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Übernatürlich


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 27.02.2020

VON WEGEN KANDINSKY! ES WAR DIE SCHWEDIN HILMA AF KLINT, DIE DIE ERSTEN ABSTRAKTEN BILDER SCHUF. EIN FILM UND EINE BIOGRAFIE FEIERN DIE MYSTISCHE PIONIERIN DER MODERNE


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Bildquelle: Monopol, Ausgabe 3/2020

HILMA AF KLINT „Baum der Erkenntnis“, 1915


HILMA AF KLINT, Hamngatan, Fotografie im Atelier, Mitte 1890er-Jahre


„Urchaos, Nr. 1“, 1906


Eine Horizontlinie, schäumendes Meer, Schneckenformen, Spermien und Eizellen, eine Rose. Es sind Strukturen aus der sichtbaren Welt, die Hilma af Klint in ihrer Serie „Urchaos“ mit Textfragmenten, Buchstaben und rätselhaften Zeichen mischt. Einzeller umkreisen Sterne und Planeten, Mikrokosmos trifft ...

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... Makrokosmos. Alles ist mit allem verbunden.

Es ist der 7. November 1906, und die 44-jährige Künstlerin bricht ziemlich unvermittelt mit allem, was sie an der Stockholmer Akademie gelernt hat. Sie reduziert ihre Palette auf Blau, Grün und Gelb. Flüchtig führt die Malerin den Pinsel, lässt in der sequenziellen Reihung eine Form aus der anderen hervorgehen. Und schon hier, in den 26 kleinformatigen „Urchaos“-Bildern, lässt sie auf einigen Leinwänden das Gegenständliche ganz hinter sich.

Eigentlich wollte ja Wassily Kandinsky das „allererste abstrakte Bild der Welt“ gemalt haben, im Jahr 1911, wie der Künstler selbst 1935 in einem Brief behauptete. Ungegenständliche Formen in der Malerei gab es allerdings bereits im 19. Jahrhundert bei William Turner oder Gustave Moreau. Und jetzt taucht auch noch Hilma af Klint auf, die so überhaupt nicht ins Schema passen will.

„Hilma af Klints abstrakte Malerei: Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“, titelte die „FAZ“ im Februar 2013 anlässlich einer ersten umfassenden Ausstellung der Werke af Klints in Stockholm. Mit den Bildern der 1944 mit 81 Jahren verstorbenen Schwedin erscheine eine „Welt, die 1906 niemand für möglich gehalten hätte, die über ihre Zeit hinauswächst, über Jahrhunderte“, schrieb die Rezensentin Julia Voss. Die Journalistin und Kunsthistorikerin wurde von af Klints Kunst derart gepackt, dass sie inzwischen eine große Biografie der Künstlerin verfasst hat. Jetzt ist Voss’ hinreißendes Buch „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ erschienen, außerdem startet am 5. März ein Dokumentarfilm unter dem Titel „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ in den Kinos. Dafür hat die Berliner Filmemacherin Halina Dyrschka sich mit Zeitzeugen und Experten über die Künstlerin unterhalten. Indem sie Naturaufnahmen gegen die antinaturalistischen Bildwelten der Künstlerin setzt, schärft Dyrschka die Wahrnehmung für eine Kunst, deren Urheberin ein Universum ausgelotet hat, das über das sinnlich wahrnehmbare Spektrum weit hinausreicht.


»Um Werke zu schaffen, die stark und kraftvoll sind, musste ich dem innigsten Wunsch meiner Jugend entsagen: die äußere Form und Farbe wiederzugeben« – Hilma AF KLINT


Der Mut einer Entdeckerin war Hilma af Klint gewissermaßen in die Wiege gelegt. Die Männer in ihrer Familie waren seit Generationen als Marineoffiziere auf den Weltmeeren unterwegs. Hilmas Vater, auch er Offizier der schwedischen Marine, sorgte dafür, dass seiner 1862 geborenen Tochter eine hervorragende Bildung zuteilwurde. Schweden zählte weltweit zu den ersten Ländern, die Frauen das Kunststudium ermöglichten – so konnte sich af Klint nach dem Studium an der Königlichen Akademie als Landschafts- und Porträtmalerin etablieren. Ihr Selbstporträt auf dem Cover von Voss’ Biografie belegt die technische Meisterschaft der Künstlerin ebenso wie ihre zahlreichen Naturstudien. Doch: „Um Werke zu schaffen, die stark und kraftvoll sind“, so steht es in ihrem Tagebuch, „musste ich dem innigsten Wunsch meiner Jugend entsagen, nämlich die äußere Form und Farbe wiederzugeben.“

„Urchaos, Nr. 16“, 1906/07


„Die Eros-Serie, NR. 2“, 1907


Sowohl Dyrschka als auch Voss betonen, wie wichtig die wissenschaftlichen Entdeckungen waren, die zu Lebzeiten der Künstlerin gemacht wurden: Maxwells Beschreibung des Lichts als elektromagnetische Welle, Darwins Evolutionstheorie, Röntgens Kathodenstrahlröhre. Tastend bewegte sich die Forschung voran, niemand dachte daran, sich von Feldern abzugrenzen, die heute unter dem Begriff „Parawissenschaften“ zusammengefasst werden. Der US-amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison war zeitweilig davon überzeugt, er könne mit dem „Spirit Phone“ einen Apparat bauen, mit dem sich die Toten anrufen ließen.

Religion und Wissenschaft wurden Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht trennscharf auseinandergehalten. 1889 wurde in Schweden eine Loge der Theosophischen Gesellschaft gegründet. Die Geheimlehre der Theosophie erhob den Anspruch, einen gemeinsamen wahren Kern in allen Religionen zu enthüllen. Auch Hilma af Klintwurde Anhängerin der Theosophie, die Frauen und Männer als gleichberechtigt ansah. 1896 tat sich die junge Frau mit vier Freundinnen zusammen, um einen spirituellen Zirkel zu gründen. „Die Fünf“, wie sie sich nennen, halten ihre Sitzungen,bei denen es zum Kontakt mit „höheren Mächten“ kommt, in Protokollen und automatischen Zeichnungen fest. Im Sommer 1904 meldet sich ein geistiges Wesen namens Ananda: Hilma sei dazu auserkoren, „astrale Gemälde“ zu schaffen. 1906 kommt es zum bereits erwähnten Durchbruch mit den „Urchaos“-Gemälden, von da an kennt af Klints Schaffensdrang keine Grenzen. Bis April 1908 entstehen 111 Bilder, geprägt von großer formaler Qualität und Kühnheit. Af Klints abstrakte Serie „Eros“ wird von Rosatönen dominiert – Jahrzehnte vor der Pop-Art eigentlich undenkbar.

Af Klints Bilder wachsen der zierlichen Malerin über den Kopf:„Die zehn Größten“, im August 1907 begonnen, haben das Format von Scheunentoren. Die Künstlerin beginnt, mit Eitemperafarbe auf großen Papierbögen zu arbeiten, die sie auf dem Boden bemalt und später auf die Leinwände klebt. Die zehn in Blau, Orange, Violett und Rosa leuchtenden Bilder, insgesamt 80 in nur zwei Monaten bewältigte Quadratmeter Malerei, sind in Lebensphasen geordnet, vom „Kindesalter“ bis zum „Greisenalter“. Aber von menschlichen Figuren, auch von Landschaften keine Spur. Die Formen, die af Klint in die Bildräume wachsen lässt, erinnern an Mikroorganismen und kosmische Erscheinungen zugleich. Immer wieder malt sie das Spiralmotiv, das Doppelsymbol der Entwicklung und Vertiefung. Zwischen Schnecken, flächigen Blütenblättern oder Pflanzenranken tauchen gestrichelte Linien auf, vielleicht Seekarten entlehnt, und wiederum kalligrafisch geschwungene Buchstaben. Ihre Notizen belegen, dass die Künstlerin selbst über die Bedeutung der Gemälde rätselt. So meint af Klint einige Buchstabenkombinationen – „wu“ für „Evolution“, „mwu“ für „Glaube“ – entschlüsseln zu können, doch vieles bleibt im Dunkeln, auch für sie.

Man kann af Klints okkulten Hintergrund belächeln. Und spöttisch auf Sigmar Polkes Gemälde „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ von 1969 verweisen. Das Paradox scheint schwer aufzulösen: Hilma af Klints Kunst, die erst seit Kurzem einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist, wirkt ungeheuer direkt und modern, doch der Kontext, in dem sie entstand, ist sehr spezifisch für ihre Zeit. Ihre revolutionären Bilder hätte af Klint außerhalb des Schutzraums, den ihr die Theosophie und der Spiritismus boten, wohl gar nicht schaffen können. In ihrer Biografie verzichtet Julia Voss darauf, af Klints übersinnliche Quellen in Zweifel zu ziehen oder als nebensächlich zu behandeln. Voss betont auch, dass die Künstlerin die Aufträge nicht als passives Werkzeug ausgeführt habe: „Von Anfang an hat der Prozess die Form eines Dialogs, mit Fragen und Antworten, die zwischen den Sphären hin und her reisen, ohne dass jemals Befehle erteilt würden.“

An ihren „Gemälden für den Tempel“, eine Sammelbezeichnung für alle abstrakten Serien, arbeitet af Klint bis 1915. Zwischen 1908 und 1912 unterbricht sie die Malerei, weil sich die Künstlerin um ihre erblindete Mutter kümmern muss.


Die Formen, die AF KLINT in die Bildräume wachsen lässt, erinnern an Mikroorganismen und kosmische Erscheinungen


„Blumen, Moose, Flechten“, 1919, Detail


„Die zehn Größten, Nr. 7, das Erwachsenenalter“, 1907


Während ihr spirituelles Leben reichhaltig dokumentiert ist – neben 1300 abstrakten Gemälden sind 124 Notizbücher mit nahezu 26 000 Seiten überliefert –, bleibt das, was af Klint der Nachwelt über ihr Privatleben mitteilt, lückenhaft. Das Alltägliche interessierte sie offenbar nicht. Als junge Künstlerin, von der die männerdominierte Gesellschaft ohnehin nichts Bedeutendes erwartet, schwärmt sie wohl für einen wohlhabenden Arzt, den sie am Ende aber nicht heiraten will. Sie bleibt ledig.

Ob Hilmas Beziehungen zu spirituell gleichgesinnten Freundinnen auch sexueller Natur waren, lässt sich nicht klären. Die Künstlerin dachte jedenfalls nicht in starren Geschlechterkategorien. In ihren Schriften und Bildern hallt Platons Mythos von den „Kugelmenschen“ wider, den erst zwittrigen, dann von den Göttern in Mann und Frau zerschnittenen Wesen. Helena Petrovna Blavatsky, die Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, vertrat in ihrer 1877 erschienenen „Geheimlehre“ die These, Zweigeschlechtlichkeit sei in der Natur die Norm.


HILMA AF KLINT hat immer an ihre Kunst geglaubt, aber zeitlebens nur wenige Unterstützer gefunden


Auf ihrem spirituellen Weg sucht af Klint die Nähe von Rudolf Steiner, der aus der Theosophie seine anthroposophische Lehre entwickelte. Erstmals trifft die Künstlerin den Esoteriker 1912. Einige ihrer Werke gefallen Steiner, doch ihrer mediumistischen Arbeitsweise steht er skeptisch gegenüber. Nach der Begegnung beginnt af Klint sich mit esoterischem Christentum auseinanderzusetzen, christliche Ikonografie dominiert den zweiten, aus 82 Werken bestehenden Teil ihres Zyklus „zum Tempel“, den sie 1915 endgültig abschließt.1914 bricht der Erste Weltkrieg aus, und af Klint malt Serien wie „Der Schwan“, „Baum der Erkenntnis“, „Die Taube“. Gegenständlichkeit, gestische Passagen, geometrische Abstraktion – mit großer Souveränität wechselt sie zwischen den Bildsprachen hin und her.

Hilma af Klint hat immer an ihre Kunst geglaubt, aber zeitlebens nur wenige Unterstützer gefunden. Bis auf ihre geistigen Helfer, die der 78-jährigen Künstlerin den Entwurf eines Gebäudes vorschlagen, einen Tempel für ihre Kunst, mit einer großen Spiraltreppe, die zu einem Observatorium führt, das den Tempelbau krönen soll. Ihre „Gemälde für den Tempel“ (der nie gebaut wird) bewahrt sie in ihrem Ateliergebäude auf der Insel Munsö auf. Weil die Zeit offenbar nicht reif ist für ihre abstrakten Bilder, verfügt die Künstlerin, dass diese erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt und nicht verkauft werden dürfen. Zum Nachlassverwalter bestimmt sie ihren Neffen Erik, der sich nach ihrem Tod 1944 an die Abmachung hält. Julia Voss schreibt, dass af Klint „ihr Werk wie in einer Zeitkapsel in die Zukunft schießt“. Die Zukunft der Bilder bricht dann erst über 40 Jahre später an, 1986 betrachtet die Schau „The Spiritual in Art: Abstract Painting 1890–1985“ im Los Angeles County Museum die Abstraktion im Licht von spirituellen Bewegungen. Af Klints Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts fällt vorerst durch. Der Kunstkritiker Hilton Kramer nörgelt: „Hilma af Klints Gemälde sind im Grunde bunte Diagramme. Ihnen einen Ehrenplatz neben den Werken von Kandinsky, Mondrian, Malewitsch und Kupka zu geben ist absurd. Af Klint ist einfach keine Künstlerin in dieser Klasse und darf man es sagen? – würde nie diese inflationäre Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie keine Frau gewesen wäre.“

„Der Schwan, Nr. 1“, 1915.


„Der Schwan, Nr. 17“, 1915


» Ihre Werke gehören keinem Museum, hinter ihr steht keine Galerie, kein Sammler, kein Händler, kein Galerist« – Julia VOSS


Noch einmal 27 Jahre später war die Zeit reif. Die Ausstellung „Hilma af Klint. Eine Pionierin der Abstraktion“ im Stockholmer Moderna Museet wurde ein voller Erfolg, die Schau wurde im selben Jahr, 2013, in Berlin am Hamburger Bahnhof gezeigt, danach im Museo Picasso in Málaga. „Als alles gehängt war und ich war umgeben von diesen Bildwelten, stellten sich mir wirklich die Armhaare auf“, erzählt Iris Müller-Westermann, die damalige Kuratorin der Ausstellung. Heute leitet Müller-Westermann das Moderna Museet in Malmö, wo sie auf die kommende große Af-Klint-Schau ab April hinarbeitet. Warum verstehen wir die Künstlerin jetzt besser? „Viele Menschen merken, dass die materialistische Sicht auf die Wirklichkeit zu einer Schieflage führt“, sagt Müller-Westermann. Die Kunsthistorikerin verweist auf die meditativen Zustände, in die sich af Klint und Gleichgesinnte brachten: „Das sind geistige Prozesse, bei denen man auf Abstand zum Ego geht. In solchen Momenten lassen Menschen neue Gedanken und Bilder zu, es ist eine Position der Vernunft, von der aus man bereit für Veränderungen ist.“

Einige Af-Klint-Werke wurden 2013 außerdem auf der Venedig-Biennale gezeigt. War das schon der Durchbruch? Eher nicht, meint Julia Voss heute: „Sie dürfen nicht vergessen, dass Hilma af Klint schutzlos in die Kunstgeschichte tritt. Ihre Werke gehören keinem Museum, hinter ihr steht keine Galerie, kein Sammler, kein Händler, kein Galerist. Die Werke befinden sich in einer kleinen Stiftung ohne Stiftungskapital. Die Bilder treten vollkommen ohne die Insignien der Macht an, mit der üblicherweise die Karrieren in der Kunstwelt gemacht werden. Ich kenne keinen vergleichbaren Fall.“

Es war um 2013 immer noch denkbar, Hilma af Klint zu ignorieren, in die hinteren Reihen der Kunstgeschichte zurückzudrängen. Das Museum of Modern Art spielt eine unrühmliche Rolle in dem Spiel, in dem es auch um Geltungsanspruch, Deutungsmacht und uneingestandene Sammlungslücken geht. Ende 2012 eröffnete das New Yorker Haus die Ausstellung „Inventing Abstraction, 1910–1925“ – ohne die Werke der Schwedin, was die Kuratorin Leah Dickerman folgendermaßen erklärte: „Hilma af Klint malte in Abgeschiedenheit, sie stellte nicht aus und nahm keinen Anteil an den öffentlichen Diskussionen ihrer Zeit. Ich finde, was sie tat, ist absolut faszinierend, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie selbst ihre Gemälde für Kunstwerke hielt.“

„Der Schwan, Nr. 8“, 1915


„Ohne Titel“, 1934


Womöglich wäre af Klint wieder in Vergessenheit geraten, hätte es 2018 nicht eine weitere große Ausstellung gegeben – im Guggenheim Museum in New York: Ausgerechnet in einer spiralförmigen Architektur, wie es sich die Künstlerin für ihren ungebauten Tempel vorgestellt hatte. Die Verhandlungen über eine Übernahme der Ausstellung von 2013 waren ins Stocken geraten, doch Tracey Bashkoff, Kuratorin am Guggenheim, machte sich stark für das Projekt, das zum Sensationserfolg geriet: Über 600 000 Besucher kamen, die „New York Times“ titelte: „Hilma Who? No More!“. „Die Außenseiterin der Kunstgeschichte ist zum Star aufgestiegen“, schreibt Voss in ihrem Buch.

Am Ende ihres Films zeigt Halina Dyrschka das bescheidene Familiengrab der af Klints in Stockholm. Hilma ist auf dem Grabstein nicht namentlich erwähnt. Überhaupt findet sich inSchweden, an den Orten, an denen sie gelebt und gearbeitet hat, kein Hinweis auf die Künstlerin. Das ist seltsam genug, doch es wird sich ändern. In Malmö räumt das Moderna Museet af Klint mehr Platz ein als je ein Museum zuvor. 230 Werke werden ausgestellt, darunter „viel Material, das vorher noch nie gezeigt wurde“, verspricht Iris Müller-Westermann. Erstmals sollen alle großen Gemäldeserien vollständig zu sehen sein, kündigt die Direktorin an. „Künstlerin, Forscherin, Medium“: Der Untertitel der Ausstellung deutet an, dass af Klint auf vielen Ebenen aktiv war – und wie irrig es ist, die Künstlerin in die Ecke eines welt- und sogar kunstfremden Okkultismus zu stellen. Trotz ihrer Abkehr von der gegenständlichen Malerei blieb sie eine genaue Beobachterin der Natur. „Beim Betrachten von Blumen und Bäumen“ nannte sie eine Reihe überirdisch schöner Aquarelle – auch davon mehr in Malmö. Mit den Wasserfarben verfließen die Grenzen. Außen und innen, Welt und Seele, bei Hilma af Klint verschwinden die Gegensätze, sie feiert den Zusammenklang, universale Harmonie.


»Viele Menschen merken, dass die materialistische Sicht auf die Wirklichkeit zu einer Schieflage führt« – Iris MÜLLER-WESTERMANN


JULIA VOSS: „HILMA AF KLINT. DIE MENSCHHEIT IN ERSTAUNEN VERSETZEN“, S. Fischer Verlag, 572 Seiten, 25 Euro. „JENSEITS DES SICHTBAREN – HILMA AF KLINT“, Film von Halina Dyrschka, Filmstart 5. März. „HILMA AF KLINT. ARTIST, RESEARCHER, MEDIUM“, Moderna Museet Malmö, 4. April bis 27. September


Fotos: Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Moderna Museet, Stockholm, Courtesy Hilma af Klint Foundation

Porträt.HILMA AF KLINT

Fotos: C.W. Leadbeater: Die Ebenen der Natur, aus ders.: Man Visible and Invisible, 1902. Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Fotos: Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk. Ankündigung von Hilma af Klint

im Londoner Konferenzprogramm, 1928. Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Foto: Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Fotos: Ausstellungskatalog der Adyar-Theosophen in Stockholm, 1913. © LatitudeStock/Alamy Stock Foto. Moderna Museet, Stockholm, Courtesy of Hilma af Klint Foundation (vorherige Doppelseite). Albin Dahlström, Moderna Museet, Stockholm, © Stiftelsen Hilma af Klints Verk