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TV WISSEN: Wie baut man ein Wunderwerk wieder auf?


TV direkt - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 19.03.2020

Nach dem verheerenden Brand soll die Kathedrale Notre-Dame de Paris in nur fünf Jahren restauriert werden. Einige der Entwürfe sind spektakulär


Artikelbild für den Artikel "TV WISSEN: Wie baut man ein Wunderwerk wieder auf?" aus der Ausgabe 7/2020 von TV direkt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TV direkt, Ausgabe 7/2020

FUTURISTISCH Der Belgier Vincent Callebaut möchte das Dach am liebsten in ein riesiges Gewächshaus verwandeln, das auch Energie produziert


TVTIPP

Der Wiederaufbau von Notre-Dame DOKU Bildstark DO 2.4. 19.40 ARTE

ÖKOLOGISCH Statt Bäume im Dachstuhl der Kathedrale zu verbauen, will der Franzose Clément Willemin sie lieber auf dem Dach anpflanzen


BEGEHBAR könnte der Dachboden nun werden, mit ökologischer Note und einer parkähnlichen Struktur


TVdirekt EXPERTIN ...

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KUNSTHISTORIKERIN
Prof. Barbara Schock-Werner

Das Unfassbare geschieht am 15. April 2019: Der Dachstuhl der Kathedrale Notre-Dame de Paris brennt. Um 19.56 Uhr stürzt ihr Spitzturm ein. 400 Feuerwehrleute trotzen der Hitze, um das gotische Wunderwerk, erbaut von 1163 bis 1345, zu retten. Am Morgen ist das Feuer gelöscht. Kurz darauf tritt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor die TVKameras und beschwört den Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens. In nur fünf Jahren soll er gelingen. Milliardäre kündigen Spenden in Höhe von fast 900 Millionen Euro an – und Traditionalisten ihren Protest gegen Neuerungen. Ein Architekturwettbewerb bringt aufsehenerregende Ideen hervor. Aber sind sie auch umsetzbar?

Prof. Barbara Schock-Werner, früher Dombaumeisterin zu Köln, nun Leiterin der deutschen Hilfe zum Wiederaufbau von Notre-Dame, sieht manchen Entwurf kritisch. Zumal der Chefarchitekt der Pariser Kathedrale, Philippe Villeneuve, für einen Dachstuhl aus Holz und die originalgetreue Rekonstruktion des Spitzturms plädiert. Sein Votum habe nicht nur Traditions-, sondern auch statische Gründe, erklärt Schock-Werner im Gespräch mit TVdirekt: „Die Mauern brauchen Auflast. Ein Stahldach wäre zu leicht und könnte zu Verformungen in den Wänden führen.“ Auslösen könnten diese die Strebebögen, die von außen gegen die Mauern drücken, um die Last von Gewölbe und Dachstuhl auszugleichen. Kommt von oben weniger Gewicht, kann der Druck von der Seite zu groß werden. „Die Frage ist also nicht, was besser gefällt, sondern was das Beste für die Kirche ist“, resümiert Schock-Werner. Für die Rekonstruierung des Dachstuhls würde viel abgelagertes Eichenholz benötigt, denn beim Brand gingen schließlich 1300 Stämme in Flammen auf. Doch Frankreich verfügt über eine ausreichende Menge. Die Idee, den Turm erneut aus Holz zu gestalten, findet bei Schock-Werner trotzdem wenig Zuspruch. Sie könnte sich eine modernere Lösung vorstellen, eine „leicht abstrahierte Form in Eisen und Blei“. Auch der Vorschlag des Briten Norman Foster, Schöpfer der Reichstagskuppel in Berlin, gefällt ihr: ein Turm aus Stahl und Kristallglas mit einer Aussichtsplattform. Die meisten Entwürfe setzen auf viel Glas, so auch der des Belgiers Vincent Callebaut (gr. Bild links). Schock-Werner gibt aber zu bedenken: „Bei Glas muss man sich im Klaren sein: Es sieht ein paar Jahre schick aus – aber wer putzt dann das Dach?“ Auch die Dichtigkeit könne zum Problem werden. Herkömmlichen Dachplatten aus Blei sei daher der Vorzug zu geben. Skeptisch betrachtet die Expertin auch die Vision des französischen Landschaftsarchitekten Clément Willemin, der das Dach mit einem Wald begrünen möchte (Foto oben) – eine Verbeugung vor den im Feuer vernichteten Eichenstämmen. „Erst mal müsste man eine Betondecke über die Gewölbe ziehen“, so Schock-Werner. „Das ist belastungstechnisch schwierig.“

FEUERINFERNO Die Flammen lodern viele Meter hoch, 250 Tonnen Blei auf dem Dach brennen


FOTOS: VINCENT CALLEBAUT ARCHITECTURES/COVER IMAGES/DPA PICTURE-ALLIANCE (2), CLÉMENT WILLEMIN/BASE PARIS 2019, BECKER/DPA PICTURE-ALLIANCE, BARRERE/HEMIS/LAIF

Auch viele weitere gewagte Ideen scheinen ihr unpassend. Ein Swimmingpool auf dem Dach? Eine Art zweiter Eiffelturm? Lichtdome? Eine riesige Metallflamme als Symbol für den Brand? Die Expertin gibt zu bedenken: „Man darf nicht vergessen: Das ist eine Kirche! Empörung, Entsetzen und Spendenbereitschaft haben damit zu tun, dass Notre- Dame das Herz von Paris, wenn nicht Frankreichs ist!“

Das Streben zum Himmel

Wie kann Deutschland beim Wiederaufbau helfen? Spezialisten der Uni Bamberg, die 2012 bis 2016 Querhäuser und Querhausgewölbe der Kathedrale einscannten, können 3-D-Modelle dieser Gebäudeteile liefern. Die Firma Liebherr wiederum baut die größten Kräne in Europa. Zudem haben sich viele deutsche Steinmetze für das Projekt Wiederaufbau beworben. Konkrete Arbeiten könnten aber noch nicht beginnen, alle Gegenstände im Innenraum müssen fertig entrußt, die Kathedrale muss gesäubert werden. Seit dem Brand durfte kein Tourist Notre-Dame mehr betreten. Immerhin: Im Frühjahr soll unter anderem die Krypta für Besucher geöffnet werden.

Mit dem Beginn des Neuaufbaus ist noch lange nicht zu rechnen. Die Kosten sind weiterhin unklar, dürften jedoch unter 900 Millionen Euro liegen. Macrons Fünfjahresfrist indes kommentieren weder die Expertin noch die Architekten vor Ort. Das gotische Streben zum Himmel braucht eben seine Zeit.