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ÜBERFORDERUNG: Wir müssen reden


Der Spiegel Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 16.10.2018

Seit fast zehn Jahren kümmert sich meine Mutter um meine Großeltern. Niemand hat sie gefragt, ob sie das will. Wie fast alle Familien haben wir zu lange geschwiegen.


Es war nur eine Frage, die Mama dazu brachte, endlich zu reden. Über das, was sie seit Jahren im Stillen dachte. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie es ist, die eigenen Eltern zu pflegen. Wie es sich anfühlt, mit 49 Jahren die Elternrolle zu übernehmen. Fast zwei Stunden lang redet Mama ununterbrochen. Und immer wieder fällt ein Satz: »Ich kann nicht mehr.« Doch diese vier Worte werden meine Großeltern nie hören. Die Einzige, die sie hört, ...

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... bin ich, ihre Tochter. Und ich frage mich: Warum tut sie sich das an? Warum sagt sie nicht, dass sie nicht mehr kann? Und: Würde ich das Gleiche für sie tun?

Die Tochter

Andrea Katschak organisiert fast allein die alltägliche Betreuung ihrer Eltern: »Wir haben uns nie gefragt: Wer wohnt wie weit weg, und wer kann wie helfen?«

SEIT FAST ZEHN JAHREN pflegt meine Mutter Andrea meine Großeltern. Seitdem ist sie nicht mehr nur Tochter, sondern Putzfrau, Einkäuferin, Taxifahrerin, Sekretärin, Duschassistentin, Bankerin, Gärtnerin – und an manchen Tagen die einzige Person, mit der meine Großeltern Irmgard und Fritz sprechen.

Wir sitzen in Mamas Garten nahe Potsdam. Es ist Freitag, 19.30 Uhr, ich öffne eine Flasche Rosé. Mama, schlank, dunkelbraune Augen, ist müde. Vor gut einer halben Stunde ist sie nach Hause gekommen, vor 13 Stunden hat sie das Haus verlassen. Wie jeden Freitag war sie nach acht Stunden Arbeit noch bei meinen Großeltern, hat Getränke und Obst aus dem Keller geholt und auf die Küchenzeile gelegt, den Müll nach draußen gebracht, Oma geduscht.

Rund 75 Prozent der Menschen, die in Deutschland auf Pflege angewiesen sind, werden zu Hause versorgt. Zu 90 Prozent von Frauen: Ehefrauen, Töchtern, Schwiegertöchtern, Enkelinnen. Die meisten von ihnen ertragen es stillschweigend. Mama ist eine von ihnen. »Ich fühle mich in der Pflicht«, sagt sie.

Statt offen und ehrlich über die Bedürfnisse, Probleme und Sorgen meiner Groß - eltern zu sprechen, schwieg die Familie. »Wir haben uns nie alle an einen Tisch gesetzt. Wir haben uns nie gefragt: Wer wohnt wie weit weg, und wer kann wie helfen?«, sagt Mama.

Meine Großeltern haben drei Kinder. Die jüngste Tochter lebt in Bayern. Sie hilft, wenn Mama Urlaub hat oder eine Pause braucht. Der Sohn meiner Großeltern wohnt ein paar Kilometer von ihnen entfernt. Doch wenn meine Großeltern oder Mama ihn nicht um Hilfe bitten, kommt er selten von allein.

Und dann ist da Mama. Sie ist einer dieser Menschen, die handeln, ohne dass man sie fragen muss. Wenn ihre Freundinnen sagen, sie wollen Heidelbeeren pflücken gehen, gründet meine Mutter eine Whats - App-Gruppe namens Heidelbeeren, schreibt Datum, Abfahrtszeit und Treffpunkt in die Nachricht. Sie wartet nicht, bis man sie bittet, sie bietet an und kümmert sich. Stillschweigend.

Mama ist 49 Jahre alt, als sie das erste Mal zur Pflegekraft wird. Das war 2009. Mein älterer Bruder war längst ausgezogen und lebte in München, ich wohnte seit gut einem Jahr in einer WG in Berlin. »Gerade wenn du denkst, jetzt kannst du tief durchatmen und endlich mal an dich selbst denken, kommen die eigenen Eltern«, sagt Mama.


»Gerade wenn du denkst, jetzt kannst du tief durchatmen und endlich mal an dich selbst denken, kommen die eigenen Eltern.«


Mein Opa Fritz erlitt während einer Operation am Herzen mehrere Schlaganfälle. Der Sehnerv wurde beschädigt. All die Dinge, die er liebte, waren mit einem Mal Vergangenheit: lesen, Auto fahren, in der Garage basteln, am Computer arbeiten. Der Mann mit einem Doktortitel in Chemie, der stets der Herr des Hauses war und seine Kinder autoritär erzog, zog sich zurück. Er war 78. Bis heute spricht er nicht gern über diesen Wendepunkt in seinem Leben. Sein Zufluchtsort ist der Fernseher. Stundenlang sitzt er auf einem ockerfarbenen Leder - sessel, gut einen Meter vom Fernsehtisch entfernt. Was und wie viel er tatsächlich erkennt, weiß niemand. Er sagt: »Umrisse«.

Meine Oma Irmgard war 81 Jahre alt, als ihr Mann zum Pflegefall wurde.

Es war das erste Mal, dass sich Mama fragte, wie die beiden das allein schaffen wollten. Die Antwort meiner Großeltern: »Wir haben alles geregelt.« Doch außer dem Erbe war nichts geregelt.

Meine Großeltern gehören zu jener Generation der Kriegskinder, die zwischen 1927 und 1945 geboren wurden. Deren früheres Leben von Bomben, Tod, Flucht und Vertreibung bestimmt war. Sie gelten als eine Generation, die sich Gebrechlichkeit nicht eingestehen will und sich wehrt, wenn sie plötzlich abhängig wird.

Gut ein Jahr lang glaubten wir damals, dass sie es schaffen könnten, dass es Opa irgendwann wieder besser gehen würde, der Sehnerv sich erholt, Fritz vielleicht sogar wieder Auto fahren würde. Doch Opa blieb ein Pflegefall, bis heute.

Oma hielt an ihrem alten Leben fest. Sie war noch nicht bereit zuzugeben, dass ihr Ehemann eine Last war, dass der eigene Körper nicht mehr so konnte, wie sie es gern wollte. Sie gab weiter die perfekte Hausfrau. Sie putzte, wusch, kochte und ging ein - kaufen. Mähte nun auch noch den Rasen, schleppte Wasserflaschen, sprach mit Ärzten und Krankenkassen, füllte Formulare aus, zog meinem Großvater morgens die Thrombosestrümpfe an und nachmittags wieder aus. Bis er schließlich Pflegegrad 2 bekam.

Hilfe, die die Familie anbot, nahm sie nur widerwillig an. Ein Jahr lang hielt sie durch, dann kam sie an ihre Grenzen. Doch nicht sie sprach das laut aus, sondern Mama. Sie erinnert sich noch heute: »Ihr Körper baute ab, sie wurde immer dünner, sie vergaß Sachen. Das ging so nicht weiter.«

Meine Großeltern flohen immer noch vor der Realität. Nicht einmal ein Dusch - hocker sollte in ihrem Badezimmer stehen. Ihre Devise: »Es geht schon irgendwie.«

Wie groß die Belastung für Mama über die Jahre wurde, können meine Großeltern nur erahnen. »Mir tut Andrea schon leid. Jedes Mal opfert sie ja mindestens zwei Stunden ihrer Zeit«, sagt Oma. Opa sieht das anders. Er findet, es sei zu einem gewissen Grad die Aufgabe der Kinder, sich um die Eltern zu kümmern. Doch wo hört Fürsorge auf und fängt Aufopferung an?

Seine Worte an mich klingen wie eine Drohung: »Da kannst du dich schon mal auf was gefasst machen.«

Auf was, sehe ich bei meiner Mutter. Früher hätte ich gesagt, ich würde das Gleiche für sie tun. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Mama will das auch nicht: »Ich würde nie von euch erwarten, dass ihr mich aufnehmt und pflegt.« Aber tut sie es wirklich nicht? Vielleicht hofft sie es, schweigend. Es wäre ihr nicht zu verdenken.

Wer offenbart schon gern seine Schwächen, gibt zu, wenn er Hilfe braucht, es allein nicht mehr schafft. Mama gehört zu einer Generation, die vor allem eines nicht will: ihren Kindern zur Last fallen. Und auch, wenn ich nicht weiß, ob ich eine solche Belastung über Jahre aushalten könnte, ob am Ende nicht sogar die Beziehung zu meiner Mutter darunter leiden würde, kann ich mir ebenso wenig wie sie vorstellen, die eigene Mutter mit allem allein zu lassen, sie in ein Pflegeheim zu bringen. Mit tattrigen Nachbarn, die jeden Morgen aufs Neue nach ihrem Namen fragen, und überarbeitetem Pflegepersonal. Vermutlich würde auch ich bis an meine Grenzen gehen, zurückstecken, so wie es Mama macht, seit ich klein bin.


»Meine größte Angst ist, dass die Belastung noch größer wird.«


Ich war schon immer ein Mamakind. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, fährt sie mit dem Auto zum Potsdamer Hauptbahnhof, wartet auf dem kleinen Parkplatz bei den Straßenbahnen, nur damit ich nicht mit dem Bus fahren muss. Wenn sie Erdbeermarmelade kocht, kocht sie immer auch ein paar Portionen ohne Fruchtstücke, nur für mich. Und jedes Jahr zum Nikolaus schickt sie mir und meinem Bruder ein Paket voller Schokolade, egal wie alt wir sind.

Mama und ich sehen uns mindestens einmal im Monat, fahren einmal im Jahr gemeinsam in den Urlaub. Mindestens zweimal die Woche telefonieren wir, erzählen einander, wie es uns geht, was wir fühlen. Mindestens eine Stunde lang. Immer sprechen wir dabei auch über Oma und Opa. Mal lässt Mama Dampf ab, mal nicht.

Das Verhältnis zu ihren Eltern war nicht so innig. »Nie habe ich mit Oma so zusammengesessen wie mit dir. Und mit ihr bei einem Glas Wein über Jungsfreundschaften oder so etwas gesprochen. Mit Opa schon gar nicht«, sagt sie. Früher hat Mama – die zwei Kinder allein großgezogen hat, in einem Vollzeitjob arbeitet, Haus und Garten pflegt – nach der Arbeit Freunde getroffen, ist ins Kino oder zum Frauensport gegangen. Doch dafür ist kaum noch Zeit.

Dreimal die Woche fährt sie nach der Arbeit zu ihren Eltern. Was wenig klingt, wird im Alltag und über die Jahre viel. »Am Freitag krauche ich nach Hause«, sagt sie. Aus gelegentlicher Unterstützung wurde Routine, eine Art unbezahlter Nebenjob. Statt Tochter zu sein, zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und unterstützend zu wirken, wird Mama Teil einer »Maschinerie«, wie sie es nennt, »irgendwann funktioniert man nur noch«, sagt sie.

DIENSTAG, 16 UHR , meine Großeltern sitzen in der Küche und warten auf ihre Tochter. Drei Tage sind vergangen, seitdem Mama bei ihnen war. Nur der Pflegedienst und der Essenslieferant waren am Wochenende da. Im Hintergrund blubbert die Kaffeemaschine. Als Mama die Tür aufschließt, bleiben meine Großeltern sitzen.

Routiniert gießt Oma erst Kaffeesahne, dann Kaffee in die Tasse meines Opas. Eine Frau, die mit den Jahren kleiner und zerbrechlicher wurde. Die weite, kurzärmlige, weiße Bluse verhüllt ihre schmale Taille. Die dünnen, sehnigen Unterarme verraten, dass ihr Körper 91 Jahre alt ist. Mama gießt sich Kaffee ein. Dann schreibt sie wie jeden Dienstag den Einkaufszettel, Oma diktiert, Mama fragt nach. Fast eine Stunde dauert es. Dann holt Mama Wasserflaschen aus dem Keller, fegt die Küche und verabschiedet sich.

Einkaufen geht sie erst am Tag darauf. Seit mehr als zehn Jahren ist bei meinen Großeltern mittwochs Einkaufstag. Früher begleitete Oma meine Mutter noch. Irgendwann wurde das Einkaufen für Oma zur Last. »Jetzt, wo sie nicht mehr dabei ist, geht alles viel schneller«, sagt Mama.

»Nun hat Andrea die Verantwortung für Wurst und Käse«, sagt Oma. Obwohl sie lacht, sehe ich ihr an, wie sehr sie es vermisst, spontan zu einer anderen Käsesorte zu greifen. Allein Entscheidungen zu treffen.

Gegen 19 Uhr ist Mama dann in ihrem Haus, isst, wässert die Blumenkübel und den Rasen, liest, geht ins Bett. Der Wecker klingelt um 5.15 Uhr.

Neben all den Dingen organisiert sie in ihrer Freizeit Arzttermine, wälzt sich durch Formulare und Abrechnungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse, vergleicht Anbieter, die meinen Großeltern regelmäßig das Mittagessen nach Hause liefern, unterschreibt Dokumente von Banken. Sie und ihr Bruder haben die Vollmachten.

»Meine größte Angst ist, dass die Belastung noch größer wird«, sagt sie.

Was Mama zur Verzweiflung treibt, sind nicht nur Müdigkeit, Überforderung und Einsamkeit. Es ist der ständige Kampf mit meinen Großeltern.

Immer wieder muss sie überzeugen, gut zureden, argumentieren, diskutieren. »Gegen meine Eltern hat man keine Chance«, sagt sie.

Eine Pflegehilfe, die einzieht und ihnen im Alltag hilft und somit auch Mama entlasten würde, lehnen sie ab. Zu sehr würden sie sich in ihrer Privatsphäre bedrängt fühlen, sagen sie. Zu viel würde sich ändern.

Alles in ihrem Haus erinnert an die Zeit, in der sie gesund und selbstständig waren: die Kristallgläser in der Vitrine, die bei Familienfeiern mit Sekt gefüllt wurden, die Biografien und Romane im Bücherregal meines Großvaters, die wegen seiner Sehschwäche einstauben, die Nähmaschine im Zimmer meiner Großmutter, mit der sie jedes Kleidungsstück ihrer Enkel flickte. Nur der Rollator im Flur verrät, dass sie immer älter werden. Weiter als bis zum Gartentor schaffen es meine Großeltern nicht mehr.

»Das Schlimmste ist, dass wir ein offenes Haus geworden sind«, sagt Oma. Vier Schlüssel gibt es inzwischen zur Haustür meiner Großeltern: für den Pflegedienst, die Putzfrau, meinen Onkel und Mama.

Aber ohne die Hilfe der anderen würde es nicht gehen, das wissen inzwischen auch sie. Die Einsicht jedoch kam bei meinen Großeltern erst spät, sehr spät. Es war ein schleichender Prozess wie das Altern. »Wir leben so lange selbstbestimmt, wie es geht«, sagt mein Großvater selbst heute noch. Doch was bedeutet das überhaupt?

Oma ist 91, Opa 87 Jahre alt. Außer beim Frühstück, Abendbrot, Geschirrabwaschen und Wäsche waschen sind sie auf Hilfe angewiesen. Jeden Morgen um neun Uhr kommt ein Pflegedienstmitarbeiter, wäscht zuerst Oma, dann Opa und hilft ihm beim Anziehen. Was für Opa Alltag geworden ist, kostet Oma jedes Mal Überwindung. »Ich weiß noch, wie schwer mir das fiel«, sagt sie. Das erste Mal, als sich Irmgard bis auf die Unterwäsche entkleiden muss, steht vor ihr ein Mann. »Ich musste mich noch nie vorher vor Fremden entblößen«, sagt sie. Ganz entblößen will sie sich bis heute nicht. Irgendwann hat sie meiner Mutter gestanden, dass sie aus Scham ein Jahr lang nicht geduscht hat. Seitdem duscht Mama sie jeden Freitag, wäscht ihr die Haare, trocknet sie ab.

Das ist der Alltag. Besonders anstrengend wird es für Mama, wenn einer der beiden krank wird. Anfang 2014 hatte Oma eine Lungenentzündung. Mama pendelte jeden Tag zwischen ihrem Zuhause, der Arbeit, dem Haus ihrer Eltern und der Kurzzeitpflege, in der Opa vorübergehend unter - gebracht war.

Die Enkelin

Carolin Katschak will nicht schweigen: »Denn sosehr ich die Verantwortung für Mama fühle, so sehr bin ich auch für mein eigenes Leben verantwortlich.«

Wie lange?

Tochter Andrea war 49, als sie zum ersten Mal zur Pflegekraft wurde. Das war 2009: »Irgendwann funktioniert man nur noch.«

Als es Oma besser ging, entschied Mama: Meine Eltern können nicht mehr allein in diesem Haus leben. Ein paar Kilometer weiter fand sie eine altersgerechte Wohnung, mitten im Ortszentrum. Drei Zimmer, Fahrstuhl, Balkon, ebenerdige Dusche im Bad, Notfallknopf. Auch wir Enkel redeten ihnen gut zu. Meine Großeltern waren einverstanden. Ein Umzug mit Mitte achtzig. Aber meine Großeltern zogen nicht um.

Als sie den Mietvertrag lasen, schrieben sie heimlich auf die Unterlagen: »Wir sind nicht mehr interessiert.« Sie klebten den Umschlag zu und ließen ihn von Mama in den Postkasten werfen. »Ich habe gedacht, das war’s. Ich schmeiße alles hin. Uns haben sie nicht einmal gefragt«, sagt Mama. In diesem Moment dachte sie nur an eines: aufgeben. Doch sie gab nicht auf. Natürlich nicht.

»Wer würde sich denn sonst kümmern?«, fragte sie mich damals, als wir telefonierten. Ich hatte keine Antwort. Auch nicht darauf, wie ich reagieren würde. Ob ich mich von meiner Mutter abwenden würde, wenn sie sich gegen meinen Willen gegen einen Umzug entscheiden würde und meine Bedürfnisse den ihren unterordnet? Vermutlich würde ich sie nicht zwingen, ihr Zuhause zu verlassen, um ein paar Kilometer weiter neu anzufangen, wo sie weder die Nachbarn noch den Postboten kennt. Familie heißt eben oft: zusammenhalten, zurückstecken, füreinander da sein, selbst in Momenten, in denen man es nicht möchte.

Der nächste Umzug, das wissen alle, kommt, wenn einer »übrig bleibt«. So sagt es Oma. Das heißt, dass Mama auch in den kommenden Jahren für sie da sein muss. Und diskutieren muss.

So wie vor anderthalb Jahren, als meine Oma sagte: »Ich brauche keinen Pflegegrad.«

»Ich renn mir Blasen, und sie sagt, sie brauche keinen Pflegegrad. Sie kann nichts allein machen, aber sie sagt, sie brauche keinen Pflegegrad. Dabei sagt sie ständig, dass sie überlastet sei und nicht mehr könne und eine Kur haben wolle«, sagte Mama zu mir.

Wochenlang versteckte Oma die Briefe der Pflegekasse und behauptete, keine Post bekommen zu haben. Das Gespräch mit dem Pflegedienst führte sie ohne Mama. Als der Bescheid kam, hielt ihn Oma ihrer Tochter triumphierend vor die Nase. Pflegegrad für nicht nötig befunden. »Hab ich dir ja gleich gesagt, dass ich keine Pflege brauche«, sagte sie. Mama kann es nicht fassen, bis heute. »Ich habe richtig gebrüllt und sie gefragt, was sie sich eigentlich einbildet, ob sie weiß, was sie damit angerichtet hat.«

Sie wusste es nicht. Für meine Mutter bedeutet der Ablehnungsbescheid, wieder weniger Freizeit, weniger Geld, weniger Hilfe zu haben – wieder Anträge stellen, warten und sich weiterhin allein um die Eltern kümmern zu müssen. »In diesem Moment habe ich gedacht, ich müsste alles fallen lassen, sie da verkommen lassen, mir egal.«

DOCH ES WAR IHR NICHT EGAL. Bis heute wendet sich Mama nicht von ihnen ab. Auch wenn sie immer noch nicht offen und ehrlich miteinander reden, egal, wie stur meine Großeltern sind, wie kindisch sie sich verhalten. Und egal, wie oft ich Mama bitte, endlich Nein zu sagen, sie tut es nicht. Aus Verantwortung – und aus Zuneigung. »Es sind doch meine Eltern«, sagt sie. Inzwischen hat Oma Pflegegrad 2.

Für Mama geht es erst mal so weiter. Auch mein Bruder und ich haben keinen konkreten Plan für die Zeit, wenn sich die Abhängigkeiten umdrehen. Früher witzelte mein Bruder immer: »Wenn du so wirst wie deine Eltern, stecken wir dich ins Heim, Mama.« Vor ein paar Monaten haben wir beschlossen: Wenn Mama das Haus und der Garten irgendwann zu viel werden, suchen wir alle drei gemeinsam nach einer altersgerechten Wohnung für sie.

Doch auch dann bleibt die Frage, wer ihr helfen kann. Mein Bruder lebt immer noch in München, ich inzwischen in Hamburg. Potsdam ist ganz schön weit. Und was, wenn auch Mama irgendwann ein Pflegefall wird? Auf viele dieser Fragen habe ich noch keine Antwort – und auch Mama nicht.

Aber an diesem Juniabend in ihrem Garten, als ich ihr das letzte Glas Wein einschenke, wird mir klar: Ich müsste mir Grenzen setzen, lernen, Nein zu sagen. Damit ich mich nicht aufopfere, »ständig am Limit bin«, wie Mama es über sich sagt. Damit wir auch später noch Mutter und Tochter sind.

Denn sosehr ich die Verantwortung für Mama fühle, so sehr bin ich auch für mein eigenes Leben verantwortlich.

Und sollte irgendwann der Moment kommen, in dem ich ihr sagen müsste: »Ich kann nicht mehr«, dann würde ich es tun. Denn das hieße nicht, dass ich sie im Stich lassen würde. Vielmehr hieße es, dass wir offen und ehrlich miteinander reden, statt zu schweigen.


LISA WASSMANN / SPIEGEL WISSEN