Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 20 Min.

ÜBERS EIS NACH AMERIK A


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 14.08.2021

ARCHÄOGENETIK

Artikelbild für den Artikel "ÜBERS EIS NACH AMERIK A" aus der Ausgabe 9/2021 von Spektrum der Wissenschaft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 9/2021

AUF GROSSER FAHRT Wie kamen die ersten Einwanderer nach Amerika? Nach bisherigem Kenntnisstand paddelten sie mit Booten entlang der Pazifikküste und umgingen so die mächtigen Eispanzer in Nordamerika.

Jennifer Raff ist anthropologische Genetikerin an der University of Kansas. Sie forscht über die Erstbesiedlung Nordamerikas.

spektrum.de/artikel/1897522

Vor mehr als 300 000 Jahren entstand Homo sapiens in Afrika. Von dort breitete er sich allmählich über die Erde aus, folgte der Spur seiner Vorgänger und deren Nachfahren – Homo erectus, den Neandertalern und Denisovanern. Aber die ersten anatomisch modernen Menschen, die den amerikanischen Doppelkontinent betraten, drangen in ein Gebiet vor, das bis dahin noch kein anderes Mitglied der Gattung Homo erreicht hatte. Die Erstankömmlinge erkundeten und besiedelten unterschiedliche Landschaften, passten sich der jeweiligen Umgebung an.

Ihre Ankunft markiert denn auch den Beginn der vielgestaltigen Geschichte zahlreicher Ethnien und Gemeinschaften.

Die Besiedlung Amerikas war ein brutales Unterfangen. Sie verlangte den Vorfahren der heutigen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Spektrum der Wissenschaft. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2021 von BEDROHTE ERDE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BEDROHTE ERDE
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von SPEKTROGRAMM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPEKTROGRAMM
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von DINOS LEBTEN GANZJÄHRIG IN DER ARKTIS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DINOS LEBTEN GANZJÄHRIG IN DER ARKTIS
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von MENSCHEN ERINNERN SICH HÄUFIG FALSCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MENSCHEN ERINNERN SICH HÄUFIG FALSCH
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von EIN KUNSTWERK VON NEANDERTALERN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIN KUNSTWERK VON NEANDERTALERN
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von PFLANZENBESTAND IN WÜSTEN SCHWINDET. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PFLANZENBESTAND IN WÜSTEN SCHWINDET
Vorheriger Artikel
COMPUTER AUS TREPPEN- HAUS-LICHTSCHALTERN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel ZEITREISE
aus dieser Ausgabe

... indigenen Bevölkerung Außergewöhnliches ab: Die Menschen überlebten die bittere Kälte und harsche Trockenheit während des Letzteiszeitlichen Maximums (Last Glacial Maximum, kurz: LGM), eines globalen Klimaereignisses vor 20 000 bis 26 000 Jahren. Ihnen gelang es, sich in jener Phase der Erdgeschichte mit einer unwirtlichen und unbekannten Landschaft vertraut zu machen.

Die indigenen Gemeinschaften kennen zahlreiche mündliche Überlieferungen über ihre Ursprünge, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. In diesem traditionellen Wissen sind wichtige kollektive Erfahrungen verwoben: wie jede Gruppe ihre Identität entwickelte, wie sie sich mit ihrem Land und nichtmenschlichen Lebewesen verbunden fühlt. Einige Geschichten handeln auch davon, dass die Vorfahren von einem weit entfernten Ursprungsort eingewandert waren.

Westliche Wissenschaftler gehen anders an die Geschichte der Erstbesiedlung Amerikas heran. Ihre Rekonstruktionen sind das Thema dieses Artikels. Dabei konkurrieren ihre Erkenntnisse nicht mit den mündlichen Überlieferungen: Jede der beiden Perspektiven lässt sich unabhängig voneinander einnehmen.

Eine Reise mit Umwegen

Schon lange erforschen Archäologen, biologische Anthropologen, Linguisten und Paläoklimatologen, wie der Mensch den amerikanischen Kontinent besiedelte. Entsprechend viele Theorien gibt es über die Ursprünge der indigenen Bevölkerung – darüber, wer ihre Vorfahren waren sowie wann und wie sie das Land bevölkerten. Ein Szenario hält sich dabei seit Jahrzehnten beharrlich in der Forschung:

Eine einzige Gruppe von Jägern sei nach dem LGM der Fährte des Großwilds gefolgt und so von Ostasien nach Amerika gelangt. Aus dieser Gruppe seien alle heutigen indigenen Völker Amerikas hervorgegangen.

Doch in den letzten Jahrzehnten haben Genetiker dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte fortgeschrieben. Viel mehr noch: Ihre Studien haben das Wissen über Amerikas Besiedlung von Grund auf erneuert. Zwar gibt es noch Lücken, aber die genetischen Erkenntnisse zusammen mit den jüngsten archäologischen Entdeckungen zeigen, dass der Weg nicht schnurstracks nach Amerika führte, sondern dass Eiszeiten die Vorfahren der Paläoindianer zu jahrtau­ sendelangen Stopps zwangen. Dabei lautet das wichtigste Ergebnis: Die Ureinwohner gehen nicht auf eine, sondern auf mehrere Ursprungspopulationen zurück.

Zu der Frage, woher die indigene Bevölkerung Amerikas kam, vertraten im 20. Jahrhundert die meisten Archäologen die These von »Clovis first«. Was steckt dahinter? Clovis ist ein Fundort im heutigen US-Bundesstaat New Mexico.

Dort kamen in den 1930er Jahren erstmals Steinspitzen ans Licht, deren charakteristisches Merkmal eine Kehlung am unteren Ende darstellt. Die frühesten dieser lanzettförmigen Projektile, die sich zusammen mit Knochenresten von Mastodonten, Mammuts und Bisons fanden, sind etwa 13 000 Jahre alt. Ältere Kulturzeugnisse waren zunächst nicht bekannt. Damit schien klar zu sein: Die Macher der Clovis-Spitzen mussten zu den ersten Menschen auf dem nordamerikanischen Kontinent gehört haben – »Clovis first«.

Die vermeintlichen Pioniere lebten südlich zweier mächtiger Eisschilde, die zu jener Zeit große Teile Nordamerikas bedeckt hatten. Daraus und aus der Verbreitung der Clovis- Fundstellen entwickelten die Archäologen ihre These fort:

Nach dem LGM mussten Menschen von Sibirien aus über die Landbrücke der damals trockengefallenen Beringstraße nach Nordamerika gewandert und rasch weiter nach Süden vorgestoßen sein – durch einen Korridor im schmelzenden Eispanzer, der entlang der Ostseite der kanadischen Rocky Mountains ins Innere Nordamerikas führte. Diese Erstankömmlinge waren Jäger und Sammler, die in kleinen Gruppen lebten und auf der Jagd nach Großwild weite Strecken zurücklegten. Daher erreichten sie bald Südamerika und ließen sich auch dort nieder. Alles in allem seien seit ihrer Ankunft in Amerika etwa 1000 Jahre verstrichen.

Aber vor rund zwei Jahrzehnten schwand die Gewissheit über »Clovis first«. Forscher hatten Wohnplätze frei gelegt, die offenbar deutlich älter waren als die frühesten Clovis-Steingeräte. Eine dieser Stätten ist Monte Verde im Süden Chiles. Wie 14 C-Datierungen ergaben, lebten dort schon vor 14 200 Jahren Menschen. Und sie benutzten Werkzeuge aus Stein, Holz und Knochen, die keinerlei Ähnlichkeiten mit den Geräten der Clovis-Kultur haben. Offenbar waren Menschen mehr als ein Jahrtausend, bevor Clovis in Nordamerika auftauchte, bis an die Südspitze Südamerikas vorgedrungen.

Ebenfalls vor ungefähr zwei Jahrzehnten erschütterten neue Analysen weitere Gewissheiten der Archäologen. In den späten 1990er Jahren waren molekularbiologische Methoden derart ausgereift, dass es möglich wurde, DNA aus jahrtausendealten menschlichen Überresten zu extrahieren. Auf diesem Weg ließ sich klären, wann Menschen sich erstmals auf den amerikanischen Kontinenten niedergelassen hatten. Dazu sequenzierten die Forscher zum einen die DNA der Mitochondrien, die nur in mütterlicher Linie vererbt wird, und zum anderen das männliche Geschlechtschromosom (Y-Chromosom). Sie nahmen sich das Erbgut sowohl von Angehörigen heutiger als auch einstiger indigener Gruppen vor.

Mittels dieser genetischen Daten zeichneten sie die Chronologie der Bevölkerungsentwicklung in groben Zügen nach. Das Stichwort dazu lautet molekulare Uhr. Anhand der Mutationen, die sich an bestimmten Positionen im Erbgut befinden, lässt sich die Zeit berechnen, die von Veränderung zu Veränderung verstrichen ist.

Das Ergebnis im Fall der Paläoindianer: Die Vorfahren kamen tatsächlich aus Asien, doch gab es im LGM eine Phase, in der die Pioniere ohne Genfluss von anderen Populationen fortbestanden. Offenbar harrten sie an einem Ort abgeschnitten von der Umwelt aus. Danach breiteten sich die Gruppen umso schneller auf die amerikanischen Kontinente aus. Diese ersten Amerikaner gingen der Clovis- Kultur und den Bewohnern von Monte Verde offenbar um mehrere tausend Jahre voraus.

Die Gendaten sorgten damit für eine Überraschung, lieferten aber nur ein lückenhaftes Bild, da sie lediglich auf Teilen des Erbguts beruhten – der DNA der Mitochondrien und des Y-Chromosoms –, nicht auf dem gesamten Genom, aus dem sich sehr viel detaillierter die Abstammung eines Menschen rekonstruieren lässt. Inzwischen hat die Genforschung deutliche Fortschritte gemacht. So kann das vollständige Genom eines lebenden Menschen problemlos sequenzieret werden. Im Fall einiger Gruppen der heutigen indianischen Ethnien zeigte sich, dass sie und die Europäer immer wieder gemeinsame Nachkommen zeugten – allerdings erst nachdem Kolumbus 1492 auf den Bahamas anlandete. Die Abschnitte im Erbgut, die von den »First Peoples«, den Uramerikanern ohne europäischen Einfluss, stammen, lassen sich hingegen zehntausende Jahre in die Vergangenheit verfolgen. Eine detaillierte Besiedlungsgeschichte konnten Genetiker aber erst im Zusammenspiel mit alter DNA (aDNA, »ancient DNA«) rekonstruieren.

Menschen dessen Genom zu extrahieren, war anfangs in der Archäogenetik ein schwieriges Unterfangen. Die aus einem menschlichen Knochen oder Zahn gewonnene DNA ist stark

Aus jahrhundertealten Überresten eines mit dem Genmaterial von Bodenmikroben, Pflanzen, Tieren oder heutigen Menschen verunreinigt. Und die aDNA selbst ist fragmentiert, beschädigt und daher nur spärlich erhalten. Dank technischer Fortschritte kann inzwischen auch derart marodes Erbgut ausgelesen werden (siehe »Spektrum der Wissenschaft« 5/2020 auf S. 84/85). Deshalb sind heute sehr viel mehr Genome von prähistorischen Populationen bekannt. Zusammen mit den Gendaten lebender »First Peoples« lassen sich deren Ursprünge detaillierter nachzeichnen als mit den dünnen Informationen aus der mitochondrialen DNA und den Y-Chromosomen. So zeigte sich, dass der Stammbaum der Erstbesiedler aus verschiedenen Strängen besteht. Und dass diese Vorfahren der Urpaläoindianer zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt aufeinandertrafen.

Grundsätzlich gilt: Einen einzigen Ursprung einer Bevölkerung zu markieren, ist eigentlich müßig und fast schon absurd. Menschliche Populationen haben sich im Lauf der Zeit immer wieder vermischt, so dass eine jede von ihnen eine komplexe Abstammungsgeschichte aufweist. Doch um die Entwicklung einer Bevölkerung rekonstruieren zu können, muss man an irgendeiner Stelle der genetischen Vergangenheit ansetzen. Und in diesem Fall ist es sinnvoll, ein gutes Stück vor dem LGM zu beginnen.

Die Vorfahren der Paläoindianer

Vor etwa 36 000 Jahren lebte im heutigen Ostasien eine Gruppe von Menschen, die zunehmend von den übrigen Gemeinschaften der Region abgeschnitten wurde. Der Prozess verlief allerdings sehr langsam: Mehr als 11 000

Jahre lang gab es weiterhin Austausch mit der Ausgangspopulation. Vor etwa 25 000 Jahren dann waren sie genetisch von den Vorfahren der heutigen Ostasiaten unterscheidbar. Diese isolierte Gruppe altsteinzeitlicher Ostasiaten bildete in großen Teilen die Urbevölkerung der ersten Amerikaner.

Eine weitere Abstammungslinie lässt sich ungefähr 39 000 Jahre zurückverfolgen. Sie lebte vor 31 600 Jahren an einem Lagerplatz in Nordostsibirien, der heute als Yana Rhinoceros Horn Site bekannt ist. Der Fundort liegt im westlichen Teil von Beringia. Diese Region erstreckte sich über Ostsibirien und Westalaska sowie jene Landbrücke, die einst Sibirien und Alaska miteinander verbunden hatte und nun unter dem Meerwasser der Beringstraße schlum­ mert. An der Yana Rhinoceros Horn Site haben Archäologen zwei Milchzähne ausgegraben, die das genetische Profil der damaligen Menschen preisgeben. Archäogenetiker bezeichnen die dazugehörige Bevölkerung als »Ancient North Siberians«. Diese »Alt-Nordsibirier« lebten als Jäger und Sammler und hielten sich das ganze Jahr über in der Polarkreisregion auf. Die Milchzähne stammen von zwei Jungen. Ihnen waren die Zähne im Alter von zehn bis zwölf Jahren ausgefallen. Ein Team um Martin Sikora von der Universität Kopenhagen sequenzierte 2019 die aus den Zähnen gewonnene DNA und stellte fest: Die beiden Kinder waren nur entfernt miteinander verwandt und gehörten zu einer größeren Population, die etwa 500 geschlechtsreife Individuen umfasste. Zum Vergleich: Die Neandertaler lebten in deutlich kleineren Gruppen, die auch immer wieder ausstarben – darauf deuten jedenfalls Erbgutdaten der Frühmenschen hin.

Die Gemeinschaft der Alt-Nordsibirier scheint hingegen trotz der harschen Lebensbedingungen gewachsen zu sein. Sie breitete sich in ganz Nord- und Mittelsibirien aus. Dass sie dort vor 24 000 Jahren ankam, belegen die Überreste des Kindes von Mal’ta im Süden von Mittelsibirien. Die DNA dieses Jungen findet sich in vielen weit verbreiteten Populationen wieder, einschließlich der heutigen Westeurasier, zu denen auch die Europäer gehören, sowie der »First Peoples« in Amerika.

Die beiden Hauptstränge im Stammbaum der Paläoindianer – die Alt-Ostasiaten und die Alt-Nordsibirier – trafen vor zirka 20 000 bis 25 000 Jahren aufeinander und vermischten sich. Die neue Gruppe entstand bald nach dem Beginn des LGM, als in Sibirien ein extrem kaltes Klima herrschte und dort kaum Pflanzen oder Tiere existierten. Für Menschen wäre es nahezu unmöglich gewesen, in dieser Umgebung zu verweilen. Und tatsächlich haben im Nordosten Sibiriens keine Artefakte aus der Zeit von vor 15 000 bis vor 29 000 Jahren überdauert. Daraus schließen viele Archäologen, dass die Menschen damals Zuflucht in anderen Regionen gesucht hatten, an Orten mit mehr Ressourcen und besserem Klima. Was einst genau geschehen war, lässt sich bisher noch nicht rekonstruieren. Doch wahrscheinlich begegneten sich die Ostasiaten und Nordsibirier überhaupt nur deshalb, weil sie den unwirtlichen Verhältnissen in Sibirien entkommen wollten. Bleibt die Frage: Wo genau trafen sie sich?

Die möglichen Treffpunkte der Ursprungspopulationen

Im westlichen Beringia kreuzten sich ihre Wege wahrscheinlich nicht: Diese Region war nach bisherigem Kenntnisstand in der Zeit nach 29 000 Jahren vor heute unbewohnt. Als Treffpunkte blieben allgemein das östliche Eurasien, die Mitte oder der Osten von Beringia sowie dessen nördlicher Bereich. Mit Hilfe der Genetik lässt sich die Frage nicht klären. Die Genome der indigenen Bevölkerung deuten aber darauf hin, dass ihre Vorfahren während des LGM mehrere tausend Jahre lang keinen Kontakt zu anderen Gruppen hatten. Ihre Isolation begann, kurz nachdem sich die Alt-Ostasiaten und die Alt-Nordsibirier vermischt hatten. Daher dürften die beiden nicht im östlichen Eurasien aufeinandergetroffen sein. Denn dort wären sie ziemlich sicher anderen, in der Nähe lebenden Gruppen begegnet und hätten sich mit ihnen vermischt. Einige Archäologen sind dennoch der Ansicht, dass sich die Ursprungsbevölkerung im östlichen Eurasien aufgehalten haben muss, weil es nur dort entsprechende Funde aus der Kaltzeit gibt.

Möglicherweise hat die Urpopulation das LGM an der Südküste von Mittelberingia ausgesessen. Wie paläoökologische Modelle zeigten, herrschte in diesem Landstrich ein mildes Klima. Es könnte ein Feuchtgebiet gewesen sein, da es unweit der Küste lag und Meeresströmungen vorbeiführten.

Für Menschen und Tiere wäre es zu einer Zeit, als die Eisschilde ihre größte Ausdehnung erreicht hatten, ein vergleichsweise angenehmer Ort gewesen. Doch die Mitte von Beringia liegt heute unzugänglich unter Wasser, und Archäologen haben bislang nichts bergen können. Im östlichen Beringia gibt es allerdings einige interessante Fundstätten: Während des LGM hatten Menschen dort Jagd auf Wildpferde, Karibus und Wapitis gemacht und ihre Beute an Lagerplätzen zerlegt. Solche Orte fanden sich in Yukon (Kanada) und in der North Slope, einer Region im Norden Alaskas. In den Bluefish Caves in Yukon beispielsweise kamen Tierknochen mit Schnittspuren ans Licht. 2017 ergab eine 14 C-Datierung, dass die ältesten Funde zwischen 22 000 und 24 000 Jahre alt sind – also genau ins LGM passen. Doch die wenigen Belege überzeugen nicht alle Archäologen.

AUF EINEN BLICK DIE BEZWINGER DER BERINGSTRASSE

1 Lange galt als gesichert, dass die Clovis-Kultur als erste vor zirka 13 000 Jahren die Neue Welt bewohnte.

2 Archäologische Funde und Genanalysen haben diese These inzwischen weitgehend widerlegt. Offenbar hatte sich schon zum Höhepunkt der letzten Eiszeit, vor mehr als 20 000 Jahren, auf der trockengefallenen Landbrücke der Beringstraße die Urpopulation der indigenen Amerikaner herausgebildet.

3 Zur Frage, wie sie den Doppelkontinent besiedelte, favorisieren Archäologen und Genetiker drei verschiedene Szenarien.

Drei Szenarien der Besiedlung Amerikas

Experten sind sich uneins darüber, wann, wo und wie sich die Paläoindianer auf dem Doppelkontinent ausgebreitet hatten. Forscher diskutieren vor allem drei Szenarien.

1. Späte Besiedlung

Die ersten Menschen, die sich in Amerika festsetzten, fertigten kunstvolle Steinspitzen, wie sie Archäologen erstmals in Clovis im US-Bundesstaat New Mexico und später an Orten wie Anzick in Montana entdeckt haben. Davon ist jedenfalls eine kleine Forschergruppe überzeugt. Der Fundort Swan Point in Alaska spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dort fanden sich Steinwerkzeuge, die offenbar die ältere Diuktai- Kultur in Sibirien mit der jüngeren Clovis-Kultur in Nordamerika verknüpfen. Befürworter des Clovis-first-Modells gehen davon aus, dass die Erstankömmlinge nach dem Letzteiszeitlichen Maximum nach Amerika kamen. Diese seien durch einen eisfreien Korridor im schmelzenden Eispanzer gewandert. Fundorte, die deutlich älter als die Clovis-Kultur sind, halten die Forscher des »Clovis-first« für falsch datiert, oder sie schließen aus, dass jene Menschen Anteile zur späteren Bevölkerung beisteuerten. Der Streit um »Clovis-first« gleicht einem Glaubenskampf.

2. Frühe Besiedlung via Pazifikküste

Die meisten Archäologen sehen genügend Belege für Fundstellen, die älter als die Clovis-Kultur sind. Menschen waren also, lange bevor sich der Durchgang im Eisschild öffnete, in ganz Amerika verbreitet. Die Einwanderer waren per Boot entlang der Westküste nach Nordamerika gekommen. Schon vor zirka 17 000 Jahren, und möglicherweise sogar vor 20 000 bis 30 000 Jahren, hatten sich die Ersten auf den Weg gemacht. Die Funde dazu stammen beispielsweise aus Pedra Furada und der Chiquihuite-Höhle, deren beider Datierungen in Fachkreisen stark umstritten sind.

3. Sehr frühe Besiedlung

Einige wenige Forscher sind der Ansicht, dass Menschen Amerika bereits viel früher erreichten. Ihr Hauptargument: die Fundstätte Cerutti Mastodon, an der vor 130 000 Jahren ein Rüsseltier geschlachtet worden sein soll. Wenn tatsächlich Menschen die Knochen zertrümmert haben, dann hätten die ersten Zweibeiner in Amerika der Spezies Homo erectus angehört, nicht Homo sapiens. Die meisten Wissenschaftler lehnen dieses Szenario jedoch ab.

Problematisch für die Forschung bleibt, dass einige Lagerplätze der Voramerikaner heutzutage unter Wasser liegen dürften. Das würde auch auf die sibirische Arktis nördlich des Polarkreises zutreffen, die nördlich und westlich von Westberingia liegt. Dort könnten die Menschen der Alt-Ostasiaten und Alt-Nordsibirier zusammengekommen sein und die Kaltzeit überstanden haben. Damals erstreckte sich in diesem Gebiet eine weitläufige Ebene mit Steppe und Tundra, in der große Herden von Mammuts, Wollnashörnern, Bisons und Pferden umherstreiften. Die klimatischen Verhältnisse wären für Menschen zwar extrem harsch gewesen, doch ausgehend von den archäologischen und genetischen Erkenntnissen von der Yana Rhinoceros Horn Site liegt es nahe anzunehmen, dass sich die Wildbeuter schon lange vor dem LGM an eisige Bedingungen angepasst hatten. Aber auch in diesem Teil der Arktis haben Archäologen kaum Funde gemacht. Ob Menschen vor mehr als 20 000 Jahren hier lebten, ist also fraglich.

Obwohl unklar bleibt, wo sich die Alt-Nordsibirier und Alt-Ostasiaten zusammengeschlossen hatten, helfen genetische Erkenntnisse, die anschließenden Entwicklungen zu rekonstruieren. Unmittelbar nachdem sich die beiden Gruppen vermischt hatten und von anderen arktischen und sibirischen Kulturen isoliert waren, spalteten sie sich vor ungefähr 18 100 bis 22 000 Jahren in mindestens zwei Linien auf. Von dem einen Abstammungszweig, den Forscher »Alt-Beringier« (»Ancient Beringians«) genannt haben, sind keine lebenden Nachkommen bekannt. Aus dem anderen Zweig, den Ahnen der indigenen Amerikaner (»Ancestral Native Americans«), gingen die ersten Paläoindianer hervor, die südlich des mächtigen, fast ganz Nordamerika bedeckenden Laurentidischen Eisschilds und des kleineren an der Pazifikküste verlaufenden Kordilleren­ Eisschild umherzogen.

Die Ancestral Native Americans hatten sich offenbar während des LGM in mehrere unterschiedliche Gruppen aufgespalten. Einer davon – sie trägt heute den Namen »Unsampled Population A« – konnten Archäologen bisher keine Überreste zuordnen, doch genetisch ließen sich Nachkommen ausfindig machen: Die heutige Ethnie der Mixe, die in Oaxaca in Mexiko ansässig ist, trägt Spuren deren DNA in sich.

Eine weitere Gruppe – »Population Y« – gibt ein noch größeres Rätsel auf. Gegenwärtige Menschen im Amazonasgebiet stammen unter anderem von ihr ab, aber auch Gemeinschaften in Australasien sind mit ihr verwandt.

Hinzu kommt: Spuren ihres genetischen Signals fanden sich in Proben menschlicher Überreste aus der Tianyuan-Höhle in Peking, China. Ihr Alter: 40 000 Jahre. Anscheinend gab es einst eine uralte, in ganz Asien verbreitete Population, deren Gene in die moderne Bevölkerung der Pazifikregion und in einige Ethnien im Amazonasgebiet eingeflossen sind. Wo diese Gruppe ihren Ursprung hatte, ist bislang jedoch unbekannt.

Über den Atlantik war niemand gekommen Alles, was Forscher inzwischen über die genetische Herkunft der Paläoindianer wissen, widerlegt zudem eine langlebige, eher sensationsheischende Hypothese. Die beiden Archäologen Dennis Stanford und Bruce Bradley sind der Ansicht, dass Siedler auch von Osten kamen, über den Atlantik. Als Belege nennen sie einen 22 000 Jahre alten Mastodontenschädel und eine von Menschen geformte Steinspitze. Beide Funde habe 1970 ein Muschelkutter an der Atlantikküste vor Virginia vom Meeresgrund gefischt.

Zudem habe das Steingerät Ähnlichkeit mit den Spitzen der sehr viel späteren Clovis, aber vor allem mit Werkzeugen der westeuropäischen Solutréen-Kultur, die von vor ungefähr 18 000 bis 23 500 Jahren existierte. Was eingängig klingt, hält jedoch einer Überprüfung nicht stand, wie Forscher um Michael O’Brien von der University of Missouri 2015 herausfanden. Dass beide Funde aus demselben Kontext hochgefördert wurden, lässt sich nicht nachweisen. Daher kann auch die 14 C-Datierung des Mastodontenschädels nicht mit dem Steingerät verknüpft werden. Der Form nach gehört das Werkzeug laut O’Brien und seinem Team zu einer der späteren Kulturen der amerikanischen Ostküste. Und mittlerweile kann eine vermeintliche Ost- West-Überquerung des Atlantiks auch genetisch ausgeschlossen werden. Aus keiner Genstudie geht hervor, dass sich die »First Peoples« vor dem Jahr 1492 mit Europäern, Afrikanern oder einer anderen Population vermischt hätten.

Nach dem LGM zogen die Ureinwohner Amerikas gen Süden und spalteten sich in mindestens drei Abstammungslinien auf. Eine Linie ist nur durch ein einziges Ge­ nom nachgewiesen, das aus den Überresten einer Frau stammt. Sie lebte vor etwa 5600 Jahren auf dem Fraser- Plateau in der kanadischen Provinz British Columbia. Zu den beiden anderen Linien rechnen Archäogenetiker alle derzeit bekannten Genome der indigenen Bevölkerung, die einst südlich der Eisschilde umherstreifte. Dazu gehören: die nördlichen Ureinwohner Amerikas und damit die Vorfahren der Algonkin, der Na-Dené, der Salish und der Tsimshian; sowie die südlichen Ureinwohner und ihre Vorfahren, die weit über Südamerika, Mittelamerika und einen Großteil Nordamerikas verbreitet sind. Nur die indigenen Völker der Arktis fallen heraus, sie haben sich durch spätere Wanderbewegungen noch mit anderen Paläogruppen vermischt.

So sehr sich Experten darüber im Klaren sind, dass die drei Linien die Abstammungsgeschichte der amerikanischen Indigenen bilden, so wenig sind sie sich darüber einig, wann, wo und wie sich diese Populationen auf den Kontinenten ausgebreitet haben. Dazu existieren zurzeit drei unterschiedliche Szenarien.

Szenario 1 – Die späte Besiedlung: Einige Archäologen befürworten eine These, die im Wesentlichen eine aktualisierte Version des Clovis-first-Modells darstellt. Ihrer Ansicht nach ist die Fundstätte Swan Point in Mittelalaska der Schlüssel zur Rekonstruktion der Besiedlung Amerikas.

Swan Point ist etwa 14 100 Jahre alt und damit die früheste zweifelsfreie Fundstelle im östlichen Beringia. Die Steingeräte werden zu einer Werkzeugtechnologie gerechnet, die sowohl mit der Diuktai-Kultur in Sibirien als auch mit der Clovis-Kultur in Verbindung stehen soll. Daraus schließen die Archäologen, dass sich die Vorfahren der »First Peoples« während des LGM in Nordostasien oder Sibirien aufhielten. Und erst vor 14 000 bis 16 000 Jahren überquerten jene die Landbrücke der Beringstraße nach Alaska.

Diese Erstankömmlinge, die sich dauerhaft in Nordamerika festsetzen konnten, waren Clovis. Sie seien durch einen Korridor zwischen dem schmelzenden Kordilleren- und dem Laurentidischen Eisschild nach Süden gewandert, möglicherweise gefolgt von weiteren Migrationswellen aus Sibirien. Doch wie passen Fundstellen, die früher als die Clovis-Kultur datiert werden, in dieses Szenario? Nach Ansicht der Verfechter der Spätbesiedlungsthese wurden solche Fundplätze entweder falsch ausgewertet oder stammen von Menschen, die weder kulturell noch biologisch zur indigenen Bevölkerung beigetragen haben.

Szenario 2 – Eine frühe Besiedlung via die Pazifikküste: Für die meisten Archäologen lässt sich die Beweiskraft früher Fundstellen nicht ohne Weiteres beiseiteschieben. Ein Beispiel ist Page-Ladson im Norden Floridas – mehr als 7000 Kilometer von Alaska entfernt. 2016 veröffentlichten Jessi Halligan von der Florida State University, Michael Waters von der Texas A&M University und ihr Team einen Bericht über diesen Lagerplatz, an dem Jäger einst unweit eines Teichs ein Mastodon zerlegt hatten. Heute liegt die Fundstelle unter Wasser, in einem Senkloch im Fluss Aucilla. Die US-Archäologen dokumentierten in Page-Ladson einige Steinartefakte, darunter eine zerbrochene Messerklinge, die sie in einem ungestörten Fundkontext mit den Mastodontenknochen aufgelesen haben. Eine 14 C­ Datierung der Gebeine ergab ein Alter von 14 450 Jahren.

Was die Fundstelle von Page-Ladson so bedeutsam macht, ist nicht nur ihr Alter, sondern auch ihre einstige Beiläufigkeit: Es handelte sich um eine kleine Wasserstelle, die damals viel weiter von der Küste entfernt lag als heute und keine markanten Landschaftsmerkmale aufwies. Die Paläoindianer schlachteten dort ein Mastodon, nahmen das Fleisch und einen der Stoßzähne mit und ließen die Knochen, den anderen Stoßzahn und zerbrochenes Gerät zurück. Ihr Aufenthalt war kurz und diente nur dem Zweck, das Tier zu zerteilen. Nichts deutet darauf hin, dass sie dort für längere Zeit lebten.

Das heißt: Die Menschen waren schon vor 14 450 Jahren mit der Landschaft und dem Beuteangebot vertraut. Sie wussten, dass sie an dem Wasserloch auf Mastodonten stoßen würden, weil die Tiere die Stelle wohl als Tränke nutzten. Eine Umgebung auszukundschaften und kennen zu lernen, braucht viel Zeit. Für einige Experten ist Page- Ladson damit ein klarer Beleg dafür, dass Menschen, schon lange bevor das Mastodon am Wasserloch geschlachtet wurde, in Amerika angekommen waren. Fragt sich nur: Wie viel früher waren sie da?

Weit südlich der einstigen Eisschilde sind mittlerweile mehrere Fundstellen ans Licht gekommen, die zwischen 14 000 und 16 000 Jahren alt sind: darunter Monte Verde in Chile oder die Debra L. Friedkin Site im US-Bundesstaat Texas. Sie lassen sich nicht im Einklang mit Szenario 1 erklären. Ihre Datierung legt vielmehr nahe, dass die Erstankömmlinge eigentlich nur über eine Route nach Nord-, Mittel- und Südamerika gekommen sein können. Und es dürfte nicht der eisfreie Korridor zwischen dem Laurentidischen und dem Kordilleren-Eisschild gewesen sein.

Die Erstankömmlinge kamen nicht durch den Eispanzer

Dieser Durchgang öffnete sich irgendwann in der Zeit nach 14 000 Jahre vor heute. Wenn die Uramerikaner aber bereits davor, etwa in Page-Ladson, in Amerika etabliert waren, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie den Eispanzer durchquert haben. Zudem haben DNA-Spuren aus Bohrkernen von Seesedimenten aus der Mitte des Korridors gezeigt, dass dort erst vor etwa 12 600 Jahren Pflanzen wuchsen und Tiere umherliefen – also lange nachdem sich Menschen in Amerika niedergelassen hatten. Der früheste archäologische Nachweis menschlicher Präsenz im Durchgang stammt von vor 12 400 Jahren. Die Erstankömmlinge können demnach diesen Weg nicht genommen haben.

Die wahrscheinlichste Route führte entlang der Westküste – per Boot. Vor etwa 16 000 bis 17 000 Jahren wäre das Meer passierbar gewesen. Dieses Szenario würde auch besser zu den bisherigen genetischen Daten passen. Die südlichen Ureinwohner Amerikas hatten sich zwischen zirka 17 000 und 13 000 Jahren vor heute rasch in regionale Populationen aufgeteilt, die über ganz Nord-, Süd- und Mittelamerika verteilt lebten. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Untergruppen bildeten, und der Zeitpunkt ihrer Aufspaltung ließen sich mit einer Ausbreitung zu Wasser deutlich besser erklären als über einen Landweg.

Und womöglich waren Menschen noch viel früher entlang der Küste nach Süden gepaddelt – während oder etwas vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, also schon vor zirka 20 000 bis 30 000 Jahren. Mutmaßliche Belege dafür kamen an mehreren Fundorten in Mexiko und Südamerika ans Licht, wie Pedra Furada im Nordosten Brasiliens oder der Chiquihuite-Höhle in Mittelmexiko. Viele Archäologen glauben jedoch nicht, dass diese Stätten tatsächlich so alt sind. Sie zweifeln an der Datierung der Kulturreste. Die aufgefundenen Steinwerkzeuge halten sie nicht für menschengemacht, sondern für das Ergebnis geologischer Prozesse.

Damit ist eine menschliche Präsenz in Amerika vor dem LGM weder bestätigt noch widerlegt. Es bedeutet lediglich, dass mehr Zeugnisse nötig sind, um eine noch frühere Besiedlung sicher nachzuweisen. Sollten aber tatsächlich Menschen um das LGM herum nach Süden gelangt sein, dann wären es wahrscheinlich nur einige wenige gewesen – ihre Spuren also entsprechend schwach. Sie würden allerdings eine Erklärung für das rätselhafte Gensignal der »Population Y« bei heutigen Gruppen im Amazonasgebiet liefern: Womöglich vermischten sich Menschen, die sich nach dem Schmelzen der Eisschilde in Amerika ausbreiteten, mit solchen, die bereits in Südamerika waren.

Szenario 3 – Eine sehr frühe Besiedlung: Eine kleine Forschergruppe ist der Ansicht, dass Menschen viel früher als bislang angenommen in diesen Teil der Erde gelangt waren. Ihre These stützt sich vor allem auf die 130 000

Jahre alten Überreste eines Mastodons, die an der Fundstätte Cerutti Mastodon in Kalifornien ausgegraben wurden. In einer Studie aus dem Jahr 2017 kommen Steven Holen vom San Diego Natural History Museum und seine Kollegen zu dem Schluss, dass Schäden an den Mastodontenknochen vom Schlachten des Tiers herrühren. Steine, die ebenfalls am Fundplatz lagen, deuten die Archäologen als zugerichtete Schlagsteine.

Zurzeit herrscht einigermaßen Einigkeit darüber, dass Homo sapiens vor etwa 70 000 bis 80 000 Jahren begann, in nennenswerter Zahl aus Afrika auszuwandern. Wenn die Überreste von Cerutti Mastodon tatsächlich auf prähistorische Menschen zurückgehen, dann würden sie nicht nur belegen, dass jemand viel früher als bisher angenommen auf den amerikanischen Kontinent gelangt war, sondern auch, dass diese Erstankömmlinge womöglich der Art Homo erectus angehört hatten.

Die meisten Archäologen lehnen das Szenario aus mehreren Gründen ab – unter anderem weil möglicherweise nicht Frühmenschen die Mastodontenknochen zertrümmert haben, sondern Baumaschinen. Die Fundstelle war nämlich bei einem Straßenbauprojekt entdeckt worden.

Außerdem findet sich im Erbgut der heutigen Ureinwohner kein Gensignal, das die Paläoindianer von einer anderen Menschenart in Amerika aufgenommen hätten. Falls Homo erectus wirklich bis in diesen Winkel der Erde vorgedrungen war, dann hat er weder Fossilien noch Einsprengsel im Genom der Ureinwohner hinterlassen.

Es gilt, die Lücken in der Forschung zu schließen

Momentan sind sich die meisten Archäologen und Genetiker einig, dass sich Menschen vor mindestens 14 000 bis 15 000 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent festgesetzt haben. Uneinigkeit herrscht darüber, welche Fundstellen zweifelsfrei aus der Zeit vor der Clovis-Kultur stammen und wie früh die Ersten da waren. Dass es überhaupt möglich ist, drei derart unterschiedliche Szenarien zu entwickeln, liegt auch an den großen Lücken im archäologischen Fundspektrum und den genetischen Daten. Allerdings lässt sich das zweite Szenario am ehesten aus dem derzeitigen Kenntnisstand plausibel ableiten. Aber selbst dieses Modell berücksichtigt nicht alle verfügbaren Informationen.

Je weiter die Forschung über die Besiedlung Amerikas voranschreitet, desto komplizierter wird die Sachlage wohl werden. Momentan gibt es vielleicht einige Dutzend öffentlich zugängliche und vollständige Genome von heutigen und alten indianischen Ethnien. Die Herkunftsorte der Erbgutdaten decken den Doppelkontinent aber nicht gleichmäßig ab – die meisten stammen aus Mittel- und Südamerika und den nördlichen Teilen Nordamerikas. Nur wenige Genome kommen aus den USA. Das ist wenig überraschend, sondern Folge eines berechtigten Misstrauens indigener Gruppen gegenüber Forschern. Ärzte und Anthropologen haben die »First Peoples« über Jahrhunderte betrogen und ausgebeutet; seit den Anfängen der Anthropologie raubten sie die Überreste indigener Vorfahren aus deren Ruhestätten. Viele benutzten die Knochen, um inzwischen längst widerlegte rassische Klassifizierungen aufzustellen. Daher ist es umso wichtiger, dass Genetiker mit den indigenen Gemeinschaften zusammenarbeiten, damit durch die Suche nach neuen Gendaten kein weiterer Schaden entsteht.

Die Archäogenetik Amerikas ist im ständigen Umbruch, auch weil die Forscher versuchen, die geografische Lücke in den USA zu schließen. Jedes neu sequenzierte Genom liefert einen enormen Wissensschub. Dabei blicken die Genetiker längst über das menschliche Erbgut hinaus und analysieren die DNA von Bakterien und Viren, die den Menschen besiedeln. Ebenso spüren sie Tieren nach, auf die indigene Gruppen einst Jagd machten oder die ihnen folgten. Deren Genspuren könnten Hinweise auf Wanderbewegungen geben – und zugleich die Unantastbarkeit von Überresten der Ureinwohner garantieren.

Mit Sicherheit werden künftig neue Funde gemacht, und wahrscheinlich werden in der Folge die bisherigen Szenarien modifiziert werden müssen. Vermutlich auch weil sich die Technologie der DNA-Analyse fortentwickelt. Auf diesem Weg lässt sich die letzte, beschwerliche Etappe rekonstruieren, die Homo sapiens auf seiner jahrtausendelangen Wanderung um die Welt antrat.

QUELLEN

Halligan, J. et al.: Pre-Clovis occupation 14,550 years ago at the Page-Ladson site, Florida, and the peopling of the Americas. Science Advances 2, 2016

Raff, J.: Ancient DNA and bioarcheology. In: O’Rourke, D. H. (Hg.): A companion to anthropological Genetics, 2019, S. 187–197

Sikora, M. et al.: The population history of northeastern Siberia since the Pleistocene. Nature 570, 2019

Mehr Wissen auf

Spektrum.de

Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unter spektrum.de/t/steinzeit