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ÜBER ALLEN


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 11.05.2022
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Unaufhaltsam. So lautet eines der Worte, die einem in den Sinn kommen, wenn man heute über Kreator nachdenkt. Die beliebte deutsche Thrash-Institution hat im letzten Jahrzehnt noch einmal einen gewaltigen Satz nach vorne gemacht und steht dieser Tage besser da als je zuvor. In ihren Nuclear Blast-Jahren (ab PHANTOM ANTICHRIST, 2012) gelang der Truppe das Kunststück, mit wenigen, aber hochwertigen Alben das Optimum aus sich herauszuholen – und 2017 mit GODS OF VIOLENCE zum ersten Mal in ihrer Karriere Platz eins der deutschen Album-Charts einzunehmen. Dafür war nicht nur jede Menge harte Arbeit nötig, sondern auch die ein oder andere schwere, womöglich sogar unpopuläre Entscheidung. In diese Kategorie fiel 2019 auch die Trennung von Bassist Christian „Speesy“Giesler, der seit 1995 der festen Besetzung angehörte. „Ich glaube, wir waren beide unglücklich miteinander. Mehr will ich dazu nicht sagen“, ...

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... beginnt Miland „Mille“ Petrozza etwas knapp, als wir ihn im Michelberger Hotel an der Warschauer Brücke in Berlin zu Interview und Stadtspaziergang treffen. Gieslers Nachfolger ist der Franzose Frédéric Leclercq, der mit Bands wie Dragonforce, Sinsaenum und anderen bekannt wurde und als musikalisch vielseitig gilt. Kennengelernt haben sich die beiden 2004 beim Edguy-Konzert für das Format ‘WDR Rockpalast Backstage’ in Köln. „Wir haben den ganzen Abend nur gelacht – natürlich nicht über Edguy, sondern darüber, wie wir im Publikum die hohen Töne mit Sänger Tobi mitgesungen haben“, schildert das Kreator-Oberhaupt. „Seitdem haben wir uns auf einer persönlichen Ebene gut verstanden und Kontakt gehalten. Er hat viel Humor, das ist sehr wichtig – vor allem, wenn man ständig auf Tour aufeinanderhängt, wartet und sich langweilt. Es ist gut, jemanden zu haben, der das abpuffert und mit Stress umgehen kann. Er passt zu Kreator, weil wir alle Ultra-Metal-Nerds sind. Und es ist wichtig, dass wir uns auf einer humoristischen Ebene begegnen, wir haben denselben Humor. Wie in einer Beziehung: Man kommt mit jemandem zusammen und lacht sich kaputt, dann passt das.“

„Ich singe über Ungerechtigkeiten und Dinge, die mich bewegen. Wem das nicht passt, soll eine andere Band hören.“

MILLE PETROZZA

PROFESSIONELLE VORARBEIT

Durch den Neuzugang teilt sich die Band heute in zwei Lager auf: Petrozza und Schlagzeuger Jürgen „Ventor“ Reil als autodidaktische Urmitglieder auf der einen Seite, Leclercq und Gitarrist Sami Yli-Sirniö als internationale, geschulte Musiker auf der anderen. Was die neue Aufstellung mit seiner Band macht, weiß Petrozza genau: „Wir haben eine ganz eigene Dynamik. Die zwei Lager pluralisieren ein bisschen – die einen sind sehr intuitiv, die anderen sehr filigran und virtuos“, führt er aus, und weist darauf hin, dass der neue Bassist auch ein versierter Gitarrist sei. „Er spielt zehnmal besser Gitarre als ich, ungefähr so gut wie Sami. Die beiden geben sich nichts. Eigentlich haben wir jetzt zwei Supergitarristen in der Band. Aber Frédéric produziert auch Bands und hat tausend Projekte. Deshalb klangen bereits unsere Demos sehr ausproduziert. Insgesamt ist er eine Bereicherung für die Band! Es ist eine andere Herangehensweise: Ich hasse das Wort, aber wahrscheinlich ist alles noch professioneller geworden – obwohl ich professionelle Bands zumeist langweilig finde. Wenn man viel Routine hat, wird es oft vorhersehbar und öde. Ich hoffe, dass wir es hinbekommen haben, dass es nicht so ist. Wir beherrschen alle unsere Instrumente und wissen, was wir tun. Wenn ich der Band die Demos schicke und wir uns zum Proben treffen, hat es früher viel länger gedauert, einen Song durchspielen zu können. Heute können wir das meist schon bei der ersten Probe. Wir sparen viel Zeit und können dadurch mehr und länger an den Sachen arbeiten.“

Der Prozess vom ersten Impuls zum fertigen Stück läuft mittlerweile in etablierten Bahnen: Seine frühen Ideen präsentiert der Komponist beim gemeinsamen Musikmachen seinem Kumpel Marc Görtz (Caliban), dessen Nemesis Studio in Essen zur Erstellung erster Demos gebucht ist. „Er nimmt meine Ideen auf und hilft mir auch mal bei einer Nummer“, umreißt Petrozza die Rolle des befreundeten Musikers. Die gemeinsame Arbeit muss dabei einiges aushalten – schließlich kommt es vor, dass sich Lieder im frühen Vorproduktionsstadium bis zu 15-mal ändern. „Am Titelstück habe ich am längsten gearbeitet. Es war eines der ersten Lieder, die ich mit Marc aufgenommen habe; es hatte fünf verschiedene Titel und Refrains, bis es so stand. Ich wollte als ersten Song unbedingt etwas raushauen, das auf den Punkt bringt, was auf dem Album passiert. Es hat lange gedauert, bis das so zusammenfiel und die Musik zu mir kam. Marc muss das aushalten, auch meine Sprunghaftigkeit: An einem Tag ist der Song super, am nächsten doch wieder nicht. Das ist ein wichtiger Prozess: Bevor ich der Band irgendetwas vorspiele, vergehen Jahre.“ Diese Machart hält der Chef für einfacher, als zu viert Grundsätzliches zu diskutieren. So entsteht die Basisstruktur der Stücke, bevor sie zusammen mit den Kollegen ausgearbeitet werden – eine Entscheidung, die auf Erfahrung beruht: „Diverse Songs arrangierten wir als Band neu und kamen im Studio im letzten Moment zu dem Entschluss, dass die Demoversionen doch besser waren. Es geht bis zum letzten Moment – dieser gesamte Prozess ist ultrakomplex und dauert lange.“

INSPIRIERTE SPONTANEITÄT

Doch das ist erst der Anfang. Nach zwei Produktionen des Schweden Jens Bogren arbeiteten Kreator bei HATE ÜBER ALLES erstmalig mit dem US-Amerikaner Arthur Rizk zusammen, der aus dem Umfeld der ursprünglich als Tourneepartner geplanten Power Trip stammt und den Thrashern mit seiner Arbeit für Unto Others und Ghostemane aufgefallen war. Beide Sound-Tüftler sind unterschiedliche Charaktere, meint Petrozza. Während Bogren eine strikte Arbeitsweise verfolgt, lief die Produktion mit Rizk entspannt ab. Wie auf einer (alkoholfreien) Party hörten die Musiker verschiedene Alben und deren Klang an, tauschten sich darüber aus und ließen sich davon inspirieren. „Es war wie ein Zusammenkommen von Metal-Nerds!“, feixt der Interviewte. „Er ist ein paar Tage jünger als wir, kennt den deutschen Untergrund aber wahrscheinlich besser als ich. Er ist zum Beispiel extremer Running Wild-Fan... Es lief aber nicht schludrig ab: Er benutzte die moderne Technologie so, dass ich ein paar Passagen zwanzigmal aufnahm und er das Beste davon zusammenschnitt. Das Album klingt locker, anders als das letzte. Es hat einen anderen Ansatz. Genau das wollte ich – ein Album, das wieder mehr in die Richtung geht, wie wir angefangen haben.“

Für die Aufnahmen mieteten sich die Thrasher unter anderem in den ehrwürdigen Berliner Hansa Studios ein, in denen bereits Ikonen wie David Bowie, Iggy Pop, Depeche Mode, Nick Cave und U2, aber auch In Flames wirkten. Rizk bereitete sich extrem gut auf die Arbeit in den legendären Örtlichkeiten vor, informierte sich über die technischen Gegebenheiten und Besonderheiten. „Für ihn war das ein totales Ding, heilige Hallen – weil er auch den ganzen alten Kram mag, der dort aufgenommen wurde“, freut sich Petrozza, der den Kollegen als Metal-und Technik-Nerd sowie Universalgenie bezeichnet. Doch auch die Band selbst spürte die Ausstrahlung des Studios. „Es war für uns alle ein totaler Trip. Da steht dann der Flügel, auf dem schon David Bowie gespielt hat... Es war sehr feierlich, dort aufzunehmen, wo schon so tolle Sachen entstanden sind.“ Der besondere Ort und dessen Ausstattung bedingten auch einige Planänderungen: Wie zuletzt steuerten die Italiener Fleshgod Apocalypse erneut Orchestrationen zur atmosphärischen Unterfütterung bei (zudem sind vereinzelt Chöre sowie sanfter Klargesang des Protagonisten zu hören). Die Ausgestaltung orientiert sich am Thema des jeweiligen Stücks sowie seiner Vorstellung davon, verrät Petrozza, der etwa das Intro wie eine Art Western-Soundtrack anlegte. Ursprünglich waren auch dafür Francesco Ferrinis Orchestrationen vorgesehen, in der finalen Version treten diese jedoch in den Hintergrund zurück. „Arthur brachte ein Magazin über den Soundtrack von Spaghetti-Western mit, in dem stand, welches Equipment für welche Morricone-Aufnahme verwendet wurde. Zufällig war eine passende Kombination im Hansa Studio vorhanden, und wir nahmen im Studio alles völlig locker auf. Dementsprechend durcheinander klingt das Intro: Einmal spiele ich ganz schrammelig Gitarre, dann ist da eine Akustik-Passage von Sami, vielleicht sogar Fred; dann spielte Arthur noch etwas ein. Das Fleshgod Apocalypse-Ding geriet somit etwas in den Hintergrund – auch bei ‘Dying Planet’. Ich war mit ihren Arrangements sehr zufrieden, im Mix schraubte es Arthur dann aber etwas herunter“, schildert der Entscheider. Nach dem Album will er eine EP nachschieben, auf der einige orchestrale Versionen der Italiener zu hören sind. „Ich finde es zum Wegwerfen zu schade. Es ist eigentlich gut, passte nur nicht richtig zu diesem Album.“

KÜNSTLERISCHE EINFLÜSSE

Herausgekommen ist ein starkes, abwechslungsreiches Werk mit vielen typischen Thrash-Granaten wie dem überlegenen Titel-Track, aber auch einigen Experimenten, die Kreators Wagemut unterstreichen. Tatsächlich weicht der Gesamteindruck etwas von den versiert melodischen Vorgängern ab, was aber keinesfalls negativ zu bewerten ist. Musikalisch ein wenig aus dem Rahmen fällt beispielsweise das Finale ‘Dying Planet’, welches (zum Thema passend) doomig-langsam dahinkriecht. Das Stück entstand nicht wie zuvor beschrieben während der Vorproduktion, sondern am Ende einer erfolgreichen Aufnahmewoche nach der Fertigstellung dreier „einfacherer“ Lieder spontan im Team, wie Petrozza berichtet. „Morgens hatte ich so ein Doom-Riff im Kopf. Frédéric brachte diese Melodie an, und der Text kam einfach dazu – das kann auch mal passieren.“

Noch mehr stechen jedoch die Nummern mit Gastbeteiligung hervor: Zum einen ist da der deutsche Künstler Max Gruber aka Drangsal in ‘Conquer And Destroy’ (sowie im Intro), zum anderen die sphärische, entrückte Stimme der Sängerin Sofia Portanet im überraschendsten Stück des Albums, ‘Midnight Sun’. Dieses dürfte PLEASURE TO KILL-Fans schockieren und an die Traumata der Neunziger erinnern, hat in dem Wissen um die Entstehungsgeschichte aber seine Berechtigung und wird, wenn man sich darauf einlässt, bald zum feierbaren Ohrwurm. „Es geht nicht darum, etwas anderes zu machen, damit es anders ist. Ich denke immer noch in Alben, und wenn man ein ganzes Album macht, muss es abwechslungsreich sein – es kann nicht alles so ultrabrutal wie ‘Hate über alles’ klingen“, meint Petrozza, der mit der Künstlerin an einem ihrer Lieder arbeitete (bis dato unveröffentlicht) und ihr für eine zweite Kooperation ursprünglich ein anderes Kreator-Stück vorschlug. „Das fand sie nicht so gut. Ich hatte aber noch ‘Midnight Sun’. Darin geht es um den Film ‘Midsommar’, in dem eine weibliche Figur eine tragende Rolle spielt. Ihre Stimme passt dazu. Solche Duettgeschichten können schwierig sein – wenn die Stimmen nicht zusammenpassen, klingt es aufgeklebt. Hier ist es nicht so. Ihre Stimme klingt wie in ‘White Rabbit’ (Jefferson Airplane – Anm.d.A.), aber irgendwie in Richtung Achtziger-Wave – ich kann es schwer beschreiben“, führt der Musiker aus, und gibt sich als Fan von Portanets bisher einzigem Album (FREIER GEIST, 2020) zu erkennen. Mit der Kooperation ist er sehr zufrieden. „Genau das macht ein Album für mich aus – dass es überrascht. Es mag einfach sein, drei gute Lieder zu schreiben, aber ich halte es auch für wichtig, sich bei jedem Song wieder neu aufzustellen und jeden für sich genommen zu betrachten.“

‘Midnight Sun’ deutet außerdem an, wie kulturinteressiert der Kreator-Chef ist. Nach dem ebenfalls filmisch inspirierten Video zu ‘Satan Is Real’ brachte ihn nun mit ‘Midsommar’ ein Streifen desselben Regisseurs auf ein weiteres Stück, dessen Video in Südafrika gedreht wurde. „Ich finde den Film und seinen Soundtrack großartig – auch die Art und Weise, wie mit Stimmen gearbeitet wird. Es gibt eine Szene, in der einer der Protagonisten Sex hat und einige Frauen das gesanglich begleiten – ziemlich unheimlich... Ich wollte einen Song schreiben, der das irgendwie rüberbringt. Der Film war sehr inspirierend für mich“, erläutert der Connaisseur dunkler Künste. Er fühlt sich, wie beim gemeinsamen Stadtspaziergang klar wird, nicht nur im Filmtheater am Friedrichshain zu Hause, sondern auch in künstlerischen Ausstellungen – etwa im Schinkel Pavillon, wo zuletzt die Werke des Schweizers H.R. Giger gezeigt wurden, der ‘Alien’ erschuf. Giger-Fan Petrozza sucht jedoch nicht zwanghaft Filme oder andere kulturelle Erzeugnisse aus, um darüber zu schreiben, sondern lässt sich auf natürliche Weise von Kunst inspirieren, die ihn wirklich interessiert. „Manches wiederholt sich zwangsläufig, weil man immer eine Art Gefühl beschreiben will. Es gibt Songs wie ‘Crush The Tyrants’ – klar habe ich das vorher schon oft gesagt, aber man kann es ja noch mal sagen, zum Teil nicht oft genug. Ein Song wie ‘Midnight Sun’ dagegen bringt andere vielleicht dazu, sich den Film anzuschauen. So etwas fand ich immer gut bei den Bands, mit denen ich aufgewachsen bin: Sie stießen mich auf Dinge, die ich vorher nicht kannte.“

DER PRODUZENT

Interview mit Arthur Rizk

Arthur, HATE ÜBER ALLES ist deine erste Albumproduktion für Kreator. Wie kam es zu dieser Kollaboration, und weshalb wolltest du mit ihnen arbeiten?

Unsere Kollaboration begann, als eine Horde Musik-Freaks durch meine bisherigen Produktionen zueinanderfand. Mille kontaktierte mich und lud mich zum Essen ein. Dabei sprachen wir über neue Musik und den Status quo in Sachen Produktion. Ich wollte mit ihnen arbeiten, da sie nach dem ersten ernsthaften Gespräch für jegliche Ideen, mit denen ich sie konfrontierte, offen erschienen. Außerdem sind es fucking Kreator!

Du giltst als langjähriger Fan. Was war in deinen Augen für die Produktion wichtig?

In meinem Kopf wusste ich, dass ich die gesamte Produktion so dreidimensional wie möglich gestalten wollte, indem ich die Dynamik in den Songs und deren Sounddesign nutze. Es gab keinen konkreten Anhaltspunkt dafür. Mein Ziel war, herauszufinden, was Kreator wollen und das zu umzusetzen, dabei aber alles möglichst gehässig und teuflisch zu halten!

Gab es während der Produktion besondere Herausforderungen?

In einem anderen Land zu sein, war für mich die größte Herausforderung. Egal, wo in den USA ich bin – ich kann immer eine Firma oder einen Freund bitten, mich spontan mit etwas Benötigtem zu versorgen. In Deutschland musste ich ohne den gewohnten Komfort schnelle Lösungen erarbeiten. Alles andere lief reibungslos.

Was denkst du über HATE ÜBER ALLES in seiner Gesamtheit?

Ich liebe, dass es auf diesem Album eine Vielfalt unterschiedlicher Einflüsse aus Kreators gesamter Karriere gibt. Es wurde nicht nur von Aktuellem beeinflusst, sondern auch von Vergangenem. Außerdem beinhalten die Stücke unterschiedliche Vibes, funktionieren aber auch zusammen als Gesamtwerk!

Was macht Kreator in deinen Augen zu solch einer besonderen und erfolgreichen Band?

Ich halte Kreator für mehr als besonders – sie sind legendär! Es sind Pioniere, die nach so vielen Dekaden des Musikschaffens noch immer Inspiration verspüren! Das kann man heute nicht von vielen Bands behaupten.

EWIGE BRENNPUNKTE

Neben den dargelegten kulturellen Inspirationen finden sich auf HATE ÜBER ALLES auch viele andere Kreator-typische Themen. Manche Diskurse lassen den Vokalisten über Jahre hinweg nicht los – dazu zählt zum Beispiel Kritik an Fremdbestimmung durch (religiöse) Autoritäten und dem blinden Folgen dieser, hier umgesetzt in ‘Killer Of Jesus’ und ‘Crush The Tyrants’. Auch für einen dystopischen Blick in die wenig rosig erscheinende Zukunft sind die Thrasher gerne gut. Auf dem neuen Album gibt es zwei Lieder, die in diese Kategorie fallen: ‘Demonic Future’ existiert dem Urheber zufolge schon länger. Als Inspiration nennt er die Ereignisse im Dorf Freital, das 2015/16 durch anhaltende fremdenfeindliche Proteste in die Schlagzeilen geriet. „‘Demonic Future’ ist eigentlich ein Anti-Nazi-Lied. Egal, wie oft man es wiederholen muss, wir müssen ständig dagegen ankämpfen! Es wird bis zu unserem Lebensende nicht aufhören, dass wir gegen solche Dinge aufstehen und Haltung zeigen müssen“, ereifert sich der Musiker, der trotz der harschen Kritik dafür plädiert, den Dialog mit Menschen mit rechten Tendenzen aufrechtzuerhalten. Er weiß, dass Teile der Metal-Szene von derartigen Liedtexten nichts hören wollen, um nicht in ihrem Eskapismus gestört zu werden, hält das Thema aber für viel zu wichtig, um es nicht (erneut) anzusprechen. „Ich singe über Ungerechtigkeiten und Dinge, die mich bewegen. Wem das nicht passt, soll eine andere Band hören. Ich mag Kunst, die zeitbezogen, aber trotzdem zeitlos ist. Einen Song wie ‘Demonic Future’ hätte ich auch schreiben können, als damals in Mölln Molotows gegen Häuser geworfen wurden – und heute wieder, wenn in Freital ein Bus ankommt und Flüchtlingskindern ‘Hau ab’ entgegengeschleudert wird. So etwas bewegt mich eben.“

Auch in ‘Dying Planet’ werfen Kreator einen Blick in die Zukunft, allerdings mit einem ganz anderen Kernthema: Hier geht es um den großen Komplex Umweltzerstörung. In der finalen, eindringlich gesprochenen Passage ist die Rede von vergifteten Ozeanen und verbrannten Wäldern. Dabei seien Menschen doch Teil des ganzheitlichen Organismus’, klagt der Künstler: „Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen auf einem Planeten, den wir gerade selbst zerstören. Es ist, als würde man seinen eigenen Körper kaputtmachen, jeden Tag fünf Lines Koks ziehen und zwei Flaschen Whiskey saufen – das tut man drei, vier Jahre lang, und dann ist man tot. Das ist nichts Neues, aber es ist noch immer aktuell.“ Als Aufruf zum Aktivismus muss all das nicht zwangsläufig verstanden werden. Angesichts erodierender Sicherheiten und wachsender Ungewissheit ist es heute jedoch in vielerlei Hinsicht und Bereichen wichtig, aktiv zu werden und die eigene Bequemlichkeit aufzugeben – leider, wie Petrozza meint: „Wenn wir unsere Freiheit, die wir jetzt leben, behalten wollen, bleibt uns nichts anderes übrig. Die Politiker scheint es nicht zu interessieren, sie leben anscheinend in einer weltfremden Blase...“, kritisiert er. Trotzdem überlegt er sich nicht am Reißbrett, wie er Menschen durch seine Lieder zum Handeln animieren könne. Vielmehr lässt er sich beim Erarbeiten der Texte von spontanen Empfindungen und Impulsen leiten. „Das kommt einfach so aus mir heraus, diese Gedanken und Gefühle.“

GEWALTIGER RUNDUMSCHLAG

Ähnlich intuitiv entstand auch der auffällige Albumtitel HATE ÜBER ALLES. Die Kombination des englischen „Hate“ („Hass“) mit dem geflügelten deutschen Wort „über alles“ erschien Kreator auch im internationalen Kontext verständlich und sinnvoll. Inhaltlich basiert der Titel-Track auf der zunehmenden Diskursverrohung im Netz sowie der Tendenz, auf andere Meinungen pauschal mit Hasskommentaren zu reagieren. „Die Art und Weise, wie dort miteinander kommuniziert wird, wenn man es noch Kommunikation nennen kann, ist purer Hass! Da werden Morddrohungen ausgesprochen und im virtuellen Raum Leute bedroht. Für diese Art der Kommunikation muss ein neuer Umgang geschaffen werden!“, befindet Petrozza. Pauschalkritik am Internet als dem Ort, wo Hass massenhaft verbreitet wird, lehnt er jedoch ab – schließlich bringe es auch tolle Möglichkeiten wie den direkten Dialog mit den Fans mit sich. Dennoch kritisiert der Musiker das gängige Verhalten, sich bei Diskussionen ohne erkennbaren Willen zum konstruktiven Austausch einfach gegen alles zu stellen. „Es ist viel leichter, gegen etwas zu sein als dafür! Liebe ist schwieriger als Hass.“

Was Kreator damit aussagen wollen, sollte nicht zuletzt angesichts dieser Worte sowie nach genauerer Beschäftigung mit dem Stück klar werden: Spätestens in der Kernzeile „Hate is the virus of this world“ wird deutlich, dass sich die Truppe klar gegen Hass stellt, anstatt ihn – wie hier und da unterstellt – zu propagieren. Fehlinterpretationen seiner Kunst weist der meinungsstarke Künstler vehement von sich. Dies gilt auch für das umstrittene Video zum Titel-Track: Dieses erschien zufällig am Gedenktag einer Bluttat gegen Polizisten und zeigt ausgerechnet einen wilden Aufruhr gegen Gesetzeshüter. Das Timing sei extrem unglücklich gewesen, bedauert der Interviewte, verwehrt sich jedoch falschen Anschuldigungen: „Das Video sollte einfach Krawall ausdrücken. Man soll deshalb nicht gegen Polizisten sein, nein, ich bin ja kein Anarchist. Man muss sich vor Augen halten, dass es zum Teil sehr inszeniert ist, was wir da machen, es ist übertrieben. Die Polizisten im Video sind echt, hatten aber keine Knüppel dabei und sich sehr gut mit den Metal-Fans verstanden. Für mich ist das Theater – das andere ist die Realität. Wir unterstützen natürlich keine Gewalt gegen Polizisten!“, stellt er klar, und fügt hinzu: „Ich finde diese Unterstellung grotesk – dass man Künstlern unterstellt, sie würden, indem sie ein Video herausbringen, Gewalt unterstützen, oder dass sie in ihrer Musik für Gewalt oder so einen Schwachsinn sind. Wir können das nur machen, weil wir in einer freien Welt leben, und wahrscheinlich nur, weil Polizisten darauf aufpassen, dass alles geregelt läuft. Deshalb sind wir nicht gegen Polizisten, sondern dafür, dass Menschen in Freiheit leben und sich alle liebhaben – das ist wirklich so! Wir freuen uns, unsere Kunst ausüben zu können, und verabscheuen Gewalt bis aufs Letzte!“

Trotzdem fällt auf, dass in den Texten immer wieder von Kämpfen zwischen zwei Entitäten die Rede ist und Oppositionen aufgebaut werden. Sei es in den Zeilen „we will rise, they will fall“ und „we will live, they will die“ (‘Strongest Of The Strong’) oder „us against you for life“ (‘Crush The Tyrants’). Nicht immer lässt sich auf den ersten Blick ersehen, worum es genau geht und wer sich mit welchen Mitteln gegen wen erhebt. „Ich sage dir, wer gegen wen kämpft: dein Innerstes!“, konkretisiert der Künstler, und spricht über den Kampf, der in jedem Menschen tobt – „... schon wenn man sich fragt, ob man aufsteht und Sport macht oder lieber liegenbleibt und Netflix schaut. Es kann aber auch nach außen gehen, etwa bei der Frage, auf welche Seite man sich stellt“, eröffnet er eine neue Dimension der Dualität. „In der heutigen Zeit wird ständig verlangt, dass man eine Position einnimmt. Wenn man nicht hundertprozentig dazu steht, sondern auch andere Positionen zulässt, wollen einen die Leute aus der anderen Richtung schon zu sich ziehen. Das ist ein komisches, polarisierendes Denken, eine Atmosphäre des Einordnens. Dafür bin ich mir als Individuum zu schade. Ich kann manches nicht genau sagen, bin selbst noch auf der Suche. Wir alle sind Menschen und wissen am Ende unseres Lebens hoffentlich, dass wir es verstanden haben, oder eben nicht. Niemand hat es jetzt schon verstanden, niemand weiß alles. Es gibt aber Leute – und das meine ich mit diesem ,us against you‘ –, die vorgeben, mehr zu wissen, und denen man daher folgen solle. Doch ich denke für mich selbst. Jeder hat das Recht dazu; das hat mit Freiheit zu tun. Freiheit beginnt in Kopf und Geist. Es ist leicht, sich auf eine Seite zu schlagen und jemandem zu folgen. Doch ich glaube, man muss seinen eigenen Weg gehen, der nicht mit dem von irgendjemand anderem vergleichbar ist.“

DIE BAND

Interviews mit Jürgen „Ventor“ Reil, Sami Yli-Sirniö und Frédéric Leclercq

Ventor, dies ist das erste Album ohne Speesy. Wie fühlt sich das für dich an?

Ich war mit Speesy schon vor Kreator befreundet, was sich während unserer Schlachten mit der Band noch mehr manifestierte. Wir sind nach wie vor Freunde. Es fühlt sich ohne den langjährigen Weggefährten anders an, aber wir haben mit Frédéric genau den Menschen und Musiker gefunden, der die Position am besten ausfüllt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es solch eine Person gibt, aber er überzeugte uns innerhalb weniger Tage vom Gegenteil. Die Stimmung ist so perfekt wie lange nicht mehr: Ich bin bei jedem Treffen erneut beeindruckt, wie gut sich das anfühlt.

Mit Fred teilt sich die Band in zwei Lager – du und Mille, die alten Hasen aus dem Pott, und zwei internationale Musiker. Was macht das mit Kreator?

Das ist eine lustige Sichtweise – in meinen Augen sind wir jetzt vier internationale Musiker und mehr ein Lager als je zuvor! Was das mit Kreator macht, kann man auf dem neuen Album sehr gut hören, und das ist erst der Anfang. Chancen sehe ich eine Menge, Risiken in der momentanen Lage erst mal nicht auf Kreator zukommen – dafür passt alles zu gut.

Gab es bei der Arbeit an HATE ÜBER ALLES spezielle Herausforderungen für dich?

Jedes Album ist eine spezielle Herausforderung, weil ich Beats und Breaks aus den Fingern und Füßen zaubern muss, die den Hörern die Gehirnwindungen geradeziehen, sonst ist der Trommler nicht zufrieden. Das ist nicht immer leicht, aber meine Devise ist machen, machen, machen, immer alles geben. Und dann war da noch Arthur, der sich sehr probierfreudig gab. Das hat dem „alten“ Trommler richtig Spaß gebracht!

Wie empfindest du die experimentelleren Stücke und das Album insgesamt?

Die „experimentelleren“ Stücke sind für mich ein absolutes Muss. Ich würde sie aber nicht experimentell nennen, sondern das Bestreben des Kreators, immer etwas Neues zu machen, sich nicht limitieren zu lassen. Kreator sind eine Band, die sich nicht so leicht in ein Genre stecken lässt. Das finde ich richtig gut. Das Album hat alles, was ein Kreator-Hörerlebnis braucht – inklusive einem Sound, der unsere Musik und Gefühle perfekt transportiert. Ich hatte nach Jahrzehnten im Job beim Hören unserer eigenen Songs zum ersten Mal Gänsehaut. Ich bin mehr als zufrieden – danke an alle Beteiligten für ein unvergessliches Erlebnis!

Sami, du hast schon einige Platten mit Kreator eingespielt. Wie hast du den Prozess diesmal erlebt?

Ursprünglich sollte das Album früher erscheinen, doch die Einschränkungen gaben uns viel Zeit, die Songs zu reflektieren und neu zu arrangieren. Einige komplexere Arrangements der Demos wurden vereinfacht, das war gut. In unserer Musik gibt es viele komplexe Details, doch wir sind keine Prog-Band. HATE ÜBER ALLES springt einen mehr an als der Vorgänger, wie der Titel nahelegt. Kleine „Fehler“ wurden nicht behoben, um es dreckig und menschlich zu halten. Die Aufnahmen waren lustig und oft spontan. Als Kind der Achtziger gefällt mir auch dieser Achtziger-Vibe sehr gut.

Welche Stücke stellten dich vor die größten Herausforderungen?

Am forderndsten war die frühe Demophase, da wir beim Arrangieren oft nicht wussten, wie wir vorgehen sollten. Trotz der Reisebeschränkungen probten wir immer wieder gemeinsam – im Demostadium meist zwei Wochen lang, darauf folgten zwei freie Wochen. Das war gut, um ohne Eile darüber nachdenken zu können.

Wie beurteilst du das Album in Gänze?

Ich kann die Reaktionen der Fans kaum erwarten! Es ist ein brutales, Spaß bringendes und durchdachtes Album, dessen Hören sich für alle lohnt. Wir haben viel Arbeit hineingesteckt.

Mille beschreibt das Werk als impulsiv und locker. Trotzdem beinhaltet es dein filigranes Gitarrenspiel, das so wichtig ist für Kreators Stil. Worauf kam es dir diesmal an?

Impulsiv und locker trifft es gut. Für meine Soli ziehe ich Inspiration aus den Stücken, ihren Texten und Gefühlen, der projizierten Atmosphäre. Ein gutes Solo sollte die Melodien und Themen widerspiegeln. Ein Song innerhalb eines Songs und um die Ecke zu denken, ist mir ebenfalls wichtig. Jedes Solo und jeder Song bergen einen anderen geistigen Anspruch. Hier sind sie oft absichtlich schmutzig. Bei den Problemen, welche die Menschheit heutzutage umtreiben, mögen Gitarrensoli irrelevant wirken. Doch für mich übermitteln die Songs und Soli ein fast therapeutisches Gefühl der Befreiung und Flucht vor allem Schlimmem im Leben. Wenn mich nur eine Person versteht und Ähnliches fühlt, schätze ich mich glücklich.

Frédéric, wie war deine erste Albumaufnahme mit Kreator?

Ich schnupperte bereits bei ‘666 – World Divided’ rein, aber das jetzt war meine Album-Premiere. Mille hatte die meisten Demos fertig. In vier zweiwöchigen Sessions probten wir die Stücke als Band, arbeiteten daran und fügten unseren eigenen Touch hinzu. Wir vier wollten dasselbe – ein brutaleres, roheres Album! Die Vorgänger waren toll, aber vielleicht etwas zu poliert. Ich konnte mich frei ausleben, die Jungs vertrauten meinen Ohren und Methoden. Ohne der Produzent zu sein, produzierte ich die Songs quasi vor. Wir konzentrierten uns drei Tage lang auf ein Stück, dann nahm ich jedes einzeln in meinem portablen Studio auf, fügte Details hinzu und mischte es ab. Es sollte roh klingen und sich hauptsächlich im roten Bereich bewegen – wir nannten das „Satanic Mixes“. Es war fordernd, da ich auf alles achten musste, aber auch aufregend, da mir vertraut wurde. Ich war der Neue und durfte mich um Dinge kümmern! Es half dabei, die Arbeits-und Denkweisen aller zu verstehen – mit jemandem aufzunehmen, erfordert Psychologie. Mit Sami diskutierte ich abends noch über Soli und Riffs. Beim Aufnehmen brachte Arthur weitere Ideen ein, um effizienter und brutaler zu werden. Wir teilten dieselbe Vision. Ich erinnere mich lediglich an einen einminütigen Streit über eine Klangfolge – Sami musste fünf Noten neu einspielen...

Was war für dich die größte Herausforderung?

Das Technische war keine große Herausforderung. Ein Stück wie ‘Become Immortal’ birgt fordernde Stellen, doch wir waren vorbereitet. Das Arrangieren war nervenaufreibender. Ich habe an ‘Dying Planet’ mitgeschrieben und suchte lange nach den richtigen Harmonien, um es möglichst intensiv zu gestalten. Zudem kam ich auf den dualen Leadpart in ‘Hate Über Alles’ und suchte lange die Balance zwischen technisch, aber nicht zu technisch. ‘Dying Planet’ und ‘Midnight Sun’ finde ich toll. Unterschiedliche Stimmungen machen es spannender, für Hörende wie auch für uns! Alles entstand ganz natürlich.

Wie fühlst du dich in der Band aufgehoben, und welche Rolle nimmst du ein?

Die Zeit im Proberaum wie in der Freizeit hat uns zusammengeschweißt. Ich teilte mir ein Airbnb mit Sami. Mille holte uns morgens ab, und am Wochenende feierten wir mit Ventor und Freunden. Die Stimmung ist super-positiv, sie gaben mir sofort ein heimatliches Gefühl. Wir motivieren uns gegenseitig: Ich freue mich, die Songs zu spielen, und die Jungs spüren meinen Enthusiasmus. Das erzeugt eine frische, positive Energie. Bei Musik bin ich etwas autistisch: Ich achte auf jedes Detail und merke viel an, etwa: „Hey, klingt das nicht wie die Harmonie von ‘Extreme Aggression’?“ Nicht um zu nerven, sondern um auf den Punkt zu kommen. Ich weiß nicht, ob es meine Rolle ist, alle anzutreiben – oder alle zu nerven. Immerhin hörte ich sie sagen, die Band habe nie so toll geklungen, daher habe ich wohl etwas richtig gemacht.

Du hast viele Bands und Projekte. Was an Kreator spricht dich an, und welche persönlichen Ziele hast du für deine Zeit in dieser Band?

Ich mag alle Metal-Stile, doch die dunkle Seite der Macht reizt mich am meisten. Ich war unglücklich damit, wie es zuletzt bei Dragonforce lief, und war beim letzten Album gegen alle Entscheidungen. Als Mille anrief und mir den Job anbot, wurde ein Traum wahr. Ich bin mit diesen Songs aufgewachsen und liebe sie! Zudem ruht sich die Band nicht auf ihren Lorbeeren aus. Ich fühle mich geehrt, Kreators Bassist zu sein. Als ich dazukam, standen die meisten Songs, daher bin ich froh, dass ich noch so viel Einfluss nehmen, ein Stück mitschreiben und einiges beisteuern konnte. Hoffentlich machen wir mit derselben Energie und demselben Hunger weiter. Ich bin gespannt auf alles Kommende!

INNERE STÄRKE

Als weniger anfällig für Fehlinterpretationen, jedoch ungewöhnlich für Kreator lässt sich indes das autobiografisch inspirierte ‘Become Immortal’ einordnen. „1984 I hate the sun...“, singt der Altenessener in der herrlichen Auftaktzeile, und schildert die prägenden Empfindungen eines Zugehörigkeit suchenden Heranwachsenden in einer herausfordernden Zeit: „Toxic clouds cover the sun in the shadow of the Berlin Wall“ heißt es in der zweiten Strophe – ein Hinweis darauf, dass die Metropole im Leben des Jungen aus dem Pott und heutigen Wahlberliners schon früh eine Rolle spielte – so nahmen Kreator ihre ersten Alben an der Spree auf. Die Inspiration für ein derart persönliches Stück stammt von anderen Kunstschaffenden, insbesondere Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und dessen autobiografischem Album DIE UNENDLICHKEIT (2018). Die Vebindung reicht so weit, dass auch eine (verworfene) deutsche Version des Stücks existiert, deren Text der Indie-Rock-Kollege entwarf. „Es kann schnell kitschig werden oder in die Nostalgie-Ecke kippen, früher war alles besser und so; deshalb habe ich mich immer gegen solche Songs gesträubt“, schildert der Protagonist. ‘Become Immortal’ verfolgt ihm zufolge einen anderen Ansatz und beschäftigt sich mit der philosophischen Frage, was nach dem Tod von einem übrigbleibt. „Bei mir persönlich ist das die Musik; bei anderen ist es vielleicht der Einfluss, den sie auf andere hatten. Auf den autobiografischen Text kam ich durch die Frage, wo all das herkommt und was für mich die Inspiration dafür war, seit einer Million Jahren diesen Quatsch zu machen und noch immer davon überzeugt zu sein... Der Text mag an der Grenze zum Kitsch sein, aber ich mag ihn“, lacht er, und betont, dass er selbst einen strengen Filter anlegt. Jenes Stück beschreibt er als Herausforderung: „Wenn man es hinbekommt, etwas Autobiografisches zu schreiben und damit Leute zu berühren, sodass sie sich identifizieren können und eine Verbindung entsteht, dann ist es gut. Das ist mein Ziel. Doch ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, was Leute darüber denken, sondern mache das erst mal für mich. Früher hatte ich Hemmungen, bestimmte Themen anzusprechen – weil man denkt, das ist dann nicht Metal genug. Bis der Song so stand, hat es lange gedauert, weil es ein Kampf mit mir ist – will ich das, will ich so persönlich werden...?“ Könnte er seinem 16-jährigen Ich heute einen Rat geben, fiele der entsprechend stringent aus: „Mach mal, los!“, grinst der 54-Jährige, und konstatiert: „Alle Erfahrungen musste ich so machen. Ich würde heute vielleicht sagen: Hey, lass das mit den Drogen. Ich war nie süchtig, habe aber viel experimentiert. Alles kurz angeschnitten, aber dann war es auch wieder gut.“

Trotz allen Rückblicks wehrt sich Petrozza dagegen, zu viel Nostalgie aufkommen zu lassen. Er begreift seine Band im Hier und Jetzt, anstatt Gedanken an alte Zeiten zu frönen und Jubiläen zu zelebrieren. Deshalb begehen Kreator dieses Jahr nicht, wie die drei anderen Thrash-Teutonen, ihren 40. Geburtstag. Eigentlich rechnet die Band sowieso anders, wie ihr Gründer klarstellt: „1982 hat Ventor, der damals noch Jürgen Reil hieß, sein zur Konfirmation bekommenes Geld in ein Schlagzeug investiert. Ich hatte eine E-Gitarre. Das war der Moment, als wir zum ersten Mal probten, die Band hatte aber noch keinen Namen. Zuerst waren wir fünf Gitarristen, dann war es nur noch ein Gitarrist und ein Bassist. 1984 haben wir uns in Tormentor umbenannt, und 1985 ist die Geburtsstunde von Kreator. Alles davor war nur der Versuch, irgendetwas zu machen.“

Das Szeneurgestein hat gute Gründe dafür, nach vorne statt zurück zu blicken: Schließlich treten Kreator heute glaubwürdiger, relevanter und meinungsstärker auf als je zuvor, beweisen musikalisch Mut, überraschen und blicken über den Tellerrand hinaus. Zudem präsentieren sie sich als zeitgeistig denkende Band und moderne Marke – und erschließen dadurch immer neue Zielgruppen. Dazu gehört die Arbeit mit passenden Partnern wie dem veganen Kraftsportler, Autor und Fitness-Influencer Patrik Baboumian, der im Chor von ‘Strongest Of The Strong’ mitsingt, aber auch die Bereitschaft der Band und ihres Teams, bis zum Umfallen Pressearbeit zu betreiben und als wohl einzige deutsche Thrash Metal-Band in Leitmedien wie die Süddeutsche Zeitung vorzustoßen. Der Aufwand zahlt sich aus: GODS OF VIOLENCE drang auf Platz eins der deutschen Album-Charts vor, die Truppe gilt als renommiert wie verlässlich und gehört heute zu den wichtigen deutschen Metal-Exporten. Fragt man den Mitbegründer, was all das mit ihm anstellt, fällt die Antwort überraschend aus: „Gar nichts! Ich finde es schlimm, immer zu betonen, was man alles geschafft hat. Ja, schön – aber man muss weitermachen und Neues kreieren. Jetzt ist wichtig, nicht Vergangenes! Ich will es nicht schmälern oder behaupten, es interessiere mich nicht“, hält Petrozza inne, und würdigt dabei insbesondere die Rolle von Kreators treuen Fans. „Aber es macht nichts mit mir im Sinne davon, dass ich mich darauf ausruhen oder selbst nicht mehr herausfordern würde. Das ist mein Antrieb, und das war schon immer so!“

KATRIN RIEDL

„Wir sind dafür, dass Menschen in Freiheit leben und sich alle liebhaben. Wir freuen uns, unsere Kunst ausüben zu können, und verabscheuen Gewalt bis aufs Letzte!“

MILLE PETROZZA

DIE GÄSTE

Interviews mit Drangsal/Max Gruber und Sofia Portanet

Songs, in denen ich zu hören bin, im Voraus Gedanken gemacht, und so kamen wir recht fix zu einem Ergebnis. Auch Arthur ist ein wirklich angenehmer Typ, es war alles echt sehr fluffig. Es wurden vegane Donuts aufgetischt und wir haben viel gelacht.

Max, 2017 haben sich deine und Kreators Wege in der TV-Show ‘Circus Halligalli’ gekreuzt, und 2018 war Mille zu Gast in deiner Radiosendung. Was verbindet dich darüber hinaus mit Mille und Kreator, was magst du an ihm/ihnen? Bist du Fan ihrer Musik?

Kreator waren mir schon ein Begriff, lange bevor ich Mille kennenlernen durfte – ‘War Curse’ beispielsweise höre ich bevorzugt während des Joggens. Dass Mille auch Fan meiner Musik ist, hat mich zu Beginn etwas überrascht! Ich schätze es ungemein, dass er solch einen breitgefächerten Musikgeschmack hat und bewundere sein Gitarrenspiel, seine Kreativität und die Langlebigkeit von Kreator. Ich habe Mille als sehr humorvollen und bescheidenen Menschen kennengelernt.

Wie kam es zur Idee eines Drangsal-Features auf dem neuen Kreator-Album?

Das lief ähnlich wie bei der Chose mit Ghost: Mille fragt, und ich bin von ihm für jedwede Schandtat zu kriegen!

Du bist im Intro und in ‘Conquer And Destroy’ zu hören und warst selbst im Studio vor Ort. Wie war es für dich, mit Kreator als etablierter Thrash Metal-Band zu arbeiten, was hat dich daran gereizt?

Natürlich fühlt man sich entsprechend gebauchpinselt. Außerhalb der eigenen musikalischen Gefilde zu agieren, ist ohnehin immer aufregend und zudem eine gute Möglichkeit, die eigenen Perspektiven und Arbeitsweisen zu erweitern.

Wie sah eure Zusammenarbeit konkret aus? Gab es spezielle Vorgaben oder Ziele für deine Beiträge? Was verbindest du persönlich mit dem Song ‘Conquer And Destroy’?

Die Atmosphäre im Studio war total entspannt: „Alles kann, nichts muss.“ Heißt: probieren und schauen, ob etwas dabei rumkommt. Mille hatte sich für die zwei

Sofia, wie kam der Kontakt zwischen dir und Kreator zustande?

Mille ist Fan von meinem Debüt FREIER GEIST, das im Sommer 2020 veröffentlicht wurde. Er ist mir auf Social Media gefolgt und hat mir geschrieben. Als er mal in Berlin war, haben wir uns persönlich kennengelernt.

Was verbindet dich mit Mille und Kreator, was magst du an ihm/ihnen?

Uns verbindet die Leidenschaft und hundertprozentige Hingabe zur Musik. Ich bewundere, dass sich Kreator über die Jahre immer selbst treu geblieben sind und ihr Ding durchgezogen haben. Ich finde es cool, dass sich Mille auch für andere Musik-Genres interessiert und die Offenheit hat, sich mit musikalisch Andersgesinnten zu verbinden. Das haben wir auf jeden Fall gemeinsam!

Bist du Fan ihrer Musik?

Klar! Meine eigene Musik geht zwar eher in Richtung New Wave, Goth und Post Punk, und meine letzten beiden Titel ‘Real Face’ und ‘Mi Amor’ sogar eher in die Indie Pop-Richtung, aber das heißt ja nicht, dass ich Metal und Thrash Metal nicht auch feiern kann. Im Gegenteil, mich inspiriert es, wenn ich Musik höre, die authentisch ist und eine eigene Identität hat.

Wie kam es zur Idee eines Features von dir auf dem neuen Kreator-Album?

Nachdem Mille und ich uns in Berlin kennengelernt hatten, war klar, dass wir etwas zusammen machen wollen. Erst mal haben wir einen neuen Song zusammen geschrieben und aufgenommen. Der war total super, aber für das neue Kreator-Album stilistisch doch eher unpassend. (lacht) Mille schlug vor, dass ich bei einem Kreator-Song miteinsteigen und mitschreiben könnte. Ich fand die Idee super, und das haben wir dann auch gemacht.

Du bist in ‘Midnight Sun’ zu hören, einem im Albumkontext eher experimentellen Stück. Wie war es für dich, mit Kreator als etablierter Thrash Metal-Band zu arbeiten, was hat dich daran gereizt?

Für mich war es eine sehr bereichernde Erfahrung und natürlich auch sehr schmeichelnd, mit einer Band arbeiten zu dürfen, die weltweit so geliebt und respektiert wird. Ich habe einen sehr eklektischen Musikgeschmack und bin jemand, der musikalisch gerne experimentiert und über den eigenen Tellerrand guckt. Für mich geht es immer darum, ob mir das Konzept gefällt, die Energie stimmt und man sich menschlich gut versteht. Das hat bei Kreator alles gepasst, somit stand unserer Zusammenarbeit nichts im Weg.

Wie sah eure Zusammenarbeit konkret aus?

Mille hat mir eine Demoversion von ‘Midnight Sun’ geschickt und meinte, ich könne etwas Neues für den Refrain und die Bridge ausprobieren. Ich habe mir Gedanken gemacht und ein paar Ideen gesammelt, dann trafen wir uns in Berlin im Studio. Dort war auch Arthur (Rizk), mit dem ich große Lust hatte, zu arbeiten. Er und Mille hatten die Idee, mich ähnlich wie in meinem Song ‘Planet Mars’ opernmäßig und experimentell singen zu lassen. Ich hatte aber das Gefühl, das könnte zu sehr ins Klischeehafte gehen, nach dem Motto „Opera meets Metal“, und habe ihnen etwas Schlichteres vorgeschlagen. Das fanden sie total super! Sie haben sogar extra noch mal die Gitarren im Refrain neu aufgenommen, damit es besser zur Gesangsmelodie passt – was für eine Ehre! Arthur schlug am Ende vor, dass ich auch mal ausprobieren könnte, zu schreien. Das ist mir nicht so gut gelungen, stattdessen musste ich laut lachen... Mein Lachen, also den gescheiterten Schreiversuch, hat Arthur richtig gut entfremdet und durch einen Rückwärtsfilter laufen lassen. Das hört man jetzt am Ende des Songs – es klingt eher nach krächzenden Raben als nach mir, haha...

Was verbindest du persönlich mit dem Song ‘Midnight Sun’?

Der Song lässt viel Freiraum für unterschiedliche Interpretationen. Textlich ist er von dem Film ‘Midsommar’ inspiriert. Ich höre viele Ebenen heraus – die Frage der Aufopferung für etwas „Größeres“, das Thema um kultische Rituale und die teilweise damit einhergehende Verblendung, die Frage der Liebe und Selbstaufgabe...