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Über alle Berge


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 26.09.2022
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Auf ihrer Tour über die Alpen legen Norbert (links) und Jakob Höfler im Südtiroler Pustertal eine Pause ein

Noch keine zwei Stunden im Sattel, und schon denke ich ans Aufgeben. Es ist heiß. Der Anstieg zur Ludwigshöhe ist zu steil für mich. Ich muss absteigen und schieben. Oben rette ich mich atemlos auf eine Bank im Schatten. Von hier sind die Alpen zu sehen. Sie stehen da wie eine Drohung. Und da wollen wir rüber. Ein paar unangenehme Gedanken kriechen in meinen Kopf: noch keine 30 Kilometer gefahren, noch mehr als 500 Kilometer vor uns. Noch über 5000 Höhenmeter müssen wir überwinden. Das schaffst du nie. Ist diese Reise vielleicht gar keine so gute Idee?

Mein Sohn Jakob und ich wollen mit dem Fahrrad die Alpen überqueren auf dem Radfernweg München– Venedig. Über Bad Tölz nach Innsbruck, von dort über den Alpenhauptkamm am Brenner und dann weiter durch die Dolomiten nach Venetien.

Wir sind durchschnittlich fit. Ich jogge regelmäßig, Jakob macht Boxtraining. Auch unsere Räder sind guter Durchschnitt. ...

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... Mit meinem fahre ich in Hamburg zur Arbeit. Da reichen elf Gänge. Jakobs Schaltung hat ein paar Ritzel mehr. Auch sind wir keine geübten Tourenradler und schon gar keine Schrauber. Bei einer größeren Panne wären wir aufgeschmissen. Die Routenplanungs-App mit der wir navigieren, beschreibt unsere Route so: schwere Fahrradtour.

ALS JAKOB UND ICH DAS ERSTE MAL ÜBER DIE TOUR SPRECHEN, KLINGT ALLES NOCH SO LEICHT

Als Jakob und ich das erste Mal über die Alpenüberquerung sprachen, klang dagegen noch alles so leicht. Sieben Etappen, keine länger als 100 Kilometer, traumhafte Abfahrten auf kurvigen Passstraßen mit spektakulären Weitblicken. Mir gefiel auch die Aussicht auf einen Espresso und ein Glas Wein am Wegesrand. Venedig als Ziel lockte. Also fragte ich mit wackligem Mut: „Machbar?“

Jakob mit dem Halbstarkenlachen eines 17-Jährigen antwortete: „Klar, machbar. Ich warte dann oben am Berg auf dich.“

So sitzen wir im August vergangenen Jahres startklar zur ersten Etappe beim Frühstück in einem Hotel in München-Sendling. Herrn Bauer, dem Hotelier, waren unsere Sportklamotten aufgefallen, er fragte „Woher, wohin?“ Als wir die Räder bepackt haben, kommt er vor die Tür und zeigt uns den Weg in Richtung Venedig: Vorn gleich links, geradeaus bis zur Brücke, dann runter und immer an der Isar entlang. Herr Bauer winkt. Seine erstaunte Feststellung, dass wir ja gar keine E-Bikes für diese lange Strecke hätten, stimmt mich nachdenklich.

Wir radeln mit leichtem Gepäck. Jeder hat eine Fahrradtasche mit etwa sechs Kilogramm an den Gepäckträger geklemmt. Wenn nötig, waschen wir unterwegs mit Reinigungsmittel aus der Tube. Die Regensachen stammen aus unserer Wanderausrüstung. Nur Fahrradunterhosen mit dickem Polster haben wir neu gekauft. Ein Arbeitskollege, der oft weite Touren fährt, riet dringend dazu.

Bei der Wahl der Unterkünfte haben wir uns von einem Radreiseveranstalter helfen lassen. Wichtig war uns: ein sauberes Bett, eine Dusche, ein gutes Frühstück. Pro Kopf und Nacht zahlen wir zwischen 40 und 70 Euro.

Bis zum ersten Etappenziel in Bad Tölz sind es 65 Kilometer. Der Radweg mäandert an der Isar entlang. Väter mit ihren Kindern pumpen Schlauchboote auf, ein grauhaariger Mann schwimmt energisch gegen den Strom. Da, wo das Gebirgswasser herkommt, wollen wir hin. Ich würde jetzt gern eine erste Pause machen. Jakob sagt: „Los, weiter, wenn wir so trödeln, kommen wir heute nicht mehr an.“

Für den Nachmittag sind Gewitter vorhergesagt. Wir machen zu viel Tempo, und zwei Stunden hinter München auf der Ludwigshöhe muss ich sagen: „Stopp, Pause, Jakob, nicht so schnell!“ Erste Lektion gelernt: Teile deine Kraft ein. Starte so schnell, wie du am Ende des Tages noch fahren kannst. Der Weg führt jetzt über Schotterwege. Es tritt sich schwer, der tiefe Kies schluckt viel Kraft. Und ständig lockt der Fluss mit Badestellen. An der Isarschleife bei Wolfratshausen werden wir schwach und gehen baden. Wie schön und wie schwer, wieder aufzusitzen.

Vor Bad Tölz werden wir mit einer kilometerlangen Abfahrt belohnt: glatter Asphalt, blühende Sommerwiesen, es riecht nach frisch gewendetem Heu. Wir kommen noch vor dem ersten Gewitterguss an. Abends sitzen wir im Brauhaus bei Krustenbraten mit Knödel und zwei großen Hellen. Eigentlich ein perfekter Auftakt, wenn da nicht die schweren Beine wären.

Warum haben wir uns ausgerechnet für diese Reise entschieden? Ganz sicher ist es die Lust auf ein gemeinsames Abenteuer, die uns mit den Rädern über die Berge treibt. Ein kribbelndes kleines Wagnis, obwohl wir wissen, dass wir zur Not Bus, Bahn oder Taxi nehmen könnten.

Vielleicht zieht uns die Tour aber auch in ihren Bann, weil wir etwas beweisen wollen, jeder sich selbst und wir zwei uns gegenseitig. Ich, ob ich über die Berge komme. Mein Sohn, ob er seinen Vater abhängen kann. Und wir beide wollen wohl auf diese Weise herausfinden, wie stark das Band ist, das uns zusammenhält. Denn am Ende der Tour steht ein Abschied. Jakob hat Abi gemacht und zieht für das Studium bei uns aus.

Am nächsten Morgen regnet es. Richtung Brenner und Alpenhauptkamm geht es in den kommenden zwei Tagen vor allem bergauf. Der Wind weht die Wasserschleppen der Lastwagen auf den Radweg herüber. Jakob fährt vor, ich halte mich in seinem Windschatten. Wir finden ein gemeinsames Tempo und halten es, auch wenn es steiler wird. Die Anstrengung fühlt sich jetzt gut an. Wir werden mehr und mehr ein Team.

Mittags kommen wir zum Sylvensteinspeicher. Der Radweg führt durch einen Stollen, der im Notfall Überlauf des Stausees ist. Sogar die Sonne scheint. Wir sind auf 740 Meter Höhe und richtig stolz. Jakob sagt: „Es läuft gut.“ Mir gefällt, wie zäh er das Ziel verfolgt. Jakob ist ein gewissenhafter Planer, kennt Strecke und Höhenprofil besser als ich.

Wir fahren ohne viel Proviant. Dafür frühstücken wir reichlich und gehen abends gut essen. Außerdem gibt es am Weg immer einen Laden oder ein Café. Am Achensee bestellen wir Germknödel mit Vanillesoße. Der Mann am Nebentisch fragt: „E oder B?“ Wir verstehen nicht. Er erklärt: „Eoder Bio-Biker?“ Wieder was gelernt.

Vom Achensee nach Jenbach führt der Weg nun jäh bergab ins Inntal. Das macht die Bremse an meinem Rad nicht lange mit. Verdammt. Ich kann gerade noch anhalten. Erste Panne! Mit defekter Bremse tasten wir uns im Schritttempo die Serpentinen hinunter. Ein Glück, der Bike-Laden in Jenbach hat geöffnet, und der Chef, Stefan Sock, nimmt mein Rad sofort dran. Eine Stunde später sitzen wir wieder im Sattel. Aber nach fünf Kilometern macht es paff, und Jakobs Vorderrad hat einen Platten. Selbst flicken oder zur Werkstatt nach Jenbach zurückschieben? Wir schieben. Stefan Sock zieht ruckzuck einen neuen Schlauch ein.

WIR STEIGEN OFT AB UND STAUNEN. RADFAHREN IST LANGSAM GENUG, UM DAS SCHÖNE ZU SEHEN

Am dritten Tag kommt es zum Kräftemessen mit dem Brenner. Der Pass ist das mächtigste Hindernis auf unserer Tour. Wir nähern uns durchs flache Inntal mit gehörigem Respekt. Bis zur Passhöhe geht es 40 Kilometer bergauf. In Innsbruck folgen wir einem Tipp aus unserer App, steigen in die S-Bahn und fahren zwei Stationen bis Steinach. So umgehen wir den dichten Transitverkehr und eine gehörige Steigung. Nun geht es auf ruhigen Nebenstraßen aufwärts, bisweilen sehr steil. Mit nur elf Gängen schaffe ich das nicht. Ich muss wieder absteigen. Jakob wartet weiter oben. Ich sehe sein stilles Lächeln und denke, so muss es sein.

Bis zur Passhöhe auf 1370 Meter brauchen wir fünf Stunden. Aber dann sind wir oben und in Italien. Ich rufe: „Venedig, wir kommen!“ Jakob antwortet: „Klar.“ Und fährt schon wieder weiter. Ich war das erste Mal mit meinen Eltern hier oben, im Opel Kadett mit kochendem Kühler. Jahre später im Zug, mit Interrail-Ticket. Dann per Anhalter, was ich Jakob heute ausreden würde. Später mit dem ersten eigenen Gebrauchten. Immer war der Brenner ein lästiges Hindernis, das sich zwischen mich und das schöne Leben im Süden stellte.

Jetzt nehme ich zum ersten Mal die wuchtigen Gipfel rundum wahr. Wir steigen oft ab und staunen. Am besten gefallen uns die wilden Bäche, deren Wasser mit uns um die Wette in den Süden rauscht. Radfahren ist langsam genug, um das Schöne zu sehen. Und schnell genug, um voranzukommen.

Nun liegt eine lange Abfahrt vor uns. Ein Fest auf zwei Rädern, denken wir. Aber die Party ist nach wenigen Kilometern vorbei. Der Radweg ist gesperrt: ein Erdrutsch. Wir weichen auf einen schmalen Fußpfad aus. Auf einem Holzschild steht: Via Romea, ein uralter Pilgerweg. Ich schiebe bergab, es ist mir zu steil. Jakob fährt und landet in den Brennnesseln.

Wir sitzen jetzt acht Stunden im Sattel. Bis zu unserem Tagesziel in Mühlbach sind es noch gut zwei Stunden. Schaffen wir das? Oder suchen wir uns eine Unterkunft für die Nacht? Jakob sagt: „Lass es uns probieren.“ Es dämmert, als wir in Mühlbach eintrudeln.

Ich bin ausgepowert. Auch Jakob ist erschöpft. Immerhin, meine Fitness-App gratuliert mir zu einem neuen Bewegungsrekord! Wir sitzen noch lange in der Trattoria auf dem Dorfplatz, bestellen Gnocchi, für jeden zwei Portionen. Am Himmel steht der Vollmond. Eigentlich müssten wir noch die verschwitzten Klamotten waschen. Keiner hat Lust dazu.

Wir haben auf der Reise viel Zeit zum Reden. Jakob erzählt von seinen Wünschen und Träumen. Ihn beschäftigt noch seine Schulzeit, auch ein Streit zwischen uns beiden, der lange zurückliegt. Wenn man tagelang zusammen unterwegs ist, werden die Gespräche ohne Mühe tiefer. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Aber die Alpenüberquerung rückt uns beide noch näher zusammen, wohl weil wir aufeinander angewiesen sind. Jakob spürt das auch. Ohne dass wir darüber reden, übernimmt er die Planung der nächsten Etappen.

Kurz vor Bruneck im Südtiroler Pustertal schmeckt die Luft bereits nach Süden, die Farben leuchten heller, unsere Pausen mit Eis und Espresso werden länger. Am fünften Tag wecken uns morgens um sechs die Glocken der Dorfkirche in Toblach. Heute liegt der am meisten befahrene Abschnitt vor uns. Er verläuft auf der Trasse der ehemaligen Dolomitenbahn durchs Höhlensteintal zum Drei-Zinnen-Blick am Passo Cimabanche.

Wieder haben wir viel Kies unter den Reifen, Dutzende E-Biker surren bergauf an uns vorbei. An der Grillhütte auf der Passhöhe versammelt sich das Radlervolk in einer langen Bratwurstschlange. Für uns hat der Pass eine besondere Bedeutung: Er ist mit 1530 Meter der höchste Punkt auf unserer Tour. Wir machen ein Foto, und Jakob sagt: „Von nun an geht’s bergab.“ Und wie!

Es gibt zig gute Gründe, die Alpen mit dem Rad zu überqueren: die Landschaft, die Städte und Dörfer am Weg, das Bier, der Wein, das gute Essen. Aber vor allem schenkt uns die Tour viele Momente, die wir nie vergessen werden. „Jakob, weißt du noch, als du Stopp! gerufen und angehalten hast, nur um eine Weinbergschnecke über den Radweg zu tragen? Oder als wir am Straßenrand in Vittorio Veneto die frische Wassermelone geschlachtet haben? Oder als du dich am Brenner volle Pulle in die Nesseln gesetzt hast?“

Am sechsten Tag stellt Jakob diese Frage: „Sag mal, wie weit ist es eigentlich bis Florenz?“ Das Radeln fällt uns jetzt leicht. Im Durchschnitt schaffen wir bergauf etwa 15 Kilometer in der Stunde, bergab fast das Doppelte. Und es geht jetzt oft bergab. Bis Venedig sind es noch 90 Kilometer.

Die letzte Etappe ist flach und lieblich. Palmen, Palazzi, wir glauben, das Meer schon riechen zu können. Jakob zählt die Kilometer runter: noch 30, 20, 10. Dann sind wir in Mestre, hier auf dem Festland ist unser Hotel. Das Gepäck, das wir in Venedig brauchen, haben wir vorausgeschickt. Wir wollen drei Tage bleiben. Für die Rückfahrt nach München hat uns der Reiseveranstalter Plätze in einem Bus reserviert, der auch die Räder mitnimmt.

Wir duschen, ziehen frische Sachen an, dann radeln wir über den Damm nach Venedig, zum Fahrradparkhaus. In der Altstadt sind Räder verboten. Wir haben gelesen, Carabinieri hätten Touristen verhaftet, die mit ihren E-Bikes über den Markusplatz radeln wollten. Wir steigen ins Vaporetto. Als die Sonne untergeht, erreichen wir die Stadt. Rechts Dogenpalast und Markusdom, links Santa Maria della Salute. Noch so ein Weißt-du-noch-Moment.

Später essen wir in einer Trattoria Sarde in saor, köstliche gebratene Sardinen, und schwarze Spaghetti.

„Jakob, war es eine gute Idee, München–Venedig mit dem Rad?“

„Ja, die beste.“

Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern vor allem reisen wir in andere Verfassungen der eigenen Seele.

WERNER BERGENGRUEN, DT. SCHRIFTSTELLER (1892–1964)