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Übers Feuer Laufen: … kann das wirklich jeder?


Herzstück - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 11.04.2019

Der Feuerlaufist ein uraltes Ritual. Mystisch, magisch -undganz schön unheimlich. Wie kann es sein, dass man barfuß über glühende Kohlen laufen kann, wenn esdoch schon wehtut, sich an einem heißen Stück Pizza die Zunge zu verbrennen? Unsere Autorin Angelika Holdau hat es ausprobiert - und Erstaunliches (über sich) erfahren…


Artikelbild für den Artikel "Übers Feuer Laufen: … kann das wirklich jeder?" aus der Ausgabe 3/2019 von Herzstück. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Herzstück, Ausgabe 3/2019

Gefährlich und wunderschön zugleich: Feuer ist eine elementare Kraft, die es vermag, Selbstvertrauen, Stärke und Lebensfreude in uns zu wecken


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Wir spüren die kraft des Feures in uns

Über glühende Kohlen gehen? Und dann noch mit bloßen Füßen? Im ersten Moment scheint das ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Völlig undenkbar! Jedenfalls nicht, ohne sich dabei schlimme Verbrennungen zuzuziehen. Doch der Feuerlauf hat eine jahrtausendelange Tradition und wird weltweit in vielen Kulturen als Ritual praktiziert – auch heute noch. In früheren Zeiten war es meist nur wenigen Auserwählten vorbehalten, den Glutteppich zu beschreiten.
So hielten zum Beispiel Schamanen – ob in Trance oder bei vollem Bewusstsein – feierliche Zeremonien ab, um sich über wichtige Entscheidungen klar zu werden oder Übergänge in etwas Neues zu zelebrieren. Medizinfrauen und -männer riefen den Feuergeist an, um heilende Kräfte für ihre Patienten freizusetzen. Krieger bereiteten sich mit einem Feuerlauf auf bevorstehende Kämpfe vor und stärkten damit ihren Mut. Und von tibetischen Mönchen ist überliefert, dass sie – heute wie damals – 108 Mal über die Glut gehen, um die 108 menschlichen Laster und Leiden wie Eifersucht oder Geiz zu überwinden.

Die Flamme des Lebens

Das Element Feuer zieht Menschen seit jeher in seinen Bann. Was könnte gemütlicher sein, als ums Lagerfeuer zu sitzen und uns beim warmen Schein der Flammen zu wärmen? Unsere Urururahnen sahen das Feuer als Symbol für die Flamme des Lebens an, eine ursprüngliche Kraft, die alles erschaffen und zum Leben erweckt hat. Gleichzeitig kann Feuer sehr zerstörerisch sein. Deshalb schreibt man ihm ebenso reinigende und transformierende Kräfte zu.
Die Flamme des Lebens brennt auch in uns. Auf körperlicher Ebene zeigt sie sich etwa in unserem Verdauungsfeuer. Im übertragenen Sinn repräsentiert sie unsere Willenskraft, Stärke, Vitalität und Lebensfreude. Zwischen Feuer und Lebenskraft herrscht eine magische Verbindung – wie sonst ist es zu erklären, dass die Kraft des Feuerelements es vermag, uns wieder aufzurichten und neuen Lebensmut zu schenken, wenn unsere Lebensenergie nur noch auf Sparflamme brennt.

Wir verwandeln Ängste in Kraft

Wie aber um alles in der Welt ist es möglich, über glühende Kohlen zu laufen? Schon oft wurde nach logischen Erklärungen gesucht: Einer dieser Theorien zufolge soll die Hornhaut an der Fußsohle gegen die Hitze der Glut isolieren. Außerdem erwärmt Holzkohle Dinge nur langsam, weil sie Wärme nicht so gut leitet wie etwa Metall. Doch bei hohen Temperaturen von 600 bis 900 Grad dürften diese beiden Effekte kaum eine Rolle spielen. Nach dem so genannten „Leidenfrost-Effekt“ soll der Fußschweiß verdampfen und so eine dämmende Schicht bilden, mit deren Hilfe der Fuß quasi über die Glut gleitet. Allerdings ist diese Schicht nicht stabil genug, um das Körpergewicht eines Menschen zu tragen. Letztlich bleibt der Feuerlauf ein Mysterium …

Wie Phönix aus der Asche

Die Vorstellung, mit bloßen Füßen über die Hitze zu laufen, flößt zunächst Angst ein. Die reale Angst, sich zu verletzen. Zugleich konfrontiert uns das Element Feuer aber auch mit anderen, inneren Ängsten, die in uns schlummern: Angst zu versagen, nicht gut genug zu sein … In diesem Sinn ist der Feuerlauf eine Chance, diesen Ängsten zu begegnen. Sobald wir unseren Fuß auf die Glut setzen, stellen wir uns ihnen – und verwandeln sie in Kraft und Mut. Wir schüren unser inneres Feuer. Dass uns das Feuer dabei nichts anhaben kann, stellt so einige Glaubenssätze komplett auf den Kopf. Plötzlich scheint das Unmögliche möglich zu sein. Wer oder was kann uns und unsere Träume noch bremsen, wenn wir stark genug sind, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen?Angelika Holdau

Veranstaltungs-Tipps für Feuerläufe

Feuer gefangen? Von Mai bis Oktober führt Martin Berghammer regelmäßig Feuerläufe durch. Mehr Informationen unterwww.ver-wandlung.de

EXPERTEN-INTERVIEW: Wenn das Feuer ruft

Seit er seinen ersten eigenen Feuerlauf gemacht hat, ist Martin Berghammer Feuer und Flamme dafür. Als ausgebildeter Schamane (unter anderem bei Michael Harner) und Feuerlauf-Trainer bietet er seit vielen Jahren in der Nähe von München Feuerläufe an.

Was fasziniert Sie am Feuerlauf?
Ein Feuerlauf ist ein Ritual, das uns direkt mit der Urkraft des Elements Feuer in Kontakt bringt. Mit seiner Stärke, seiner Lebendigkeit und seiner Fähigkeit zur Wandlung. Diese Kraft schenkt uns mehr Selbstvertrauen, befreit uns von Sorgen und Ballast und weckt unsere Lebensfreude.

Worauf kommt es beim Feuerlauf an?
Unsere Aufmerksamkeit ist entscheidend. Nach schamanischer Auffassung ist das Element Feuer eine Wesenheit, die – wie wir – ein Bewusstsein hat. Wir sollten uns ihr mit Respekt und Achtsamkeit nähern. Dann ist es uns auch möglich, ihren Ruf in uns zu spüren. Plötzlich wissen wir intuitiv, wann für uns der richtige Moment ist, um loszugehen und die Glut zu betreten.

Wie erklären Sie es sich, dass den Teilnehmern in der Regel nichts passiert?
Der Schlüssel liegt – neben der Achtsamkeit – auch in unserer inneren Haltung. Unsere Gedanken erschaffen unsere Realität – und setzen uns Grenzen. Sie hindern uns etwa daran, schwierige Lebensumstände zu verändern oder Chancen zu ergreifen. Vor einem Feuerlauf holt unser Bewusstsein Ängste und Zweifel hoch, die uns zu der Überzeugung bringen, barfuß über glühende Kohlen zu gehen, sei ganz und gar unmöglich. Wenn wir diese Ängste und Zweifel überwinden und stattdessen vollauf vertrauen und nur das Beste erwarten, geschieht ein Wunder.

Was ist ein guter Anlass für einen Feuerlauf?
Wir können dem Feuer zum Beispiel alles übergeben, was uns irgendwie belastet, um es zu verwandeln, seien es Zweifel, Ängste, negative Gedanken oder gesundheitliche Probleme. Auf diese Weise können wir unsere Grenzen erweitern und verborgene Potenziale zutage fördern. Eine andere häufige Motivation ist ein besonderes Anliegen oder eine Vision, der wir durch den Feuerlauf Kraft zufließen lassen möchten.

Wie wirkt sich ein Feuerlauf aufs Leben aus?
Wenn wir erleben, dass wir scheinbar Unmögliches wie einen Feuerlauf vollbringen können, ohne uns dabei die Füße zu verbrennen, werden wir uns unweigerlich fragen, was in unserem Leben sonst noch möglich ist. Feuerlaufen hat mir gezeigt, dass ich viel mehr schaffen und erreichen kann, als ich mir selbst zugetraut habe.

Er ist überzeugt, dass in jedem von uns ein Feuerläufer steckt


WOFÜR GEHE ICH DURCHS FEUER?: nichts ist unmöglich…

Einmal selbst über glühende Kohlen zu laufen, fasziniert unsere Autorin Angelika Holdau schon lange. Doch auch wenn es schon viele vor ihr geschafft haben – kann sie das auch? Und stimmt es, dass ein Feuerlauf Menschen tatsächlich verwandelt?

@@Und danach? Keine Blasen, nur schwarze Füße von der Asche


Mein Herz klopft ganz schön, und in meinem Kopf arbeitet es gewaltig, als sich unsere Gruppe auf dem Feuerlaufplatz trifft. Unser Feuerlauf-Trainer Martin Berghammer hat uns vorbereitet. Trotzdem wächst meine Aufregung, während wir jetzt sorgfältig Holzscheit für Holzscheit zu einem großen Stoß aufeinanderlegen.
Sobald es dämmert, entzünden wir den Holzstapel, der im Nu lichterloh in Flammen steht. Martin lädt den Geist des Feuers und der Elemente sowie die Kräfte des Himmels und der Erde ein und bittet sie um ihre Unterstützung.
Nur das Knistern des Feuers ist zu hören. Dann spricht jeder sein Anliegen für diesen Feuerlauf laut aus. Für mich ist es ein sehr feierlicher Moment, als ich ans Feuer trete und sage: „Feuergeist, wenn ich heute über dieses Feuer gehe, werde ich ab sofort besser zu mir stehen und mir selbst treu sein.”
Schon als uns Martin jetzt mit Kräutern abräuchert, spüre ich eine enorme Freude und Kraft in mir. Mein Kopf ist ruhig, meine Sinne sind hellwach. Der Glutteppich ist bereit, und wir stimmen ein Lied an, während wir im Takt der Trommel langsam im Kreis um ihn herumgehen.
Dann weiß ich plötzlich, dass die Reihe jetzt an mir ist. Ich sammele mich. Ich sehe mich unversehrt über die Glut laufen und spüre ein grenzenloses Vertrauen in mir. Dann gebe ich mir noch einen winzigen Ruck – und setze den ersten Fuß auf die glühenden Kohlen. Während ich langsam Schritt für Schritt weitergehe, nehme ich die Hitze deutlich wahr, empfinde sie aber als angenehm. Am Ende angelangt, habe ich keine einzige Brandblase. Yeah, ich hab’s geschafft! Und die anderen auch! Voller Enthusiasmus laufen wir alle noch mehrere Male über die frisch bereitete Glut: für die Verwirklichung unserer Träume, für unseren Mut, für unsere Familie und Freunde … Kein Zweifel: Der Geist des Feuers hat uns ergriffen.
Noch heute Morgen hätte ich das alles niemals für möglich gehalten. Das überstieg schlicht mein Vorstellungsvermögen! Jetzt weiß ich: Ich bin mehr als meine Gedanken. Ich bin größer als meine Ängste! Wenn ich über glühende Kohlen laufen kann, kann ich alles schaffen, was ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte.


FOTOS: ALAMY STOCK PHOTO, A.BERGHAMMER, GETTY IMAGES, REDAKTION (2), STOCK.ADOBE.COM/MIRAMISKA, STOCKSY UNITED/B.ZHUYKOV