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Ubersicht Rückenprogramme: Vernetzung von Anfang an


ÖKO-TEST Ratgeber Gesundheit & Fitness - epaper ⋅ Ausgabe 99/2010 vom 17.06.2010

Vernetzung von Hausarzt, Fachärzten und Schmerztherapeuten – das Ergebnis der Rückenschmerzforschung hält nur langsam Einzug in neuartige Therapiekonzepte. ÖKO-TEST hat untersucht, welche Kassen diese Leistungen anbieten.


Artikelbild für den Artikel "Ubersicht Rückenprogramme: Vernetzung von Anfang an" aus der Ausgabe 99/2010 von ÖKO-TEST Ratgeber Gesundheit & Fitness. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: FPZ Training/www.fpz.de

Hierzulande sind Rückenschmerzen eine Volkskrankheit, die unsere Volkswirtschaft, so neueste Zahlen der DAK, jährlich 25 Milliarden Euro kostet. Zwei Drittel der Deutschen leiden einmal im Jahr unter Kreuzschmerzen. Gehen sie zum Arzt, verlassen sie die Praxis meistens mit einem Rezept für Schmerzmittel oder Krankengymastik. Und Deutschland ist Weltmeister ...

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Hierzulande sind Rückenschmerzen eine Volkskrankheit, die unsere Volkswirtschaft, so neueste Zahlen der DAK, jährlich 25 Milliarden Euro kostet. Zwei Drittel der Deutschen leiden einmal im Jahr unter Kreuzschmerzen. Gehen sie zum Arzt, verlassen sie die Praxis meistens mit einem Rezept für Schmerzmittel oder Krankengymastik. Und Deutschland ist Weltmeister – bei der der Anzahl der Röntgenuntersuchungen und Zahl der Frühverrentungen wegen Rückenleiden. Dabei weist die internationale Forschung längst einen anderen Weg: Auch wenn Rückenbeschwerden oft sehr schmerzhaft und beunruhigend sein können, haben sie in den allermeisten Fällen keine schwerwiegende, gefährliche körperliche Ursache. Nach den Erkenntnissen führender Rückenforscher sind diese Beschwerden, die sogenannten nicht spezifischen Rückenschmerzen, nach einigen Tagen oder Wochen wieder verschwunden. Diese Rückenschmerzen gehören also zum Leben wie der Schnupfen. Trotzdem bleiben bei vielen Menschen die Schmerzen und werden chronisch. Als Ursache dafür wurden nun ganz bestimmte Lebensumstände und Verhaltensweisen ausgemacht: Ängstliches Bewegungsverhalten, ausgeprägte Schonhaltung, Neigung zu depressiver Stimmung, hohe Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Mobbing, Durchhalten um jeden Preis sind einige davon. „Psychosozial“ nennen die Forscher diese Risikofaktoren.

Dabei könnte die Chronifizierung bei sehr vielen Patienten vermieden werden, wenn genau diese Risiken frühzeitig erkannt und richtig gedeutet würden. Dagegen kann Patienten mit bereits chronisch gewordene Rückenschmerzen in der Regel nur noch mit einer intensiven speziellen Schmerztherapie geholfen werden. Dies haben 2007 auch die Forscher der Bertelsmann-Studie Rückenschmerz herausgefunden. Und obwohl die Chroniker durch lange Fehlzeiten und teure Therapien hohe Kosten verursachen, hatten nur wenige Kassen zu diesem Zeitpunkt bereits Rückenkonzepte nach den neuen Erkenntnissen. Ein von den Wissenschaftlern erstellter Behandlungsleitfaden hält nun Einzug in viele der neuen Therapieangebote der Krankenkassen. Diese können ihren Versicherten über die Integrierte Versorgung (IV) zusätz-liche Leistungen in Aussicht stellen und nutzen dies für moderne interdisziplinäre Rückentherapien, bei denen die Zusammenarbeit von Hausarzt, Facharzt, Physiotherapeut und Psychologe erstmals im Vordergrund steht.

ÖKO-TEST hat die Zusatzleistungen der Kassen für Versicherte mit Rückenschmerzen mit einem ausführlichen Fragebogen erhoben und die Antworten auf Plausibilität geprüft. Wie bei solchen neuen Versorgungskonzepten zu erwarten, war das nicht immer ganz einfach. Denn einerseits kennen selbst in den Krankenkassen viele Akteure die neuartigen Konzepte noch nicht, andererseits konkurrieren die neuen Therapien mit anderen, eher zur Vorbeugung gedachten Rückenprogrammen, die bei den Kassen altbekannt und außerdem werbewirksam sind. In die Tabelle aufgenommen wurden letztlich Rückenkonzepte der Integrierten Versorgung (IV), welche mindestens zwei Fachdiziplinen vernetzen, und Chronikerprogramme, die den neuen wissenschaftlichen Leitlinien entsprechen, also die biologische (körperliche), psychologische und soziale Ebene abdecken. IV-Verträge für spezielle Rückenoperationen und deren Vor- und Nachbehandlung wurden nicht einbezogen.

Das Ergebnis

■ Immerhin 34 Kassen bieten ihren Versicherten interdisziplinäre Rückenkonzepte. 31 Kassen haben die speziellen Angebote für Chroniker: Die auch als multimodal bezeichnete Schmerztherapie muss alle genannten medizinischen Fachdisziplinen abdecken.
■ Die neuen vernetzten ambulanten Rückenkonzepte sind hinsichtlich der Qualität der Zusammenarbeit äußerst unterschiedlich und selbst für Fachleute kaum zu durchschauen. Einige Kassen machen derzeit nur regionale Angebote, die dennoch eine gute Qualität bieten. So arbeiten einige Betriebskrankenkassen mit Fachärzten und Physiotherapeuten vor Ort zusammen. Der interdisziplinäre Ansatz soll schon bei der Diagnose durch den Einsatz bestimmter Materialien wie dem „Heidelberger Kurzfragebogen“ gewährleistet werden. Mit Fragen zu ihrer persönlichen Einschätzung der Schmerzen und zu ihren Gefühlen kann schon der erstbehandelnde Arzt die sozialen und psychologischen Lebensumstände der Patienten einbeziehen und die Gefahr der Chronifizierung besser einschätzen.

■ Geografische Verbreitung findet inzwischen das FPZ-Rückenkonzept. 1993 gegründet, sind dessen Macher angetreten, „Deutschland den Rücken (zu) stärken“. Das integrierte Rückenkonzept findet wie in der Bertelsmann-Richtlinie beschrieben auf den drei Ebenen Haus-, Facharzt und Schmerztherapie statt. Entwickelt wurde das Konzept in Zusammenarbeit mit der Schmerzgesellschaft IGOST. Von den Kassen wird es inklusive computergestützen Rückentrainings angeboten. Dabei werden die Zusatzleistungen der Ärzte und das Training vergütet. Doch nicht alle Kassen bieten das FPZ-Konzept bundesweit an. Zudem unterscheiden sich die FPZ-Leistungen je nachdem, was mit der jeweiligen Kasse vereinbart wurde. So sind einige der Verträge abgespeckte Versionen, die den Versicherten nur das Rückentraining bei FPZ bieten.
■ Ähnlich sieht es bei Novotergum aus: Hier liegt der Schwerpunkt ebenfalls beim gezielten und medizinisch geprüften Rückenaufbautraining in speziellen Novotergum-Zentren. Und auch bei Novotergum sollen Patienten eine auf die psychosozialen Risikofaktoren abgestimmte Therapie zum Training dazu bekommen. Entsprechend haben einige Kassen das Programm mit zusätzlichem Psychotherapiemodul eingekauft.
■ Spezielle Chronikerprogramme, sogenannte bio-psychosozialen Schmerztherapien, werden in der Regel in Schmerzkliniken und -zentren teilstationär, seltener stationär durchgeführt. Um Risikopatienten, die wiederkehrende Schmerzen haben oder seit mehr als acht Wochen arbeitsunfähig sind, aus der Chronifizierung zu holen, ist es nicht nur nötig, fachübergreifend mit den Patienten zu arbeiten, sondern sie fest in die Therapie einzubinden, um Veränderungen im Bewegungsverhalten verankern zu können. Dies ist in der Regel durch ambulante Rückenprogramme, die nicht mit festen Gruppen und Therapeutenteams arbeiten, nicht mehr möglich. Auch für diese Programme gibt es bei vielen Kassen regionale Beschränkungen.

Anmerkungen: 1) Chronikerprogramm fünf Wochen, Verlängerung bei Bedarf möglich. 2) Novotergum inklusive Modul Psychotherapie. 3) Novotergum: psychotherapeutisches Modul nicht vorgesehen. 4) FPZ für chronische Rückenschmerzen. 5) Eigenanteil für IV-Rücken einmalig bis zu 135 Euro. 6) Novotergum für chronifizierte Patienten inklusive Modul Psychotherapie. 7) FPZ II für chronische Rückenschmerzen, IV-Rücken für chronische Rückenschmerzen. 8) IV-Rücken: spezielles interdisziplinäres Untersuchungsprogramm für Chroniker, kein Bewegungskonzept.
Erstveröffentlichung: ÖKO-TEST Spezial Rücken. Aktualisierung der Ergebnisse, sofern die Kassen nach Anschreiben durch ÖKO-TEST Veränderungen mitgeteilt haben.
Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlages dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

Gesundheitspfad Rücken

Quelle: nach der Richtlinie der Bertelsmann-Stiftung

Ziel der Integrierten Versorgung ist es, den Patienten mit den gleichen Mitteln besser und vor allem wesentlich schneller zu heilen, als dies bisher möglich war. Vernetzen, koordinieren und über die verschiedenen ärztlichen Disziplinen hinweg integrieren, um Ursachen der Rückenschmerzen möglichst bei den ersten Arztkontakten schon aufzuspüren, so der Anspruch. Der Gesundheitspfad Rücken, erarbeitet von einer Gruppe aus Ärzten und Forschern, ist Grundlage für viele der neuen Rückenkonzepte der Integrierten Versorgung (IV).

Schon beim ersten Hausarztbesuch kann der Patient profitieren: Hausärzte, die in einen IV-Vertrag eingeschrieben sind und eine schmerztherapeutische Zusatzausbildung haben, entscheiden, ob ein Patient lediglich ein Bewegungstraining braucht oder ob bestimmte Risiken und Warnsignale eine Überweisung zur nächsten Fachebene nötig machen. Tauchen ganz bestimmte Hinweise darauf auf, dass den Betroffenen psychosoziale Risiken belasten (Gelbe Flaggen genannt), die als Verstärker für die Chronifizierung von Rückenschmerzen infrage kommen, soll der Hausarzt oder der erstbehandelnde Facharzt zur interdisziplinären Ebene weiterleiten. Damit dies möglichst ohne Zeitverlust geschieht, gibt es enge zeitliche Vorgaben. So gilt ein Patient, der mehr als acht Wochen arbeitsunfähig ist, in der Regel als chronifiziert, zumindest aber als gefährdet. Eine interdisziplinäre Untersuchung in einem Schmerzzentrum zeigt relativ rasch, ob der Patient eine spezielle Schmerztherapie braucht oder ob er möglicherweise an einer Operation nicht vorbeikommt. Tauchen auf der ersten Behand lungs ebene gravierende Anzeichen auf (Rote Flaggen), muss der Patient innerhalb von einigen Tagen einen Termin beim Facharzt bekommen. Bei alarmierenden Anzeichen (Dunkelrote Flaggen) kann der Hausarzt den Patienten sofort zur Abklärung in eine Klinik schicken, wo er wenn nötig operiert werden kann. Ziel dieser integrierten Rückenversorgung ist es, durch eine definierte Vernetzung von Diagnostik und Therapie Patienten mit erhöhtem Chronifizierungsrisiko so früh wie möglich zu der für sie richtigen Therapieebene zu lotsen.

Integrierte Versorgung

Durchschnittlich zehn Jahre dauert es, bis Patienten mit chronisch gewordenen Schmerzen zum richtigen Experten kommen. Unter anderem, weil die Kommunikation zwischen Hausärzten und Orthopäden bisher unzureichend ist. Diese steht bei den neuen interdisziplinären Rückenprogrammen im Vordergrund. Noch intensiver ist die Zusammenarbeit der Fachärzte, Physiotherapeuten und Psychologen bei den Schmerztherapien für Chroniker. Bis zu sechs Wochen durchläuft der Patient sein persönliches Rückenschmerzprogramm in einer Gruppe und wird dabei von einem festen Ärzteteam betreut.