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TV-AKTUELL: LIVE EXPERIMENT IM TV: Wie würden Sie entsch eiden?


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 47/2020 vom 13.11.2020

Seit 2020 sind in Deutschland Sterbehilfevereine erlaubt. Ist das ethisch vertretbar? Der Film „Gott“ befragt die Zuschauer


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 47/2020

TIEFGRÜNDIGES KAMMERSPIEL Streitpunkt Sterbehilfe: Die Positionen von acht Diskutanten werden in einem fiktiven Ethikrat verhandelt. Zu Wort kommen Juristen, Mediziner, ein Kirchenvertreter sowie ein Betroffener


Nach dem Tod seiner Frau will Richard Gärtner nicht mehr leben. Obwohl er völlig gesund ist, beantragt der 78- jährige pensionierte Architekt eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Doch das Mittel wird ihm ...

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... verwehrt. Auch die Hausärztin will ihm nicht beim geplanten Freitod helfen.

Muss ein Arzt einem Menschen beim Suizid assistieren? Wäre das für ihn überhaupt ethisch vertretbar? In der Verfilmung von „Gott“, dem neuesten Theaterstück des renommierten Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, diskutieren drei fiktive Sachverständige (Christiane Paul, Ulrich Matthes, Götz Schubert), eine Hausärztin (Anna Maria Mühe), ein Rechtsanwalt (Lars Eidinger) und der betroffene Mann (Matthias Habich) den Fall. Doch auch die Zuschauer sind gefragt: Am Ende des Films können sie telefonisch oder online abstimmen. Ihr Urteil verkündet Moderator Frank Plasberg anschließend bei „Hart aber fair“, bevor er das Pro und Kontra mit realen Experten beleuchtet.

Sterbehilfe ist jetzt erlaubt

Aus Sicht der Juristen ist der Fall eindeutig: „2015 erließ der Gesetzgeber mit § 217 Strafgesetzbuch eine neue Vorschrift, der zufolge nahestehende Personen Beihilfe zum Suizid leisten dürfen, nicht jedoch Sterbehilfevereinigungen“, erklärt Ferdinand von Schirach. „Das aber widersprach unserer Verfassung. Denn der Bürger hat die rechtliche Freiheit, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Deshalb hat das Bundesverfassungsgericht den § 217 im Februar 2020 für nichtig erklärt.“ Im Klartext heißt das: Gewerbsmäßige Sterbehilfe ist erlaubt. Einige würden sagen: endlich.

Ein Urteil, das unter anderem die Frage aufwirft, ob alle gleichermaßen einen rechtlichen Anspruch auf Sterbehilfe ha- ben: etwa unglückliche Teenager ebenso wie unheilbar Kranke oder Hochbetagte. Im ARD-Film kommen deshalb ganz unterschiedliche Diskutanten zu Wort: Während die Juristen das Recht des Einzelnen auf den Freitod betonen, berufen sich die Mediziner auf den hippokratischen Eid. Der von Ulrich Matthes gespielte Bischof pocht auf das alleinige Recht Gottes, Leben zu nehmen. Matthes zu HÖRZU: „Ich würde eher der Position zustimmen, dass man sich als Gesunder umbringen darf. Aber mit all den Einschränkungen und Differenzierungen, die bei diesem Thema nötig sind, weil es so existenziell ist.“

Lars Eidinger spielte schon in der Verfilmung des nicht minder polarisierenden Schirach-Stücks „Terror: Ihr Urteil“ den Verteidiger, in „Gott“ ist er Anwalt Biegler, der den lebensmüden 78-Jährigen vertritt. Er begreift seine Rolle als Alter Ego Ferdinand von Schirachs: „Bieglers Haltung entspricht auch meiner Einstellung. Die 28-minütige Diskussion des Juristen mit dem Bischof ist der Kern der Debatte. Im Grunde kann man es als Ferdinand von Schirachs Abrechnung mit der katholischen Kirche verstehen.“

Wird Suizid kriminalisiert?

Welche Haltung hat Eidinger selbst zum Thema? Der Schauspieler überlegt: „Die Frage, wem mein Leben gehört, würde ich immer mit ‚mir’ beantworten. Aber in unserem konkreten Fall verlangt ein gesunder Mensch, ihm ein Mittel zu geben, mit dem er sich töten kann. Das macht die Sache kompliziert, weil ich von meinem Gegenüber verlange, etwas zu tun, was es nicht will: mich zu töten. Das Dilemma besteht also darin, dass mein Recht auf meine persönliche Freiheit die Freiheit meines Gegenübers einschränkt.“

Kritisch anzumerken ist, dass in der ARD-Verfilmung, anders als im Theaterstück, oft die Begriffe „Selbstmord“ und „Selbstmörder“ fallen, ohne dass dies korrigiert wird – obwohl Ärzte und Psychologen den Verzicht auf das Wort fordern. Lars Eidinger: „Ursprünglich hat meine Figur die von Auer gespielte Vorsitzende des Ethikrats korrigiert und sie belehrt, dass sie nicht von Selbstmord reden soll, weil eine Selbsttötung kein Mord ist und weil der Begriff alle Suizidenten kriminalisiert.“ Später jedoch sei diese Passage entfernt worden. Der Schauspieler weiter: „Ich kann nachvollziehen, dass die Macht, den Freitod zu wählen, verführerisch ist, denn mehr Freiheit kann man sich nicht nehmen. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die sich aus Verzweiflung umbringen – und das ist tragisch.“ Ulrich Matthes ergänzt: „Unsere Gesellschaft muss mehr über das Thema Depression reden, die ja vielen Suiziden vorausgeht.“

So beleuchtet das TV-Drama „Gott“ die ethische, moralische und emotionale Problematik der Sterbehilfe aus vielen Perspektiven. Es ist ein Thema, das jeden betreffen kann – und deshalb auch jeden beschäftigen sollte.

„Gott“ entzweit

FERDINAND VON SCHIRACH Strafverteidiger und Schriftsteller


Das TV-Drama „Gott“ ist bereits die zweite ARD-Verfilmung eines Theaterstücks von Ferdinand von Schirach, bei der Zuschauer abstimmen können. Im Vorgänger „Terror: Ihr Urteil“ waren sie quasi Schöffen in einem Prozess um die Frage: Darf man 164 Menschen opfern, um 70.000 andere zu retten? Das Stück „Terror“ sahen weltweit über eine halbe Million Zuschauer in über 100 Theatern. Auch wenn im neuen Werk „Gott“ die Figuren weniger prägnant scheinen: Es regt Debatten um ein wichtiges Gesellschaftsthema an: die Sterbehilfe.


FOTOS: TERJUNG/ARD DEGETO (2), KOCH/BILD