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Über Nacht zum Genie


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 26.07.2021

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2021

DEREK AMATO STAND am Beckenrand des Swimmingpools und rief seinem Freund zu, er solle ihm den Ball zuwerfen. Dann sprang er kopfüber mit gestreckten Armen ins Wasser. Mit den Fingerspitzen touchierte er den Ball – ehe er kurz darauf mit dem Kopf auf dem Betonboden des Beckens aufschlug. Amato kam wieder an die Oberfläche und hielt sich den Kopf, weil er glaubte, das Wasser, das ihm über die Wangen lief, sei Blut.

Am Beckenrand brach er in den Armen seiner Freunde Bill Peterson und Rick Sturm zusammen. Das geschah im Jahr 2006, als der 39-jährige Verkaufstrainer zu Besuch in seiner Heimatstadt Sioux Falls, USA, war. Amatos Mutter fuhr ihn zur Notaufnahme, wo die Ärzte eine schwere Gehirnerschütterung diagnostizierten.

Erst nach einigen Wochen traten die vollen Auswirkungen der Kopfverletzung zutage: 35-prozentiger Gehörverlust auf einem Ohr, Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust. Die einschneidendste ...

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... Folge zeigte sich jedoch bereits fünf Tage nach dem Unfall. Amato wachte leicht benommen auf, nachdem er fast die ganze Zeit geschlafen hatte. Abends fuhr er zu seinem Freund Sturm.

Während sich die beiden unterhielten, stand Amato auf und setzte sich ans Keyboard. Noch nie zuvor hatte er Klavier gespielt oder den Wunsch danach verspürt. Jetzt schienen seine Finger instinktiv die Tasten zu finden, und zu seinem Erstaunen flogen sie nur so darüber hinweg.

Seine linke Hand begann mit den tiefen Tönen, bewegte sich in gefühlvollen Dreiklängen aufwärts, sprang über melodische Intervalle und Arpeggios und endete bei den hohen Tönen. Seine rechte Hand folgte der linken. Amato spielte schneller, wurde langsamer, ließ Töne nachklingen und wandelte sie in reiche Akkorde um, als würde er seit Jahren spielen. Als Amato schließlich aufblickte, hatte Sturm Tränen in den Augen.

Amato spielte sechs Stunden am Stück. Erst am nächsten Morgen fuhr er nach Hause und konnte es selbst nicht glauben. In der Highschool hatte er ein paar Musikinstrumente ausprobiert, konnte sogar ordentlich Rhythmusgitarre spielen. Doch das hier war etwas völlig Neues. Der Verkaufstrainer hatte eine Quelle der Kreativität und Begabung angezapft, von deren Existenz er nichts geahnt hatte. Plötzlich stieg unvermittelt Musik in ihm auf. Wie war das möglich?

Wenige Tage nach dem Unfall fing Amato an, im Internet nach einer Erklärung zu suchen, indem er Begriffe wie „begabt“ und „Kopfverletzung“ eingab. Dabei stieß er auf Dr. Darold Treffert, einen Experten für das Savant-Syndrom, auch Inselbegabung genannt. Dies betrifft in der Regel Personen mit einer Entwicklungsstörung, die über erstaunliche Fähigkeiten in Teilbereichen („Inseln“) verfügen. Amato schickte ihm eine E-Mail. Der inzwischen emeritierte Dr. Treffert antwortete und diagnostizierte bei ihm eine erworbene Inselbegabung.

In rund 90 bekannten Fällen haben Personen nach einem Hirntrauma plötzlich neue Fähigkeiten entwickelt, die fast übermenschlich wirken: künstlerisches Genie, mathematisches Können, ein fotografisches Gedächtnis. Dr. Treffert glaubt, dass das Gehirn mit einer ganzen Reihe „werkseitig installierter Software“ ausgestattet ist – Fähigkeiten, die zwar vorhanden sind, auf die sie aber manchmal nicht zugreifen können.

Die erworbene Inselbegabung hängt von der Stelle der Verletzung ab. Das erklärt sowohl die große Vielfalt der bei verschiedenen Personen festgestellten Fähigkeiten als auch die Art und Weise, wie sich diese manifestieren.

Bei Jason Padgett aus Tacoma, USA, förderte eine Kopfverletzung ein ungewöhnliches mathematisches Talent zutage. Nachdem Padgett im Jahr 2002 von zwei Männern angegriffen wurde, erlitt er eine schwere Gehirnerschütterung. Als er wieder aufwachte, sah er überall verpixelte Muster: im Wasser, das spiralförmig in den Abfluss lief, im Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen fiel. Während der Highschool hatte Padgett bei Mathetests geschummelt und sich nie für Wissenschaft interessiert. Nach dem Unfall fing er jedoch an, die komplizierten geometrischen Formen zu zeichnen, die er sah.

Name: Derek Amato Talent: Klavier spielen

Einige Forscher glauben, Amatos Spiel sei ein Beweis dafür, dass in jeder Person ein ungenutztes Potenzial stecke und eines Tages jeder davon profitieren könne

Padgett hatte keine Ahnung, was die Formen bedeuteten, bis ein Physiker zufällig eine seiner Zeichnungen sah. Dieser erkannte sie sofort als detaillierte visuelle Darstellungen komplexer mathematischer Beziehungen und drängte Padgett, sich für Mathematikkurse einzuschreiben. Heute gehört Padgett zu den wenigen Menschen, die sogenannte Fraktale zeichnen können.

Als Kind erlitt Alonzo Clemons bei einem schweren Sturz ein heftiges Hirntrauma. Danach war er in der Lage, ein Tier, das er nur kurz im Fernsehen gesehen hatte, als exaktes dreidimensionales Modell zu formen. Inzwischen haben ihm seine naturgetreuen Tierskulpturen weltweit Anerkennung eingebracht.

Viele Menschen mit einer erworbenen Inselbegabung leiden an negativen Auswirkungen. So hat sich Alonzo Clemons nie von seinem Unfall erholt. Er leidet unter einer Entwicklungsstörung und hat einen IQ zwischen 40 und 50. Padgett entwickelte Symptome einer Zwangsneurose und wäscht sich pro Stunde 20-mal die Hände. Dennoch sprechen diese Personen von ihren Fähigkeiten als Wunder.

Wie kann ein Schlag auf den Kopf plötzlich die Muse freisetzen? Und was bedeutet das für jeden von uns?

DR. BRUCE MILLER, Co-Direktor des Zentrums für Gedächtnisund Altersforschung an der University of California, USA, behandelt alte Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzformen. Eines Tages, Mitte der 1990er-Jahre, erzählte ihm der Sohn eines Patienten, sein Vater könne plötzlich malen. Seltsam sei, dass die Gemälde immer besser würden, je mehr sich der Zustand seines Vaters verschlechtert. Dr. Miller zweifelte daran, bis er einige der Bilder sah. Sie waren brillant.

Dr. Miller berichtet, dass der ehemalige Geschäftsmann, der bis dato kein Interesse an Kunst zeigte, jegliche gesellschaftliche Umgangsformen vergessen hatte: Er zog sich in der Öffentlichkeit aus, beleidigte Fremde und beging Ladendiebstähle. Gleichzeitig gewann er Preise bei örtlichen Kunstausstellungen.

Bis zum Jahr 2000 hatte Dr. Miller zwölf weitere Patienten ausfindig gemacht, die unerwartete neue Begabungen zeigten, obwohl ihre neurologische Degeneration fortschritt. Während die Demenz Hirnregionen zerstörte, die mit Sprache, Zurückhaltung und gesellschaftlichen Umgangsformen in Verbindung standen, explodierten die künstlerischen Fähigkeiten der Patienten geradezu.

Ungeachtet der Tatsache, dass diese Symptome im Widerspruch zu den Erkenntnissen über Hirnerkrankungen bei älteren Menschen standen, erkannte Dr. Miller, dass sie zum Savant-Syndrom passten. Inselbegabte oder Savants (Weise, Gelehrte) legen oft einen zwanghaften Drang an den Tag, ihre Fähigkeit auszuüben und zeigen zugleich Defizite in sozialen und sprachlichen Verhaltensweisen, die auch bei Demenzpatienten auftreten. Nun wollte Dr. Miller wissen, ob es auch neurologische Ähnlichkeiten gab.

Er analysierte den Hirnscan eines fünfjährigen autistischen Inselbegabten, der detailreiche Szenen aus dem Gedächtnis reproduzieren konnte. Die Aufnahme zeigte eine abnorme Inaktivität im vorderen Temporallappen der linken Gehirnhälfte – das hatte Miller auch bei seinen Demenzpatienten festgestellt. Studien zufolge stehen Teile des vorderen Temporallappens mit Logik, sprachlicher Kommunikation, Verständnis und vielleicht auch mit sozialem Urteilsvermögen in Verbindung.

Name: Alonzo Clemons Talent: 3-D-Skulpturen formen

Clemons speichert riesige Mengen an Informationen im Gedächtnis.

Er ist in der Lage, perfekte dreidimensionale Tiere zu formen, wenn er sie nur einmal kurz im TV sieht

Meist führen Forscher eine Verbesserung künstlerischer Fähigkeiten auf regelmäßiges Üben zurück. Dr. Miller vertritt jedoch die These, dass Inselbegabungen bei Demenzpatienten auftreten, weil der von der Krankheit zerstörte Hirnbereich – der vordere Temporallappen – normalerweise latente künstlerische Fähigkeiten unterdrückt, die diese Personen schon immer hatten. Die Talente treten nicht als Resultat neu erworbener Hirnfunktionen auf, sondern weil jene Areale des Gehirns, die mit Ideenfluss in Verbindung stehen, zum ersten Mal frei arbeiten können.

In Gehirnen von Demenzpatienten und einigen autistischen Savants, so Dr. Miller, führe die fehlende Einschränkung der Bereiche, die mit Kreativität im Zusammenhang stünden, zu einer ausgeprägten künstlerischen Ausdrucksfähigkeit und einem fast zwanghaften Drang zum Schaffen. Amato stellte also keine Ausnahme dar.

IN DEN WOCHEN nach seinem Unfall kamen Amatos Gedanken nicht zur Ruhe, seine Finger wollten sich ständig bewegen. Er ertappte sich dabei, wie er Rhythmen klopfte, und aufwachte, weil seine Finger gegen seine Beine trommelten. Daraufhin kaufte sich Amato ein Keyboard. Nur wenn er sich hinsetzen und spielen konnte, spürte er tiefe Ruhe. Manchmal schloss er sich drei Tage am Stück ein und erforschte seine neue Begabung, versuchte, sie zu verstehen und ließ die Musik aus sich heraussprudeln.

Amato zeigte aber auch andere Symptome, viele davon negativ. Er sah überall schwarz-weiße Kästchen. Häufig quälten ihn Kopfschmerzen, Licht und Geräusche verursachten unerträgliche Schmerzen. Einmal wurde er beim Einkaufen beinahe ohnmächtig. Trotz der negativen Folgen des Unfalls betrachtete Amato seine neue Fähigkeit als Geschenk. Das lag nicht nur an der Leichtigkeit, die er empfand, sobald seine Finger das Keyboard berührten, sondern auch am Antrieb, den er fühlte. Tief im Herzen war er überzeugt: Hierfür war er bestimmt.

Name: Jason Padgett Talent: Fraktale zeichnen

Padgett, der sich in der Highschool wenig für Mathematik interessierte, wurde zu einem der wenigen Menschen auf der Welt, die komplexe geometrische Muster, sogenannte Fraktale, zeichnen können

ALLAN SNYDER, Neurowissenschaftler an der University of Sydney, Australien, verfolgt die jüngsten Forschungsergebnisse zu der erworbenen Inselbegabung mit großem Interesse. 2012 stellten Snyder und seine Kollegen im Rahmen seiner Forschungen 28 Freiwilligen ein geometrisches Rätsel. Den meisten Testpersonen gelang es in den vergangenen mehr als 50 Jahren nicht, die Aufgabe zu lösen. Sie lautete: Verbinden Sie neun Punkte, angeordnet in drei Dreierreihen mit vier geraden Linien, ohne eine Linie zweimal zu zeichnen oder den Stift abzusetzen. Keiner der Probanden schaffte es.

Dann befestigte das Team Elektroden an den Köpfen der Teilnehmer, über die sie schmerzlose Gleichstromimpulse erhielten, die den linken vorderen Temporallappen ruhig stellten. Das ist der Hirnbereich, der bei Patienten mit erworbener Inselbegabung von der Demenz zerstört worden war. Gleichzeitig wurden Areale im rechten vorderen Temporallappen stimuliert. Dadurch stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Neuronen, die bei den Demenzpatienten aktiver waren und mit Kreativität in Zusammenhang stehen, mehr feuern.

Dieses Mal konnten mehr als 40 Prozent der Teilnehmer das Problem lösen. Snyder zufolge stützt das Experiment die Theorie, dass erworbene Inselbegabungen auftreten, sobald Hirnareale, die normalerweise unterdrückt werden, frei arbeiten können. Demnach sind Savants in der Lage, auf unverarbeitete sensorische Informationen zuzugreifen, die dem bewussten Gehirn normalerweise unzugänglich sind.

Hört ein „normaler“ Mensch Musik, nimmt er Melodien wahr. Amato dagegen hört einzelne Noten. Es ist ein Unterschied, ob man nur eine Sinfonie hört oder die Flöte heraushören kann. Bruce Millers Demenzpatienten zeichnen das, was sie sehen: Details und nicht nur grobe Umrisse.

Der Psychologe und Neurowissenschaftler Jon Kaas von der Vanderbilt University, USA, ist der Ansicht, dass unsere Tendenz, „das große Ganze zu sehen“, sprich eine Gruppe von Bäumen oder einen Wald, aus evolutionärer Sicht sinnvoll ist. Würden wir uns in Details verlieren, könnte uns das ablenken. Dann sähen wir die funkelnden Augen oder die zerzauste Mähne des großen Tiers am Wasserloch – anstatt zu realisieren, dass es sich um einen Löwen handelt, vor dem wir weglaufen sollten.

„Hält man sich in einer potenziell gefährlichen Umgebung auf, ist es wichtig, dass man Veränderungen erkennt“, erklärt Kaas. „Man sollte sich besser nicht ablenken lassen oder sich in den Details verlieren.“

Bekannt ist Amato zwar noch nicht, doch er hat mittlerweile zusammen mit dem berühmten Jazz-Gitarristen Stanley Jordan ein Album aufgenommen. Außerdem wurde er gebeten, den Soundtrack für einen japanischen Dokumentarfilm zu schreiben. So wurde aus dem ehemaligen anonymen Verkaufstrainer ein Vorbild, dessen Fähigkeiten Musikfans inspiriert, die von Größerem träumen.

Der Experte für Inselbegabungen, Dr. Treffert, der Neurowissenschaftler Snyder und andere haben vor, erworbene Inselbegabungen enträtseln zu können, damit eines Tages alle Menschen ihre verborgenen Talente entdecken. Die Derek Amatos dieser Welt erlauben einen flüchtigen Blick darauf, dass in jedem Menschen unerschlossenes Potenzial steckt.

Ich wollte Amato persönlich hören. War er wirklich ein musikalisches Genie? Er war einverstanden, für mich zu spielen. Als er sich ans Klavier setzte, entspannte er sich schnell, schloss die Augen und fing an. Die Musik, die hervorsprudelte, war voller blumiger Triller, schwoll an, nahm wieder ab – eine emotionale Musik, die zum romantischen Höhepunkt des Films Verdammt in alle Ewigkeit gepasst hätte.

Amato hat offenkundig in sich einen Bereich gefunden, zu dem er vorher keinen Zugang hatte. In seinem Spiel steckten Ausdruck, Melodie und unbestreitbares Können. Und wenn sich das spontan in Amato zeigen konnte, welches Potenzial schlummert dann womöglich in jedem von uns?

Gekonnt

Wenn jemand etwas kann, was gewöhnliche Menschen nicht können, so trösten diese sich damit, dass er gewiss von allem, was sie können, nichts kann.

MARIE VON EBNER-ESCHENBACH, ÖSTERR. SCHRIFTSTELLERIN (1830–1916)