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Über Bach: „Alles Schwere, alles Leichte“


akkordeon magazin - epaper ⋅ Ausgabe 79/2021 vom 18.05.2021

Artikelbild für den Artikel "Über Bach: „Alles Schwere, alles Leichte“" aus der Ausgabe 79/2021 von akkordeon magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTOS: MARCO BORGGREVE

• Eine Verabredung mit Bach, Künstlerin und Komponist im Dialog, das wäre schon was. Viviane Chassot lächelt bei der Idee und denkt einen Moment darüber nach, worüber sie wohl reden würden. „Ich würde ihn fragen, was ihm die Kraft gegeben hat, im Leben immer wieder aufzustehen, stellt sie dann mit Blick auf das oft von Krisen und Verlusten belastete Leben des Komponisten fest. Die Musikerin ist bei sich zu Hause im schweizerischen Basel, wir sprechen per Videointerview am Computer. „Und natürlich würde mich interessieren, was er davon hält, wie ich diese Musik spiele“, ergänzt sie. Im 17. und 18. Jahrhundert waren Handzuginstrumente wie das Akkordeon noch nicht erfunden, und selbst das moderne Klavier höchstens ansatzweise vorhanden. Kompositionen entstanden für Orgel, Cembalo oder andere frühe Tasteninstrumente. Bach starb 1750, aber seine Musik wird, wie die einiger ...

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... weiterer weltberühmter Komponisten wie Beethoven, Haydn und Mozart, heute noch weltweit in verschiedenster Form und Besetzung interpretiert.

Die Schweizer Akkordeonkünstlerin Viviane Chassot befindet sich bereits ihr ganzes Leben in einem lebhaften Dialog mit seiner Musik. Eine Radiosendung, bei der jemand am Akkordeon ein Stück des Barockkomponisten vortrug, gab ihr einst den Impuls, Akkordeonistin zu werden. Sie hat das Akkordeon und seinen Sound immer gemocht, konnte allerdings mit den traditionellen, folkloristischen Stücken ihrer Heimat nicht so viel anfangen. Dass Barock- und klassische Werke an „ihrem“ favorisierten Musikinstrument gespielt wurden, überhaupt gespielt werden konnten, das machte nachhaltig Eindruck auf sie. Bis heute ist das so geblieben.

Inzwischen hat sie längst differenzierte Studien absolviert, mehrere Musikpreise erhalten und ausgewählte Barock-, romantische, klassische und zeitgenössische Repertoires veröffentlicht. Mehrmals stand sie etwa für außergewöhnliche Mozart- und Haydn-Interpretationen als Solistin mit Streichorchestern wie der Camerata Bern und dem Kammerorchester Basel auf der Bühne. Trotzdem erinnert sie sich gut, wie sie sich als 14-Jährige mit Präludium und Fuge No. 2 in c-Moll, BWV 847, aus dem Wohltemperierten Klavier abmühte. Das Wohltemperierte Klavier, eines dieser verbreiteten Übungswerke, die von manchen Klavierschüler(inne)n manches Mal wohl insgeheim verflucht worden sein dürften, genau damit können auch Akkordeonschüler(innen) vortrefflich eine Menge Tage zubringen. Jetzt steht das genannte c-Moll Präludium samt Fuge am Anfang von Chassots neuester Veröffentlichung mit dem passenden Titel Pure Bach. Sie erschien im April in der Schweiz, im Mai nun in Deutschland. Dasselbe Präludium und dieselbe Fuge sind heute für sie kaum mehr als lockere Fingerübungen. Im Repertoire hat sie um einiges ausgefeiltere Werke zusammengestellt, etwa das Italienische Konzert, ausgewählte Suiten und Partiten.

Tastenwerke am (Knopf-)Akkordeon

„Ich habe während des Lockdowns viel Bach gespielt“, berichtet Chassot. Es ist das Strukturierte, das sie in manchen Phasen an dieser Musik besonders anspricht, und es gibt noch zahlreiche weitere Aspekte. Sie zeichnete einzelne Videos auf, stellte sie online, und die Resonanz war überaus positiv. Schließlich schien es ihr ein passendes Repertoire für ihr neues Album. Solche Dinge entscheidet sie großenteils intuitiv, zeichnet Musik auf, die ihr zu einer bestimmten Zeit am leichtesten auf die Knöpfe „gerät“. Erst als sie sich ihre Stücke ausgewählt und eine fertige Idee im Kopf hatte, suchte sie die Kooperation mit einer Musikfirma. Aus rein finanziellen Gründen ein bestimmtes Repertoire aufzeichnen? Das kann sich die Künstlerin gar nicht vorstellen. Jetzt also eine Kreation aus langjährig geübten Kompositionen? Nicht ganz. Während manche davon die Musikerin fast ihr gesamtes Leben begleitet, hat sie sich die ausgewählte Partite sogar erst im Lockdown komplett neu angeeignet. Und: Was sie ausgewählt hat, ist anders als ihre letzten Orchester-Einspielungen nun am Soloakkordeon zu hören. Für diese Stücke schien ihr das die passendste Herangehensweise: „Aufnahmen mit Orchestern zu machen, klar, das ist toll – aber am meisten zur Geltung kommt das Akkordeon, wenn es solistisch spielt.“

Heute kennt das konzertinteressierte Publikum die ausgewählten Kompositionen vor allem gespielt am Klavier. Der Weg von der Klaviatur zum Akkordeon ist oft gar nicht allzu weit, vor allem wenn es wie in diesem Fall um Barockrepertoire geht. Chassot lebte nach ihrem Studium in Bern eine Zeitlang in Leipzig, sie lernte dort von Klavierkünstlern wie Ferenc Rados, András Schiff und Alfred Brendel. Sie hörte ihre Konzerte, besuchte Kurse, diese aber häufig als passive Teilnehmerin. Trotzdem: „Diese Einflüsse waren sehr wichtig für mich, um meinen Zugang und meine Interpretation für dieses Repertoire zu finden“, erinnert sie sich. „Von Schiff waren meine ersten CDs, die ich zu Hause hatte.“ Heute hat sie davon in ihrer Musiksammlung eine ganze Auswahl. „Ich mag die Freiheit, die er sich nimmt, auch mit den Tempi – das hat mich sicher sehr beeinflusst“, stellt die Akkordeonistin fest. „Diese Freiheiten nehme ich mir ebenfalls.“ Wenn Interpreten strikt und abstrakt interpretieren, spricht es die Künstlerin wesentlich weniger an. Immer noch hört sie sich öfter Klavierkünstler an als Akkordeonisten, etwa Glenn Gould oder Maria João Pires.

„Ich mag die Freiheit, die er sich nimmt, auch mit den Tempi – das hat mich sicher sehr beeinflusst. Diese Freiheiten nehme ich mir ebenfalls.“

Viviane Chassot über die Bach-Interpretationen von András Schiff

Wahl des Repertoires

Mit dem Italienischen Konzert verbindet sie eine relativ wechselvolle Geschichte. Erstmals interpretierte sie es am Konservatorium zur Zwischenprüfung. Zu der Zeit studierte sie bei Anzellotti, und das Prüfungsergebnis fiel nicht so aus wie erhofft. Über Jahre spielte die Musikerin das Konzert dann nicht mehr, zumal ihr von Professorenseite nach der Prüfung erklärt wurde, das wäre wohl nicht das richtige Repertoire für sie. „Das hat schon Zeit gebraucht, zu sagen, ich mach das trotzdem“, erinnert sich die Akkordeonistin. „Ich würde jedem jungen Musiker und jeder Musikerin sagen, jeder kann und soll das spielen.“ Sie sieht Detailaspekte der Artikulation, Dynamik oder Phrasierung als einen günstigen Ausgangspunkt, um an den entsprechenden Feinheiten zu feilen. In ihrer Arbeit als Dozentin, etwa am Hohner-Konservatorium in Trossingen, sind solche Stücke ein fester Bestandteil des Überepertoires.

Am Italienischen Konzert gefällt der Künstlerin besonders das Temperamentvolle, Heitere und inzwischen spielt sie es wieder ausgesprochen gern. Von den Französischen Suiten wählte sie für ihr Album zwei, die sie bereits oft interpretiert hat, die Suite II c-Moll BWV 813 und die Suite V G-Dur BWV 816. Bei der c-Moll Suite beschreibt sie die „speziellen, kurzen Sätze, als wären es kleine Brillante“, bei der G-Dur Suite zeigt sich sich begeistert von „Virtuosität und Spielfreude“. Bei den Suiten sind kompositorisch alte Tanzformen mit verarbeitet, und so heißen manche der Sätze Gavotte, Gigue, Sarabande oder Allemande. Was damit in der Musik an Leichtigkeit und Lockerheit einhergeht, gefällt der Künstlerin. Insgesamt zeigt sich Bach auf ihrer Einspielung mehr von der heiteren, weniger von der schwermütigen Seite. Es gab außerdem Neues zu lernen, in diesem Fall die Partite No. 1 in B-Dur, BWV 825. „Die wollte ich schon immer machen, die finde ich so toll“, so die Musikerin. Dafür bot ihr die eingeschränkte Zeit des Lockdowns eine Menge Zeit. Sie arbeitete wie gewohnt unmittelbar mit der Klavierpartitur, ohne sich Aufzeichnungen von Interpret(inn)en anzuhören. Um Meinungen fragt sie ebenfalls nicht, obwohl sie natürlich in ihrem Umfeld eine Menge Musizierende kennt. „Es wäre leicht, sich hinzusetzen, zu spielen und zu sagen, wie findest du da“, so Chassot. „Aber ich habe das nie gemacht, auch bei anderen Aufnahmen nicht.“ Sonst hört sie sich gern Konzerte und Aufnahmen an, diskutiert über Feinheiten der musikalischen Interpretation. Wenn es daran geht, ein Repertoire aufzuzeichnen, ist die Situation anders: „Wenn ich was mache, möchte ich was Eigenes machen. Für mich geht es darum: Was will ich mit dieser Musik sagen? Wo ist die Sprache, die mir entspricht?“ Die findet die Künstlerin am besten selbst.

„Wenn ich was mache, möchte ich was Eigenes machen. Für mich geht es darum: Was will ich mit dieser Musik sagen? Wo ist die Sprache, die mir entspricht?“

Spieltechnik und Interpretation

In einer Vielzahl von Aspekten ist die Interpretation des Repertoires am Akkordeon notwendigerweise anders als am Klavier. Jedes Musikinstrument bringt seine eigenen Merkmale und Voraussetzungen mit und die wollen entsprechend angewendet sein. Chassot setzt sich seit Jahrzehnten damit auseinander und inzwischen sind ihr eine Menge dieser Facetten sozusagen auf die Knöpfe und in die Finger übergegangen. Wie bringen Musizierende beispielsweise aus dem relativ weich klingenden Akkordeon ein Staccato heraus, wenn das in der Partitur steht? Das geht nicht wie beim Klavier, aber es geht, wie Chassot beschreibt: „Man hat die Möglichkeit, mit dem Akkordeonbalg kurze Akzente zu setzen und kombiniert mit Fingerartikulation einen scharfen Sound zu erzielen.“ Eine Attack, einen Anschlag, kennt das klassische Akkordeon schließlich ebenfalls.

Abgesehen von ihren Dialogen, Konzerten und Kursen mit Klavierkünstlern hat die Schweizer Akkordeonistin selbst oftmals an der Klaviatur gespielt. Klavier war während des Studiums ihr Zweitinstrument, immer wieder hat sie Stücke an beiden Musikinstrumenten detailliert ausprobiert und die Möglichkeiten verglichen. Wer speziell Bachs Kompositionen am Akkordeon üben möchte, denjenigen rät Chassot zu einer bestimmten Reihenfolge: „Ich würde unbedingt empfehlen, zuerst die Inventionen zu spielen, dann die Sinfonien, das sind im Wesentlichen dreistimmige Inventionen. Dann würde ich übergehen zum Wohltemperierten Klavier, den Präludien und Fugen. Die Präludien gehen schneller, die Fugen sind dann schon relativ komplex. Anschließend wären die Französischen Suiten und die Partiten dran, und irgendwo ist noch das Italienische Konzert.“

Aus Sicht der Dozentin orientiert sich Chassot ebenfalls an dieser Abstufung. Sie hat gute Erfahrungen damit gemacht. So bieten die zweistimmigen Inventionen eine Menge Möglichkeiten, akkordeonistische Techniken zu üben, die in den schwierigeren Kompositionen dann ebenfalls benötigt werden. Voraussetzung in Sachen Musikinstrument ist bereits bei den Inventionen ein Akkordeon mit Melodiebass. Mit Standardbass können die Stücke zwar interpretiert werden, es sind allerdings sofort Kompromisse bei der Interpretation notwendig. „Man kann die einzelnen Töne natürlich mit den Grundbässen spielen, aber die Tonhöhe verschiebt sich, und die gesamte Struktur“, erklärt die Musikerin. Obwohl sie Freiheiten für die individuelle Interpretation wichtig findet, ist daher das Spielen mit Standardbass etwas, wovon sie abrät. „Das ist deswegen, weil man damit wirklich in die Struktur des Stücks eingreift“, so Chassot. „Ich finde, das geht nicht.“

In der Szene das klassischen und zeitgenössischen Akkordeons ist der Melodiebass sonst ebenfalls für große Teile des Repertoires Voraussetzung. Insofern bringen das alle Studierenden mit, die Chassot beispielsweise am Hohner-Konservatorium in Trossingen unterrichtet. Als sie dort im Herbst 2020 als Dozentin anfing, war die Covidpandemie bereits Realität, und so hat es vor allem virtuellen Unterricht gegeben bisher. Einige Male konnte sie vor Ort sein und von Mensch zu Mensch mit ihren Studierenden arbeiten. „Aber das kann ich an einer Hand abzählen“, resümiert sie, und es steht ihr ins Gesicht geschrieben, was sie davon hält. Zeitweise ist lockdownbedingt allein der Weg über die schweizerisch-deutsche Grenze eine Hürde. Das Risiko, eine längere Quarantäne in Kauf nehmen zu müssen, möchte sie nicht eingehen.

Musik als Kraftquelle

Musik als Kunstwerk, als persönliche Interpretation, das ist eine Seite. Die andere Seite ist der Aspekt der Musik als Kraftquelle. Chassot hat es so erlebt, und nun möchte sie das besonders mit diesem Repertoire gern weitergeben. Deswegen die Widmung an die Frauen in ihrer Familie und an alle Frauen, die eine Brustkrebserkrankung durchmachen. Damit musste sich die Künstlerin selbst vor eineinhalb Jahren herumschlagen, wie ihre Mutter und ihre Schwester. Für sie war besonders Musik eine wichtige Quelle für Mut und Energie – und die Erkenntnis, dass es weitergeht. „Mir hat es sehr geholfen, als ich krank war, zu sehen, es gibt Menschen da draußen, die haben das erlebt und sie sind wieder gesund“, berichtet sie. Beides, diese Botschaft, und die Musik, hat sie deswegen verknüpft. Ihr geht es inzwischen wieder gut, sie gibt Konzerte, jetzt kann sie ihre neue Einspielung präsentieren – wegen Covid momentan erst einmal als Album. Sie erinnert sich an eine Phase, wo das für sie vorübergehend so nicht „sichtbar“ war: „Geglaubt habe ich das nicht, dass ich hier wieder sitzen würde.“

„Es ist alles drin, alles Schwere, alles Leichte, alles, was einem an Gefühlen im Leben widerfahren kann. Die Menschen haben gelitten, sie hatten Freude, das war damals so, und es ist heute so.“

Sie hat sich mit der Biografie des Komponisten beschäftigt und stellt manche Verknüpfung her, die in verschiedenen Jahrhunderten für Menschen bedeutend war. Bach war als Junge Waise, seine erste Ehefrau starb, und viele seiner Kinder ebenfalls. Verlust und Tod waren in seinem Leben, wie in dem vieler seiner Zeitgenoss(innen), oft ein Thema. Andererseits ist keineswegs das gesamte Werk schwermütig, und das spricht Chassot besonders an: „Es ist alles drin, alles Schwere, alles Leichte, alles, was einem an Gefühlen im Leben widerfahren kann. Die Menschen haben gelitten, sie hatten Freude, das war damals so, und es ist heute so.“ Bei allen Komponist(inn)en und jedem Repertoire macht die Musikerin es so. Sie möchte Genaueres erfahren über die Komponierenden, über ihr Leben, ihre Erfahrungen und die Zeit, in der sie ihre Stücke geschrieben haben. So kommt sie der Musik ebenfalls näher, ergänzt einen weiteren Baustein, um ihre persönliche Interpretation eines Werkes zu finden.