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ÜBERNACHTEN OHNE MAMA UND PAPA!


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 04.12.2019

Das erste Mal auswärts zu schlafen ist für Kinder zweifelsohne aufregend, vielleicht auch ein wenig angsteinflößend. Aber: vor allem ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit


Artikelbild für den Artikel "ÜBERNACHTEN OHNE MAMA UND PAPA!" aus der Ausgabe 1/2020 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 1/2020

Hast du Schnuffel auch wirklich eingepackt?“ Bastian wuselt schon seit zwei Stunden aufgeregt durch die Wohnung. Immer wieder will er sichergehen, dass sein heiß geliebtes Schmusetier für die Übernachtungsparty im Kindergarten eingepackt ist. Schnuffel ist ein kleiner brauner Schmuseteddy, der seine besten Tage schon hinter sich hat. Kein Wunder, ist er doch Bastians „Rund um die Uhr Begleitung“ – vor allem nachts ist ohne ...

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... den Bären an Schlaf nicht zu denken. Erst recht nicht, wenn die erste Nacht außerhalb der eigenen vier Wände ansteht.

Seit Wochen freut sich Bastian auf das Übernachten im Kindergarten. Als Vorschüler gehört er dort zu den Älteren – das Übernachten kurz vor dem Wechsel in die Grundschule ist eine Art symbolischer Abnabelungsprozess. Der erste Schritt in die große weite Welt und ein absolutes Highlight für ihn. Jede Menge Spiele und eine coole Fackelwanderung sind geplant – ein richtiges Abenteuer also. Tagelang hat Bastian sich mit seinen Freunden ausgemalt, wie viel Spaß sie haben werden – doch jetzt, wo es nur noch ein paar Stunden bis zum großen Ereignis sind, wird ihm etwas mulmig.

„Das ist völlig normal. Der Tagesablauf – insbesondere das Schlafengehen – kleiner Kinder wird oft von vielen Ritualen bestimmt, die beim Übernachten in der Fremde zu kurz kommen“, erklärt Erzieherin Sabine Mündt aus Weissach in Baden-Württemberg.

Rituale bestimmen den Tagesablauf von Kindern

Das gemeinsame Abendessen im Kreise der Familie, Zähneputzen mit der lustigen Tigerzahnbürste, eine spannende Gutenachtgeschichte über den knuffigen Holunderbären und den mutigen Freund Hase – und natürlich der Gutenachtkuss gehören für Bastian zu einem perfekten Abend einfach dazu. Vertraute Geräusche und Gerüche spielen auch eine große Rolle, damit ein Kind sich sicher und geborgen fühlen kann. Das alles wird Bastian in dieser Nacht fehlen.

Ein kleiner Trick hilft gegen Heimweh

„Aber wir Erzieherinnen sind den Kindern ja ebenfalls sehr vertraut, und vor allem Kids, die schon bei Oma und Opa übernachten durften, können gut mit der Situation umgehen“, beruhigt Sabine Mündt. Und wenn ein Kind doch einmal fürchterlich von Heimweh geplagt wird, darf auch ein wenig in die Trickkiste gegriffen werden. Motivation ist alles! „Schon ein kleiner Hinweis auf eine noch geheime Überraschung an dem Abend macht mich mit dem Kind zu einem Verbündeten“, verrät die engagierte Erzieherin mit einem Schmunzeln. Nur bei allergrößter Verzweiflung werden die Eltern benachrichtigt, die dann den Nachwuchs abholen können.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir Eltern mindestens genauso aufgeregt sind wie die kleinen Abenteurer. Tatsächlich fällt es auch uns schwer, loszulassen. So machen wir uns Sorgen, ob es unserem Liebling gut geht, ob er sich auch gut die Zähne geputzt hat, ob er nachts gut zugedeckt ist oder ob er ohne Gutenachtkuss überhaupt einschlafen kann. Aber das gehört dazu – dass wir verstehen, wie unsere Kinder mit jedem Tag selbstständiger werden und sich immer mutiger mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Unser Tipp: Nehmen Sie sich für diesen Abend etwas Schönes vor, was Sie schon immer tun wollten und wofür Sie bisher keine Zeit gefunden haben. Das wirkt manchmal Wunder!

Bastian hat sein Abenteuer jede Sekunde genossen. Etwas übernächtigt, aber nicht weniger aufgedreht fängt er seine Mutter morgens an der Kindergartentür ab. „Mama, das war so cool! Wir durften ganz lange aufbleiben, und zum Frühstück gab es Nutellabrot. Schnuffel hat die Übernachtung auch gut gefallen.“ Und schiebt gleich hinterher: „Du, Mama, kann ich nächste Woche mal bei Lara übernachten?“

SO WIRD DAS ÜBERNACHTEN IM KINDERGARTEN ZUM ERFOLG:

1 Keine Hauruck-Aktionen: Reden Sie schon ein bis zwei Wochen vorher mit Ihrem Kind über die geplante erste Übernachtung außerhalb der Familie. Bereiten Sie es auf das Ereignis vor und bieten Sie ihm Anreize, auf die es sich freuen kann.

2 Übung macht den Meister: Kinder, die schon im Vorfeld im Familienumfeld auswärts geschlafen haben, tun sich generell leichter. Mit Oma und Opa übt es sich bestimmt hervorragend.

3 Tabu-Zone: Die Nacht gehört dem Kind. Ein Anruf zum Gutenachtsagen oder gar ein Handy, mit dem Sie dauerhaft erreichbar wären, ist keine Hilfe, sondern weckt den Wunsch, nach Hause zu kommen.

4 Geteilte Freude ist doppelte Freude: Auch wenn Sie selbst daran zu knabbern haben, lassen Sie es Ihr Kind nicht spüren. Am Ende möchte es dann nicht woanders übernachten, um Sie nicht unglücklich zu machen. Freuen Sie sich lieber gemeinsam auf das große Abenteuer.

5 Das muss mit: Das Schmusetier, eventuell ein eigenes kleines Kopfkissen oder ein Familienfoto kann Kindern eine Hilfe sein.


FOTOS/ILLUSTRATIONEN: GETTY IMAGES