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Twoquants


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Traders - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 23.12.2021

MANN UND MASCHINE IM TRADING

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 1/2022

Mehr über die Twoquants erfahren Sie unter https://twoquants.com/

Hinter Twoquants stehen die beiden Trader Dr. Moritz Heiden („Coding Quant“) und Moritz Seibert („Talking Quant“), die über einen professionellen Background in Assetmanagement, Derivatehandel und Kapitalmarktforschung verfügen. Ihr Ansatz besteht darin, im Zusammenspiel von Handelssystem und Mensch eine Überrendite zu erzielen. Das Motto lautet deshalb nicht „Man vs. Machine“, sondern „Man and Machine“. Neben ihrer Webseite und dem kostenlosen Newsletter zum 2Q-Portfolio sind sie auf Twitter unter @twoquants beziehungsweise @moritzheiden und @moritzseibert aktiv. Neben dem Trading auf eigene Rechnung arbeiten die beiden für Munich Re Investment Partners, Seibert als CEO und CIO und Heiden als Head of Quantitative Research. Marko Gränitz hat die beiden in München zum Interview getroffen.

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Heiden: Ich habe Ende 2008 ernsthaft angefangen zu handeln, quasi direkt nach dem Crash von Lehman Brothers. Zwar habe ich schon vorher einzelne Aktien besessen, mich jedoch nur in Musterportfolios mit anderen Instrumenten wie zum Beispiel Derivaten beschäftigt. Zu diesem Zeitpunkt war mein Trading nur grob systematisch – in dem Sinn, dass ich vor allem Momentumaktien aus Sektoren gekauft habe, die während der Krise ungewöhnlich stark gefallen waren. Dieser Ansatz des „Buy the Dip“ ist etwas, das in den letzten 20 Jahren gut funktioniert hat. Wenn man aber etwas weiter zurückblickt, kann es durchaus auch fatal enden.

Seibert: Ich habe im Jahr 1998 angefangen, also während des großen Anstiegs zur New-Economy-Blase. Das bedeutet, dass ich inzwischen schon ein paar Erfahrungen gesammelt habe. Und Erfahrung ist extrem wichtig, denn praktisches Trading ist nichts, was man wirklich aus einem Buch lernen kann. Es ist eine Reise mit vielen Höhen und Tiefen, mit seltsamen Wendungen und Misserfolgen. Man kann nur durch den Handel mit echtem Geld lernen und ein besserer Trader werden, nicht mit einem Demokonto.

TRADERS´: Woran liegt das beziehungsweise was lernt man nur in der Praxis?

Seibert: Die Emotionen, der Schmerz, Geld zu verlieren: All das spielt eine sehr wichtige Rolle. Aber das Wichtigste ist meiner Meinung nach, finanziell zu überleben und aus seinen Fehlern zu lernen. Um Geld zu verdienen, müssen Sie einige Risiken eingehen – aber Sie müssen vor allem auch wissen, wie Sie diese Risiken kontrollieren können. Stellen Sie sich vor, Sie platzieren eine Reihe von Trades in angemessener Größe an den Märkten. Wenn diese Trades einen statistisch nachweisbaren Vorteil haben, sollte das langfristige Ergebnis positiv ausfallen. Genau das macht am Ende eine erfolgreiche Karriere als Trader aus.

TRADERS´: Wie würden Sie Ihre Tradingphilosophie zusammenfassen? Heiden: Wir analysieren wichtige Marktentwicklungen, wobei unser Ziel darin besteht, aus quantitativen Handelsideen tatsächlich umsetzbare Anlageideen zu entwickeln. Dazu konzentrieren wir uns auf viele Methoden der „alten Schule“ wie Trendfolge, Momentum, aber auch moderne Ansätze aus Bereichen wie Korrelation und Volatilität. Dabei handeln wir vor allem direktionale und Spreadstrategien. Unsere Methoden ermöglichen es uns dabei vor allem, unabhängig davon zu sein, was die Medien oder fundamentale Analysen über die Märkte sagen. Wir neigen dazu, Nachrichten auszublenden und uns stattdessen auf die tatsächlichen Daten zu konzentrieren. Das ist unser Erfolgsrezept. Als Instrumente zum Trading nutzen wir eine Bandbreite von Futures, Aktien, ETPs, Optionen und Kryptos.

TRADERS´: Können Sie uns etwas über Ihr 2Q-Portfolio erzählen?

Seibert: Das 2Q-Portfolio bildet unsere besten Strategien und Handelsideen an den Märkten ab. Die meisten Strategien sind systematisch und das Ergebnis unseres eigenen quantitativen Researchs. Manchmal gehen wir aber auch opportunistische Trades ein, um bestimmte Marktphänomene auszunutzen oder die Risiko/Ertrag-Eigenschaften des Portfolios zu verbessern, zum Beispiel durch selektives Hinzufügen von Long-Volatilitätspositionen.

„Quantitatives, systematisches Trading ist – wenn es richtig gemacht wird – der zuverlässigste und robusteste Anlageansatz, den es gibt.“

(Moritz Seibert)

TRADERS´: Warum die Kombination von systematischen und opportunistischen Geschäften?

Seibert: Für uns liefert die Kombination verschiedener Strategien letztlich das beste Ergebnis. Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, dass quantitatives, systematisches Trading der zuverlässigste und robusteste Anlageansatz ist, den es gibt. Allerdings nur dann, wenn es richtig gemacht wird. Und zwar indem mehrere möglichst unkorrelierte Handelsstrategien – zum Beispiel Trendfolgesysteme und Spreadstrategien – kombiniert werden. Der Vorteil dieser systematischen Strategien ist dabei zu wissen, dass ich eine klare Methodik habe, der ich folgen und auf die ich mich verlassen kann. Mein Background aus dem Derivatehandel und der Strukturierung ermöglicht es mir aber auch, manchmal eine zusätzliche Perspektive auf die Märkte zu entwickeln. Zum Beispiel versuchen wir das Portfolio mit positiv konvexen Geschäften in lang laufenden Optionen zu ergänzen (Bild 3). Manchmal sehen wir aber auch Gelegenheiten in Nischenmärkten wie dem Bitcoin-Cash-and-Carry-Handel. Oder wir finden Märkte mit interessanten Terminkurven, die sich sehr gut für den Handel mit Optionen eignen. Zwar ist all das natürlich kein „free lunch“, da jeder Trade mit einem Risiko verbunden ist, aber im Falle des Bitcoin- Cash-and-Carry-Trades ist es zumindest ein „free snack“, von dem wir uns einen Happen abschneiden können. Allerdings ist das wie bei einer Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was man bekommt, weil sich die Märkte ständig ändern.

Heiden: Ich möchte zum Thema systematische Strategien noch hinzufügen, dass es auch bestimmte Sachen gibt, die sich für eine Programmierung schlecht eignen oder bei denen das einen zu hohen Aufwand erfordern würde. Das ist zum Beispiel bei manchen Optionsstrategien der Fall, bei denen die Datenstrukturen komplex sind, was die verschiedenen Kontrakte und Fälligkeiten sowie Basispreise angeht. Zudem sind die Daten oftmals nicht „sauber“.

TRADERS´: Welche Programmiersprache verwenden Sie?

Heiden: Ich verwende Python. Erste Tests für neue Ansätze und Ideen sind aber als Entwurf durchaus auch in Excel machbar, um zu schauen, ob die Sache überhaupt genug hergibt.

TRADERS´: Verwenden Sie bei Backtests möglichst lange Historien wegen der größeren Signifikanz oder nur moderat weit zurückreichende, um die „Märkte von früher“ auszublenden?

Heiden: Grundsätzlich möchten wir so lange Historien wie möglich verwenden. Abweichende Handelsbedingungen zu früheren Zeiten lassen sich dann durch höhere Kosten beziehungsweise Spreads im Backtest berücksichtigen.

„Die hohen Hebel sorgen auch dafür, dass es bei stärkeren Abverkäufen oft zu Liquidation-Events kommt.“

(Dr. Moritz Heiden)

TRADERS´: Worauf achten Sie bei systematischen Strategien besonders?

Seibert: Wichtig ist vor allem, möglichst wenige, aber ganz bewusst gewählte Parameter zu verwenden, die eine Strategie weitgehend robust gegenüber verschiedenen Marktzuständen machen. Hinzu kommt, dass es Tausende Trades braucht, die immer gleich angewandt werden, um statistisch gesehen klare Aussagen treffen zu können. Ein Beispiel sind Trendfolgestrategien. Eine breite Definition ist hier unserer Einschätzung nach besser, obwohl feingliedrigere Ansätze spezifischer auf einzelne Märkte zugeschnitten werden könnten. Wenn ich aber annehme, dass sich alle Märkte in ihren Trends grundsätzlich ähnlich verhalten, lässt sich ein sehr breiter und robuster Ansatz entwickeln. Dann ist zwar die Volatilität im Zeitablauf höher, aber das lässt sich über die Positionsgrößen und die Anzahl paralleler Märkte und Zeithorizonte regeln sowie über die Kombination mit unkorrelierten Strategien im Gesamtportfolio.

TRADERS´: Stichwort Positionsgrößen – was ist dabei Ihre Philosophie?

Heiden: Grundsätzlich bestimmt die Volatilität, wie wir eine Position zu Beginn skalieren. Im Verlauf des Trades geht es dann aber auch darum, den Positionen genug Luft zu geben und sie nicht vorschnell – eventuell unnötig – anzupassen. Statt zur falschen Zeit einzugreifen, ist es oft besser, einen Trade im Zweifel nur zu verkleinern. Das gilt auch, wenn eine Situation emotionalen Einfluss auf den Trader ausübt. Kleinere Trades reduzieren dann den Stress. Und in erster Linie geht es immer auch darum, langfristig zu überleben.

Seibert: Hier haben auch viele Hedgefonds während des Coronacrashs im Frühjahr 2020 viel Lehrgeld zahlen müssen. Ein großer Teil des Alphas, was sich an den Märkten erzielen lässt, ist meiner Erfahrung nach sogenanntes „Survival Alpha“ – also eine Mehrrendite, die man nur dann kassiert, wenn man über den vollen Zyklus dabeibleiben kann.

TRADERS´: Das gilt doch vor allem für diskretionäre Trader, oder?

Seibert: Ich denke, das gilt analog für quantitativ-systematische Ansätze. Auch hier besteht der ständige Drang, eingreifen oder optimieren zu müssen. Letztlich ist das aber nichts anderes als unbewusstes Curve Fitting. Viel besser ist es, wie vorhin schon kurz erwähnt, Strategien in ihrer puren, einfachen Grundform zu handeln, statt ihnen zu viele Parameter zu verpassen. Also lieber die höhere Volatilität einer einzelnen Strategie hinnehmen, die dafür aber auch robust funktioniert, und dann eine Vielzahl solcher Strategien im Portfolio kombinieren, die im Idealfall gering oder sogar negativ miteinander korrelieren. Das lässt sich dann dauerhaft durchhalten und hat wohl die besten Erfolgsaussichten auf „Survival Alpha“.

Opportunistische Tradeideen

1) Macro

a. Long Bitcoin („digitales Gold“, begrenzte Menge, institutionelles Interesse)

b. Long CO2-Emissions-Futures

2) Volatilität

a. Long Strangles auf Aktienindizes (Volatilitätsspitzen durch zunehmende Bedeutung passiver Flows)

b. lang laufende Nikkei-Calls (günstiges Forward Pricing) c. Covered Calls auf Gold zur Renditeoptimierung basierend auf einer physischen Long-Position

3) Strukturell

a. Bitcoin Cash & Carry

b. Long EURO-STOXX-50-Dividenden-Futures (Ausnutzen der strukturellen Unterbewertung durch Hedging von Anbietern strukturierter Produkte)

Quelle: https://twoquants.com

TRADERS´: Bitte zeigen Sie uns ein Beispiel für einen komplett systematischen Trade.

Heiden: Am 6. Mai 2021 haben wir einen Trendfolge-Long-Trade bei Kaffee eröffnet, nachdem der Future auf verschiedenen Zeitebenen neue Hochs erreichte (Bild 4). Die Größe der Position wurde dabei aus der historischen Volatilität abgeleitet, gemessen an der Average True Range (ATR). Der Einstieg auf dem fortlaufenden Kontrakt erfolgte zu 158,45 US-Dollar. Der letzte Settlementpreis per 3. Dezember war 243,35 US-Dollar. Somit ergibt sich ein Buchgewinn von 84,90, was bei einem Punktwert von 375 insgesamt 31.837,50 US-Dollar pro Kontrakt ausmacht. Beim Einstieg wurde zudem sofort ein initialer Stopp gesetzt, der einige ATRs tiefer lag. Mit der positiven Entwicklung des Kurses wurde der Stopp mit nach oben gezogen (Trailing-Stopp) und stand zuletzt bei etwa 165 US-Dollar.

TRADERS´: Der Stopp ist also trotz des hohen Buchgewinns kaum oberhalb des Break-Even.

Heiden: Es mag verwundern, dass der Stopp so weit vom Spotkurs entfernt liegt, da der allergrößte Teil des Gewinns verloren gehen könnte. Das akzeptieren wir aber. Denn im Gegenzug könnte der Kurs auf 500 oder 1.000 Dollar steigen. Jedenfalls ist die emotionale Einstellung eine Winner-Einstellung, auch wenn Kaffee wieder fällt. Denn wir haben bei 158,45 US-Dollar gekauft und sollte es keine Gaps geben, wird dieser Trade ein Gewinn sein. Die Frage ist nur noch, ob es ein großer oder ein kleiner Gewinn wird – das entscheidet der Markt.

TRADERS´: Können Sie uns bitte auch einen diskretionären Beispieltrade zeigen?

Seibert: Ein gutes Beispiel ist WTI-Öl, das momentan eine Backwardation der gesamten Terminstruktur aufweist. Eine attraktive Strategie ist es, in dieser Situation Long-Positionen in lang laufenden Calls einzugehen. Konkret habe ich hier eine Position in Dezember-2025-Calls. Der Future für diesen Termin steht bei nur 65 US-Dollar, während der Frontkontrakt bei etwa 82 notiert. Weit aus dem Geld liegende Calls bieten hier eine extreme positive Konvexität für den Fall, dass der Ölpreis tatsächlich auf 100 oder 200 Dollar steigen sollte. Der Gewinn ist nach oben offen und in der langen Zeit bis zum Jahr 2025 kann viel passieren. Gleichzeitig ist das Risiko aber auf die gezahlte Optionsprämie begrenzt.

TRADERS´: Wie managen Sie diese Position beziehungsweise wann nehmen Sie zwischenzeitlich Gewinne mit?

Seibert: Ich manage die Position im Sinne eines Trendfolgetrades. Das heißt, dass ich keine Gewinne vorzeitig mitnehme, sondern erst dann aussteige, wenn der Markt das vorher definierte Ausstiegslevel erreicht.

TRADERS´: Wäre es nicht trotzdem ratsam, große Gewinntrades etwas herunterzuskalieren, da sie sonst das gesamte Portfolio bestimmen können?

Seibert: Genau das machen tatsächlich die meisten institutionellen Anleger, und zwar oft deshalb, weil sie an gewisse Risiko-und Positionslimits gebunden sind. In meinem eigenen Portfolio ist das aber nicht der Fall. Hier lasse ich die Position ohne vorzeitige Anpassung der Positionsgröße laufen. Der Grund ist ganz einfach: Ich habe beim Trendfolgetrading viele kleine Losing-Trades und die wenigen Winning-Trades müssen deshalb besonders groß sein, um das zu überkompensieren. Diese Nichtlinearität der ganz wenigen, aber dafür extrem großen Gewinntrades macht am Ende den entscheidenden Unterschied (siehe Bild 5).

TRADERS´: Wie schaffen Sie es, das tatsächlich durchzuziehen?

Seibert: Ich gebe zu, dass man dafür eine gewisse Erfahrung braucht. Vor allem emotional ist es nicht gerade leicht. Was mir persönlich hilft, ist zu abstrahieren und den Trade nicht in Geld umzurechnen, sondern nur auf Basis von Prozenten, Average True Ranges oder R-Vielfachen zu beurteilen. Außerdem hilft es zu wissen, dass ein großer Gewinntrade kein Verlust mehr werden kann, und es sich deshalb lohnt, in dieser Situation auch wie ein Gewinner zu denken und deshalb dabeizubleiben. Und drittens ist es auch so, dass mein trendfolgender Ausstieg per Stopp ebenfalls sukzessive mit dem Kurs nach oben läuft. Wenn Öl zum Beispiel auf 100 Dollar steigen würde, wäre der Exit in etwa auf dem Niveau von 80 US-Dollar. Es werden also nur offene Gewinne „angegriffen“ und nicht mein mein Kapitalstock. Auch das ist eine positive Vorstellung, die es mir erleichtert, den Trade so ausgehen zu lassen, wie der Markt es vorgibt.

Heiden: Dadurch, dass wir Trendfolge sowohl long als auch short sowie in mehreren Märkten parallel betreiben, gleicht sich einiges dieser Volatilität auch wieder aus. Aber trotzdem ist es wichtig festzuhalten, dass wir die Freiheit zum Aufrechterhalten großer Positionen nur haben, wenn wir unser eigenes Portfolio handeln. Im institutionellen Rahmen ist das durch Mechanismen wie eine festgelegte Zielvolatilität, Value-at-Risk-Maße oder Risikolimits stark eingeschränkt. Das kann durchaus vorteilhaft sein, da es glattere Renditeverläufe ermöglicht. Nicht jeder Anleger ist dafür gemacht, extreme Schwankungen zum Teil von Tag zu Tag im Portfolio auszuhalten, und gerade am Aktienmarkt funktioniert eine Kontrolle und Steuerung der Volatilität ganz gut – jedenfalls historisch betrachtet. Aber es kann auch schlecht sein, etwa bei Risk-Parity-Ansätzen, bei denen die Größe der Positionen der Höhe der Volatilität angepasst wird. Hier sind die Trades am größten, wenn die Volatilität niedrig ist und umgekehrt – was dazu führen kann, dass man von den besten Chancen bei extremen Bewegungen nur unterdurchschnittlich profitiert und von plötzlichen Bewegungen aus ruhigen Phasen heraus auf dem falschen Fuß überrascht wird.

TRADERS´: Können Sie uns bitte auch ein Beispiel für einen Spreadtrade erklären?

Heiden: Die aktuelle Energiekrise in Europa und anderen Teilen der Welt führt zu hohen Gas-und Kohlepreisen. Europäisches Gas (Benchmark Dutch TTF in Rotterdam) ist durch die Decke gegangen, da man Angst vor Knappheit hat – die Gasspeicher nicht gefüllt, Russland liefert nicht, Nord Stream 2 läuft nicht. Der Spread zwischen Mai und Juni, beides keine Wintermonate mehr, ist sehr groß geworden. Denn man könnte davon ausgehen, dass im Mai kein Gas mehr da ist, wenn die Speicher aufgrund eines kalten Winters komplett leer und noch nicht wieder aufgefüllt sind und es im Mai doch noch den einen oder anderen kalten Tag gibt.

Im warmen Juni würde man das Gas aber nicht mehr benötigen. Als die Angst mit dem Einbruch Ende Oktober nachließ, gingen wir eine Short-Position in diesem Spread ein (Short Dutch Gas TTF May 2022 – June 2022). Zuletzt lag der Trade minimal im Verlust.

Lang laufende Trades

Für Assets, die sich in Backwardation befinden, gibt es neben lang laufenden, weit aus dem Geld liegenden Calls (siehe Bild 1) auch die Möglichkeit, auf weit im Geld liegende Calls zu setzen. Ein Beispiel hierfür ist der EURO STOXX 50. Hier ist die Terminstruktur aufgrund der erwarteten Dividenden sowie der geringen beziehungsweise negativen Zinsen in Backwardation. Und das generelle Umfeld von Nullzinsen und niedriger Volatilität macht die lang laufenden Optionen ebenfalls attraktiv. Damit sind tief im Geld liegende lang laufende Calls eine interessante Alternative zu ETFs und Futures.

„Alles, was tatsächlich gut funktioniert, wird im Lauf der Zeit zunehmend wegarbitriert, sodass immer neue Ideen und Ansätze gefragt sind.“

(Moritz Seibert)

TRADERS´: Sie haben vorhin kurz das Thema Bitcoin erwähnt. Gibt es hier einen interessanten Ansatz, den Sie nutzen und uns erklären können?

Seibert: Was wir regelmäßig genutzt haben, um eine Arbitrage-ähnliche Rendite zu erzielen, ist der hohe Finanzierungszins in diesem Ökosystem. Darauf basiert der vorhin genannte Bitcoin-Cash-and-Carry-Trade. Zum Beispiel kann der Kassakurs des Bitcoin bei 59.000 US-Dollar liegen, während der kurz laufende Future im gleichen Moment bei 60.000 notiert. Man geht dann long im „physischen“ Bitcoin und short im Future. Dabei sind im Jahr 2021 annualisierte Renditen von bis zu 50 Prozent möglich gewesen – ganz ohne direktionales Bitcoin-Exposure.

TRADERS´: WIESO KOMMT ES ÜBERHAUPT ZU SOLCHEN DISKREPANZEN?

Seibert: Ich denke es liegt daran, dass zu wenig Fiat-Money im System ist, also zu wenige Dollar, Euro, Yen et cetera. Gleichzeitig möchten viele Trader gehebelt long sein – zum Teil mit irren Hebeln – und verwenden dazu den Future oder darauf basierende Produkte.

Heiden: Die hohen Hebel sorgen übrigens auch dafür, dass es bei stärkeren Abverkäufen oft zu einem sogenannten Liquidation-Event kommt. Ursache dafür sind hoch gehebelte Marginkonten, die ihre Long-Positionen nicht mehr durchhalten können und zwangsweise verkaufen müssen beziehungsweise die Positionen direkt vom Handelsplatzbetreiber geschlossen werden, was zu einem heftigen Meltdown führen kann. Deshalb mag es eine gute Strategie sein, weit entfernte Abstauberlimits in den Markt zu legen, die bei einem solchen kurzzeitigen Rutsch vielleicht erreicht werden.

TRADERS´: Sehen Sie eigentlich auch noch echte Anomalien an den Märkten?

Seibert: Ab und zu schon. Wobei die Frage dabei ist, ob man es schnell und effektiv ausnutzen kann, das ist meist nicht so einfach. Ein gutes Beispiel waren die Kurskapriolen rund um die Aktie von GameStop. Hier lag die implizite Volatilität mancher Optionen in der Spitze bei unglaublichen 800 Prozent. Das war eine echte Herausforderung für die Marketmaker, die Preise stellten. Die Reddit-Trader attackierten dabei immer wieder die höchsten verfügbaren Basispreise der Optionen, was zu einer klaren Anomalie führte: Kurzzeitig konnten wir beobachten, dass Calls mit höheren Basispreisen teurer waren als solche mit niedrigeren Basispreisen.

Heiden: Wobei man ergänzen muss, dass die gesamte Situation von vornherein schon recht irrational war. Die Trader, die hier aktiv waren, haben sich für solche Anomalien, die wir als überraschend betrachten, wahrscheinlich am wenigsten interessiert.

TRADERS´: Worin sehen Sie die wichtigsten Eigenschaften und Voraussetzungen, um im Trading erfolgreich zu sein?

Seibert: Eigentlich ist die Antwort einfach: Sie brauchen entweder einen Handelsprozess oder ein System, das einen quantifizierbaren Vorteil an den Märkten ausnutzt, oder Sie haben einen Vorteil als diskretionärer Händler in Ihrem Kopf oder Bauch – oder noch besser, Sie haben beides. Aber was auch immer es ist, niemand macht jede Minute, jede Stunde, jeden Tag, jeden Monat Geld. Wir alle haben Drawdowns. Um erfolgreich zu sein, müssen Sie deshalb auch dann in der Lage sein, Ihrem Handelsstil zu folgen und durch Dick und Dünn an ihm festzuhalten, um den Vorteil wirklich dauerhaft ausnutzen zu können. Das hört sich viel einfacher an, als es wirklich ist. Deshalb spielt letztlich auch die mentale Seite des Tradings eine große Rolle – auch im systematischen Handel.

TRADERS´: Und was macht einen schlechten Händler aus?

Heiden: Auch das lässt sich recht einfach beantworten, indem man sich das Gegenteil des erfolgreichen Traders vorstellt. Also einen Händler, der ohne klaren Prozess und ohne eine Methodik, ohne einen Vorteil seine Wetten platziert. Das mag eine Zeit lang funktionieren, aber auf lange Sicht werden diese Trader zwangsläufig Geld verlieren. Noch schlimmer ist, dass viele von ihnen dazu neigen, dem Markt die Schuld zu geben, wenn sie verlieren, oder den Nachrichten oder ihrem Nachbarn, der ihnen einen „sicheren Tipp“ gegeben hat. Aber letztlich ist immer nur eine Person dafür verantwortlich: Sie selbst.

TRADERS´: Was aber auch positiv sein kann, da man für die Erfolge im Trading sozusagen ebenfalls selbst verantwortlich ist.

Seibert: Das ist es auch, was unsere Begeisterung für die Märkte ausmacht. Es ist eine intellektuelle Herausforderung, wahrscheinlich die größte überhaupt. Anders als Spiele in festem Rahmen wie Schach oder Go, wo Computer inzwischen unschlagbar sind, ist das im komplexen Spiel an den Märkten nicht der Fall. Das heißt aber nicht, dass es einfach ist, denn die Gegenspieler gehören ebenfalls zu den am besten ausgebildeten Tradern. Es ist ein dynamisches System mit einem permanent beweglichen, multidimensionalen Spielfeld, auf das fortlaufend teils unkalkulierbare externe Einflüsse einwirken. Und alles, was tatsächlich gut funktioniert, wird im Lauf der Zeit zunehmend wegarbitriert, sodass immer neue Ideen und Ansätze gefragt sind. Als wäre das noch nicht genug, kommt neben dem Markt auch noch hinzu, dass man sich mental mitunter selbst im Weg steht beziehungsweise Energie darauf verwenden muss, sich zu kontrollieren und seine Regeln einzuhalten.

TRADERS´: Sehen Sie eigentlich auch Parallelen zwischen Trading und Sport? Immerhin sind Sie selbst sportlich aktiv und haben vor einigen Jahren sogar einen Triathlon gewonnen.

Seibert: Tennis ist ein guter Vergleich. Nicht jeder Ball ist entscheidend, ganz ähnlich wie es nicht auf jeden einzelnen Trade ankommt. Man braucht also nicht jedem Ball beziehungsweise Trade nachzutrauern, wenn es mal wieder nicht funktioniert hat, und sollte deshalb auch nicht gleich emotional werden. Es ist wie einatmen und ausatmen, beides gehört dazu, Gewinne wie Verluste. Trotzdem passiert es auch Profis ab und zu, dass sie in den Rachemodus verfallen und den nächsten Ball beziehungsweise Trade unbedingt mit hohem Risiko gewinnen wollen. Stattdessen sollte man aber aus seinen Fehlern lernen, das Einzelereignis danach vergessen und sich auf die nächsten 100 oder 1000 Bälle beziehungsweise Trades fokussieren.

„An den Märkten kann man recht erfolgreich sein, indem man „einfach“ nur die größten eigenen Fehler (unforced errors) vermeidet.“

(Dr. Moritz Heiden)

Heiden: Eine zweite Parallele ist die Steuerung aggressiver gegenüber defensiver Taktik. Aggressiv heißt dabei, aktiv einen Ball beziehungsweise Trade zu gewinnen, und defensiv, auf einen Fehler der Gegner zu warten und bis dahin eigene Fehler möglichst zu vermeiden. Und nicht nur im Tennis, sondern auch an den Märkten kann man recht erfolgreich sein, indem man „einfach“ nur die größten eigenen Fehler (unforced errors) vermeidet.

TRADERS´: Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrem „dritten Mitarbeiter“, dem Real-Vision-Bot. Was hat es damit auf sich?

Heiden: Der Bot begann eigentlich als reines Forschungsprojekt, bei dem wir die neuesten Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz dazu genutzt haben, die Transkripte von Interviews auf Real Vision zu analysieren und daraus zu lernen. Dabei wendet der Bot seine Fähigkeiten im Bereich der künstlichen Intelligenz mit dem Ziel an, Erkenntnisse in Bezug auf Sentiment, bestimmte Schlüsselwörter und aktuelle Anlagetrends zu liefern. Das Ganze hat so gut funktioniert, dass der Bot heute sogar eine eigene Website (https://realvisionbot.com/) und einen eigenen Twitter-Account (@realvisionbot) hat. Auch wenn die Tweets aufgrund seines kreativen Charakters zweideutig klingen mögen, steckt dahinter immer eine gewisse Wahrheit und Rationalität.

Das Interview führte Marko Gränitz.

Real Vision

Die Plattform ist unter Tradern als „Netflix der Finanzindustrie“ bekannt. Das Ziel ist es, Anlegern die komplexe Welt von Finanzen, Geschäftswelt und Weltwirtschaft näherzubringen, indem tiefgehende Analysen von echten Experten präsentiert werden. Auf diese Weise können die Zuschauer vielleicht auch einen Vorteil am Markt erzielen. In der TRADERS´-Ausgabe 09/2021 können Sie ein Review der Seite nachlesen.

Link: https://www.realvision.com/