauern sehr erfolgreich war, thematisiert Staffel 2 den Spagat der Ärzte zwischen Berufsethik und herrschender Ideologie. Fast die Hälfte der 52.000 deutschen Ärzte waren Mitglieder der NSDAP. Alle hatten den Eid des Hippokrates zum Wohl des Menschen geschworen – doch kaum einer protestierte gegen Menschenversuche, Euthanasieprogramme oder Zwangssterilisationen, die es unter dem Vorwand der Volksgesundheit hunderttausendfach gab. Prof. Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité und Berater der Serie, erläutert: „Das Bemühen um einen gesünderen Volkskörper wird seit dem späten 19. Jahrhundert nicht nur in Deutschland, sondern weltweit debattiert. Der entscheidende Punkt, der das Ganze zum Umschlagen brachte, war, dass 1933 dieses Gedankengut nicht nur salonfähig, sondern staatstragend wird und das Wohl des Einzelnen unter das Wohl der Volksgemeinschaft gesetzt wird.“


»Sauerbruch war den Patienten sehr zugetan, egal ob arm oder reich. Doch er ließ auch Menschenversuche zu.«

Prof. Schnalke, Museumsdirektor Charité


Immer wieder legt die TV-Serie den Finger in diese Wunde. Bombenangriffe erschüttern die Klinik, Essensmarken und Mangelernährung gehören zum Alltag, doch große Teile der Belegschaft stehen treu zum Regime. Die Frage nach den vielen Mitläufern war für Regisseur Anno Saul ein zentraler Punkt beim Dreh: „Mich hat sehr interessiert, warum 90 Prozent der Menschen eine so menschenverachtende Ideologie wie selbstverständlich akzeptierten.“ Denn gleichzeitig wird Leben gerettet, es wird geliebt, gescherzt. Amüsant, wie Sauerbruch mit leicht rheinischem Dialekt knorrige Anweisungen raunzt oder zu Hause in der herrschaftlichen Villa seine Sicht der Welt erklärt. „Er ist sicher eine sehr ambivalente Figur. Er hat unglaublich positive Seiten. Aber auch Schatten, die bis ins Abgründige reichen“, sagt Schnalke. So hätte er sich „gegen die Krankenmorde gewehrt, und das 1940, das war nicht einfach. Als Arzt ist er den Patienten extrem zugewandt. Sie sind für ihn alle gleich, egal ob arm oder reich. Auf der anderen Seite begrüßt er die Nazibewegung 1933 mit anderen Hochschullehrern ausdrücklich. Er wird über Forschungen an KZ-Häftlingen informiert – und sagt nichts. Alles im Sinne einer Forschung ohne Grenzen“.

Viele weitere Figuren der Serie sind historisch verbürgt: Max de Crinis etwa war Leiter der Psychiatrischen Klinik – und SS-Standartenführer. Auch den zwangsversetzten Elsässer Prof. Adolphe Jung gab es wirklich. Die Passagen über Sauerbruch beruhen in großen Teilen auf seinen Tagebüchern.

Für Regisseur Anno Saul war „die Arbeit mit Ulrich Noethen zum Niederknien“. Ebenso begeistert äußert er sich über seine weibliche Hauptdarstellerin Mala Emde. Bekannt wurde sie 2015 durch das TV-Drama „Meine Tochter Anne Frank“, in dem sie das jüdische Mädchen Anne spielt, das im Versteck vor den Nazis Tagebücher schreibt. Ganz anders ihre Rolle in der „Charité“: Anni Waldhausen ist überzeugt von der Rassenideologie der Nazis. Sie ist jung verheiratet mit Kinderarzt Dr. Artur Waldhausen, der linientreu Impfversuche an Behinderten durchführt. Die beiden werden Eltern. Als sich ausgerechnet das Baby dieses „arischen Vorzeigepaars“ nach der Geburt nicht altersgerecht entwickelt, begreift Anni allmählich das Unmenschliche dieser Versuche.

Wie schwer war es, diese Frau zu spielen? „Ich finde es spannend, die Geschichte einer Person zu erzählen, die ich im ersten Moment nicht verstehe. Ich musste mich hineinspüren, warum Anni in diesem System aufgeht.“ Manches sei sogar nachvollziehbar: „Sie bekommt ihr Studium und durchs Muttersein gesellschaftliche Anerkennung. Sie profitiert von dem System und sieht deshalb die Fehler nicht. Erst als sie durch die Probleme mit ihrer Tochter persönlich damit konfrontiert wird, fängt sie an, das ganze Ausmaß zu reflektieren. Es ist eine spannende Herangehensweise, so über diese Zeit nachzudenken, nicht gleich von vornherein zu sagen: Das sind die Guten, und das sind die Bösen.“ Für Regisseur Saul war die brünette 22-Jährige, die gerade in London lebt, die Idealbesetzung: „Mala hat dieses natürliche Strahlen und dazu Unerschrockenes. Sie kann eine Grundsympathie herstellen, obwohl ihre Anni zum Teil böse Dinge sagt und tut. Mala scheut auch die Schattenseiten ihrer Figur nicht. Das ist großes Kino.“

Längst hat die ARD eine Fortsetzung geplant: Die dritte Staffel soll Anfang der 1960er-Jahre spielen – in Ostberlin, unter der DDR-Diktatur.

Film (l.) und Wirklichkeit (r.): Sauerbruch operiert und doziert im vollbesetzten Hörsaal


Historische Figuren

Neben Sauerbruch haben viele Figuren der Serie reale Vorbilder: von Magda Goebbels über Ärzte wie Adolphe Jung bis zu Regimegegnern wie Fritz Kolbe (s. Seite 22). Die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann haben die Hintergründe intensiv recherchiert.

LUISE WOLFRAM als
Margot Sauerbruch


Nach seiner Scheidung wählt Sauerbruch 1939 als zweite Frau die Industriellentochter Margot, eine Kollegin


Aus dem besetzten Elsass wird Chirurg Jung an die Charité zwangsrekrutiert


HANS LÖW
alsDr. Adolphe Jung


KATHARINA HEYER als
Magda Goebbels


Patientin und siebenfache Mutter: die Frau des Propagandaministers Joseph Goebbels


Der Grazer Arzt de Crinis ist Chef der Psychiatrie – und überzeugt von der „Rassenhygiene“


LUKAS MIKO als
Prof. Max de Crinis


»Obwohl Anni zum Teil böse Dinge sagt und tut, spielt Mala sie so, dass sie sympathisch wirkt.«

Regisseur Saul über seinen Star Mala Emde


Anni fürchtet, dass ihre Tochter Karin eine Behinderung hat


Mit ganzer Kraft: Sauerbruch und Pfleger Martin (Jacob Matschenz)


Geheimagent: Fritz Kolbe (Marek Harloff) ist der Geliebte von Sauerbruchs Sekretärin


Bombenalarm: Annis Bruder (Jannik Schümann) hilft beim Evakuieren


„Ich schätze die Serie sehr, weil sie ein so wichtiges Thema anpackt, um wachzurütteln“

Gesundheitsminister Jens Spahn (r.) konnte vorab Ausschnitte der neuen „Charité“-Staffel sehen. Exklusiv in HÖRZU beschreibt er seine Eindrücke.

HÖRZU: Herr Spahn, was hat Sie an der neuen Staffel über die Charité am meisten beeindruckt?
JENS SPAHN:
Sie gewährt spannende Einblicke in das Leben und die Arbeit eines der größten Chirurgen seiner Zeit. Und Ulrich Noethen spielt Ferdinand Sauerbruch in all seinen Facetten wirklich großartig. Mich hat aber auch die 22-jährige Mala Emde als Medizinstudentin Anni beeindruckt. Ich schätze es sehr, dass UFA-Chef Nico Hofmann als Produzent so komplexe, wichtige Themen wie die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus anpackt, um wachzurütteln.
Das Verhalten der Ärzte in der Nazizeit, dass so wenige von ihnen gegen die Menschenversuche protestierten – das erscheint uns heute geradezu unmenschlich.
SPAHN:
Es ist furchtbar, dass sich Ärzte damals an Men-schenversuchen beteiligt haben. Schließlich sollten sie eigentlich Menschen helfen, sie heilen oder ihre Beschwerden lindern. Umso wichtiger ist es, dass wir uns mit den Gräueltaten dieser Zeit immer wieder auseinandersetzen. Die Serie führt uns das sehr deutlich vor Augen. Auch das Bundesgesundheitsministerium hat Projekte gefördert und angestoßen, die die Rolle des Gesundheitswesens in dieser Zeit erforschen. Beispielsweise die Geschichte des Robert-Koch-Instituts, dessen Mitarbeiter in Einzelfällen auch an den Menschenversuchen beteiligt waren.
Damals war die Charité der Nabel der medizinischen Forschung weltweit. Wo steht die Medizin in Deutschland heute?
SPAHN:
Sie steht auch heute vor bahnbrechenden Veränderungen: etwa durch personalisierte Medizin, aber auch durch die Digitalisierung. Ich weiß, die Skepsis ist groß. Aber das ist die Zukunft. Wir sollten Innovationen vorantreiben, die unglaublichen Chancen für Patienten sehen, die medizinische Innovationen bringen können. Damals war es die Brustkorb-OPTechnik, heute ist es zum Beispiel Big Data.


FOTOS S. 18-19: BENDER/VRABELOVA/ARD (2), AKG IMAGES, ULLSTEIN; S. 20: VRABELOVA/ARD (5), ULLSTEIN, SZ PHOTO, BPK, DR. FRANK JUNG, BILDARCHIV DES INSTITUTS FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN UND ETHIK IN DER MEDIZIN, CHARITÉ – UNIVERSITÄTSMEDIZIN BERLIN; S. 22: VRABELOVA/ARD (4), SOEDER/DPA PICTURE-ALLIANCE